Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 11.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 82 — jeder Vergleich in dieser Richtung nothwendigerweise hinken, weil die herrschende Majorität nirgend« und niemal« mit gleichem Matze gemessen wird wie die geringe Minorität; diese hat vielmedr, wie die Geschichte und die gegenwärtige Ersahrung zur Geutige lehrt, trotz ihre« dreitausendjährigrn Bestehen« immer wieder von neuem ihre Berechtigung wie ihre religiösen, ethischen und moralischen Grundlagen nachzuweisen, zu rechtfertigen und von entstellenden Ansätzen zu reinigen. Ein zweiter höchst wichtiger Gegenstand der Berathung auf einer Konferenz oder besser einer Synode von Rabbinern. Vorstehern und gebildeten Laien, deren baldigen Zusammentritt ich für dringend nvthig halte, ist der schwache Synagogenbesuch in der Gegenwart, der, wie ich in meinem jüngsten Artikel in der Wochenschrift: Mahnwort an die Grotzrn in Israel* nachdrücklich betont habe, in einem Besorgnis erregenden Grade den Bestand unserer Religion bedroht. Juristen, Acrztc, Journalisten. Banquier«. kurz die gebildeten Elemente besuchen wenig oder gar nicht die Synagoge und kümmern sich nicht darum, wa« und wie da gebetet wird, ob der Gottesdienst fähig ist oder nicht, bildend und veredelnd auf die Glaubensgenossen einzuwirkcn. — — Andere höchst dringende Fragen mutzten sodann bezüglich de« Religionsunterrichts und de« häuslichrn religiösen Leben« erledigt lverden. Denn wa« nütze» die jährlichen Lehrerversammlungc» in allen Thrilen Deutschland«, wenn die Beschlüsse derselben von den Rabbinern und Vorstelfern nicht sanktioniert werden, und. wenn dir» auch geschähe, wahaben die Berathungen über Normalpläne, die Einigung über Maximum und Minimum de« Lehrstoff», die Methode re. für Werth, solange da« Hau» der Hemmschuh. ja oft geradezu der notorische Widerpart derselbe» ist? Da« sind Materien, die a l l r wohldenkende» Rabbiner, Vorsteher und gebildete» I»raelite», welcher Partei sie auch immer angehöre» möge», iiiicressircn müssen. Scho» vor dreihundert Jahren ist eine Jnstitniio» im Iudenlhum in'« Leben getreten, dir sich al« höchst nützlich und segensreich enviese» hat. Arge Schmähungen polnischer Schriftsteller rüttelten die J«rarlitk». welche sich zue Zeit in Polen in günstiger Lage befanden, an« ihrer Lethargie auf, aber bevor noch diese Gelfässigkeit g» öftere Dimensionen angenommen, haben die Länder Groftpolen, Klrinpolen und Rruften regel» mäßig wiederkrhrende Synode» an Hauptmeftplätzen veranstaltet, welche den Gemeinde» eine einheitliche Gestaltung, Kraft und Ansehen »ach Innen und Autzrn verliehe». Solche rrgrlmätzig wiederkrhrende Synoden, ivclche über die wichtigsten obschwebenden Fragen in Gemeinde, Schule und Synagoge, über Abwendung von drohenden Gefahren, einheitliche und ztveckmäftigc Verwendung von Unterstützungsgeldern re. normgebende Beschlüsse zu fassen hätten, sind eindringende«Bedürfni« unserer Zeit. Berlin. Magdeburg. Leipzig kämen dabei al« geeignete Mittelpunkte zunächst in Betracht, und wir sind überzeugt, daß alle gröberen jüdischen Gemeinden solche Versammlungen in ihrer Mitte sympathisch begrüßen würden. Ich schlietze mit der Hoffnung, daß diese hier genügend motivirte Anregung nicht auf unfruchtbaren Boden fallen wird, und erinnere an da« für un« beherzigenSwerth« Schiller'sche Wort: .Iheuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen, Zeig« mir der Freund, mal ich kann, lehrt mich der Feind wa» ich soll.- Meiningen. Landrabbiner Dr. Dessauer. Nachbemerkung der Redaktion. Da«Bedürfnitz einer gemeinsamen Besprechung gewisser. da« Judenthum berührenden brennenden Zeitfragen, ist in den letzten Monaten ron gar vielen Rabbinern empfunden und in kleineren Kreisen bereit« besprochen worden. Die .Wochenschrift" hat demselben auch schon in mehreren Artikeln Ausdruck gegeben; hoffentlich führen die von so vielen Seiten kommenden Anregungen endlich zur Verwirklichung de» spruchreife» Gedanken«. Bezüglich der Frage, ob Synode» oder Rabbiner- Versammlung. scheint die ülirwiegende Anzahl von Eollrgen, mit denen ivir eingehend diese Frage besprochen, für letztere zu sein, und wäre ein Zusammengehen aller Parteien in den Hauptfragen natürlich sehr erwünscht. Da«selbe wird unsrrerscit» angesirrbt. Wir hoffen vielleicht schon in nächster Nr. in der Lage zu sein, Nätfere« darüber zu bringen. Zum Lch«lchan-Aruch»Thema. tFortsepung.») Ziehen wir die Summe de« Bisherigen. Wir müssen durchaus nicht daraus bestehen. drrSchulchan» Aruch habe unter EV 2? und lediglich Heiden gemeint. Wir räumen vielmchr ein, daß. wie im harmlose» Ritual auch in der Moral möglicher Weise Ehristen gemeint waren. Aber nicht uns allein, sondern vielmehr die römischen Heiden und die mittelalterlichen Ehristen beschämt diese Wahrheit. Denn sie l»aben durch ihre »»menschliche Behandlung den Juden in drin Wahne bestärkt, al« ob der Mosai«mu» in seinem Gebote der Liebe und Gerechtigkeit eine» Unterschied zwischen Mensch und Mensch gestatte. E« war darin schreiender Widerspruch gegen die Fundainentallrhre von dem einzigen Gotte, dem einzige» Pater aller Menschen, alseine Kinder, ein Widerspruch, de» der lalmud selbst an jene» herrlichen Stellen, >vv er im Gegeiisatz gegen anderweitige Akutzernnge» in so unvergleichlicher Weise die Eonsequenzen jener Lehre zieht, ueranschaiilicht. über den er aber, immer wieder hinabgrzoaen durch die Blrigeivichir von außen erfahrener Brutalität, sich nicht zu erhebe» vermochte. Die Zeit solcher beklagenoiverthe» Blindheit über den Werth »nfere« ureigenste» Besitze» ist »un, dem Himmel sei Dank, für »»»irr vorül>er. Der erste sonnige Strahl erwachender Wissenschaftlichkeit hat genügt, un« für immer und völlig von jenem Jrrthum auch theorethisch zu befreien, dem praktisch unsrrr Herze» nie gehört habe». Wie Israel einst für immer vom Götzendienst gereinig» au» Babel heimkehrtr, so ist auch da« he»tige J«rael nach dem langen Babel de« Mittelalter« zu der einzig wahre» Auffassung seiner Lehre gelangt und wird dnrch keine Macht mehr -von ihr abgebracht lverden können. Ma» durchforsche doch dir Rrligionsbücher. au« denen heute allgemein die jüdische Jugend unterrichtet wird, ob sie nicht an Reinheit der Moral, an Duldsamkeit und echter Menschciilirbk den entsprechende» Bücher» aller Religionen mindesten« ebenbürtig zur Seite stehe». Man wird darin auch manche Talmudstelle» finden, aber ivelche Perlen sind da«! — von einem sittlich religiösen Reingebalt, um,de» un« manche« nichtjüdische Rrligionsbuch beneiden könnte. — Wir sind jetzt in der Lage, mit logischer Folgerichtigkeit die Richtung abzuleiten, welche eine mit Recht al« dringend bezeichnete Revision de« Schulchan-Aruch nehmen mutz. Diese Richtung selbst ist wohl schon mit voller Klarheit gezeichnet worden: strenge Scheidung der ethischen von den rein rituellen Vorschriften. Richtig; aber au« der zu Grunde gelegten Distinction zwischen DT'29 und Ehristen nicht ableitbar. Diese Distinction zwänge un» ») S. 76* Z. 14 v. o. I. nMPIO statt -fflno. ib. Z. «i ». u. l. drang statt dränge, 3.76b Z. 32 I. de« Judenthum« statt da» Iudenlhum, Id. Z. 37 l. Momente statt Monumente.