Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 36.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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— 276 — hat da« Resultat ergeben, daß von einer breiten vasi» in den unteren Klassen die Zahl der Nichtschreibenden je höher hinaus, desto mehr abnimmt. bi« sie in den oberen Klassen fast gleich Rull ist! Da« scheint die Grundlage gewesen zu sein, der die beregte Verfügung entstammt. Rur einzelne Au»nahmen — also keine allgemeine religiöse Verpflichtung — wozu also die Unbequemlichkeit? Wenn Herrn v. Goßler von competenter Seite klar gemacht würde, welch' schmrrilichrr Gewissen-druck damit auf gar Manche au«geübt wird — er würde al« Mensch und deutscher Staatsmann die Verfügung unschädlich machen! Al» Staatsmann — in dem Augenblicke, in welchem Deutschland Eolonialbesitz erwirbt, stellt e« sich die Aufgabe. Menschen zu seinen Bürgern zu machen, deren ganze« Sein von einer von der christl. weit verschiedenen Lebensanschauung getragen wird. — Wer aber den um so viel näher stehenden Juden nicht gerecht werde» kann, wie sollte er jene« weit schwierige Experiment glücklich ausführen? Auch der Hinweis könnte nicht schaden, welch' seltsame Deutung die Loincidenz der Verfügung mit der Beschränkung der Zahl der jüdischen Schüler auf den russischen Gymnasien erfahren möchte, ferner, daß der Antisemitismu« au« ihr neuen Leben«muth gewinnen könnte, ohne daß ibm doch der Wunsch, die Juden au» der Beauitencarriere zu bannen, damit irgendwie der Erfüllung näher gebracht wird. Denn, wer Richter, Anwalt. Arzt u. s. w. werden will, hat — mit wenigen sehr respektablen Ausnahmen — sich in oa» Sabbathschreiben gefunden! Von der Verfügung beengt und belästigt .werden die religiös Gesinnten, welche auf die Beamtenlaufbahn lieber Verzicht leisten, die sich nur bilden wollen, oder die Rabbiner und Männer der Wissenschast überhaupt werden wollen. Wenn die .Wochenschrift" da« Berliner Rabbinat ausgerufen hat. so zweifle auch ich nicht, daß die dortigen Eollegen al« die Ersten und die Nächsten wirken werden — aber am ehesten berufen sind der Vorstand*) de« Verein« der deutschen Rabbinen und der — Gemeindebund! Jta» Ktseuach, 29. August. (Or.-Eorr) Die hiesige Synagoge schreitet ihrer Vollendung entgegen; jedoch ist der innere Au«bou noch nicht so weit gediehen, daß die Einiveihung noch vor bet: bevorstehenden hohen Festtagen statt« finven könnte. E« ist ein schöne« monumentale« Gebäude, da» der Gemeind« zur Ehre und der Stadt zur Zierde gereichen wird. E« dürfte nicht einem Jedem bekannt sein, selbst Hiesigen nicht, daß sich hier, eine äußerlich noch vollständig erhaltene, masssie au» Steinen erbaute Synagoge aus dem frühesten Mittelalter befindet, und zwar im Hofe de« Hause« Rr. 23 in der Earlsstraße, welche früher den Rainen .Judenstraße" führte. Diese Straße, die belebteste Äeschäst-straße Eisenach«, soll, wie die Ehronik berichtet, von Juden erbaut und bewohnt worden sein. Später wurden sie, verinuthlich weil die Straß« sich zur Hauptstraße Eisenach« entwickelt hatte, au« derselben weg- und in die LöberSgaffe gewiesen, eine Gasse, wrlche bi« vor Hr.'.jjen Jahren, wegen der Ausdünstungen der in derselben befiidltchrn Lohgerbereien, die am meisten Giiedene der Stadt toit. Auch hier soll sich noch im Anfänge fünfzehnten Jahrhundert« eine Synagoge befunden haben. In Nr. 34 Ihrer gesch. Zeitung berichten sie über den im ,Staat«anzeiger" für Württemberg enthaltenen, au« der .Konst. Zeitung" entnommenen Artikel, in welchem von den Juden verlangt wird, selbst dazu beizutragen. die in ihrer Mitte befindlichen Wucherer .an« Messer zu liefern." Schreiber diese» hat schon vor Jahren, ehe noch von einer .Judenhetze" die Rede war. iu Ihrem gesch. Blatte sowohl, wie auch in andern Blättern, in mehreren Artikeln darauf hinarwicsen. daß e« Pflicht sei, dies« Subjekte au« unfern Gesellschaften und unser« WohlthätigkeitSvereinen u. s. w. auszuweisen und •) Dieser ist leider «och nicht constituirt, di« Wahl de« .geschüftSfahrende»" Vorstandes noch nicht erfolg». — Wie Mir übrigen« erfahren habe», ist sowohl der Kultusminister, all auch der betreffende DeeerneM im Ministerium z. Z. von Berlin abwesend. (Ried.) Familienverbinduugen mit ihnen zu meiden. Gern grfcM waren sie ja in unfern Gemeinden nie. und man blickte 2 Verachtung auf sie.*) Wa« aber jener Arttkel n» ,Sta«2 anzeiger" will, geht doch weit über da« Ziel hinaus. 3«J Denunciren sind ja amtliche Staatsorgane in hi»lä>2 licher Anzahl vorhanden. Kennen diese vielleicht jene Mensch^ und ihr Treiben nicht? nicht viel früher und bester noß al« diese« bei den Glauben«genoffen derselben der Fall tft? Giebt e« nicht auch sehr arge christliche Wucherer? Sind ach auch solche schon oft vom Gerichte bestraft worden? Ware,! r» da vielleicht ihre Bekannten und Nachbarn, die sie ,aJ Messer" geliefert haben. Warum muther >na» den 3uta dergleichen zu? Warum? Man Mächte der Gosammthcit da Juden immer gern von dem. wa« ein einzelner Jud' un» brachen ha«, auch eine Mitschuld aufhalsen; da man ada! doch der Wahrheit nicht gar zu offenkundig in« Angcsich schlagen möchte, so sucht man e« durch .gutgemeinte" Aoitz. schlage ferttg zu bringen. Denuncircn ist bei Allen, denn! nicht die amiliche Pflicht e« auflegt, und wenn e« sich nutz um Aufdeckung vatcrlandsverrätherifcher Unternehmung!,! oder svnstiger schwerer Verbrechen handelt, ein sehr unlieb. same« und unbeliebte» Geschäft. Auch ist e« gar nicht oh, Gefahr, wie folgende« Beispiel zeigt, da» dem .Zraat-anzeiga' für Württemberg nicht unbekannt sein kann: Bor rinigen Jahren waren in einer größer» 3tok Süddeutjchlands eine Anzahl junger Leute, unter dencn sch viele nicht dem deutschen Reiche ungehörige befanden, in cma Restauration Abend» in einem für diese Gesellschaft reserviit» immer versammelt. Unter ihnen befand sich ein riuggnl Sraelite. Dir jungen Leute wäre» angeheitert und verkehr» sehr lebhaft und laut miteinander. Da soll, wie der uwesrnd gewesene Jüraelite behauptet. Einer der jungen Laar! sich sehr unchrerdietig über unfern hochverehrten Kaiser ge-I äußert haben. Da Alle schwiegen, so erhob sich der Israel«! und rügte diese Aeußerung. Die Folge davon war, dq! man ihn zum Zimmer hinau» expedirte. Er machte von dc»! Vorfälle Anzeige. Die al« Zeugen herangezogenen jungt»! Leute beeidigten, diese Aeußerung nicht gehört zu haben, wa«! immerhin möglich ist. Nunmehr wurde der brtrchack! Jsraelite in Gewahrsam gebracht und wegen nicht begründ«! Denunciation zu sechs Monaten Gefäugniß verurtheili. de! rr auch abbüßen mußte. Es hatte diese Berurtheilung n» I dem zufälligen Umstande, daß der Denunciant ei» Judo war! durchaus nicht» zu schliffen; denn sie entspricht dem Aon-! laute de« Gesetze». Man kann aber doch schon au« bicfm I einen Beispiele ersehen, wie gefährlich da« Denunciantrnth»»! für alle diejenigen ist. drren amtlicher Beruf e« nicht hciichtl Aber, wie ist e« mit dem Schatte», der durch BttI Wucherer leider aus dir Gesammtjudenhei» fällt? SoUcn «r l nicht« thun, um diesen von un« adzuwehren? Außer tw.1 wa» ich bereit« ist früher» Anikeln bezeichnet und auch t>«» wieder berührt Hab«, könne» wir nicht» thun. Sache unseml christlichen Mitbürger ist e«. sich endlich von der lieblos« I Voreingenommenheit und den ungerechten eiugnvöhnten Aor-I urtheilen loszusagen, durch welche sie wegen einzelner schlecht»! Subjekte so leicht ertig und so gern ein verdammende« Utthck» gegen dir Gesammtheit der Israeliten au«sprrchen. MSgnI sie doch bedenken, wie ungcrecht und lieblo« r« von iril wäre, wenn wir dir Unzahl von Verbrechen. Vergehen »ck> Gesetzübertrrtungen, welche tagtäglich au» nichtjüdischen Kreis» » berichtet (und oft auch nicht berichtet) werden, der Grsammt-cil I unserer christlichen Mitbürger zur Last legen, und sie so«! unserer Beurtheilung, wie man zu sagen pflegt, alle ütol einen Kamm scheren wollten. .Wa« Du nicht willst, dH» man e» Dir thu', da« füg' auch keinem Andern zu!" $*■ Christen thun sich auf diesen talmudischen Ausspruch. er auch im neuen Testamente seine Stelle gefunden hat. »«> zu Gute. Mögen sie ihn auch an uo« bethätigen. » *) Uedrr da» Verfahren gegen Wucherer lese «an auch tu Hentign^-W unter .Elisabetgrad". Michtr« die deutschen Eemeinde» nichi den russische» tu dieser Beziehung zunükb leibe». (Md) I