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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 49. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 49.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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— 877 — £tn uwcfrm Lhrist. seines Zeichen« Buchdrucker, hatte den jNntli. da« Won zu ergreifen, um seine Anschauung über ta, dcliandettru Gegenstand in sachlicher Weise auseinander.;uichk» Die« sollte ihm aber Übel bekommen! Li» wilde« Httzcut erhob sich, um ihm da« Reden unmöglich zu machen. ,nd liundenr von geballten Fäusten erhoben sich, um ihn zum Verlassen der Tribüne zu vermögen. Al« der Tapfere -auioch Stand hielt, erfaßten ihn einige robuste Hände, die idu mir Gewalt von der Tribüne herunterzerrte» So endete »iese Versammlung, bei welcher ein Gemeind«.. Landtag«- ,nd RcichSrath den Vorsitz führte, in eine Keilerei. Dieser „t einer dreifachen Bürgerkrone geschmückte Mann duldete t«, daß ein rechtmäßige» Mitglied der Versammlung, nachdem ti mit allen möglichen Schimpfworten, wie Judenknecht u. dgl. überbaust worden, auf solch' kannibalische Weise zum Schweigen zchrachr wurde und hatte schließlich noch dir Unverfrorenheit den Verlauf der Versammlung al» eine» ordnungsmäßigen zu bezeichnen! Wie aus Ker»«»»ß«dt (Siebenbürgen) berichtet wird, ipitlie sich vor dem dortigen Gerichte ein Raubmord- und Aim>dlegu»g«procrß ab, der für un« Juden nicht ohne Interche fein dürfte. E» wurde nämlich im Sommer dieses Jahre« i, der erwähnten Stadt rin Mediciner Ramm« Frirderanger summt Frau. Kind und Dienstboten nächtlicherweile überfalle», amordrt und beraubt. Rach Vollsührung dieser schrecklichen Ihm steckten die Raubmörder das Hau« in Flamme». Später »uiden der Advokat Martin Osten, besten Lohn, jmvie ein gewisser Kl erb erg al» die Berbreckier eruirt. r,eAnklage,chrift u»>saßte nicht weniger al« 3 3 Verbrechen. Im -irrlaufe der Verhandlung wurde festgestrllt. daß Marti» Viter der intrllectuelle Urheber de« Verbrechens war. indem er seinen Sohn und den Klreberg zur Ausführung de«> selben barbrtt. Er riech ihnen auch, die Hälse der Opfer mit einein schärft» Mestec zu durchschneiden, damit man sicher sei. daß dieselben nicht mehr zum Leben erwache» und damit man die ganze Schuld aus die Juden wälze» linnc! Der gemordete Mediciner soll nämlich früher Jude «twesc» sein, seine Gattin war eine zum Ehristenthum übergetretene Jüdin. Es wäre daher leicht gewesen, da» Gerücht uurzuiprengen und zu verbreite», die Juden hätten an der Familie Frirderanger einen religiösen Racheakt begangen. Ran sicht, der verteufelte Plan war nicht übel angelegt! 8ie leicht hätte der Welt nicht ei» Schauspiel i la T'Sza» lkßlar vorgeführt werden können, wäre es der Energie des Berichtes nicht gelungen, die wahren Verbrecher ausfindig zu mache». ftranfreid). 3T«ri» Aus welch' kleinen Anfängen die hiesige jüdische Gemeinde entstanden ist, daran hat da» jetzige Geschlecht der iob de» all beliebten OderschainmeS Marcu» Prague erinnert. Der Vater de« Dahingeschicdenen (Mendel, war aus der Umgegend von Prag 1789 oder SO nach Paris gekommen, um dort einen verschwundenen Onkel zu suchen. Die Revolution gestattete dem Siebzehnjährigen die Rückkehr nicht. Er galt al» talmudische« Licht und empfahl den wenige» aus Elsaß. Lothringen, Deutschland und Polen nach Paris gekommenen 3uden. die sich als Gemeinde constituirten, zum Rabbiner K «cligmann Michel, .den er im Elsaß als Lamden hatte schätze» gelernt. Er wurde Dajan bis 1842. Er verheiraihele üch während der Schreckensherrschaft — die Eiviltrauung saud ,» einer ehemalige» Kirche statt — mit einer Lothringen» und das jüngste Kind dieser Ehe war Herz Maren». Während b» ttaiserthum» erst kamen die Rothschild und die anderen Familien hierher, die jetzt die Gemeinde zu einer so ausgezeichneten machen. Wir nennen die Namen einiger von ihnen: Worms v. Romilly, Jacob Lazard, Halphen, Futtado, «iiigcr, Daftmbert u. s. s. Vielen war unser MarcuS der Almosenier, der ihre Spenden den Würdigsten zuzuivenden Hane. Dieser OberschamineS war mit der Gemeinde heran- «kwachicn. Daher verkehrte er mit den Vornehmsten in säst cordialer Weise. Al« der nunmehr verstorbene Baron James Rothschild an einem Rasch haschonoh Mastir sagen sollte, fühlte er sich seiner Sache nicht ganz sicher und flüsterte Herrn Prague zu: Stellen Sie sich neben mich und helfen Sie mir ein wenig. Schnell ersottste die Antwort: „Ich soll Ihnen helfen, Herr Baron? Gott hat Ihnen genug geholfen, wie ich meine." Au« der Besprechung des Antisemitismus in dem illusttirten Journal für Anthropologie '7Homme" heben wir hervor, daß die Eigenschaften und Fehler der Juden nicht „als Racecharakter", sondern al» ..Positionsfolgen" auf. gefaßt werben, gegen welche es nur ein Mittel giebt, nämlich die Position zu ändern, die Verfolgung endlich zu beendigen und die Juden in die große Gesammtheit der Bürger eine« jeden Lande« auszunehmen. „Unglücklicherweise sucht man diesen Weg nicht zu verallgemeinern. Ueberall sucht man eine absurde und oft auch grausame antisemitische Bewegung in'« Werk zu setzen." — Daß dieser Religionshaß so eingewurzelt ist. daß sich ihm auch Männer an Spitze der Regierung beugen müssen, dafür wird al« Beweis angefühtt, daß Gambetta einen seiner Sekretäre innig geliebt hat und ihn gern in die diplomatische Laufbahn hat schieben wollen. Er mußte davon abstehen, weil die fremden Höfe den Juden nicht empfangen hätten! — Ebenso hat aus Reclamatton da» „blot ck'orckrv" die (Yewohnheit. besonder« bei Erzählung von täßlichem e« besonder« hervorzuheben, daß der Thäter ein ud« sei. al« absurd und Ueberbleibsel mittelalterlichen Geiste» grbrandmarkt: „Mütter, bestimme» eure Kider, diese blödsinnige« Borurtheile aufzugeben, Lehrer, hütet euch vor Allem, wa« sie grobziehen kann!" Rußland. Au» Veter»t«rg wird der „Neuen Fr. Pr." gcschrieden: Seit längerer Zeit gelangen au» dem Süden Rußland« Nachrichten über eine religiöse Bewegung unter dcu dortigen Juden hierher, und fast hat es de» Anschein, al« ob de» Anlaß zu der Bewegung die furchtbaren Judenhetzeu gaben. Den vorliegenden Meldungen zufolge nimmt^ die Be. wegung derartige Dimensionen an, daß die ältere Sekte der Odessaer Neu.J,raelite» e» für gut befand, ihre Selbstständig, keit aufzugeben und sich der spitzsührcnden „Biblischen Brüderschaft" unterzuordnen. Die Entstehung der neuen Sekte erfolgte ein Jahr nach den Judenhetzen in Jclisawetgrad auf Initiative eine« gewissen Gordin. dessen Lehren hauptsächlich daraus abziclen, veraltete Zeremonien zu beseitigen und seine Anhänger zur produktiven Arbeit anzul,alten. Um ein gute» Beispiel zu geben, zog er selbst mir seiner Familie auf das Land, pachtete ein kleines Stück Grund u»v bearbeitete c» im Schweiße seines Angesichts. Unter seinen Anhängern sollen sich auch Leute mit UnivcrsitätSbildung befinden, Andere haben Mittelschule» absolvirt. Nach russischen Berichten fehlt nur eine energisch« leitende Persönlichkeit, um die Be» ivegung vollend« in Fluß zu bringen. Die Stellung der neuen Sekte gegenüber der Administration präzisirte Gordin in einer Denkschrift, die er im Namen der Brüderschaft dem Gouverneur von Ehecson überreichte, folgendermaßen: Die Biblisch« Brüderschaft verlangt keine besonderen Rechte und Privilegien, sondern bittet nur um die Erlaubniß: 1) event. Land anzukaufen und Ackerbau-Kolonien zu errichten; 2) ihren Glauben offen zu bekennen und sich zu gottesdienstlichen Handlungen zu versammeln; 3) bei den Polizeiverwaltuugrn besondere Zioilregistcr zur Eintragung der Geburten, Sterbefälle und Heirathen zu haben. Dieses Bestreben findet bei de» aufgeklärten Russen großen Anklang; wer aber die Verhältnisse kennt, befürchtet mit Recht, daß auch die ackerbautreibenden Juden oder auch die Handiverkcr unter ihnen, sobald sie zu Vermögen kommen, angefeindcl werden dürften. Jeder bcanntwcintrinkende Faullcnzer hält e» doch für bequemer, den Jude» au-zuraube», statt selbst zu arbeiten. An Hetzern, ivclche ein Interesse an der Umkehrung aller bestehenden Verhältnisse haben, wird eS auch niemals fehlen. (Wir kommen auf diesen neuesten BekehrungSschwindel zurück. Red.)

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