Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 14.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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— 108 — Gnesen, Hamburg. Hannover. Jnowrazlaw, Koschmin.Lissa.Ostrowo.Rawicz. Trier. Dreschen. Daß nicht mehr al« etwa 200 Gemeinden dem Gemeindebunde angrhören, finden wir freilich bedauerlich und hat wohl seinen Hauptgrund weniger in der Höhe de« Betrage«, al« in der Indolenz der betreffenden BoZtäude. Materielle und moralische Bedeutung wird der Bund erst gewinnen, wenn er auf die doppelte und dreifache Anzahl.von BundeSaemeinden zurückschauen darf. Dogmatische und rituelle Bedenken bilden, wie eben gezeigt, wahrlich kein Hinderniß, wohl aber da« mangelnde Verständlich und die Indifferenz vieler Gemeinden, gleichviel ob sie orthodox oder aufgeklärt sich nenne». Ganz Schlesien z.B. zählt nur 14 Bundesgemeinden: Bernstadt. Breslau. Brieg. Creutzburg. Görlitz, Hirschberg. Leobschutz. Liegnitz. Lublinitz. Münstrrberg. Neustadt, OelS, Schweidnitz und Lohrau. Wie spärlich ist O b r r schlesien. trotz seiner vielen und reichen Gemeinden vertreten'? Fünf ganze Gemeinden sind bi« jetzt dem Bunde beigctrcte», darunter auch nicht eine einzige Grobgemeinde. B e u t h e n O.-S., Gleiwitz, Kattowitz, Mytlowitz. Oppeln, Neiße. Ratibor, Tarnowitz gehören z. B. dem Gcmrindebunde noch nicht an, von mittleren und kleineren Gemeinden wie: Grob - Strrhlitz. Eosel, Berun. Nicolai, Loslau. Plcß, Rhbnik, Prriskrctscham, Tost, Königshütte, Zabrze u. f. m. ganz zu schweigen. Wa» dem Äemeindebundr in seinem vitaliten Interesse Noth thut, ist eine rührige Propaganda. Vertrauensmänner. auswärtige correfpoiidirendr, auberordentlichc und ordentliche Mitglieder müssen m allen Ihcilen de« deutschen NeicheS, auch da, wo auch noch so kleine Gemeinden sich finden, mit den Aufgaben de« tycmcindcblinbes besagt iverdrn. Es fehlt an solche» Männern nirgends. Man muß sie suchen und mau wird sic finden. Selbst eine gewisse Dccentralisation darf die oberste Leitung nicht scheuen, wenn sie in allen Thrilen des Reiche« die meisten 1>temel»den um ihren Bund schaaren will. Möge unsere Anregung zur Ehre der deutschen Iudenhcit und zum Heile ihrer oft im Argen liegenden Gemeindeverhältnisse auf fruchtbaren Boden falle». Einigkeit macht stark! . W. Zu» Sommer», 30. März. <Or.-Eorr.) Herr Stöcker in Berlin ist l>ckanntlich ein Mann, der Gottes Wort verkündet. Er ist sogar Hofvrediqer. von dem man wohl auch annchmen kann, dag er die Bibel kennt. Ist dieses der Fall, dann möchten wir ihn auf einen Bers des neuen Testaments anfinerkfam niachc», der da lautet: „Eure Rede fei ja ja, »ei» »ein, was darülvr, ist vom Nebel". Wie verhält sich nun der :Herr Hofprcdigcr zu diesem Ausspruch des Stifters feiner Religion'? Man sollte doch eigentlich meinen, er trachte nur darnach die Wahrheit zu verkünden und zu sprechen und nichts mehr als die Lüge zu verabscheuen. Run aber ist schon oft dem Herrn Hofprcdigcr im Parlament sowohl, wie in Versammlungen und auch in , der Presse nachgewiesen worden, dag nicht alle seine Behauptungen auf Wahrheit beruhen. Auch heute ist wieder zu conttatiren, dag einer seiner Aussprüche mit der Wahrheit in starken Eonflict gekommen ist. Den Lesern dies. Blattes ist die Debatte im Abgeordnetenhanse noch erinnerlich, die aus Anlab der Interpellation Zelle über die Neustetnner Vorgänge stattfand. Mit grobem Pathos verkündete damals Herr Stöcker: Im Vorstande der Neustettincr Shnagogcn- Gcnieinde sitzen bestrafte Subjecte! Nicht minder wie Sie, j Herr Redactcnr, waren wohl Alle über die Ungeheuerlichkeit f dieser Thatsachc erstaunt und mit Recht mußte man sich wohl fragen, wie kommt e«. daß die Künigl. Regierung diese i Leute al« Vorsteher bestätigt hat'? Doch wie gesagt, der Herr | Hofpredigcr hat sich wieder einmal — geirrt, wa» ja bei ihm! öfter vorkommt. Die „Voss. Zeit." bringt heute über diese! Angelegenheit folgende verläßliche Notiz: »Au« zuverlässigster! Quelle erfahre ich, daß vom Vorstande — 3 Personen gehören dazu — der Vorsitzende Herr Löwe, nie besttaft und seit 24 Jahren in der Gemeinde-Verwaltung thätig ist. Herr Freundlich wohnt seit 22 Jahren in Neustrttin und hat sich während dieser Zeit n i e etwa» zu Schulden kommen lassen. E« ist auch nie bekannt geworden, daß er v o r dieser Zeit eine Strafe erlitten hat. Da« dritte Mitglied de« Borstände«. Herr Rosenberg, ist vor 6 Jahren zu einer Geldstrafe, die aber durchau« nicht« Ehrverletzende« an sich hatte, veruriheilt worden". — Dürfen wir von der Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit de« Herrn HofpredigerS erwarten, daß er so schnell al« möglich von der Tribüne de« Parlament« au«, von der herab er obige falsche Mittheilung gemacht, verkünden wird, daß er sich geirrt habe und e« unendlich bedauere, Nebenmenschcn durch eine unwahre Behauptung öffentlich beschämt zu haben.*) Ihm ist doch wohl auch da« biblische Verbot de« alten Testaments: „Du sollst keine falsche Kunde weitertragen", heilig. Stettin, 21. März. (Or.-Corr.) ES wird in jetziger Zeit >o oft über den schwachen Besuch unferer Gotteshäuser geklagt und e« wird dieser oder jener Grund al» Entschuldigung dafür gesucht. Dieser hat ke»nr Zeit dazu. Jenem paßt dir Art und Weise des Gottcsdienttes nicht, einem Andern ist er nicht reiormirt genug und einem vierten ist er wieder zu viel rcsormirt. Es allen recht zu machen, ist eben schiver; wer aber Lust und Liebe ibcehaupt noch zum Gottesdienst fett, der setzt sich über Alles diese» hiinveg und nimmt eben den Gottrsdienst so, wie er geboten wird. Die jetzige Zeit und Erziehung ist viel Schuld daran, wen» unsere Gotteshäuser nicht mehr so gefüllt sind, wie srül>er und leider gehen sehr oft die Eltern ihren Kindern mit dem traurigen Beispiel voran. Von den Eeremomen wollen wir hier ganz abselren; da ist alvr da» Erlernen de» Jüdischen Vielen ein überwundener Standpunkt. Wozu brauchen meine Kinder da»'?, — hört man oft sagen —, das nützt ihnen doch nichts. Da muß französisch, englisch, lateinisch, griechisch. Musik tc. gelernt werden und für das Jüdische bleibt natürlich keine Zeit übrig. Die gute, alte Zeit, da der Vater mindesten» allsabbatlich seine Kinder zum Tempel »utnahm, ist längst vorüber; der Unterricht am Sonnat'cnd darf jetzt nicht versäumt werden, da der Schüler sonst zurückbleibt. Und wie viele von den Eltern gehen denn noch zum Tempel? Sehe» wir »n« doch unsere Shnagoge» des Sonnabends an. c» sind noch dir wenigen alte» Leute, die von ihrer Kindheit an tarn» gewöhnt sind und die dafür sorgen. daß noch Minja» ist. Und bei diesem Vorbild wird die Jugend grotz, sie sieht zu Hause nichl» Jüdisches und iveiß nicht, da sie eben nicht febräisch lernt, was sie im Tempel feginnen soll, ivenn sie wirklich einmal hinlommt. Und was man in der Jugend nicht thut. das thut man im Alter destimmt nicht; in dieser Beziehung ist also die Zukunft recht traurig und betrübend für uns. Wir könnten uns hierin die Katholiken und Evangelischen als Beispiel nehmen. Sehen wir un» z. B. unsere Universitäten an, da bilden sich Vereine christlicher und katholischer junger Leute, von einem Verein jüdischer junger Leute, die sich der Pflege ihrer Religion angelegen sein lassen, haben wir noch nichts gehört, lieber unsere .jüdische Studenten" ließe sich Vieles sagen. Sobald sic die Universität beziehen, streifen die meisten von ihnen alle» Jüdische ab, was ihnen noch anhaftct und sic würden nicht» lieber thun, als auch ihrem tyesich« eine andere Fayon und eine andere Farbe geben. Jetzt sind sie ja fiel, jetzt stehen sie ja nicht mehr unter väterlicher Aufsicht, der sic noch in so mancher Beziehung Rechnung tragen mußten. Und wenn der Herr Studiosus dann nach Hause kommt und kramt dem lieben Papa seine Weisheit aus, dann wird Letzterer stolz aus seine» gelehrte» Sohn und giebt ihm Recht in seinen Ansichten. Alle« Jüdische ist ihm eine terra iuoogoita, er macht sich lustig über jüdische Sitten und Gebräuche und verlacht Tempel und Gottesdienst. Verkehr mit Juden hat er nicht, er verkehrt nur mit Herrn von .* und Herrn von U und gleich ihnen verlacht er alle» Jüdische. Und nachher, wenn solche Herren in Amt und Würden sind, al« Richter, Rechtsanwalt, Lehrer, Professor re. rc., ja dann dürfen sic •) Wird der Aeusrrttiner Vorstand beim Präsidium de« Abge ordnerenhause« nicht den .Widerruf" beantragen? iRed.)