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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 33. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 33.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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— 250 — der, daß die Erklärung der orthodoxen Rabbiner au» der Recension de» ihnen von der Eommissiou zugeschickten ersten Entwurf» hervorgegangen ist. (Brgl. die Lorresp. »Au« der Rheinprovinz" in vor. Rr. dies. Bl. Red.) Aber auch dieser ringeschobene Relativsatz hindert keinen unbefangenen, bibelkundigen Leser zu erkennen, daß der Hauptsatz der Erklärung seinem Inhalte nach auf S. Mos. 19,3»—34 basirt. Hier heißt r»: »Wenn bei Dir wohnet ein Fremder in eurem Lande, so sollt ihr ihn nicht bedrücken; wie der Eingeborne unter euch sei auch der Fremde, der bei euch weilet; liebe ihn. wie Dich selbst, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizraim. Ich bin der Ewiae. euer Gott!" Auch auf diese Stelle hat Herr Dr. Maybaum Herrn Prof. Strack verwiesen und treffend bemerkt: »Wa« für ein »„Fremder"" hier gemeint ist, erhellt aus der Begründung: ,,d«nn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizraim."" Aber auch hierüber hat Herr Prof. Strack in seiner Antwort aus jene Replik geschwiegen. Wäre e« nicht vielmehr auch seine Pflicht al» Chris« gewesen, öffentlich anzue,kennen — da er einmal über die Sache da« Wort ergriffen hatte — daß die Erklärung der Rabbiner eine schriftgemäße, d. h. der mosaischen Lehre vollständig entsprechende ist? In der »Begründung", welche die Rabbiner-Brrsammlung ihrer feierlichen Erklärung beifügte, (S. 22 de» »vorl. Ber.") wird auch auf eine Diskussion zwischen den Mischnahlehrern Akiba und Ben-A zai — natürlich mit genauer An« 6ab« veS »Fundorte«" — hin gewiesen. In jener Diskussion «zeichnet Akiba 3. Mos. 19,18 al» einen Hauptsatz der Thora, Ben Azai aber will in 1. Mos. 5,1, wo r« heißt: »Die« ist da« Buch der Entwickelu ng de« Menschen am Tage da Gott schuf den Menschen — im Eben bilde Gotte« schuf er ihn," noch eine viel bedeutsamere Beurkundung der Menschenwürde und de« allgemeinen Gebot« der Menschenliebe erblicken. Hr. Prof. Strack benimmt sich dagegen in der ,^kreu,zritung" so, al« ob den Mitgliedern der Rabbiner-Versammlung jene Stelle entgangen wäre. Auf einen etwaigen Einwand, sühn er daselbst au», den ihm Jemand durch Hinweis auf Akiba, der doch ausdrücklich 3. Mos. 19,18 al«, einen Hauptsatz der Thora bezeichnet, machen könnte, wolle er im Voraus erwidern, daß Akiba erstlich nach Jesu» gelebt hat, zweiten« da« Wort »Nächster" nur auf den Volksgenossen bezogen haben wollte. Um da« glaubhaft zu machen, citirt er jene in der „Begründung" der Rabbiner-Versammlung angegebene Stelle au« dem Sifra. Wenigsten« kann man diese« nur für die Absicht der ganz eigenen Art der Citation ansehen. Herr Prof. Strack citirt nämlich auch die letzten Worte der gar nicht in den Zusammenhang gehörenden anonynien Erklärung zum ersten talbver« von 3. Mos. 19. 18, läßt darauf den Ausspruch kiba'S, der den zweiten Halbver« von 3. Mos. 19, 18 — »Und Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst" — al« Hauptsatz der Thora bezeichnet, folgen, al« ob er mit dem Voraufgegangenrn einen innerlich zusammenhängenden Text bildete. Wa« nun die Schlußworte jener Erklärung zum ersten Halbverse von 3. Mos. 19.18 bnrifft, so wird durch dieselben allerdings da« Verbot, Rache zu üben und Zorn nachzutragen, in wörtlicher Betonung de« Grundtexte« »gegen die Söhne Deine« Volke«" auf den Volksgenossen beschränkt. Aber zunächst wäre e« doch Pflicht de« Herrn Prof. Strack gegen den Autor jener Erklärung gewesen, nicht nur seine letzten Worte, die ihn in der That n i ch t auf der sittlichen Höhe de« Judenthum« erscheinen laflen, sondern seine Erklärung zum ersten Halbverse von 3. Mos. 19.18 in ihrem Zusammenhang mitzutheilen. E« hätten alsdann die Leser der »Rreuzzeitung" au« derselben ersehen, von welcher Art Rache und Zorn jener Autor redet und wie ungemein feinfühlig und zugleich harmlos er in dieser Beziehung ist. An einem Beispiele au« dem, wir möchten sagen, kleindörflerischen Leben illustrirt jener Autor, wie da« Verbot »Rache zu üben und Zorn nachzutragrn" (erster Halb», von 3. Mos. 19,18) zu verstehen sei. Er fragt: »Bi« wie weit ist Rache verboten?" — (Antwort). »E« spricht einer zu ihm (»o. fcinral Nachbar): leihe mir Deine Sichel; jener thut e» nicht. D^I andern Tag» kommt er aber (der letzter«) selbst und sprich! zu ihm (dem ersfern): leih« mir Deine Axt. und dieser er. widert, ich leihe Dir nicht, weil Du mir nicht geliehen — s, ist da« Rache; darum heißt e«: »»Du sollst Dich „ich rächen!"" Ferner: »Bi« wie weit heißt e» Zorn nach tragen?" — (Antwort). «Wenn der eine grsprochen: lech mir Deine Axt. der andere that e« nicht. Am folgende, Tage kommt dieser und spricht: leihe mir Deine S'chel, und jener erwidett: hier ist sie! Ich bin nicht wie Du. der t, | mir gestern Deine Axt verweigertes». — so heißt da« (ob schon er ihm die Bitte gewährt) »»Zorn nachtragen"" uni darum heißt e«: »„Du sollst nicht Zorn nachtragen"". — Der. selbe Autor, der da« biblische Verbot in so feinfühliger Weise auffaßt und auf jede Regung und jede Art von Ressentiment ausdehnt, hat ober dennoch in streng juristischer Weise a, Wortlaut de» Grundlrxte« („gram die Sühne Deine« Bvlk>»"i festgehalten und da« fragliche Verbot auf den Vvlk«gr»ossk, beschränkt. Wir wollen da« garnicht rechtfertigen, obscho» z, bedenken iväre, ob nicht dir Gehässigkeit uno Feindseligkni der nichtjüdischen Nachbarschaft, diese engherzige Auffassun, de« Bibelwonr« bestimmt haben möge. Dem Geiste da Bibel entspricht diese Auffaffung nicht; denn wenn e« i» Grundtrxte heißt »gegen die Söhne Deine« Volke«", so ist da« sehr natürlich gesprochen. Man kommt ja wohl zunächst nur in die Lage, denjenigen Zorn nachzutragc», mit denn man lebt, und da« waren für jene alte Zeit nur die Sölinr de« Volke«. Aber wie dem auch sei, Herr Prof. Strack, da diletzten Worte der fraglichen Erklärung citirt (»gege, Akum sHeidenj kannst Du Rache üben") und Zorn behalten") hätte nicht nur den ganzen Zusammenhang mitthrilen solle», wo die Sache sich doch in einem mildern Lichte zeigt — a hätte auch brachten sollen, daß im Talmud, wo diese Au», legung wöttlich wiedergegeben sich findet (z. B. Joma 23».) gerade die von ihm citirten letzten Worte nicht mit reproducirt worden,—) ferner, daß, so oft auch im Talmud und Midrasch (z. B. j. Red. Absch. 9. Hal. 4; Ber. rabb, 24) jene an den zweite» Halbver« von 3 Mos. 19,18 grknüpsie Diskussion von R. Akiba und Ben-Azai, wo R. Akiba tut Gebot der Nächstenliebe al« Hauptsatz der Thora bezeichnet, wiedcrgegrben werden, e« niemals im Zusammenhang ma der fraglichen Auslegung zum ersten Hallwer« geschicht. Bn wollen aber mit Herrn Prof. Strack nicht über den willkürlich gewählten, sachlich unbegründeten Zusammenhang feinet Eitation rechten. In der Voff. Zlg. (26. Juli) erklärt rr ja — obschon der Grund de« ganzen Citat« dann unerfindlich ist — ausdrücklich, daß er R. Akiba nicht für de, Autor der fraglichen Auslegung halte. Gleichwohl fährt er sott: „Ich muß. bi« mir der Beweis de« Gegenlheil« erbracht wird, dabei blciben, daß Akiba daSGebot, den Rea (wörtlich ,Genosie"gewöhnlich „Nächster" übersetzt) zu lieben, nur auf die Volksgenosse, bezogen bat." WaS für einen Beweis verlangt aber Hm Prof. Starck. nachdem rr von Hrn. Dr. Maybaum aui 3. Mos. 19,33—34 verwiesen wurde, denn eigentlich noch? Rann er denn auch nur in tdoai annehmen, daß rin Mischnahlehrer, ein Akiba, die Stelle 3 Mos. 19,33—34 nicht gekannt, oder daß er trotz ihrer Rrnntniß entschieden hätte, da« Gebot der Nächstenliebe beziehe sich nur auf den Volksgenossen? Hrn. Prof. Starck» Verlangen nach einem Beweise ist, wie wenn Jemand sagte: Beweise mir, daß die Sonne leuchtet, beweise, daß ein Rrei« rund ist. Gegen einen solchen, fast pyrrhonischen Skeptizismus, wie ihn Hr. Prof. Strack hi« an den Tag legt, ift schwerlich durch Vernunft und Sachgründe aufzutommen. Eö wird sich wohl auch kaum Jemand ") Herr Pros. Strack übersetz«: »rachgierig sein!" Im Xfjrt deth rt aber DSU wa» ja nicht» andere« al» da« Partie, de« biblischen Dp' * —) Um die Bedeutung diese« Moment« noch »u erhöhen, trinnrt» ttrft daran, daß im Talmud in Folge der sog. tOV1? mJUTI bei» Litiren auch nicht für den Zusammenhang nothwenbtg« Stellen Wiedergabe finden.

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