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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 39. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 39.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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— 800 — unb unverzeihlichen Zerklüftuna. Namentlich auf dem Gebiet« der Barmherzig»«, der Krankeapstoge, sollte «an «ne solche Trennung zu keiner Zeit für möglich halte«. Und doch ist sie Thatsache. In der Stadt Posen hat man trotz aller Bemühungen einsichtsvoller Männer es noch nicht zu einer Bereinigung der alten und neuen Beerdigungsgesellschüft gebracht. Wer die Geschichte der alten Krankenverpflegung». und Becrdigung-gcsellschast i» Posen kenn), weift, welche unvergänglichen Verdienste diese Gesellschaft sich in Werken aufopfernder Liebe erworben hat. Schreiber dieser Zeilen» selbst seit Jahre» von Posen abwesend, bewahrt im «erzen treue Erinnerung an die Namen, eine» Graupe, Israel Lask, Joachim Peiser, Bictor Löwen selb. Lask, der im Jabre 1866 in Folge der Pflege von Cholerakranken selbst von der Cholera hinweggerafft wurde, Joachim Peiser. welcher nur einen Wunsch hegte, di« Armuth, zumal die kranke Armuth. aufzusuchen und zu helfen mit allen Mitteln herzlicher Theilnahme und thatkräftiger Unterstützung, die Namen dieser Männer werden fortleben in den Herzen von Tausenden. Cs war da» die Zeit, in der begüterte und hochangesehene Juden der Gemeinde Posen es sich zur Ehre rechneten, noch selbst ihren „Mischmor", (ihre Nachtwache) bei einem Franken halten zu dürfen. Wie ander» ist es seitdem geworden! Ein grofter Theil der mit Glücksgütern gesegneten Juden hat der alten Krankenverpslrgung». und Brerdigungsgrsellschaft den Rücken gekehrt. Wenn man religiös aufgeklärt ist, kann man doch nicht gut der alte» Chawrah kadiaohah angehvren. meinten sie. Daß es in der Krankenpflege und in Sachen der Beerdigung der Glaubensgenossen kein andere» Dogma als das hingebender Barmherzigkeit geben darf, und daft eine Trennung in diesen Dingen ein Frevel ist. da« K man überall, nur nicht in Posen, rin. Freilich hat die t Orthodoxie in früherer Zeit ein Zusammengehen aller Elemente sehr erschwert. Welche Kämpft wurden ob der Zulaflung des Sarges geführt. Aber dieser Differenzpunkt ist längst au» der Welt geschafft. Einsichtsvolle Orthodoxen sehen i» der Benutzung de» Sarge« längst keinen Frevel mehr. Der kürzlich verstorben« Reb Mosche Landsberger s. A^ ein Mann der äuftersten Orthodoxie, aber einer der edelsten und angesehensten Juden Posen», ist im Sarge zu Grabe gebracht worden. Wie mir mitgetheilt ist. soll auch die oberste Polizeibehörde Posen» au» hyaienischcn Rücksichten die Benutzung des Sarge» auf da« Strengste angeordnet haben.*) Mit der Einführung des Sarge« ist einer der wichtigsten Differrnzpunktr zwischen der alten und neuen Gesellschaft gefallen. Andere Differenzpunkte dürften um der Bereinigung willen, wenn nur der gute Wille vorhanden wäre, ebenfalls deigelegt werden. Ein zweiter Difftrenzpunkt, di« Form der Tahara, ist ebenfalls durch Berfchulden der starren Orthodoxie hervorgerufe». Hier kann und muft Abhülft geschaffen werden. In vielen Glaubrnsgenoffen der Stadt Posen ist der Wunsch rege, den alten und den neuen Verein wieder zu vereinigen. Auf welcher Seit, da« gröftere Bedürfnift dafür vorhanden ist, wollen wir hier nicht näher untersuchen. Leider hat sich bi» ietzt noch kein Mann gefunden, der mit unermüdlicher Rührigkeit diese« eine, unsere« Erachten» erhabene Ziel verfolgte, der Trennung ei» End« zu machen. E» müßte «ne allgemeine Versammlung berufen werden, in welcher da» pro und ooatra erörtert und au«geglichen würde. Da wird e« sich zeigen, ob religiöser Jndifferentismu» gleichbedeutend ist mit Jndifferentismu» auf dem Gebiete der Barmherzigkeit. Die Wohlthätigkeit nicht nur gegen Arme, sondern auch gegen Kranke, geübt von Juden jeder religiösen Richtung, von Refoemern und Orthodoxen, grübt in einem Verein, eine einig« Berrdigungsgesellschaft mit dem Grundsätze der Gleichheit im Tode, mit einer würdigen einfachen Feier, da« kan» und muft erreicht werden. •) In Berlin hat bekanntlich vor wenigen Iohrrn dieser Dtfierenzpunk» sogar zu einem besonderen .orthodoxe«' Artedhos geführt. Möge bkfc unsere Mahuuug dazu beitragen, der gro und schönen Idee der Lhewrah wdischah und Bickur Lholi,! «eu« Freunde und Förderer zuzuführen. Auf diese« Gebich! darf e« keine Trennung geben. Mögen die beiden Hern,! Rabbiner, al» die berufenen Friedensstifter, von der KanplI herab ihre Stimmen für die Bereinigung der beiden Chewwchl eindringlich vernehmen lassen. Da« wäre am bevorstehend» I Jom kippur ein Wort zur rechten Zeit! Aber so manchn,! selbst orthodoxe. Rabbiner hüllt sich in kritischen Fragen, ml man auf ein erlösende» maßgebende« Wort sehnsüchtig wart«.! lieber i» ein weise» Schweigen, um e» mit keiner Parlc> z,! verderben, und steht dann vor einem kalt aooompU, da» «1 — natürlich zu spät — bedauert, aber nicht selten durch sä,! Schweigen mitvcrschuldet hat. So ging'» bei dem jüngste,! Tempelbau. der nach keiner Seite hin befriedigt. Da« ist ei,! traurige» Kapitel, worüber ich Ihnen vielleicht später bericht i 8p. Zu» de« Negteruuuaöeztrt Gaffek. (Or.-1Lorc.il Wir schreiben 1884. Und doch scheint es mir manchmal,! als ob wir erst 1824 schrieben. Denn manche Berhältmsse! in unserem Lehrerlebeu sind noch dieselben geblieben, wie siel vor 60 Jahren waren. Und damit meint der Schräder! dieser Zeiler speziell die Neubesetzung israelitischer Lchä- I stellen. Wenn dazumal in den ersten Decennien unsere«! Jahrhundert« eine Stelle vacant war. kam au» irgend rinn I polnisiben oder deutschen Winkel rin deutscher Pollack ober I ein polnischer Deutscher in di» betreffend« Gemeinde, wo diel Stelle besetzt werden sollte, um Probe »u halten. d. h. er! übernahm für einen Sabbath den Borsängerdienst in dal Synagoge und wurde dann, wenn er gefiel, al« Vorsänger! engagrrr. Sein Nebenamt war, die Kinder im Hebräisch»I zu unterrichten. (Deutschen Unterricht konnten diese „Lehrer'l selbstverständlich nicht ertheilen.) Sehr ähnlich wird dieste.! züglich auch heute noch »erfahren. Der Lehrer muft auch ul der Gegenwart noch seine „Probelektion* oblegen. nicht alt! Lehrer vor einem praktischen Schulmann, sondern als —An>I sänger in der Gvnagoge. Und hätte er die besten Zeugmsstl und wäre er in seine« Fache al« Lehrer noch so gut, al bekommt dir Stelle nicht, wenn irgend ein anderer, der *jM an Lehrtüchtigkeit weit unter ihm steht, der Gemeinde «lil Vorsänger deffer gefallen hat. Was nützen da dem Lehrer! die besten Kenntniffe, wa« hilft all' sein pädagogische« Wisse».! wenn der Schöpfer ihm keinen guten Rrsonanz-Lruslkastei I gegeben hat, oder wenn er vielleicht den Lakvotraa ad ach! so singt, wir die verrhrlichenGemeindemitglikder es gewohnt sin»?! Ist e» doch deshalb schon oft vorgrkommen, daß ein Seminawt l der noch gar kein Examen abgelegt hatte, dir Stelle erhietti während die älteren Lehrer mit guten Zeugnissen da« IkbI Nachsehen hatten. Freilich sind e» auch manchmal Gründe! ganz eigener Art» welche den oder ftnen in der Gemälde! bestimmen, seine Stimme dem jungen unverheirathetrn Man«! zu geben. £ und f) besitzen viel Töchter, haben aber weq! Geld und jeder hoff« nun. in dem jungen Mann den künftigaü Schwiegersohn zu erobern und da wählt man nicht den Leh»I sondern den Schwiegersohn üa apa.*) So bleiben also in du I meisten Fällen dir älteren Lchrer, oft mit zahlreicher Familie,! auf den kleinen, unergiebigen Stellen sitzen, während diel beffereu Stellen in die Hände der jungen Lehrer kommen, diel sie doch am wenigsten verdienen. I Soll da« immer so bleiben? Soll ein« alte hergebracht I Melodie der Prüfstein für da« Lehrfach abgeben? Oder soll«! gar Heirathcoujecturrn bei Ausschlag für da« Engagement fb*U Darum möchte der Einsender dieser Zeilen sich erlaub« J folgendes zum Vorschlag zu bringen. E» muß dahin tzewirltl werben, daß bei der Neubesetzung der israelitischen schob« stellen ganz so verfahren wird, wie bei der Neubesetzung dn I christlichen Stellen: Die Regierung nur allein muß Ml Recht haben, den Lehrer aus dem Kreise der Bewerber j»l *) Daß bieses Motto hi« und da leider auch bei Besehun« «u> Rabdinerftellen ausschlaggebend ist, hat rin ilorrespondent au» schlesir» t» dies. Bl. bemt« al» »eriversllch mooitt. (Heb.)

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