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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 15-16. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 15-16.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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— 117 — chm Schaustellungen im Schwange sind, will ich heute iveigeu. Ich will nur nochmal« Ihre Ansicht reproduciren, , Jahrelang bewährte Tüchtigkeit in Lebensführung, ml und Schrift, von glaubwürdiger Seite bezeugt, denn ch eine größere Garantie bietet, al« eine Probepredigt und gleichen mehr, al« alle Lobhudeleien Unberufener. Diese Ihre Ansicht scheinen einige Gemeinden, namentlich Schlesien, auf eigenartige Weise zu imerpretiren. Dieselben neben, txzw. schreiben ihre Rabbinervacanz mit großem ,lomd au», obgleich sie bereit« einen Eandidaten nicht selten einen ganz obskuren, unrrfahneu Neuling — designirt, obgleich sie gar ine Berufung zu Probepredigten mehr deab» chtigrn und ergehen lassen. — e« meldet sich •etorproptor ein halbe« Hundert Bewerber und nach »germ Hangen und Bangen erhält Jeder der .ehrwürdigen", er auch .wohlgeborenen- Herren Bewerber einen Bescheid, »in der wohllöbliche Borstand endlich mitzutheilen geruht, err Rabb. Dr. N. sei der Glückliche, aus den die Wahl fallen. Zuweilen sollen aber auch die Bescheide mit einer cksichtslo» büreaukratischen Grandezza abgesagt sein, die inahe eine humoristische Beurtheilung Herau«fordert; und i» diesem Grunde soll im vorigen Jahre ein Bewerber ien Bescheid .dem wohlgeborencn Borstandemit einer karginalnotiz zurückgeschicki haben, die demselben keineswegs freulich sein konnte. Obgleich Referent erweislich an den betreffenden Borngen nicht betheiligt ist — er hat darüber von höchst »läßlicher Seite Kenntniß erhalten — kann er doch nicht »hin. dieselben einmal öffentlich zu rügen. dloinin« sunt odios« — es sollen indetz, wenn diese feniliche Rüge unbeachtet bleibt, alle solche rücksichtslosen üreaukraten. soweit sic dem Referenten bekannt geworden, imhast gemacht und ihre Allüren eingehend besprochen werden. Ein Kollege — und nicht der schlechteste — beabsichtigt einigen Mußestunden eine Posse .die Rabbinerwahl" zu jreiben und gewisse Bürraukraten auf die Bretter zu bringen. 0 sehr ich dies mißbilligen wülde, muß ich es nichtsdestomiger mindesten» als unschicklich bezeichnen, mit ernsten lännern höherer Bildung ein Possenspiel zu treiben! Im Hr«hßerz«-tß»» Kesse» existin ein Verein zur nterstützun^ und Beaufsichtigung der au« den Lande«' und rovinzial-strafanstalten Entlassenen. Derselbe verüffenthie jüngst den HauptrechenschaftSbcricht für 1881 und 82. >ir werfen ein Augenmerk darauf in Bezug auf die allmein und specifisch-jüdische Moralstatistik. Die kürzlich iSaesprochene Behauptung von der allgemeinen Zunahme r Verbrechen finden wir hier leider bestätigt; dagegen erkennen ir die stet» und neuerding« wiederholte Behauptung, daß e Verbrecherrahl bei den Juden überwiegend und im Zuhmen begriffen sei. wieder al« eine der bekannten Lügen >d Verleumdungen, wie wir sie im Munde unserer wahritSliedende» und von christlicher Nächstenliebe überfüllten egner gewohnt sind. Im Gegentheil, überall Zunahmeder erbrechen, nur bei den Juden Abnahme. 1881 zählen wir > den Juden 37 Verbrecher, 1882 dagegen 22. also Abihme um fast die Halste; bei den Ehristen 1881, nur in kzug auf die in Betracht kommenden Verbrechen. 1128, i Jahre 1882 dagegen 2214. also Zunahme um da« doppelte. Zu procrnrualen Vergleichen ist im Berichte nicht e Hand geboten, denn wir zichen nicht blo« da« numerische, ndern auch da« social-gewerbliche Berhältniß in Betracht, ei den Juden finden wir hauptsächlich Verbrechen gegen igenchum und Meineid und da ist e« ohne Zweifel richtig,!B nicht nur der sittlich-religiöse sondern auch der gewecbh-sociale Maßstab zur Beurcheilung anzulegen sein wird. >rnn der Kleinhandel, welcher hauptsächlich von Juden geieben wird, giebt zu Ausschreitungen gegen das Eigenthum, »d die Anzahl von Processen, welch« derartige Geschäfte i Gefolge haben, zu Meineiden mehr Veranlassung. Wir ollen auch die Vermuthung nicht unterdrücken, daß die gehässigen Verfolgungen, wie sie der Antisemitismus erzeugt hat. in jenen Jahren vielfach auch da« gute Berhältniß zwischen Juden und Ehristen getrübt haben. Deshalb sind zenc Verbrechen hauptsächlich auch in Rheinhessen vorgekommen. wo mehr al« anderSwo der Antisemitismus den Heerd seiner Wühlereim hatte, der Art, daß beute noch die gleichen Angriffe auf da« Eigenthum, wie Anfangs gegen die Juden, so jetzt gegen die Ehristen Vorkommen. Nur so erklären wir un« auch die sonst erschreckende Beobachtung, daß seit 1882 bei den Juden auch gemeingefährliche Verbrechen, wie Körperverletzungen, Auflehnung gegen Staat und öffentliche Ordnung. Vorkommen, zwar nur vereinzelt, aber immer noch zuviel und abweichend von der bisherigen Denk- und Lebensweise der Juden. Die Juden wurden zu solchen Angriffen aus Nothwehr provocirt. Die Provocationen waren antisemitischer Natur und kamen wie die Uebergriffe der Juden hauptsächlich in Rheinhessen vor. Dagegen wollen wir un« auch nicht verhehlen, daß die Abnahme der sittlichreligiösen Denk- und LebmSweise, wie sie allgemein und so auch bei den Juden beobachtet wird, hierbei ebenfalls nicht ohne Einfluß geblieben sein mag. Der religiöse Schulunterricht thut e« eben nicht allein, die Religion ist au« Haus und Leben verschwunden, die Jugend ohne Beispiel und Vorbild der Eltern. Darin muß ebenfalls viel gebessert werden. Aber wie'? Der Religionslehrer steht außerhalb der Gemeinde, die Verwaltung der Gemeinde, auch der Schulangelegenhciten, liegt in den Händen eine« Vorstand-, der meisten» von der Sache keine Kenntniß oder weder Zeit, noch Interesse dafür hat. Auch darin muß viel gebessert werden, wenn wir nicht, wie religiös, auch moralisch zurückgehen wollen. 8. Oesterreich-Ungarn. B. Min», 4. April. (Or.-Eorr.) Sämmtliche Morgmblätter widmen an leitenden Stellen unserem verewigten GlaubenSgenoffen Herrn I)r. JgnazKuranda warme und tiefempfundene Nachrufe. Von den Blättern, welche der politischen Richtung deffelben »ahestehen, ist die« selbstverständlich. Dieselben können daher füglich übergangen werden und beschränke ich mich deshalb, um die Auslese nicht zu groß werden zu lassen, auf die Registrirung nur einiger Journalstimmen: »Die Presse": „Eine Trauemachricht. erwartet und doch erschütternd, vorhergesehen und doch schmerzlich berührend. Da« österreichische Abgeordnetenhaus hat einen Veteranen, die üsterrrtchische Schriftsteller- und Journalistenwrlt eine ihrer Zierden, da« Vaterland selbst einen braven Bürger und begeisterten Patrioten verloren!. Ein Ehrenmann durch und durch, ein Patriot au« ganzer, voller Seele, ein Philarnrop im schönsten Sinne de» Worte», da« war Ignaz Kuranda. »Morgenpost": »Ein Mann der Feder und de« Worte«, ein Meister der Publicistik und ein Held der parlamentarischen Tribüne, der in dem öffentlichen Leben Oesterreichs zu einer der größten Rollen emporgestiegen ist. ein wahrer Veteran unserer politischen Kämpfe: Ignaz Kuranda ist gestern in ein bessere« Jenseits hinübcrgegange». Fünfzig Jahre hat Kuranda unermüdlich im Dienste der öffentlichen Interessen gearbeitet; ein Apoostel der Freiheit und Aufklärung, ein ahnenträger der Bildung und Eultur, ein guter esterreicher und ein guter Deutichcr, ei» großes Talent zugleich und ein großer Eharakter!" »Extrablatt": Ein guter Mensch, dessen freundschaftlicher Händedruck Jeden adelte, dem er ihn spendete. Sein Andenken aber wird fortleben in den Herzen aller, die ihn kannten und auf den Ehrenblättern der Geschichte Oesterreichs und der Menschheit!-

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