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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 44. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 44.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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— 887 — u allen Zeiten. jetzt vor den Reich«tag«wahlen um so mehr, kjauder» hier in Rheinhcffen. im Wahlkreise de» vr. Ludw. gamderger. Die Provinz, wie die ganze Pfalz, gilt ja von kt ÄcsormationSzeit her schon al« religiö« und politisch frei» (jaiid und da« Berhältnltz zu de» Juden war und blieb durch- ^inqig ein freundliche«, bi« auf wenige Kreise, wo in jüngster Zeit saualiscde Geistliche und Politiker nach berühmten Vorbilder» ml Ainveisungen die Bevölkerung hetzten und auftviegclten. Por dieser Zeit hatte Bamberger nie einen Gegencandivaten. ,kr schon bei der vorigen Wahl wurde er al« Jnde bekämpft jttod, siegte er. Diese« Mal ist ihm der bekannte Bankdirektor »öd Agrarier Schaub, früher freisinnig und sogar B.'« Arruiid und Parteigenosse, gegenübergestellt. Selbst reicher jiankbirrktor schimpft Schaub doch »»eidlich ans Börse und He>i>,äck und wird von den reichen Agrariern, denen er Erdödung der Getreidezölle verspricht, wie von den Gegnern kr Freisinnigkeit. ivelche al« Rationalliberale unter der bnklberger Fahne im Lande umherfahren und unter der M»e de« Antisemitismus wählen und agitiren. unterst»»!. Dadei soll Schaust selbst von jüdischer Herkunft sein und , kr semitischen Abstammung wegen in der Münchner Frei- | «urer-Loge keine Aufnahme gefunden haben. Schaust jedoch ' Imqitrt öffentlich diese Abstammung und arbeitet al« Beivei« 1 fcliur im Stillen mit den Antisemiten. Bei den Gegner» spielt Bamberger'« jüdische Abstammung die Hauptrolle; in einzelnen Kreisen macht man deffen öffentlich kein Hehl und akläri ausdrücklich, dag man den Juden nicht mehr wolle. Zn gleicher Weise bewirkt man auch die Zurückiveisung der Znden bei der Aufnahme in sociale Club.Gesellschaften und bei der Wabl al« Stadträthe. Man nimmt einige Juden aus und weist andere gleichstehende und gleichl>errchligte mit der ausdrücklichen Molivirung zurück: .Wir haben jetzt Jude» genug". So wählt man 1 oder 2 jüdische Stadträthe. um auch den Juden in der städtischen Vertretung gerecht zu weiden; man will sie aber nicht in gröberer Anzahl, denn man wähl« sie nicht ihre« Talent« oder des Vertrauen« wegen, welche« sie genießen. zur Vertretung der gemeinsame» Znienise», sondern nur al« Juden für die Juden. Man iagl und zeigt es den Jude», dab man sie nur dulde, aber ihre Mitl»crrschaft nicht wolle. Der Anti>cmiti-mu« ist eben »och vorhanden. Wenn die Wogen nicht hoch gehen, so niag jnnveiliq die Stunde der Ebbe sein; man muß aber nach totU'i an» die Fluili rechnen, welche periodisch wiederkehn. L. C. Ko« Wiederrtzei», im Octob. (Or.-Eorr.) Wen» auch im Allgemeinen au« unserer Gegend von spcciell jüdischem Ämeresse sonst wenig zu berichten ist, so kann ich Ihnen doch hcute von einem Werre berichten, da« in bescheidener Weise begnmend. sich hier vollzogen hat. und welche« wohl allgemein mit Freude und Wohlwollen begrübt werden wird. Die Äiündung eine« jüdischen Waisenhauses in dem benachdanen Dinslaken ist nämlich zur Thatsache geworden und die Aufbringung de« Ärundcapital« gesichert. E« ist bereit« ein grobe« schöne« Gebäude, welche« für diesen Zweck sehr gr- «flnct ist, sowohl seiner Einrichtung al« seiner Lage nach, jum billigen Preise von 18 000 Mk erworben. Der Ott DinSlakni fft für die Errichtung eine« solchen Institut« >chr glücklich gewählt, indem die Lage desselben eine sebr ßksunde. die LebenSverhältnisse daselbst bedeutend billiger sind, «>» in einer Ärohstadt. die Betheiligten alle sich dem Werke wil uneigennütziger Opferwilligkeit widmen, so dab die Verwaltungrkosten, besonder« für Unterricht und Leitung der Aiislalt ganz unbedeutende sein werden und der Standpunkt Gemeinde, sowie der Leiter derselben in religiöser Bejiehuog die sichere Garantie bitten, dab die Erzirhung der Ü&xjt,, auf dem Boden de« traditionellen Judenthums gc<!Hm,,'t. Abgesehen davon, dab eine derartige wohlthätige Anstalt lchon um ihre« edlen Zwecke« willen mit Freuden zu beiden ist. so ergiebt sich auch da« Bedürfnig einer solchen unserer Gegend schon auden Bevölkerung«zahlen. Rach kr lctzien Zählung btträgt die jüdische Bevölkerung der Rheinprovinz.gegen A4 000, die Westfalen« 18 000 Seelen In der ganzen Rheinprovinz befindet sich kein einzige« jüd. Waisenhau». Die Paderborner Anstalt hatte nach ihrem letzten Rc.henschtftsb, richte Ende 1883 zwanzig rheinische Waisen Aufnahme gewährt, während statistisch »achzuwcisen ist. dab i» der Rhcinprovinz mindesten« über achtzig hüli«» bedürftige Waisen existier». E« bieiet sich also noch ein sehr reiche« Feld der Wirksamkeit in der Waisenpflege. Damit nun die junge Anstalt gleich von Anfang so eingerichtet loerde. dab sie den groben vn sie herantcetenden Anforderungen entsprechen k> an. wäre c« sehr wünschenswerth, dab alle Glaubensgenosse»*) mit ihrer ganze» Kraft diese« edle Untrrnehine» barn.herziger Menschenliebe unterstützte». E» ist in Aussicht genommen, dab jeder Gemeinde, die sich ihre» Vrrhältniffe» entsprechend an der Gründung und Unterhaltung der Anstalt betheiligt, das Recht eingeräumt werde, in jedem dieselbe betreffenden Falle ein Mitglied in die bttreffcnde Sitzung de« Euratorium« zn deputire». Durch Seine Excellenz den Herr» Oberpräsidenten der Rheinprovinz ist der Genicindeverwattung Dinslakens die Abhaltung einer Collecte bewilligt worden, um die loeiteren Mittel für die lnstalt zu beschaffe» und wünschen wir den Eollectanten von Herzen überall eine recht freuiibli che Aufnahine und reichlichen Ertrag auf ihrer inühcvollcn Wanderung. Für die Gemeinden, welche Ausnahme ihrer Waisen evcnt. Halbwaisen wünschen, wäre e« wohl zweckmabig, heute schon ihre die«bezüglichen Anmeldungen enizuceichen. Nähere Auskunft wird wohl jedenfalls der Vorstand der Geineinde Dinslaken, Herr Simon Jacob«. sowie der Schriftführer de« Waisenhaus Tomiläs, Herr L. Wormser, ertheile». Starguri. Na««-, 27. Ottober. (Or.Cocr.) Dab der Antisemitismus den» doch allinählich von seinem Terrain, da« er in der Epoche der blühenden Judenhctze in Pommern gewonnen, zu verlieren anfängt, zeigt die Wahlagitation in dein Pgritz-Satziger Kreise, zu welchem Stargarb gehört. Einer ober mehrere der antisemitischen Partei, die hier freilich unter dem Name» der Conservativen ein eigenes Organ: d:e .Pommcrsche Volkszeitung" (einen Ableger des „Reichsbotcn und ve« denischeii Tageblatts") besitzt, hatten ein Miltelchen crsv»»rn. u>n den von den Liberalen zum ReichstagSabgeordnetrn aufgcstellien Eandidatcn vr. Wolf in Stettin uninöglich zu mache». Es fand sih eine« Morgens an einem der Stadtthore ein Zettel mit den Worten: .Kauft bei keinem Juden! Wühlt keine» Juden! Man wollte de» Wählern hiedurch vorspiegcln: vr. Wolf ist ein Jude! Der Zettel wurde ruhig forlgcnommen. die liberale „Stargarder Zeitung" meldete die« sofort und erklärte. dab vr. Wolf kein Jude sei und dieser selbst stellte sich in de» Versammlungen der Wähler in Stargard, Pyr>tz und den andern Orten al« einen evangelischen Ehristen vor. Da« Manöver war also ein verfehltes. In der Blüthezeik der Schivelbeiner und Neustettincr Hetze» hätte solche« auch hier zu einem recht tüchtigen Judenkramall geführt; jetzt aber wendete sich jeder vernünftig denkende Wähler mit Ekel von solchem Gebühren ab. Stattgart, 18. Oktober. Heute wurde da« 50jährige Dienstjubiläum de« Kirchenrath« Rabbiner Or. Wassermann, throlog. Mitglied der israelitischen Oberkircheubeyörde für Württemberg, von seinem RabbinatSbrzirke und Sc» Israeliten de« Landes festlich begangen; wir geben hier zunächst einen kurzen LebenSabriß de« Jubilar«. Kirchenrath vr. Mose« Wassermann wurde am 15. Juli 1811 als zweiter Sohn de» Rabbiners Salomon Wasserniann in Laupheim, später in Mcrgcnl» ljttm, geboren. Er machte seine Gymuasialstudirn in Ansbach und Ulm und bezog, nachdem er im Herbst 1829 d,e Maturitätsprüfung bestände» hatte, die Universität Würzburg, uin neben philosophischen Studien dem Sludiuin der mosaischen Theologie odzulirgen. Von Würzburg begab er sich nach Tübingen zur Vollendung seiner akadeinische» *) Linsender Hai bodi wohl zunächst nur die Gemeinde» derAheinp r osv i nz im Auge, denen die Anstalt zumeist zu gute kommen soll. (Red.)

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