Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 38.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 290 — Wie die christlichen Dome, so werden bei fortschreitender Wohlhabenheit auch die jüdischen Synagogen immrr schöner und reicher gebaut. Stolze Paläste sind r» geworden — und wir loben da». Aber man soll nicht wähnen, daß mit den äujjtrn Prunk ganz von selbst die innere Heiligung Hand in Hand geht. Wie reich an irdischem Werth, wie groß und kunstvollendet war der Tempel, den König Salomo in Jerusalem dem Herrn gebaut hatte! Au» allen Ländern eilte man herbei, ihn zu sehen, bi« auf unsere Tage drang die Kund« von seinem märchenhaften Glanze. Und doch hat er die Kinder I«rael nicht vor den Wegen de« Irrthum« und Laster» und ein so sehr begnadete» Volk nicht vor Knechtschaft und Schmach bewahrt. Gerade im Reichthum liegt die große Gefahr für rin Bolk. E« blühen dann Wissenschaft, Kunst. Gewerbe. Man baut auch Gotteshäuser — ohne an den lebendigen Gott noch zu glauben. Sind wir in unfern Tagen auch an diesem traurigen Punkte der Entwickelung noch nicht angelangt — aus dem Wege dazu befindet sich die „aufgeklärte" Menschheit ganz gewiß. Dafür hat eine materialisttsche Wifienschaft gesorgt. Nur von kurzer Dauer war die große Zeit der religiösen Erhebung unsere« Volke» vor 14 Jahren. Fast vergessen ist der Ruf Ernst Moritz Arndt'« au» einer früheren großen Zeit: „Wer ist der Mann? Der beten kann." Wohin die durch den Materialismus gebahnten breiten Wege führen, da» lehrt un» die Geschichte eine» jeden Bolke». Völlig verschwunden sind die Träger einer hochentwickelten Kultur, die Griechen und Römer mit ihren Göttern ohne Zahl. Lehrreich auf jedem Blatt ist auch die Geschichte de» alten Bolke» der Juden. Sie haben in der Wüste um da» goldene Kalb getanzt und nach den Fleischtöpfen Egypten» sich zurück gesehnt. .Und als sie Gott trotz aller Vergehen in da» gelobte Land führte, da haben sie sehr oft sein Gebot ganz vergessen und dem Götzendienst und der Genußsucht gefröhnt. Aber trotz de» Verluste» ihrer staatlichen Selbstständigkeit und ihre» Lande» sind sie doch nicht untergegangen wie andere Völker. Und wodurch erklärt sich diese» Wunder? Dadurch ganz allein, daß die Juden in chrer Roch sich stet» wieder zu dem Gott ihrer Väter bekehrten, zu dem Einen Gott, an den wir Alle glauben und der un» dieselben Moralgesetze vorschreibt, wie leicht nachzuweisen ist. Neben dem Hochmuth und der Genußsucht (?) finden wir im jüdischen Volke auch die Reue und Büßfertigkeit hoch entwickelt. Tugenden, welche vielen andern Völkern völlig fremd waren. Hörten die Juden auch im Glück nicht auf chre Propheten, auf Männer, die neben Mosi» zu den würdigsten Erscheinungen der Weltgeschichte gehören, so haben sie später doch darauf gehört. Im Zeichen ihre» Glauben» haben sie immer wieder gesiegt und werden auch in Zukunft ihren Gegnern widerstehen können, wenn sie fromm bleiben, wie e» die Synagoge lehrt. Wo die innere Heiligung bei de«Menschen rintritt. da ist der Feind schon überwunden — wie un» Daniel in der Löwengrube und die drei Jüngling« im Feueroftn beweisen. Die Rückkehr zu Gott, die Sorge für die unsterblich« Seele und nicht die auöschließliche Sorge für da» irdische Wohlergehen, soll der Hauptinhalt de» Leben« sei». Zn diesem Zwecke allein baut man Kirchen iu«| Synagogen. Daneben aber gilt «*, sich auch im Gemeindeuit] Staatsleben zu bewähren. Denn unser Familienhau» ß! schutzlo» ohne den Frieden in Stadt und Reich, ohne fc| Sicherheit und den Wohlstand der Gemeinde und der Naiio^j der wir angehvrrn. Zerstreut in alle Welt sind die Kinder Israel». Tn> Traum von der Wiedererrichtung eine» eigenen national« I Gtaatswesen» ist zerronnen. Rur die besondere Religion $1 den unter die Völker de» Erdball« Zerstreuten geblieben -1 und im Ernst wird sie keine Macht in diesem ihrem Heiltz.1 thume bedrohen. Wie die Klugheit r» gebot und da« modn» Recht de« Staattbürgert e» gestattete, suchten die Juden pH überall fest an da» neue Vaterland anzuschließen. MS,, man ihnen nirgend« diese» ihr .gute» Recht" verkümmn», sondern sie da. wo e« nvchig ist, liebevoll über da« belehn; wa» dem Vaterland« allein frommen kann. Dm nicht ganz gleich geartet sind die Menschen und Bildj dieser Welt. Die Juden selbst aber mögen ihren Gegnern stets ul den rechten Waffen entgegen treten. Sind e« Christ»,! die gegen sie anstürmen, so soll man ihnen zurufen: Eon! Gott ist auch unser Gott; e» ist der Gott der Liei,! und de» Erbarmen». Will man aber al« Anwalt ta! Mutter Germania den Juden ihre Zugehörigkeit zur Rat«! streitig machen, so sollen sie nicht wieder schmähen, sonbenl auörufeni „Ich laffe Dich nicht, bi» auch Du, Vatcrlaiii. I mich segnest!" In der thatkräftigen und redlichen 3or§t| für'» Allgemeine muß und wird jeder Haß schwinden. Da» sind Gedanken. Empfindungen und Wünsche, fcl wir bei Gelegenheit der Synagogenfeier nicht unterdrücke! wollten. Sir sind entquollen unserer christlichen in» konservativen Gesinnung, sowie der patriotische» Besorgniß. die heutzutage Biele ängstigt. Möge da«, mt wir sagten, allseitig so und nicht ander« verstanden und gt>| deutet werden, al» e« gedacht und gefühlt ist. Wir sind nicht Neuling im Parteistreit. Auch die 8» I fahren, die da« Judenlhum für sich und andere birgt, savl e» sich ander» entwickelt, al» ihm durch die Gebote Gottck! und die idealen Anforderungen, die ein große» nationale» j Gemeinwesen an jeden Einzelnen stellt, vorgezeichn« nwM sind un» bekannt — wie sie allen einsichtigen Israeliten de! kannt sind. Die Geschichte de« jüdischen Volke» redet deuilih l genug. Sie ist eine wahre Leidensgeschichte voll Thräna! und Blut, eine furchtbare Bewahrheitung de» biblischen Wort«» I daß die Sünden der Väter noch an den Kindern grrSchi werden, bi» in'« siebente (?) Glied — wie denn auch die gr» I same Unterdrückung der Juden, da« unschuldig vergoss«! Blut, an den Kindern unserer christlichen Bäter furchtin s sich rächte. Auf dem mit Blut gedüngten Boden der Gcschichkl stehend, können wir aber auch die große Gefahr für Vaicrlack Fortschritt und Gesittung unmöglich verkennen, die dar»! liegt, daß man Fragen rein wirthschaftlicher und social»! Gegensätze, deren Lösung nüchterne Erwägungen des A"> stände« erheischeih auf da« Gebiet der Rassen-Feindsch^! spielt und zur Lösung der „Jndenfrage" an die wildns