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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 15-16. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 15-16.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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— 114 — »»««itthtgleltr Aur N«tßi»er»ers»»«I«»4 »»» Aich>tch«».Zr»4.Ar«ße. Wen» der AntisemittSmu« unserer Zeit nicht« Andere» zur Folge Hütte, al« Aufklärung über die Recht«grsrtze und Sitteulrhre de« Judenthum» zu verschaffen, so daß nicht nur der Nichtjude, sondern ebensosehr drr Jude selbst grnauer erfahre, wa« seine Religion. der er mit ganzer Seele anhängen soll, gebietet, oder erlaubt, oder verbietet, so könnte man schon dadurch veranlaßt sein, Gott um so freudiger auch für diese neue Prüfung zu preisen. Darum wird jeder Denkende auch mit Freude die kontroverse begrüßen, welche in diesem Blatte über die Sehulchan-Aruch-Fragc entstanden ist. Die kontroverse wird sicher, da« hoffen wir und wünschen wir von ganzem Herze», dazu führen. daß sowohl da« sonnenhell wird, wa» wir alle in unserer Zeit für Pflicht halten, als auch das. was unfern frommen Vätern dafür galt, Es iväre herrlich, wenn es zu einer Einigung auch in Formulirung von Lehrsätzen und Anordnungen käme. Aber wir haben keine gemeinsame Behörde mehr, und selbst wenn sie i» einem Lande bestände, fehlt sie in einem andern. Und doch wäre ja das schon genug, ivcnn auch nur in einem Lande eine Einigung zu Stande käme. Aber selbst das wird, so lange sie drr Staat nicht fordern wird, durch äußere Umstände so erschwert sein, baß sic kaum zu erreichen sein dürste. Selbst eine Synode hat deshalb keinen vollen Werth. Denn mir Recht wirb der Ziveiflcr an ihren Beschlüssen mäkeln und meinen, daß sei doch nur Ausdruck einer Richtung und nicht drr ga »zen Jndenheit. Dieser kann r« nicht genügen, daß eine Richtung einen Grundsatz der Ethik aufflcUt, zu ivrlchein eine andere Richtung auch nur schwiege. Denn selbst diese« Schweigen könnte al» Opposition ausgefaßt werden. Cs würde darum — und deshalb geschieht die Anregung öffentlich, — raihsam sein, direct an den Staat heranzutrcir» und ihm die Berufung einer »ach seinen Vorschlägen von den Gemeinde» zu entsendenden Zahl von Dcputtrtcn vorzufchlagen, Venen eine Reilje von Fragen voret werde, welche sie gewissenhaft zu beantworten hätte». Judenthum braucht ivedrr seiner Vergaiigrnheii sich zu schämen, »och seine Lehren zu verlirrge». Wäre die« der Fall, dann verdiente es nicht die Heilighaltung. welche die treuen Bekenner desselben für ihre Geivisscnspflich« halten. Also nicht eine Shiiodr, sonder» eine vom Staate berufe»r Vertretung aller Gemeinden.*) *i (tt MN fl dein Autor flnvtfj l>eigepsiichlel iverdev, itxittt fr sich von einer Siiiwde oder Rabl'iuereersammluug, die nur eine gewisse Richtung vertritt, keinen volle» Ersviq verspricht. Zusammenwirken aller Richtungen, diesämmilich von dem reinen, ganz leidenschasilosen Be. strebe» beseelt ivilren, E»va» zu schaisen, wa« dein judenthum sörderlich sei und leine Eoiistsieuz erhöhte, die« Zusammenwirken aller Betheiligten ist aewiff die erste und wichtigste Bedingung de« in Rede siebenden groben Unternehmen«. Aber wie? Durch de» Staat, also von auben. aus künstlichem oder vielniehr erzwungenem Wege, nicht au» dem inneren lebendigen EntwicklungStrieb de» Judeinhum» heran« soll jene» Zusammenwirken erfolgen? Ich verweile aus den in den sechziger Jahre» aus Aufforderung de« Siaale« zusaminengeireienen Eongreff in Ungarn — der Ersolg war, dab die ungarisch« Judenheit seilde« säst heillo« auseinandrrgerissc» dasieht in einer 6ongrv»»-8tat>i»^>no und Schomre- Hadu-Partei. Der Staat mubie natürlich schliefflich jeder der Richtnngen ibr Recht in gleicher Weise zumessen. Uonnie er doch nicht etwa eine der vertretenen religiösen Anschauungen den Uebrigen ausoctrohiren. Man ersieht darau«, dag eine starke, ehrliche aufrichtige Sehnsucht nach Einigung schon zu Grunde liegen muh, wenn da« Etngreisen de» Staate« etwas Helsen soll. Ztifjt aber jene Grundbedingung zu, dann bedürfen wir wiederum jene« Eingreifen« erst nicht. Der Staat würde sich übrigen« bedanken, von dem neuen Eulturkamps, au« dem er noch kaum herau» ist, in einen anderen gezogen zu «erden. Würden wir ferner nicht durch einen solchen Vorschlag, dem groben und allein desinisiv den Frieden unter allen Sonsesstonen begründenden Princh» der Unabhängigkeit der Consessionen vom Staate, entgegenarbeilen? Also Rein! Nicht durch den Staat, sondern spontan sollen wir zu dem heiligen Zweck« zusammentreten. Betrachten wir un» vorderhand al« Vorarbeiter für glücklicher« Generationen. Die Wahrheit muh ja schlieblich doch zum Durchbruch und zwar zum allgemeinen Durchbruch kommen. Wo« die volle Garantie für den glücklichen Au«gan, einer solchen Versammlung bietet, sind folgende Momente 1. Daß der Staat unserer Zeit einen Abfall vom Judenthum verlangen könnte, ist undenkbar. 2. E« ist ebenso undeiikbar, daß auch nur ein gesetzr». kundiger Israelit den leisesten Zweifel daran hegte, daß gegen den Ehristen, de» Mohamedancr gegen irgend einen Bürger seine« Staate«. in dem er leb«, ethische Vergehungen, ivie die groben, deren Rohling und Eonsorten erwähnt, oder andere wie sie andere Antisemiten dem Judenthum vorwersen, auf» Strengste verboten sind. Da« ist un» Allen doch klar, daß es keine Partei im Judenthum gibt, tvelche e« für erlaubt erklärte oder erklären könnte, daß irgend ein SlaatSgrsetz nicht dir Rrast und Heiligkeit eine« Religionsgesetze» habe. E» ist fern erklär, daß Reiner für erlaubt erklären könnte, e« sei irgend ivelchr Schädigung unserer Mitbürger, auch ivenn sic von dem Gesetze unstrafbar »väre, durch unsere Religion erlaubt, oder ca sei mchi Pflicht gegen alle unsere Mitbürger libevoll zu sein. Wa« kann c« aber helfen, wen» rin Streit darum enr steht, ob der Schulchan Aruch für uns verbindlich ist oder nicht. Man kann c« l>ejatien oder verneinen oder sogar beide« thun und wirklich >» gewissem Sin» ganz corrcct gesprachen habe». Daß dieses Werk für unsere religiöse Praxi» die allgemeinste ^Anerkennung unv grüßte Wichtigkeit hatte und meist noch hat, ist bekannt. Unv dennoch ist ni cht jede seiner Anordnungen maßgebend geblieben. Der grüßte Reforiner wird in vielen Dingen gern sich aus denselben berufen, der strengste Orthodoxe wird in manchen Fälle» abiveichend von ihm entscheiden. Ein Streit also über diese dogmatische Frage ist nur verderblich (?); denn er führt zu Nicht». Ja mehr noch, e» koiiiuii vor, und es ist bei allen Gesetze» derselbe Fall, daß zwei an Frömmigkeit und Geseyeskuudc ga»; gleiche Männer in einer Sache ganz vkrschieden entscheide,,. ohne daß die Autorität de« Schulthan-Aruch dadurch ge mindert wird. Ebenso. so scheint r«. führt es zu keinem praktische» Resultat, ivenn das Beftrel>en, die Vcrgangcnt>eit zu beschö tilgen oder z» riitschnldigen, uns zu unlirbsamen Streitigkeiten führt.*) Diese sckmffe» nur Erbitterung und können unser» Feinden willkommene» Stoff zu>» Angriffe geben. Deshalb ist es wohl gcratljciirr, geinei ii sam tu» Heilige zu schützen, al» vom Paneigrist geführt da« Treffliche feiner Richtung erweise» zu wollen. Jetzt ist dazu keine Zeit. Jetzt gilt e« zu zeige», was alle» Juden heilig ist, denn alle sind in Gefahr. Soviel ol*cv wird von jedem Freunde de» Judenthuin« angeliommen werden, daß es keine Verordnung gibt, welche im Schu!cha»-Arnch steht und richtig erfaßt, sittlich verwerflich wäre. Wohl ist cs uns möglich, in manche» Punkten unsern jetzt lebende» Mitmenschen gegenüber mehr Vertrauen und Liebe zu zeigen: aber da« macht un« nichi besser, noch u»sere Väter schlechter. Vielmehr sind unsere Mitmenschen besser geworden u,id da» bringt sie un» näher.") Immerhin wird in religiöser ritueller Beziehung eine *) Wen» dieser Satz, wie e« scheiin, ein Angriff aus Diejenige» sein soll, die sich in sreimuthiger Weise in diesem Blatte über da» deregt« Thema ausgesprochen haben, so muff ich denselben al» ungerechi zurückweisen. Der Herr Autor muffle vorau«sepen, da ff Jene vielleicht — nach seiner Meinung — sich geirrt haben können, aber einzig un» allein vom Drange nach Wahrheit deseeli, ihr« Meinung geäuffert haben. **) Wenn dieser Sah nicht da» besagen will, wa« in einem srühere« Aussatz« al» vollkommen hinreichende Erklärung sllr da» Unliebsame im Talmud betont wurde, wonach wir in der Thal well davon entsend sind, unsere Väter für schlimmer zu halten, al» wir sind, sondern s« eben nur nichi al» Engel, sondern al« Menschen gelten zu lagen, da bet aller ethischen Lauterkeit doch nur menschlich gefühlt — ich sage, wenn nicht die« in diese« Satze gesagt werden wollte, so ihm es mir leid, leinen Sinn nicht fassen zu kännen. Oder sollt« etwa die Belm»« de« Gebote«: „Liede Deinen Nächsten wie Dich selbst" sich danach de stimmen, wie dieser Nächst« seinerseits diese« Gebot gegen «ich ersülllk

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