Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 50.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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882 — Edmard v. Hart«««» ««d sei«e J«ve«» fre«»dschaft. # Wenn ein Mann von der geistigen Bedeutung Ed. v. Hartmann'S da« Wort ergreift, so darf er sicher darauf zählen, daß die Nation aufmerkend seinen Worten lauscht; wer fast noch als Jüngling ein philosdphifche» Werk in die Welt geschickt hat. da» durch die Fülle de» Wissen«, die Originalität der Gedanken, den Glanz der Darstellung weite Kreise erregt hat, der kann auch da. wo seine Ansichten uns unbequem sind, nicht gleichgültig bei Seite geschoben werden. Welchen Gegenstand er auch immer vor da» Forum seine« Unheil» zieht, sein Richtspruch wird selbst dem. der ihm nicht beivflichten kam«, die Sache in eigenthümlicher Weise beleuchten und e» wird sich lohnen, seinem Gedankengang zu folge». Vollend» aber wird e» nvthig sein, etwaige IrNhümer de« genialen Philosophen aufzudecken, weil falsche Anschauungen, die sonst ungefährlich sind, leicht gefährlich werden können, wenn sie unter der Flagge seine» berühmten Namen« in die Oeffeutlichkeit gelangen. Darum darf auch da» neueste Buch Hartmann s über die Judenftoge der sorgsamsten Beachtung in jüdische» und nichtjüdischen Kreisen gewiß sei». Und da» will viel sagen. Denn gerade diese Frage war in den letzten Jahren mit Geist und ohne Geist so vielfach in Deutschland behandelt worden, daß sogar diejenigen, die sich in prci für die Lösung derselben am lebhaftesten interessirten, nicht» darüber lesen wollten, und eine neue Broschüre über diese» Thema bei der allgemeinen Uebersättigung ziemlich gewiß da» Schicksal erfahren hätte, ungelesen zu den übrigen gelegt zu werden. Ander» stellt sich da» Berhältniß bei einem Werke Ed. v. tartmann'», zumal wenn seine Arbeit al» ein stattliche» uch von fast zweihundert Seiten sich vorstelll und sonach schon durch einen Umfang, den wohl bisher noch keine der Schrift^, über die Judenftage erreicht hat. auf eine besondere Gründlichkeit schließen läßt. Kaum braucht bemerkt zu werden, daß da» Buch sesielnd und glänzend geschrieben ist. daß die Kraft de» Stil» und der Dialeftit auch vielen an sich schwachen und hinfälligen Behauptungen zur starken Stütze dient. Und so wird e» denn für den Juden eine unumgängliche Pflicht den Standpunkt HaNmann'» zu prüfen, sich die Frage vorzulegen, ob wir unü auf diesen Standpunkt stellen können, und auf die Schwächen der HaNmann'schen Darstellung, fall» sich solche Herausstellen, warnend hinzuweisen. HaNmann beginnt seine Auseinandersetzung mit den WoNen: „ein Philosoph, der sich zu einer Partei schlägt. höN in demselben Augenblicke auf. e» zu fein“. Aber ist e» wirklich nur da» Borrecht de» Philosophen, und besonder» unsere» Philosophen, unpaNeiisch und objeNiv zu sein? Wer, der öffentlich zur Belehrung seiner Mitmenschen da- Wort ergreift, erhebt nicht den Anspruch, der Wahrheit zu dienen und würde sich nicht gegen den Borwurf wehren, daß er ungerecht und paNeiisch rede? Wer auf die Parteien schilt, macht stN» zu Gunsten der eigenen eine Ausnahme, die sich nach dem bekannten Spruche von selbst versteht. Stöcker oder Henrici oder Wagner werden e» aewiß läugnen, daß sie heftig und paNeiisch gegen die Juden verfahren und ebenso werden judenfreundliche Schriftsteller e» nicht zugeben, daß sie bei der Beunheilung der Judenheit nur da« Glänzende und Günstige hervorheben und absichtlich da« Schlimme und Todelnöwerthe verdecken und vertuschen. ‘ So ist also nicht» weiter al» eine geschickte Redewendung, wen» Hartmann von sich behauptet, daß er auf einer hvhern Warte stehe, al« auf der Zinne der Partei, um dadurch seinen Erklärungen ein »och größere« Gewicht zu verleihen, al« sie e« schon in sich besitzen. Warum darf ei» Philosoph nicht für die Gerechtigkeit eintrNen, wenn sie verletzt wird, warum muß er nothweumger weise, wenn zwei mit einander streiten, beiden Unrecht geben? HaNmann klagt über hie Extreme und stellt sich al« .P^. treter vermittelnder Friedtn-ansichten“ hin; aber Hartman, ist nicht immer «in Feind der Extreme; in allen religiöse, Fragen steht er auf der Äußersten Linken, und vielleicht bim, seine Animosität gegen die Religion überhaupt eine ausreichende Erklärung, wenn er un« Juden, wie e« scheint, nicht völlu gerecht wird. Hartmann macht e« „der von jüdischen Einflüsse, beherrschten Presie“ zum Borwurf, daß sie die Existenz ein» Judenfrage systematisch abgeleugnn habe. Schon hier sogleich auf der dritten Seite der umfänglichen Schrift mache» wie die Erfahrung, daß HaNmann zuweilen mit den Waffe, operirt. welche die Antisemiten geschmiedet haben. Wie oft ist der Nachweis gefühN ward.'», daß bei jüdische Einfluß in der deutschen Presse schr unwesentlich jg, daß nur sehr wenige Zeitungen in jüdischen Hände» sind, daß die Litteraten jüdischer Abstammung, welche sporadisch in de» Redaktionen der Tage»blätter anzutreffen sind, mein nur durch sehr lose Fäden mit dem Judenthum zusamme, hängen. Wenn dennoch die liberalen Zeitungen für jüdische an», gegeben werden, so kann dabei nur der Zweck leite», da« Zeugniß der liberalen Blätter zu Gunsten der Juden v„ vornherein zu diSkreditiren. Auch Hartmann leistN der Ansicht Borschub, als gäbe e» in Deutschland nur jüdische und ant,. semitische Zeitungen. Wie aber hätten e» nur die Juden anfangen sollen, d>r Existenz einer Judenfrage zuzugeben. hätte» sie, al» Ende da siebenziger Jahre zugleich mit der Reaktion auf staatliche» und kirchlichem GebiN die Judenfrage auftauchte, vielleicht» die Genossenschaft derer treten sollen, die die Emanzipation einen Fehler nannten? Sollten sie wirklich ihre eigene, Todtengräber werden? Bergeffen wir doch nicht, daß die Judenfrage erst in der allerletzte» Zeit in ein verhältnißmäßig ruhigere» Fahrwasser gekommen ist. in ihrer sozusagen Blüthezeit waren Judenfrage und Judenhetze fast identisch, odel hätten wir Juden, während sie unser HauS anz-i nden loolltc. vielleicht jene» verbrecherische Beginnen entschuldigen und » Schutz nehmen sollen? So viele Juden zur Abwehr da» Wort ergriffen habe», so viele fast haben nicht verfehlt, die Juden zu ermahne«, an ihrer Besserung zu arbeiten; den Gefallen konnten wir freilich den Antisemiten, nicht einmal Herrn von Hartman, thun, un» deshalb der Emanicpation ganz oder auch nur theilweise für unwürdig zu erklären. — Herr HaNmann legt in erster Reihe großes Geivicht auf de» Rasienumerschie». der den Juden vom Deutschen trennt. Er vindicirt de» heutigen Judenthum eine eigene Sprache (2. 6); nun hätte« wir persönlich garnichtS dagegen einzuwenden, wenn die Spracht der Bibel den deutschen Israeliten geläufig wäre; in Wahrdeil jedoch wird es in Deutschland auf tausend Juden kaum eine« geben, der Hebräisch geläufig schreibt und spricht, und selbii diese Wenige» haben e«, wie jede andere ftemde Sprache, durch Unterricht erlernt. Die Muttersprache der deutsche« Juden ist keine andere, al» die der übrigen Deutschen. Selbst der jüdische Typu» ist keineswegs so auSgeprägl. wie man gewöhnlich annimmt; da« haben viele Germanen j» ihrem Schrecken in antisemitischen Versammlungen erfahre».w sie trotz ihrer urgermanischen Abstammung wegen ihres scheinbar jüdischen Gesicht»au»drucke» in roher Weise gemißhandelt wurden Al« entscheidend für die ethnologische Seite der Jude«- frage betrachtet Ed. v. HaNmann die Gatten wähl. ist nun freilich nicht zu läugnen, daß Juden und Jüdjmie» am liebsten unter einander Ehen schließe». Hier jedoch passiN. wa« auch sonst wohl sein Unheil stört, daß er da» reliM Moment zu gering anschlägt. Er lebt so ganz in seine« System, daß er alle bi»herigen Religionen für zersetzt und aus' gelöst ansieht. Aber iveder Judenthum noch Ehristeuihu« kapituliren vor der Philosophie de« Unbewußten. E« kö««> vor, daß eine Ehristin, die einen Juden liebt, eher aus K* Geliebten, al« auf die religiöse Trauung verzichtet, ö1*