Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 48.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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— 869 — lagt* versteht sich bei seinen Anhängern. Die Veranlassung der Proceffe ist folgend«: In einem Anfälle sprudelnden Uebereifer», zog Schönerer in enierer öffentlichen Parlament-sitzuna gegen die Eorruptio» Reichthnm». der Presse und der öffentlichen Meinung zu Felde. Unter urteutvnischen WuthauSbrüchen zerrte er sogar Namen de» verstorbenen Minister» Girkra in die Schmutzvellc seiner Verläumdun^ und ^terunglimpsung. In Folge sordene Girkra'» «oh» (Student) Schönerer. Wie e» damals allgeinein hieß, hätte Sch., nachdem die Sekundanten Giskri'S bei ihn, erschienen waren, und er nach vergeblichen Versuchen einem Duell nicht auSweichen konnte, den» jungen 1$. Die dem Namen seine» Bater» öffentlich angethane Belkidigung abgrdeicn. Mehrere Blätter, namentlich „Tageblatt" und „Voytadtzeitung". legten den Schritt Sch.'» al» eine, d,e eigene Ueberzcugung verläugnend« Friglfeit oder Muthlosigkeit au». Dies »ahm der edle Ritter derart sich zu Herzen, daß er die Herausgeber beider Blätter vor da» Forum zog- Nun ivar alle Welt der Meinung, da» beide Proceffe mit einem Freispruche ende» würden. Denn wenn die iucriminirte» Artikel auch nicht» Schmeichelhafte» für sch. enthielten, so muffte» dieselbe» schlimmstenfalls doch al» eine Nothwehr angesehen iverdcn, gegen die Schmähungen, mit ivelche» Sch. bei jeder Gelegenheit dir Presse überhäuft. Allein das Berdict bekundete eine ganz abweichende Meinung. Quod lioet Jovi non lioot bovi! Dem edlen Ritter mag e» gestattet sein, von dem sichern Berste»! seiner Immunität au« die misserablen Männer der Presse mit Koch zu dewerje». während dir Getroffenen kein Recht baden, sich ihrer Haut zu wehre»! Diese, wahrselfkinlich im Dunstkreise des allgewalttge« SehönererthumS gezeitigt« Anschauung fand in dem Lchuldspruche ihren kräftigen Ausdruck. Allein dieser Spruch al» AuSfluff der subjeetive» Ueberzeugung der Geschworenen ist u»S heilig, und fern sei e» un« an demselben mäkeln zu wolle». Ob aber Schönerer seine» Siege» froh werde» wird'? Wir möchten e» beziveiselu; ja, wlr haben Grund, diese Frage zu verneinen. Sein Siegesrausch wird sich rasch verflüchtigen und der Katzenjammer unfehlbar folgen. Herr Schönerer wird dann Muffe genug haben, gründlich ui sich zu kehren und darüber nachzudcnkrn. ob die l!hrri>bel«digungsklagcn nicht beffer unterblieben wäre». De»» der Verlauf der Verhandlungen hat merkwürdige Dinge an d>r« Tageslicht gefördert, tvclkhrn einen dichten Schatte» aus da» Privatleben de» judensreffcrische» Agitatorsenken, sic haben den Man» i» seiner wahren Gestalt der Oeffentlichkeu »ähergcrückt und würden wir nicht in einer Zeit leben, «u „zurückgrdrängt wird da» Recht, und Gerechtigkeit von fern steht, wo die Wahrheit auf der Straffe strauchelt und die Geradheit keinen Eingang findet"; in einer Zeit, wo die Menge all da« für baare Münze hinnimmt, wa« geeignet ist, dein Jude» etwa» am Zeuge zu flicken — wahrlich der Anhang Schönerer» mühte zusehends zusammenjchruulpfrn! E« wurde bei der Berhandlung constatirt. daff em, »l^einer vornehmen Straffe der inner» Stadt gelegene» Hau« Schönerer« jtvelche» ihm sein verstorbener Bater hintrr- Ukff) in ein Freuden hau» umgnvandelt wurde, mit der Absicht, der greisen Mutter und der Schwester schönerer«, die ihnen testamentarisch zugesicherten Wohnungen zu verleiden und unmöglich zu mache». Der «tchlsvenretrr der verkürzten Frauen forderte zu wiederholtenmalm auf. die zweifelhaften Insassinnen au» dem Hause aitsernen zu taffen, allein ohne Gehör zu finden, wa» zur 'folge hatte, daff Mutter und Schwester schönerer« da» Vau« verlaffen mufften. E» wurde weiter vorgebracht, daff >w» dem verstorbenen Schönerer rin eigenhändige» Berzcichniff über in Werthpapieren hinterlassrne nahezu zwei Millionen bvrgesunden wurde, da» jedoch nach vorgenommener Inventur na Abgang von nahezu »6,000 Gulden sich herau«strllte. schönerer behauptete, — ohne «• zu beweisen — dieser Betrag fr tl)m besonder» vermacht worden. Mutter und Schwester haben Schönerer auf Ersatz der 46,606 Gulden verklagt. — Der antisemitische Heiland an der Spree, dürfte wenig erbaut sei», wenn er den öffentlichen Blättern. all' die Herrlichkeiten entnimmt, deren Mittelpunkt sein Apostel an der blauen Donau ist. Wie gesagt, Ritter von Schönerer wird mehr Grund haben, seinen errungenen Sieg zu bereuen. al» sich deffrn zu erfreuen. Treffend l>ob der Bertheidiger vr. Marktbreiter (Glaubensgenosse) in seinem Plaidoyer, welche» ein Meisterstück forensiicher Beredtsamkeit war. folgende» hervor:; . . . „Und freilich — ginge e» nach dem Jdeengange der Klagepartei. da muffte ihr Urtheil auch ein schnell fertige» sein. Sind e» doch zwei Journalisten und zwei Juden auch noch dazu, für die man ei» hochnothpeinliche» Gericht verlangt — und ginge e» nach unsere» Gegner» Kopf, dann käme höchsten» zu entscheiden, ob diese Sünder zu braten oder zu sieden sind" . . . Beffer konnte die Tendenz, welche den Processen zu Grunde lag. nicht gekennzeichnet werden. E» war nicht sowohl auf die Presse al» auf die Juden abgesehen, und nur an diese», beziehungsweise den jüdischen Herausgebern de» „Tageblattes". wollte Sch sein Müthchen kühlen. Arata», 16. November. (Or.-Corr.) Bon der Interpellation de» Herrn Merunowicz im Landtage zu Lemberg haben Sie ohne Zweifel Kunde. E» galt wieder der jetzt üblichen Anklage, daff der Talmud gefährlich sei. Obgleich bei der Verhandlung gegen Mose» Ritter vom religiösen Morde keine Rede mehr war. sagt Merunowicz dennoch, daff Ritter und seine Frau gemeinschaftlich mit einem von ihnen grmirtheten Handlanger katholischen Glauben» Ende 1881 an» religiöse» Motiven da» christliche Mädchen Franziska M n i ch gemeuchelt hätten. So bleibt immer der Talmud der Prügelknabe für einr Unthat, für welche doch höchsten» einzelne Juden verantwortlich sind. Uebcr den weiteren Verlauf dieser Angelegenheit muff man nunmehr schweigen. Aber ei»er Vorlesung, welche Professor Hoffman» über gerichtliche Medici» für Juristen am 26. Oktober gehalten hat. müssen wir Erwähnung thun. In dieser Vorlesung sagte der Professor: ..Nur der Mangcl an allem mediruiischeu Wiffen bei den bctheiligten Juristen habe die Tisza-Efflarer Affaire zu einer solchen traurigen Berühmtheit gelange» lassen. Uebergehend auf einen anderen Fall, der in jüngster Zeit in unser«« Vaterlande berechtigte» Aufsehen erregt habe, erzählte de'r Vortragende, daff durch sein Gutachten da» Urtheil der ersten Jnslaiiz vom Eassationshofe anullirt worden sei. Al» Zeichen der Dankvarkcil betheiligcn sich die hiesigen Israeliten an den Gelbsammlungen, welche von den Studenten für ein Monument Kasimir» de» Groffen eingcleitet wurden. Ar«t«», 28. November. (Or.-Eorr.) Wie weit in Ruffland die Barbarei und Willkür gegen Juden selbst von mi litänschrr Seite sich versteig«. dafür gicbt ein verbürgte» Factum, welche» ein hiesige» politische» Blatt (Nowa Rcforma) unterm 12. vor. Mt«, au» Radom, im Königreich Polen, bringt, ein beredte» Zeugniff. Der betreffende Artikel lautet in wortgetreuer Ucbersetzung wie folgt: (Ein Brwei« religiöser Toleranz!) Die SchenkerSfrau Ehaje Koinrr in Radom unterhielt, obwohl sic Gattin und Mutter zweier Kinder ivar, rin Ülerhältnch mit dem Feldwebel der Artillerie, Dymitri, der sie heirathen wollte, und daher beredete, sie möge den Mann verlassen, zur griechischen Kirche übertreten, damit sie auf diese Art eine Scheidung erlange. Die Jüdin suchte die» hinzuziehen; er aber, de« Warten» müde, drohte, er werde trachten, daff man sie mit Gewalt taufen und verheirathen werde. Ehaja K. durch diese Drohungen «»geschüchtert, nachtete nicht zu Hause, sondern bei ihrem Vater. Szhje K.. der in einer entlegenen Gasse wohnte. Da wurde in der Nacht de» 24. oder 28. September de» Letzteren Hau» von Polizeimänner» unter dem Polizei- ®ier Ezerny»z, mit Hilfe einer etwa 1'/, Dutzend zählenden jeiluug Soldaten umzingelt, die Thür gesprengt und die Au»lieferung der Ehaja gefordert. Der sich weigernde und