Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 15-16. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 15-16.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/5369809-5935099-5938152--5060-5377289
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ferntnurtfl nicht vermieden wnbftt (Ounnt. So wenig ein »ude ein Mehner. Lüster u. s. w, so wenig wird ein Christ »Schächter, Mohel, Vorbeter u. s. w. sein können. Und der- Vgleichen mehr. E Und noch Eins. Dir Ethik läßt sich nicht in Gesetze Ibringen. sie bleibt rin für olle mal in der unbestimmten Form Ivo» Einzrllehrrn*). Das Recht aber krhstallisirt sich zu Gesetzen. Darum läßt sich riiie jüdische Ethik nie rrwanr», Id»' alle arrrptirrn iverden. Wohl aber lassen sich Religion»- Igesetze schaffe». Und dazu brauche» wir wieder — eine G e- Imrinsa mkeit. I Eine Revision des Schulchan-Aruch kann uns nicht« »Helsen: Helsen kann uns nur eine l!rnt ralstättr, die über das iGrfctzliche rntschridkt und ivir sind keinen Augenblick in iZivrifel, dag eine vom Staat bcrusrne Versammlung Inder unsere grsetzliclie Auffassung unsere» Verhältnisses zu I unseren nichtjüdischen Mitbürgern uns alle einig und I drl enveisrn wird. Kr o nrr-Erjur». I Heilige Makulatur. I .Heilige Makulatur"? Gewiss hat »och keiner der I geschätzten Leser diese» eigenartige Wortgesüge jemals gehört. I und doch wird sosort jeder von n»S die Bedeutung desselben I wissen. Auch ich habe « erst vor einigen Tagen znm ersteil iMal vi'rnvmmcn. I Au« einem benachlmrtc» Oertchen kam ei» achtbarer I jüdischer Greis zu mir und erlmt sich meinen Rath bezüglich I seiner — ..heiligen Makulatur". Er wolle, bemerkte er. »ach IR. übersirdrln, al>er die bereit» sehr abgenutzten, »»brauch. I baren hebräische» Vibrln und Gclvtbüchcr nicht mitnehmen, und in der Shuaqoge seines bishe»igrn Wohnortes werde die Anlsilusuiig alter hebräischer Bücher nicht mehr gestattet. Verbrennen dürsc man doch solche Bücher nicht; sie verbrennen oder aus ähnliche Weise vernichten sei ja eine grosse Awero '.Sünde), das wisse er so gut wir jeder andere Jehndi; al>er I sclbsl ivrn» man solche Bücher verbreiinr» oder sonstwie vernichten dürste, würde' er r» dennoch um Alles nicht, denn es besänden sich unier der .l»eilige» Makulatur" Bücher, die kinsl seine seligen Elter» und Grobeliern gebraucht hätte». .. Ich gab dem Alle» rtuc» ihm erwünschten Rath nnd er aihmrtr wie von einer schivrrcn sorge üi-frcit aus. D«i da» slrrngc Verbot, .heilige Makulatur" zu verbrennen ("«nur IWfo») oder auf ähnliche Weise zu vernichte» (hauimeabbed kiawe hakkorieach ownr b’law) und die cnh'prrchende srommr Echru der Juden au» der religiösen Praxi» bezw. au» Megilla 26 b 0. Ehajim 154, 5 T. Salsiib und M Abraham das. Jore D. 282.10 unter uns allgemein bekannt ist, so würde ich i» diesem gesch. Blatte die obige kasuistische Frage mit keincm Worte berühre», hätte sie nicht nne aktuelle Bedeutung. „Ein kleine» Genrebild belehrt oft mehr und Ixsser al» eine grobe Historirnmalerei". Die beide» Glanz« und Glücksperivdcn der modernen Arbueajünger — vulgo Antiseniitcn, rectiua Antichristen — al» welche sie wvnnctrunkcn jene Frrvelthatcn betrachteten, dir in TiSza-Eblar und in Könitz gerechte Berurtheilung gesunden, sind vorüber; sic gehöre» den blutigsten Blättern *) Die« ist w cNich ganz neu. Oder sollte,, die mosaischen Principien der Liebe und Steiechliateil gegen Alle nick» hiureiche», »m unser Bereiten gegen unsere Rebenmenschen in jedem einzelnen Kalle zu de iiimmen'? Ratüilich könne» nicht alle möglichen kiinzelsälle, bei denen dies, herrlichen Prinzipien zur Anwendung z» kommen haben, in einer solchen Lilientehrr nambast gemacht werden, sowenig eiiva in der Physik alle tkinzelsölle namhast gemacht iverden können und mästen, in denen dal tiiesey der Viravilation sich offenbart. ikinzelne Beispiele aber zur Jlluftrirung de» allgemeinen lltesetze« sühn schon die Bibel und der laimud an, wie jedem Nenner bekannt ist. Da» traurige Bild einer unbestimmten Kon« von ikinzeltehrrn bietet nur eine solche ilthik, weich« nicht von allgemein geltenden Rönnen, sondern von Menschenunterschiede« auSgebt und ihre tUebote an gewiste Lebenöerscheinungen kuüpst, die natürlich in jedem einzelnen Kalle erst daraus geprüft werdrn wüsten, ob sie zutresten oder nicht. der Kulturgeschichte an, eine ewige Schmach für die ArbueSjüngrr de» neuuzehntrn Jahrhundert». Da» wissen dieselben recht wohl, da» bekundeten sie durch ihre jüngsten Unkenrufe, von denen sie wähnen, dab dadurch wenigflen« für dir Gegenwart der Blitz abgeleitet werde, der jene Frevel so grell beleuchtet. . . . Wird e« ihnen gelinge»? Da» fragte ich mich, al» ich über jene Unkenrufe gelesen hatte. Da kam der Alte und legte mir seine kasuistisch« Frage vor. Ich will r« nicht verhehlen. dab da« Zusammentreffen der beiden Fragen in mir nianchrrlri Gedanken und Empfindungen wachrics und, nachdem der Alte stzh entfernt, meine »efinnrrc Erregung sich noch steigerte. Die in Könitz gebrandmarkirn moderne» Arbuesfrcvel erschienen nun vor meinem (»eiste so infernal wie nie zuvor. Ich dachte an die au»- grstandcncn Leide» der Rrustcttinrr Jude», die ihr Gotteshaus, ihre Thorarolle», ihre Bilvln und Gebetbücher mit srlbstriqrnrr .Hand verbrannt haben sollte», und zugleich an die schlichten Worte de» Alte», welche die angeklagt gewesenen Juden nochmal» und zwar besser al» alle Gerichte freisprachcn — ich dachte an die heilige scheu, mit der wir Juden ein zur Erde gefallenes, selbst ganz abgenutzte» Blatt eine» heiligen Buche» ausheben und ausbewaliren .... „Wird c» ihnen gelingen?" fragte ich mich nun wiederholt. Bei allen vorurtljeilslosen Zeitgenossen nicht; aber auch bei vielen vor» urthrilsvolle» würde r» ihiitii sicherlich miblinge», wenn sic den Allen gesehen und gehört hätten — da» antwortete ich mir, da» wünschte ich an» Herzcnstiese. Ich sagte vorher: auch bei viele» vvrurtheilsvollcn Zeitgcnvsse» ivürde c» ihnen nlitzlingen — nicht bei allen solchen. Denn wohl we>ü ich. das; es leider noch Mensche» giebt, ivclche auch durch die triftigsten Gründe nicht belehrt werde» Zn dieser Menscheiigaltung zählen in erster Linie die „liitcrarischcn xoupoyipot." Wer vermöchte z. B. einen Justu» von seinen Borurtheilc» zu heile»? UcbrigrnS halte ich es noch immer auch für ein Vorurtl>cil. wenn man diesen Justus für einen gelanjten polnischen Juden ansieht Ein polnischer «almudlundiger Jude schreibt — um mich glimpflich aliszttdrücke» — so gc > stlos nicht. In,ln» scheint mir vielmehr ein „arischer" schul'ankgclrhrtcr Judäivor zu sei», der von einem „aus Osten gekommenen jüdische» Jüngling" so viel oder richtiger so wenig Talmud gelernt hat. wie ein gcivlsser „arischer" Gl»nnasiallchrer. der bk'kanntlich seinen früher» Talmudlehrer in dr'r angegebenen sehr pietätvolle» Bseisc bczrichneie. (Esr. Rr. 14 de» „Jüd. Litt.-Blatt".) Die Erinnerung an einen Eharaklerzug des frühern natunvissenschkifilichen Lehrer» an der hiesige» höher» Töchterschule — eine» wacker», kindlich frommen, vrrchrnngSwürdigcn I Christen — taucht soeben in mir auf. den ich hier nicht! unenvähnt lassen möchte. E» brachte ihm aus seinen Wunsch j eine jüdische Schülerin nach dem Laubhnltenscst einen Esrog (Paradiesapfel) mit, den er der Klasse belehrend vorzciglc, und al» einige Mädchen ihn baten, die Frucht zu zerschneiden und ihnen auch die inneren Tlfeilr derselben zu zeigen, incintc er, diese Frucht habe einem heiligen Zivccke gedient und dürfe daher wohl nicht zerschnitten werden; wisse er doch, mit welch frommer, ihn stet» rührender Scheu die Israeliten selbst abgenutzten Blättern heiliger Schriften gegenüber sich verl)attcn. Erft auf die Bemerkung de» jüdischen Mädchen», dab diese Scheu liauptsächlich dem heilige» Gvtteanamen auf solchen Blättern gelte, svwie auf die Versicherung, das; die Frucht nach dem Feste ohne Bedenken zerschnitten werden dürfe, willfahrte der Lehrer seinen Schülerinnen. Wie kleinlich! sagt sich grwitz mancher „arische" Scheinchrist. Und doch wird da» Andenken an diesen Lehrer gesegneter sein, al» dasjenige selbst der hoch- und vielbetitelten Arbue»- jünger aller Zeiten. — Dr. Kroner, Rabbiner in Brandenburg a. d. H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.