Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 49.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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— 87# — Sitzungen nicht, weil dieselben in dm Räumen der»V'nai Berith-Loge" stattfanden. unter derm Mitgliedern sich auch einige brfindm, die nicht auf dem strmg orthodoxen Standpunkt de- Herrn vr. Hohn stehen. deshalb aber doch religiöse und wohlthätig« Mmschen sind." Da» Peter-burger Blatt liest diesen „Neuorthodoxen" ordentlich die Leviten nnd hält ihnen ein Bild der ehrlichen russischm A l X orthodoxen vor. indem e» mit feiner Ironie da» unschickliche Gebühren der blindgläubigen deutschen Schulchan-Aruch-Juden scharf geißelt.) Mo« Mtederrhel». (Or.-Eorr) Auf da» Eingesandt »Bon der Ruhr" in Nr. 46 sehe ich mich zu einer Erwiderung veranlaßt. E» ist sonderbar» daß der Einsmder auf seine sich selbst vorarlrgtr Frage sich ganz einfach sagt, eine zweite Waisenanstalt sei kein Bedürft» iß. Hätte er vielleicht sich ein bischen weiter umgesehen, er hätte sicherlich ander» geurtheilt. Paderborn beobachtete bi»her dieHauptregel, nurvaterlose Waism aufzunchmen wenn auch verschiedene Ausnahmen gemacht worden sind. P. will jetzt auch andere Halbwaisen ausiiehmen und da wird sich der Andrang jedmsall» bedeutend vermehren. Ich komme dabei auf die Zahlen vom Rechenschaftsberichte de» Jahres 1883 zurück. Zwanzig rheinische Waisen bei 45,000 jüdischen Seelen gegenüber fünfunddreißig westfälischen Waisen bei 18,000 jüdischen Seelen.*) Wenn auch im letzten Jahre sieben rheinische Waisen aufgmommen worden sind, so mußten dadurch jedmsall» in diesem Jahre die meisten westfälischen Waisenkinder zurückgrwirsen werden. ES ist jedenfalls gut, daß P. eine Enveiterung seiner Räumlichkeiten beabsichtigt; aber für die Dauer wird e» auch dann nicht allen Ansprüchen genügm könnm, und dir Anstalt bi» in'S Unendliche zu erweitern, ist vom erziehlichen Standpunkt aus bedenklich. Eine solche Anstalt würde zur Kaserne herabsinken. Nach meinen praktischen Erfahrungen als Lehrer kann eine Leiterin mehr al» etwa 70 Kinder, welche Zahl wohl P. bald erreicht hat, nicht übersehen, ohne daß ihr erziehlicher Einfluß auf da» einzelne Kind ein minimaler wird. Deswegen muß ich die Errichtung einer zweite» Anstalt, die *Jhr Eorrefpondent al» etwas noch nicht Vorhandenes bezeichnet, die aber, soweit mir bekannt, wohl schon existirt, indem bereit« Kinder angenommen und in Pflege gegeben sind, als ein Glück betrachten. Die Aufbringung der Unterhaltungskosten ist bei unseren beiden Provinzen, wenn jede sich nach Verhältnis betheiligt, durchaus nicht schwer. E» erscheint mir daher durchaus als Unrecht, Jemand aufzufordern, für die neue Anstalt nicht» zu spenden. Die öffentliche Aufforderung, für einen wohlthätigm Zweck nichts beizusteuern, ist gewiß keine Heldenthat; rühmenswerth ist e» dagegen. Jemanden veranlassen, wohlthätig zu sein. Der uneigennützige Eifer aller Theilnehmer an dem schönen Werke scheint mir eine andere Belohnung zu ver- 1 dienen, al» den recht gehässig klingende»« Ruf: »Spendet! nichts für die neue Anstalt." Jedenfalls wird dieselbe Gute» wirken und darum verdimt sie unser Wohlwollen, und j solche» hat sie in vielfachem Maße schon gefunden, indem bereits ein bedeutende» Eapital gezeichnet ist. Wa» der Einsender von der alten und der nmen Fahne schreibt, ist mir endlich ganz unverständlich, ebenso wie die Berquickung mit den Seminarverhältuiflen. Die Werke barmj herziger Menschenliebe, wie der Fürsorge für die Unglücklichen j sind ein neutrales Gebiet, auf dem sich alle religiösen Richtungen vereinigen**) und unrecht ist e», in daflelbe Zwiespalt hinein zu tragen. Schließlich noch die Bemerkung, daß Schreiber diese» zu der (Gemeinde Dinslaken in keiner Beziehung steht und e» ein Jrrthum ist, wenn sich Ihr L-Eorrespondent auf eine Correspondcnz von dort beruft. 8. 8. Aus Miirtte«ßerß» 28. Nov. (Or.-Corr.) Das j i»rarl. Waisen Haus »Wilhel mspflege" in Eßlin» | *) Dieses Mißverhältnis, ertlSrt sich vielleicht daraus, daß sicherlich! die größeren rheinischen Armeinden — wie z B. ililn — sür ihre i Waisen selbst sorgen. (Sied.) Da» ist auch der Standpunkt der Redactton d. Bl. I gm veröffentlichte in tzieser Woche seine» 53. Jahresbericht pro 1. Juni 1883 di» 31. Mai 1884, der ein sehr günstige« Resultat über die finanziellm u. erziehliche» Fortschritte der Anstalt constatirt. Sr. Majestät der König. sowie Ilm Majestät die Königin hoben den Berein mit ihren huldvolle, Spmden bedacht; auch bei den k. Staat«behörden hat lue Anstalt die altbewährte Unterstützung gefunden. Die Ein. nahmen betrugen: 35,865 M., — darunter die mit de, Grundstock-Kapital verbundene »tzofrat Adolf Levi-Stiftuug' von 8325 Mk. — 8328 Mk Spende» nnd Beiträge. 8517 M Zinsen; die Ausgaben: 20,989 Mk.. so daß die Anstalt jetzt ausschließlich de» Werth« der Immobilien ein Vermöge, von 228.680 Mk. besitzt, da» um 17,369 Mk. (resp. u, 9044 Mk.) zngenominen hat. Die Anstalt, an der 2 Lehm «irkm. beherbergt gegenwärtig 40 Zöglinge; auch die israel. Zöglinge de» k. Schullehrerseminar« und der Präparande». anstatt werden in der Anstalt beköstigt. Vorstand der Aistalt ist seit dem Tode de» Herr» Hofrath vr. Lev, Hm M. H. Goldschmidt in Stuttgart. Da» Rabbinat Mühringen ist nunmehr wieder besetzt: daflelbe wurde dem durch seine „Geschichte der Jude» i, Erfurt" wohlbekannten Rabb. vr. JarazewSky früher i» Erfurt, dann in Klattau. übertragen. Derselbe wurde v»r 2 Woche» in feierlicher Weise buch Kirchenrath vr. v. W a s s e r. mann in sei» Amt eingeführt. Der Ortsgeistliche. Hm Pfarrer Maier, wohnte sowohl der Installation, als auch dem zu Ehren des neum Rabbiners gegebenen Banket bei, wobei er in einein Toaste den Frieden zivische» de» Eonfcjsio- »m al» die Grundlage de» Bürger» und Gemeindeglücks m herzliche» Worten betonte und den jüdischm AmtSbruder auf. forderte. Hand i» Hand mit ihm diese» schöne Ziel gemci». sam zu fördern. L!efterrek«d-U»gar«. R. Wie», 28. November. (Or.-Eorr.) Noch umschivebcn un» die grellen Bilder au» den vorwüchentlichen Preßprocefsen. welche de» Führerder hiesigen Antisemiten auf so rigenthümlichc Weise demaSkirtm. dem vernichtendea Urtheil. d.i sittlichen Entrüstung aller Wohlgesinnten Preisgaben, und schon haben wir von neuen Lebensäußerungen des AutisemitiSmus zu berichte», derm Schauplatz eine öffentliche Wählerversammlung >oar. Wer die Berichte hierüber genauer liest, der könnte sich leicht nach der Wolga versetzt fühlen, so ungescheut wagt sich der verwilderte und verwildernde TerroriSmu» an das Tageslicht. Zarter angelegte Naturen fühlen sich leicht versucht, an den Errungenschaften europäischer Gesittung und Bildung zu verziveifelu. Rohheit, Lüge und gewissenlose Berläumdung bk' herrschen die Jnstincte der . . . unteren BolkSmaffe». Vene» jede» ehrbare Gefühl, jede rechtliche Gcsiniiung abhanden gekommen zu sein scheint. Der sogenannte „GenosscnschaftStag* — sollte heiße, Antisemitentag — versammelte sich, um über seine SteUungnahme zu den bevorstehendcit HaudelSkammerwahlen zu derathcn. Wen» cs noch eine« Beweise» über die An- und Absichten dieser Versammlung bedurft hätte, so würde die« der eigenthümliche Ton. in welchem diese Einladung verfaßt wurde, vollkommm klar «achm. Dieselbe, welche trotz der 1»cabsichtigten Geheimhaltung dmaoch in die Oeffeutlichkcit drang, lautet im Wesentlichen wie folgt: »Antisemiten! Montag, den 24. im neuen Rath- Hause: Versammlung. . . . Kommen Sie vor 6 Uhr. da die zuerst Erscheinenden die Plätze behaupten. Bringen Sie antisemitische Gesinnungsgenossen mit. Colossale Machtentfaltung im Partei-Interesse geböte,. Diese Einladung ist nicht abzugcden." Der. Verlauf der »Versammlung" entsprach auch de» Elementen, auS welche» sie bestand. Gevatter Schuster uad Schneider führten da» große Wort. Die schönen Seele, fanden sich in dem eiueu Gedanken, daß nur die Juden a, dem Niedergang de« Gewerbes Schuld tragen und ließen aa denselben natürlich kein gesunde» Haar. E» gilt cbe>> de, Juden, ehe sie verbraaut werden, »irthschaftlich zu erwürge,-