Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 23.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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— 174 — bürg«, welche friedlich und staat-treu ihre Verpflichtungen dem Reiche, der Gemeinde, sowie der Familie in vollem Maße erfüllen. Diese den unlautersten Trieben entspringenden Ausfälle von Feindschaft bezeichnen traurige Rückschritte der Cultur. und sie kennzeichnen Jene, welche an diesen Raubzügen mittelbar oder unmittelbar Schuld tragen, als Diener ors Neides und s'.S offene Feinde der Besitzes und der Eigenthui»«. Diese Auffassung genügt. um ein' solche» anarchische» Treiben zu verdammen; wenn aber die Verfolgungen hinter dem Schilde der Religion eiugeleiiet werden, dann tritt zu der Schmach de» Raul>e» noch der Fluch de» Mißbrauch« de» Höchsten der Menschheit hinzu, denn wahre Religion soll veredeln und nicht verwildern. E» steht zu erwarten, daß nicht« versäum« wird, um diese verwerflichen Strömungen mit aller Kraft zu unterdrücke»; möge die EultuSgemeinde sich durch nichts beirren lassen im emsigen Schaffen, in der Ausbildung der Jugend zu fleißige» treue» Bürgern und in dem festen Glaube», daß wir Alle unter gleichem Schutze der Borsehung stehen. — Prag, am 3. Mai 1884. Fürst Earlv» Auersperg w. p- Sollen wir diese von wahrhafter Humanität und echter Religiosität durchgeistigte Denkungsart des ersten Eavalier« de» Reiche», der wüsten Berhctzungssucht. der rohe» Bethätigung de» Judenhasses eines grivisse» deutschen Hofpredigcr» aegen überstellen? Rein, wir wolle» den Fürften Carlo» Auersperg, de» ersten Eavalier de» Reiche» nicht mit jenem Manne auch nur in einem Athrmzugc nenne». G. jU«t«Kt 18. Mai. (Or.-Eorr.) Anläßlich de» alljährlich am Lag be-Omer in hiesiger Gemeinde feierlich begangenen Sterbetage» de« großen Easuisten Moses Jsserls der hier als Rabbiner lebte und wirkte, und dessen Ruhestätte auf dem hiesigen alten Friedhöfe neben andern bedeutenden Talmudherocn der Borzeit anzutreffrn ist. hielt heuer an diesem Tage Herr Rabbiner vr. Du schal vor einem wissenschaftlich gebildeten Auditorium im Tempelsaale einen geistreichen Bortrag. in welchem er in der ihm eigenen rleganteg und ^rnzinnciiden Sprache die sociale, kultuellr und politische Stellung der Juden jener Zeit in Polen schilderte. — Sehr bedeutsam ist e«. sagt der ehrwürdige Prolegent, daß da» Talmudstudium damals i» Deutschland weit mehr als in Polen florirtr, und begegnen wir da nur einzelnen Männern, dir am talmudischen Horizonte glänzten, unter denen in erster Reihe Salomon Luria (bwno). mit welchem JsserlS in stetem kasuistischen Briefwechsel uand. Al» entschiedener Gegner eine» jeden Mystizismus bekannt, meinte der Redner weiter, muß e» gerade auffallend erscheinen, daß Jsserls im Schulchan-Aruch oft dir rigorosesten Ansichten vertrat, die ausschließlich dem S o h a r entnommen sind, was wohl auf eine spätere Sinnesänderung schließen läßt, und ihm auch von liberaler Seite Mißbilligung zugezogen hatte. — Redner sucht jedoch den Grund dafür mit logischer Schärfe in der damaligen kabbalistischen Zeitströmung, die au« dem Ausland« herübergeschmuggelt ward, und in Polen einen mächtigen Anhang fand. — Jssrrl» hatte nun einzig und allein die edle Absicht, die durch diesen Rausch ergriffenen Grmüther dadurch zu versöhnen, daß er au» dem Sohar einige» sanctionirend aufnahm. Daß die» mit seiner persönlichen Urberzeugung nicht« weniger al» im Einklang stand, beweisen seine nur zu liberalen, ja fortschrittlichen Ansichten, die er in seinen Response» (K"ö"i maiOTl) fast in jeder Rechtsfrage niedergelegt hatte. Der Bortrag nahm eine volle Stunde in Anspruch, hinreichend genug, die Zuhörer mit vollem Maße zu befriedigen, welche jedem seiner Worte mit gespanntester Aufmerksamkeit und lautloser Stille lauschten. Wir können zum Schluffe unserm Bedauern nicht genug Ausdruck geben, daß e« un«, außer den üblichen Kanzelprrdigten an Sabbat- und Festtagen, nur äußerst selten gegönnt ist, von unserem gelehrten Rabbiner Borträge dieser An registriren zu können; doch liegt, wie wir wissen, die Schuld durchaus nicht an ihm, sondern an einzelnen tonangebenden Herren. die, wie sie sagen, nicht gerne sehen, daß sich polnisch Gekleidete, nicht zur FoNschritt«grmeindr & hörende, zu solchen Borträgen rmdrängen. Lcbweiz. Au« Aürtch erhielten wir unterm 28. Mai folgende Z, sch»ist: Geehner Herr Redakteur! Sie hatten völlig Rech dai als unglaublich zu bezeichnen, wa» Sie au« den jüb russischen Blättern über die BeerdigungS-Berhältnisse de, hiesigen Gemeinde entnommen haben. In der Thal ist Alle darin, so iveit r» die hiesige jüdische Gemrinde bezüglich de, .TETT betrifft, schamlos erlogen. Deshalb war die Meinung de» hies. Borstandes, solch' eine krasse rüg, verdiene nicht einmal berichtigt zu »verden. Da Sie adn. geehrter Herr, eine Berichtigung gleichsain herausfordern will ich dennoch folgende kurze Erklärung hiermit abgelxi, 1. Roch nie ist hier seiten» de» Borstande» irgnil Jemandem die Bitte um Gewähr einer Grabstätte, sei da Betreffende arni oder reich gewesen, versagt ivorden. 3i Grgenthril h«t der Borstand in recht humaner Weise seit» Fremde und solche Personen, die an Orten grstorben warn, wo kein jüdischer Friedhof vorhanden ist. hier auf unsere» D*m n*3 bestatte» lassen. 2. Ist e» noch »irmals vorgekoinmr». daß die iTcr rrernp ihre Dienste bei einem Todesfälle, ob hiesige vda fremde Arme betreffend, vcnveigert hätte. Allerdings wurde» hier im Laufe de» vorigen Jahm zwei russische Studenten auf dem christl. Kirchhofe beerdig, aber an« dem einfache» Grunde, iveil sie sich im Kante»», spitalr, wo sie starben, nicht für Jude» ausgabe», sonder« als confessionslos bezeichnetc». Wa» »un de» Fall i»i März diese» Jahres bclrirft. wo ein jüdisch-russischer Student angeblich ohne die vorgeschrirbrne Reinigungs-Bvrnahme und ohne dir üblichen «Gebräuche beerdigt worden ist, so trifft, fall» die Sache wirklich so zugetragen haben sollte, keinen Andern die Schuld, al« die Augehör gen de» Brrstorbene» selbst. Diese habe« nämlich nicht nur nicht um eine Mittvirkung der NVNjS .TW gebeten, sondern jedes Anerbieten von dieser Seite entschiede« abgrlehnt und kaum geduldet. daß überhaupt rin hebräisch» Gebet am Grabe vorgetragcn wurde. Rußland. Zetersturg. Zur Mündigkcitücrklärung des Thronfolger» fand in der Synagoge an der Brücke GottesdiM mit Predigt de» Rabbiners Or. Drabkin statt. In dfcherulgowta (Kr. Berdiansk) ist Unheilvolles zische Heu. An Stelle von Pottasche (zum Kuchrnbackrnl aoi die Tochter einer jüd. Krämerin ä.mlich aussehcndes Mäujegist. Die Mutter lief sofort, al» sie dies erfuhr, zu den ihc bekannten Käuferinnen. Da Eine dasselbe nicht zurückgebe, wollte, au» Furcht, statt de» guten schlechtere« zu bekommen, setzte die Jüdin den Geistlichen in Kenntniß, da durch Glockengeläute da» Bolk zusammenrufen ließ und t* fahl, die Pottasche, die bei Juden gekauft worden, fortzuweric» da sie giftig sei. Da» erregte die Wuth der Bauern gegr» die Juden. Sie suchten die Mutter und Tochter — fand» sie jedoch nicht! (3 Tage später brannte da» einem Inda gehörige Hau», in dem sic sich versteckt hatten, nieder!) Da Schreiber der Bauernschaft ließ in die Nachbarorte Aufforderungen ergehen, die bei Juden gekaufte Pottasche sonzuwerfen, da sie Gift sei. Nun heißt», die Juden wollen d« Ehristen vergiften und schon 1000 Bauern haben eine Pelina um Bertreibung der Juden au« Tschernigowka unterschriebe» (Hameliz.) Palästina. Jerusalem. Nicht allein russischen und rumänische» Juden, sondern allen Juden ist e» verboten worden. f hier anzusiedeln. Nur auf 30—10 Tage dürfen uns« Glaubensgenossen sich lm Lande aufhalten. (Sollte die Psor« wirklich meinen, die Juden wollen ihr Palästina entreiß» oder spielen da andere Dinge mit? Red.) '