Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 30.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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— 229 — Km vor nicht langer Zeit der Wochenschrift an« Ungarn Mftgesandten Artikel, wonach der Berliner Gao» kat'axoohen ■u$t einmal in einer ungarischen Lehranstalt rabbinische Mj-ciplinen vortragen dürfte. Ja. ein anderer Führer der Mrtlwdoxie — am Main — konnte von einem alten rhein- Mndifchen Rabbiner keine Hattoras haarooh erlangen. Wa« IpürtKn jene ehrlichen Altrabbinen erst von der moderne» Mnbodoxie gesagt haben, Angesicht« deren Sucht nach öffent- Mchen Vergnügungen, nach Theater- und Concertbesuch. nach Dmodi'cher Kleidung, nach Geldsammlungen bei den „Posch'im" ■allrr Lander, ohne irgendwelche Rechnungslegung, u. in. dergl.? Mnd liättcn die Alten von ihrem Standpunkte etwa Unrecht? Ijfl hier etwa „Keaef metaher?“ Ist „Kol be-isohoh ic. jt." IrmM mei'igrr ..ungesetzlich" al« die Orgel? — Jüngst wurde lern Hochorthodoxer hier von einem reichen „Poschea", gelegentlich Deiner (loderte de« erfteren, gefragt, warum er so gegen die ■Crgcl wüihe. da doch der Tempel in Jeruscholajim groß- Dartige Musik und Levitenchöre gehabt hätte. „Nachdem aber Idie Musik beim Cult»« Chuckas ha-goi geworden", erwiderte I der Neuonbodoxe. dürfen wir sie in unserm dlikdosab meat luicht haben". ..Nu», von jetzt ab. meinte der Fragende, sag' Ijch nie mchr Thillim. nie mehr Jsaroreobsobo, denn — die Imodernen Heiden, die Antisemite», beten auch, und sogar Ischeinlieiligerweise. die Psalmen, und ihre Priester sprechen bei I lrauungen und anderen Feierlichkeiten unseren aharonidischen I — horribile diotu semitische»! — Priestersegen". Für- Iivahr, diese Antwort zeigt einen Kern conseguenten Denken«. I (Schlus, folg». I X. $9«rf«tte»l>rg, iq. Juli. (Cr.-liorv.) I» diesen Igrsch Blättern wurde jüngst (au« Berlin! von der letzte» Chre, Idie man einem hiesige» Glaubensgenosse» enviesen. berichtet, le« freut mich, heute Ihnen von einer Ovation erzählen zu lonnen. welche der beste Theil der hiesigen Bürgerschaft jüngst einem lebenden (Glaubensgenossen dargebracht hat. Am N. diese« feierte Herr Stadtrath Dr. Edel hier sein 25jährige« Doetor-Jnbilanm. Schon früh des Morgen« wurde dem Jubilar durch ein solennes Ständchen der erste WruR dargebracht. Da» Personal seiner Anstalt, (Heilanstalt für Geiste«- und Nervenkranke» hatte außer prachtvoden Bluinenspenbe» eine kunstreich gearbeitete silberne Schale gestiftet. Deputationen von Vereine». Freunde und Augehörige de« Jubilar«. Brief- und Depeschenbote» folgte» nun einander in buntem Gemisch. Au» der Menge der Erschie- »enen sei nur Iwrvvrgehoben: Herr Bürgermeister Fritsche. der eine» geistvolle» Toast ans Frau Dr. Cdel ausbrachte. Herr Stadtiyndicu» Witchvw, Herr Oberprediger Kollatz. der mit geistreicher, zum Theil lateinischer Rede da« Ehrengeschenk der Bürgerschaft, einen Tafelaufsatz au« gediegenem Silber, überreichte, der Vorstand der jüdischen Gemeinde und deren Beamter, eine Deputation de« Preisenklub», deren Sprecher Herr Stadtrath Johl war, Herr Major Mennicke sur den Schützenverein. Bei der Cntgegennahme von Wünschen und (beschenken vergaß der Jubilar jedoch da» Gebe» nicht und so erhielt der Rendant unserer Gemeinde, Herr Manasse für die Unterstiitzungskasse der jüdischen Gemeinde ein namhafte« Geschenk, ein »och gröbere« der Vorsitzende, Herr Stadtverordneter 2>aak. für den »verein gegen Verarmung, dessen Kassenwart letzterer ist. Dieser Verein erfreut sich überhaupt der besondere« Gunst de« Jubilar«, indem er ihm nicht nur al« Schiedsrichter möglichst viele Sühngelder zuzuwenden bestrebt ist. sondern auch außer einem bedeutenden Jahresbeiträge fünf Familien, welche ihm der Verein zumeist, jahrau« jahrein mit reihlichem MiNagbrode versieht. Dem an diesem Tage von Bielen ausgesprochenen Wunsch, daß e« dem Jubilar vergönnt sei, auch da» 50 jährige Jubiläum in ungetrübtem Glücke zu feiern, schließen wir un« von Herzm an. Zu« der 15. Juli. (Or.-Corr.) Bei de« Ankämpfen gegen feindliche Bestrebungen, die von außen Ammen. kommen wir Juden in Gefahr, innere Mängel und Schäden weniger zu beachten, sie nicht genügend auf chre Bedeutung und Wirkung zu prüfen. Da ist z. B. eine ganz kleine Notiz der „Codi. Ztg." au« Werden, welche, so unscheinbar sie ist, eine» tiefgehenden Schaden aufdeckt, ich möchte fast sagen einen Reblau-heerd. der den Weinberg Israels zu vernichten droht. Die Notiz lautet: „Werden, 8. Juli. Durch den am 4. b». erfolgten Tod de« 82 jährigen Vorstelier« der hiesigen israelitischen Gemeinde sind augenblicklich alle drei Religionsgemeinschaften ohne geistliche Spitzen. Der Pfarrer der katholischen Gemeinde ist bereit« über ein Jahr tobt, die evangelische Pfarrstelle durch Versetzung de« früheren Inhaber« vacant, die Borsteherstede bei der israelitischen Gemeinde jetzt ebensads surch den Tod erledigt." Nun meine man nicht, das sei ein vereinzelter Mißgriff eine« nicht scharf Denkenden 1 Nein — in viele» kleinen (Gemeinden wird der Vorsteher der Judengemeinde der „Judenpastös' genannt. Man hört da« und lacht »vohl darüber. Aber e« ist ein das Herz mit Schmerz erfüdende» Lachen — denn der Vergleich der Spitzen ftcUt die Werthschätzuug de« Ganzen dar. An der Spitze der christlichen Gemeinden sicht der schlichte Mann die studirten, hochwürdigen, geistlichen Herr»; a» der Spitze der jüdischen Gemeinde dagegen einen ungelehrten Handelsmann, dem hie und da selbst die persönliche Achtbarkeit abgeht! Und da ivundert man sich darüber, daß im Bewußtsein de« Volkes da» Judenthum immer niedriger gestellt wird — daß „Judenthum" und „Handelsgeschäft" ihm gleichbedeutend sind? Wenn man beim »Judenpastor" Koffer und Schränke kauft, wenn man ihm Kühe, alte« Eisen ». dal. verkauft, »voher foU man die Auffassung bekomme», daß „Judenthum" eine Religio» ist. wie »Christenthum"? Da« eine Einwirkung nach Außen. Nich Jnne n ist sie »vo möglich »och schlimmer. Man erzählt von einem Winkelconsulenten. dem gestattet »vorden »var, vor Gericht eine Partei z» vertrete», daß er im Rausche de» Hochgefühle» den Anwalt der Gegenpartei mit „mein Herr College" titulirt habe. Warum soll der an de» Titel »Judenpastor" Otzewöhnte sich nicht schließlich al« .Geistlicher, al« Rabbiner fühlen? Da meint dann am Ende jeder Amhaaraz, wenn er auch seit feiner Kindlseit da» mühsain erlernte hebräisch Lesen gründlich vergessen hat. er sei. sobald er Repräsentant, oder gar Vorstelser geivorden ist. so ein Bißei zum Religio»«- stifien. znm Gesetzgebe» berufen! Hierfür könnten wir nach Privatinittheilungen gar Seltsame« erzählen. Doch wir wollen e« erst reifen lassen, bevor wir veröffentliche». W-g. Hattingen «. I. K., 15. Juli. (Or. Corr.) Herr Max Liebermann vo» So»»e»l»erg au» Berlin hat seine Rundreise durch unser Wesffalenland wieder begonnen und wird aus derselbe» folgende Städte mit seinem Vortrage „die Jude»frage" beglücken: Boch»m, Essen, Steele, Hattingen, Unna. Dortmund »c. te In Bochum hat er bereit» einen 2'/, stündige» Vortrag gehalten, und lautete da« Thema seine« Vortrag»: „Die (beschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland," in dem der antifeinitische Redner wesentlich nicht» Neue« vorbrachte. Herr Liebermann vo» S. suchte den Beweis zu führen, daß die Bewegung gegen die Juden nie eine Hetze, sondern stet« eine durchaus gerechtfertigte Nothivehr geivesen sei, tischte de» alten Kohl von der Machtstellung und dem Besitze der Juden wied-r auf und ließ seinen Vortrag i» der schändlichsten, pietätlosesten Behandlung der Persönlichkeiten de« alten Testament« gipfeln. Man sieht mit jedem Tage mehr ei», mit ivelchen Waffen die Antisemiten kämpfen. Nicht» ist ihnen heilig, vor keinem Mittel schrecken sie zurück, selbst die Persönlichkeiten de« alten Testament», vor welchen der Christ doch auch Ehrfurcht empfindet, müssen al« Folie für da» unsaubere Treiben der AnÜsemitenredner herhalten. Noch ist aber der gesunde Menschenverstand de» grüßten Theile« der Bevölkerung unserer Provinz nicht verloren gegangen noch ist daserhebende Gefühl für „Wahrheit. Recht und Frieden" in der wahrhaft guten Männerbrust nicht abgestorben, und so haben e« sich die angesehensten unt»