Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 22.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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— 166 — laffung diese« Absätze« und richtete der Referent. Traf vr. Isidor DzirduSzycki, dieserhalb ein offene« Schreiben an die Centralverwaltubg in Lemberg, dessen vortrefflichen Inhalt wir hier in Uebersetzung folgen lasten: .Der Absatz de« 8 7 (in der 1883rr Ausgabe) besagt, daß Mitglieder der Ackerbauvereine nur Personen christlichen Glaubens sein können, die ein tadellose« Leben führen. Hier, meine Herren, verlosten Sie auf Grund einer mir unbegreiflichen Intoleranz da« Gebiet der materiellen Jnterestrn und betreten dasjenige der Confession. — Sie verletzen hiebei da« für uns theurrste, lebendige Wort Christi und schaffen un« Feinde aus dem «reise der zahlreichen Israeliten. Sie behaupten gewiß, meine Herren, daß wir un« bei Zulassung von Personen jüdischen Glauben« in unsere Vereine wahrscheinlich die ganze christliche Geistlichkeit Galizien« zum Feind machen würden? Ich wage e«. dem zu widersprechen. Derjenige Geistliche, ob er nun Bischof oder Vicar wäre, welcher der Aufnahme eine« tadellosen Bekenner« einer ander» Religion in einen Ackrrbauverrin rntgegen sein könnte, der wäre eben hiedurch nicht mehr Vertreter der Grundsätze der christlichen Religion, welche weiiigstriis bis nun als der erhabenste Ausdruck der Lieb« und -lersöhnung fiolt, er würde hiedurch aufhören rin christlicher Priester zu ein und sich in einen heidnischen, de« Bedauerns und der Verachtung würdigen Pfaffe» verwandeln. Indem der Bczirksockerbouvrrein zu Krakau im Sinne de« Referate« seiner Conimifsio» beantragt, daß jeder Staatsbürger ohne Unterschied de« Glauben«, wenn nur tadellose» Lebenswandels, Vcrrinsmitglied werden könne, hat er den Fehler des von ihnen acceptirtrn Statutes eingesrhrn und sich in seinem bescheidenen Wirkungskreise auf dir Hüt>e der durch den Zeitgeist »nd durch die richtige Austastung der gegenwärtigen LebeiiSl'cdiugungcn diktirten civilisatorischen Aufgaben gestellt. Cr hat sich hiermit auch derjenigen angenommen, welche Sie, meine Hcrrew ungerechter Weise von der Arbeit für das Landcswohl ausschlicßcn und hiedurch zwingen, die Einen — Bereinigungen unter dem Schutze de« rustischcu Adler« zu bilden, und die Andern, weiter in ihrer für das Land verderb lichen Absonderung zu verharren. Hören wir doch endlich einmal auf, un« gegenseitig, sei es wegen Verschiedenheit der Confession oder Verschiedenheit der Abstammung, au«-?»schließen. Wir wissen es nur zu gut, wohin wir einst gelangt ind, als wir das Princip der Religionsfreiheit verletzte», welches noch im 16. Jahrhundert als eine Bedingung der polnischen Gesellschaft »io« qua ovo anerkannt wurde. Wie nun dürfe» wir es heut zu Tage, bei der Neige des IS. Jahrhunderts wagen, jemand bloS deßhalb au« einem zur Hebung des Landwvhlrs gcschastenrn Vereine auSzuschließen, weil er von Geburt rin Masure, Jude. Deutscher, Arnicnier oder Ruthene ist, da» übersteigt mein Verständniß. Wer in diesem Falle Pole sein wird, weiß ich nicht, und e« scheint mir. daß auch Sic, meine Herren, e« nicht wissen. Diese meine Worte sind weder ein Vorwurf noch eine Drohung, sondern nur eine aus dem Herzen kommende Bitte, daß Sie den der nationalen Entwicklung so sehr verderblichen. und jedenfalls denselben rrtardirenden Weg verlassen und aufhörrn mögen di facto unwillkürliche Hemmniste jenes Fortschritte« zu sein, besten vorzüglicher Schutz und Stütze Sie in Ihrem Dcnken, Fühlen und Streben sein wollen.- Dieser Appell des ausgezeichneten, erleuchteten Referenten an die Generalversammlung de« AgriculturvereineS, hat jedoch nicht den geringsten Erfolg gehabt. Der Antrag des Krakauer Bezirksvercinea wurde rclatant verworfen, und Herr vr. Isidor Graf Dzicduszycki, der den Muth gehabt hatte, seiner Ueberzeugung so edlen Ausdruck zu verleihe», wurde von den »Vertretern der öffentlichen Meinungin unsereni Lande, schirr de« Hochverrathe« geziehen. »Es ist diese«, schreibt das Organ des »Schomrr Israel-, ganz im Geiste jener geräuschlosen Propaganda in unserem Lande, welch« gegenwärtig darauf ausgeht, die Juden immer und überall zurückzudrüngen. und dieselben wo möglich jedem Erwerb«- und Rr.hrung«zweig auSzuschlirßen. Tiesi^D »freisinnigen- Vmtttrr der öffentlichen Meinung Inofl eS vollständig, daß die christlichen Getverbsleute, das^W Gewerbegesetz und die neu zu bildenden Genostrnschi^^ dazu benutzen wollen, um den Jude» daSHandwerk leiden, sie von der Leitung der Genostenschaften auSzuschhgW sie mit schtver erschwingliche» Gaben, zu Gunsten dnnflj konfessioneller CultuS- und WohlthätigkeitSzwecken. zu bcla^H und e« lediglich dem Belieben der christkatholifchen Bon,^^ zu überlaste», Juden in der Folge überhaupt zum HandiW zuzulassen.- M Mlse» im Mai. (Or.-Corr.) Zwei kleine Züge fl unserem Leben will ich Ihnen mittheilrn, tveil ich au» fl fahrung weiß, daß dieselben in Deutschland kaum vorkom^^ dürften. Am 12. d. M. starb hier im Garnison«,Hoßfl ein jüdischer Jäger. Sofort wurde da« Rabbinat :fl Garnisoiis-Commando hiervon verständigt und eiugelafl die religiösen Cnrinonien zu vollziehen und bei drin i-W tärischen Begräbniß z» assistirrn. Nach Absingung W “ITC2 2CT wurde der einfache mit Helm und Säbel > cufl Sarg de« Verblichenen von 8 Camrraden aus der CompiiW gehoben und unter Traurrmärschen der ganzen Wfgiincfl Capelle setzte sich der Condukt in Bewegung. Himer fl Sarge schritte» Rabbiner »nd Obcrcantor. ihnen folgte fl Ehrengeleit ein großer Thril de« Osfizirrcvrps. zahlufl Grmcindrniitglicder »nd den Schluß bildete die frldmfl ausgerüstete Compagnie, der der Verstorbene angehört lufl Nach der Grabrede bei Einscnkung de« Sarges pniicmfl die Compagnie und erscholl wrhmüthig und ergreifend ) abschiednehmrnde Hornsignal. — In derselben Woche sprach am Grabe der verewigten Frau vr. Wölflrr in drin : muthigen «apetzcn. Aus den umliegenden Städtchen u Töi-fern mochten wohl 20—30 jüdische Freunde des mciiidx freundlichen Arztes gekommen sein, um der edlen, wohltliar: Gattin desselben die letzte Ehre zu erweisen, der Leichen, aber bestand aus mehreren Hunderte» Bauern und Bäuerinn die in ihrer malerischen Feicrtagsklcidung au« ineilenn« Entfernung zusammeiigrkoinnie» waren. An der Spitze die bunten Zuge« aber schritten der katholische Pfarrer und! Gutsherr des Ortes und nicht früher verließen sie den Fried: als bis das letzte Gel>ei verklungen war. Wahrlich noch das Stöckcrsche Gift in weite «reise des Volke« nicht , drungen, echter Mruschenlirbc gegenüber wird e« stet« '' unwirksam erweisen. C. Rußland. Aus 3P«tm8*Tfl hört man, daß die Judenkommijil von der Regierung in Einzelfällen angcfragt worden » den Juden günstige Entscheidungen gefällt habe. Auch aus den Reihen der Chafsidim erheben sich! palästinensischen Colonisatio» Gegner. So hat ein M folgende Predigt vom Stapel gelassen: »Höret doch, ma Herren! Der große EpikaurrS in Petersburg (Zederba« der Redakteur des Hanirliz) will Israels Messias iverd um da» Ende übereilen. Die kleinen Epikorßim in unja Stadt sind bereit, ihm zu helfen. Darum thue ich's n kund und warne euch, daß ihr den dafür Sammelnden ct nicht einen Kopeken gebet, denn bö« und bitter wird d Untergang fein!- z?eter»ö«kß. Der jüngste, glänzendste Steni t Himmel der hiesigen kaiserlichen Oper (er erschien am 29. ÄP zum ersten Male) ist der Sänger Michailow — in Wahrd« Daniel bei» David «orostschewski — ein Jude! — Selbst da« Elend der die Austreibung fürchtend Dorfjuden wird von Halunken ausgebeutet, die ihnen $ abnehmen unter dem Vorgeben, daß sie ausgeschickt sind, l Mittel zu sammeln, vermittelst deren die Erlaubniß zu Juden Verbleiben erlangt werden könnte. — Ju Sabludowo (Bialystock) haben christl. Ban» Brod und Getreide in die Brunnen geworfen, damit > Juden da« Master nicht sollten trinken können. Während >