Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 27.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 208 — hfan hat ja doch Beamte und warum sollt« man sie nicht Mo» Z«>t zu Zeit ihre Abhängigkeit von der Gemeinde resp. Mrr» Vorstand fühlen lassen'? In jener Gebend ist man Mer die Auffassung der Stellung von jüdi>chen Knimtr» als der von .Gemeindeknechte»" »och nicht weit Mnaus gekommen. Der dritte Kultusbeaintr, Hilfsschoche», Mweiler Kantor, Hilfslehrer in der Religionsschule, hat seine Miiilassung genommen, rS ist dir Wahl eines Nachfolgers Ivorstinehmrn. darob die Wogen des Grmeindelebens hoch Igebe». Man hat das Slrllchen mit große» Leiter» ausgr- Mchucl>en. es sind rin halb Dutzend Bewerbungen ringegange». ITcr Borstand l)ält mit de» Repräsentanten Sitzung auf ILitzung ab, c» wird viel hi» und her gesprochen, die rin- Igclaiisriitn Zeugnisse aber werden nur flüchtig geprüft, eine» iSachverständigr», ctiva den Rabbiner zuzuziehen, fällt Keinem Irin, der Vorstand ist ja .alliveisc". Er darf sich nicht dir iBlöße gebe», auch nur den Rabbiner zu befrage». — Dieser I»', in jenem, mit jugezogrne» Pole» reich gesegnetem Land» liiädiche» (freilich ist hier nur von kleinstädtischem Gemeinde- Ilebiii dir Rede, in de» größeren Städten sind auch i» dortiger Ihlegcnd die Berl)ältnisse biffcr) tu des Wortes buchstäblicher iPedeulung nur .Küchen-Rabbiner". — Bokationen ergehen, Ima» l>eruft eine ziemlich protze Zahl von Bewerbern rin; sie Ilounne» ja ans eigene Kölle», und der Sängerkrieg beginnt. iManchcr gefüllt. Einer am beste». Personen, Familirnvrr- Ihältinsje treten als befondrre Empfehlung hinzu. Man erivariel. daß er gewählt wird. Weit gekehlt! Da l>at der mir Kantor und Lchvchct einige Gegner i» der Gemeinde' ma» wünscht sich gegen ihn z» verstärken und tvählt — de» Kaiididair». der die beste Grivähr bieiel, btift er sich zu Ruddkleien. diesem sützesirn Bergnügen der kleinen Stadt, wird gcl'l»till)r» lassen. Wo bleibt da—fragt manch Einer verwundert — die Intelligenz, dir Umsicht de» t^emrinde-Borslande». Ja, lieber Leser, e» ist »> solcher Kchilla durchaus nicht Regel, das, gerade Intelligenz in Gemeindevertretung und ain Borsiaiidsiischr präsidirt. Etwas Streberthum. ei» paar einflußreiche Onkel und Beiter», und er ist plötzlich über Nacht der erste Mann in der Kchilla geworden; was etwa »och uiigciiigig sich zeigt, wird aus der Benvaltung hinaus gedrängt. i» der Wrlraligcschirdcnheit und dem Mangel fast jeder öffentlichen Meinung ist el»rn alles möglich. Die Beffrrgrsiiintc» fügen sich in das Unabänderliche. Der neu gewählte Borsland hat bereits die Sanclio» der hohen Staatsbehörde gefunden, da — »r»c Aufregung Irgend eine Bagatelle von Privat-Beleidigung, in die zufällig ei» Beamter der Gemciiidr mit einn» Gemrindrniitgliede vrnvickrlt ist, wird vo» dem neuen Borttande, der Thatrn, Scene», verlangt, auf's Unglaublichste aufgelmuscht; alles ziet>t er. eine Art türkischer Pafch.,'-, vor sei» Bocsta»ds>Forum. Wiederum folgt Sitzung auf Sitzung, es tvrrden Berhörc angeslclli, kurz e« girbt einen öftriiilichr» Skandal. Was thut's'? Scandal ist Hauptvrrgnugrn, darum wird fvrtskandalisirt. Und was ist des Pudels Rn,,'? Man l)ot endlich unter willkoinmcncn Scheingründen den bereits gegebenen, erneuten Bertrag zurückzichen und den Beamten rechtlos stellen können. Der neue Borstand hat nämlich bei seiner Wrihl die Parole auSgrgeben: .wir "wsjen sparen." Er hat rührig sich gleich in de» ersten Wochen seiner Amtssührung grrirt und zum Mindestcu ein Dutzend srgenSrcicher Neugestaltungen für Gemrindeleben l)at man sich von ihm verspreche» dürfen! Bislang haben die Wohlthätigkrits-Bereine mit ihre» gesonderten Kassen, wir auch andcrwärtS ihre Einrichtung ist, recht gut prosperirt. Da taucht plötzlich unter dem neuen Regime das Projekt auf. die «affen in eine zusammcnzuwerfr»; doch damit will cS ">cht gelingen. Ei» Neubau für rituelle Zwecke wird i» der ÖCBirmbf erforderlich. derselbe wird in Angriff genommen, bie «osten der Bausührung übersteigen weit den Boranschlag. Darob abermals große Aufregung in der Gemeinde, man ist empört über dir.Machtbrfugnisse, die sich da» neue Regime nimmt, aber die Benvaltung weiß sich zu helfen. Au» der Kalamität wird Kapital geschlagen. ES taucht da» hochweist Projekt auf, das lange Zeit daselbst bestandene Rabbinat eingehrn zu lassen — au» .purer Sparsamkeit". Der mit dem derzeitigen Rabbiner abgeschlossene Vertrag läuft in Kurzem ab. die Gelegenheit ist günstig. Die Trommel wird gerührt, die Loekpfrisc ertönt und fast alles, ivas zur Verwaltung gehört, stimint ohne viel zu überlege», mit ein in den Ruf, den Einer oder Zivei ausgegeben; den» auf Selbstständigkeit im Unheil i» der Stimmenabgabe, verzichtet der Verwaltungsinann im kleiner» Orte gern — das ist wenigstens die Regel. Zum Denken ist nicht jeder i Mann geeignet und da» Niveau der Bildung, das solche Verwaltung darstellt, reicht nicht allzu hoch. Eine nicht unbeträchtliche Minorität, fast alle die Intelligente» oder doch Bessrrgesinnten, die eben — und das ist der Krebsschaden kleinstädtisch-jüdischer Gemeindeverwaltung. — nicht zum Regime gehören, protestiren gegen diese» Akt. Umsonst! Die Omnipotenz des Vorstandes geht vornehm darüber zur Tagesordnung. Das Ansehen der Gemeinde wird verringert iverden, der Jugend wird rin Lehrer, den Erivachsrnrn die Predigt schlc», die für jene Gegend noch besondere Bedeutung als Enlturmittcl hat, der Schlendrian im Gottcshause, der dort so offenrn Eingang von Pole» her findet, wird wieder fröhlich cmpvrwuchcrn, da» Alle» ist vorauszusehe», aber — es hilft alle Erkenntniß nicht. Der hochweist Borstand, seeuudirt vo» Diesem und Jenem in der Gci»ri»de-Berwaltung. bleibt dabei, daß man sich auch ohne .deutschen Rabbiner" begehen köniie. Schnell wird ei» Nachfolger ivenigstens für die Beantwortung ritueller Anfragen (nmn> bestellt, es ist noch da» eine und andcre Gemrindemitglied Talmudisl alten Schlages, den ma» dazu berufe» könnte; doch nein! Da ist Jemand, der mit einem großen Theil der Gemeinde verschwägert oder sonstwie verwandt ist! Der Gute, er hat sich bei der Bescheide» heit sriiirs Wesen» solcher Ehre nicht versel-en. Er ist sonst tüchtig, aber hat nie diesen Ziveig amllichcr Ihätigkcit gepflegt; und nun möchte man ihn auf einnial zu», ,HHH Ssa machen. So ei» .Vorstand" in Preußen vermag eben Alle»! Kerichte und Correspoudenren. DeutfkPlaud. AerN». Der .Erklärung" der Rabbincrvcrsammlung haben ferner zugestimint dir Herren: Eonsislorial-Oberrabbiner Or. A. Aurrba.ch-Bo»n. Rabbiner Or. Löwe »»»eher-Frankfurt a. O. Rabbiner vr. Frank-Köln. Rabbiner Or. Philippsohn-Bon». Rabbiner Oe. Perl es-München. Rabbiner Or. Aschkc»asc-4teustadt b. Pinne. Landesrabbiner Dr. Landsberger- Darmstadl. Landrabbincr Dr. Buchholz«Emden. Bezilksrabbincr Dr. Eschelbacher-Bruchsal. Diftriktürabbiner Dr. Werner-Bürgebrach. Rabbiner Dr. Rülf»Braunschweig. Rabbiner Dr. Feßler-Maiiiilirim. Rabbiner M. Herz-Göppingen (Württemberg). Rabbiner B ran »-Schncidrmühl. Rabbiner S. Levy - Brumath (i. Elsaß). Rabbiner Simon Levy - Schirrhofen (i. Elsaß). Die Zahl der Zustimmcndc» ist sonach bis auf lött gestiegen. — Die Orthodoxen haben c» sich nicht nehme» lassen, eine brsonderc, aber zum größten Thrile mit der Berliner wörtlich gleichlautende .Erklärung" zu erlassen; sie lautet: .In Bezug auf Punkt I erklären wir wie alle unsere Vorgänger s. A.: Das Gebot der ötächstcnliebe, welches im 3. Buch Moses Kap. 19 V. 18 mit den Worten: .Und Du sollst lieben Deinen Mchstcu wie Dich selbst, ich bin der Ewige" verkündet wird, bezieht sich nicht allein auf den Stammes- oder Glaubensgenossen, sondern ist ebenso wie da» daselbst Kap. 24 B. 22 verkündete Gebot der Gerechtigkeit: .Ein Recht sei