Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 10.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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— 78 — sich mehr als 1 Mill. zum jüdischen Glauben. davon dir größte Mrhrzahl al» Proselyten; in Antiochia bauen Proselyten die prachtvolle Synagoge, in DamaScu« treten einst an einem Tage 400 Frauen über. Auch unter der Herrschaft der Römer bauen dies Anwachsen fon und nach wie vor sind egerade die einflußreichen Classrn, welche sich dem Proftlytismu» zuwenden. So kommt es. daß selbst in den Staatögesetzen auf die religiösen Einrichtungen der Juden Rücksicht genommen wird, so sehr. daß die rüniischen Schriftsteller über den Einfluß der Juden zum Thril bittere «läge führen. Ganz anders wird dies plötzlich von der Mitte des 2. christlichen Jahrhunderts ab; da hört das Profelytenthum plötzlich auf, freilich ohne daß unS irgcnd eine dirrcte Ursache dafür überliefert worden wäre. Redner findet aber bei Betrachtung der damaligen Zeitlage diese Ursachen cincSthrilS in der feindlichen Stellung, die seil dem Aufstande unter Hadrian das Cacsarcnthum gegen dir Juden einnahm, andererseits in der Ausbreitung des Christenthums. welches dir Proselyten umso leichter zu sich herüber zog. als es sich mit dem Bekenntniß zu bloßen Glaubenssätzen begnügte. Seitdem und auch heute noch nimmt Israel dem Profclytismus gegenüber wieder die alte Stellung rin; man wird Niemanden, der von innerer Ueberzeugung getrieben konimt, zurückweifen, man wird aber auch nichts thun, um irgend Jemand jherübcrznzichen. Der interessante Vortrag erfreute sich des lebhafleften Beifalls der Zuhörer. Geister reich Ungar«. Z8te«, 2. März. (Or.-Corr.) Ihr Korrespondent ist e« sich und Ihrem unabhängigen Blatte schuldig, die offizielle Erklärung des hiesigen Eultusvorstandcs in Nr. 0 der „Wchjchr." über die ausgeschriebene Predigerstcllc nicht auf sich beruhen zu lassen. Das Commu»iqu5 de« hiesigen Vorstandes in Ihrem Blatte lamet ganz anders als die Parole, die hier bezüglich des dritten Predigers ausgegcben wurde. Diese hier verbreitete Parole hich .Hilf» Prediger". Dieser hätte eventuell zu sungirci:. wo es nöthig fein sollte. Ob diese Dnplicität ui der „iiiiierii" und „auswärtigen" PolirikunfercS Vorstandes zu bi l ligc» fei, will ich heute nicht weiter prüfen: eine Frage aber erlaube ich mir an die Herren am grünen Tische zu richten: Wenn inan von Anfang an auf eine Kraft ersten Ranges refleetirrr, warum hat man rin jährlich«» Gehalt von 2400 Fi. für dir neue Prcdigerftrllc sixut? Ist es der Wiener Eultusgemcindc würdig, eine Kraft ersten Ranges zum Prediger zu berufen und ihm nicht einmal eine solche Lumme als bestimmtes Einkommen jährlich zu normiren, welche zur Deckung der aUcruülhigsten Bedürfnisse einer Familie hinreicht? Was ist ein Gehalt von 2400 Fl. im Verhältnisse zu den hiesigen Preisen für Lebensmittel und Arbeitslohn? Entspricht es der Würde der Wiener Gemeinde, da« ihr Prediger auf „Trinkgelder" angewiesen fein soll, um die Ausgaben des Haushaltes zu bestreiten? In gut informirten Kreisen wird der modut procedecdi in der neue» Prcdigeraffaire so erzählt. Die intimsten Freunde deS Herrn Or. I e l l i n e k im Collegium der Vertreter. haben unter dem plausiblen Motiv, demselben nöthigcnfalls eine Erleichterung in der Führung seines Amtes zu bieten, dem Gesammworftande den Antrag gestellt, noch einen Prediger zu berufen; in dieser Intention fand er Zustimmung und wurde ein JahreSgehalt von 2400 Fl. normirt. Wie sehr rasch änderte sich da« Terrain, es schoß auS demselben eine Straft ersten Range« mit einem langen Programm empor, die jährlichen 2400 Fl. aber blieben stehen! Das ist kein Gehalt für Wien und begründet nicht den vielsagenden Anspruch auf eine Kraft ersten Range«. Auf da» statistische Argument und auf das autodratische Programm de« verehrlichen Vorstande«, deflen Devise lautet: „Die Gemeinde bin ich" werde ich nächstens zurückkommen. Nest, 1. März. Ministerpräsident Tißa hat wieder ein, — da« dritte — Rundschreiben gegen den Antisemitismus an sämmtlichc Munizipirn de» Lande« am 24. Febru gerichtet. E» lautet: „Aus verschiedenen Theilen de« Lander ist mir die R« richt zugrkommen, daß die Agitationen zur Verbreitung tx Grhäsligkeit zwischen Raren und Konfessionen u, zur Störung de« friedlichen Zusammen leben« dc selben in neuerer Zeit wieder begonnen haben und the, mit gewissen loser Bewußtheit, thrils mit stra licher Unbesonnenheit betrieben ivcrdr». Dieser Umstand macht es mir zur Pflicht, unter Bczu nähme auf meine Citkular-Verordnunge» vom 2. Oktal, 1862 und 28. August 1883 das Munizipiui» hicmit auf; fordern: die gegen welche Konfession immer, gegen welch im Lande lebenden Stamm immer auftauchenden Agitationc mit bvr wachsamste» Aufmerksamkeit zu verfolge», diesrld, m Keime zu ersticken, die Agitatoren selbst aber, vhc Unterschied der Perion,") mit der volle» Strrnz de» Gesetzes zu strafen, beziehungstveifc dir Pcrfügm der kompetente» Behörde in jedem einzelnen Falle unverzü lich zu veranlassen.— Die Komitats- (städtischen) Bram« und Organe sind unmrchgl.ch anzuweise», gegen solche Agn tioncn mit der größten Wachsamkeit und Energie voi zugchc» und Alles, was sic in dieser Richtung wahrnehm« oocr im eigenen Wirkungskreise verfügen, dem Munizipiu ohne Verzug anzumcldc». Von dem Munizipium aber erwai ich, daß e« von den in Folge dieser meiner Cirkular-Verordnm getroffenen Verfügungen möglichst bald, — von seinen etwaig« Wahrnehmungen und de» in Folge derselbe» getroffen« Maßnahme» von Fall zu Fall mir auSsührliche» Bern erstatten werden. Budapest. 24. Februar 1884. Tißa." 3W, 24 Februar. Dir >«r. Religionsgemcinl hielt heute um 10 Uhr Vormittag« unter Vorsitz Mvn W a h r m a n »'S ihre vrdriitlichc Generalversammlung ad. T Präsident wie» in feiner Eröffnungsrede auf de» bedauerlich Umstand hin, daß die Gemeinde nicht auf jenem Niveau stell auf ivelchcm sic al« erste israelitische Kultusgcmeinde Ungarn stehen sollte. Dann zählte er die Reformen und Maßnahme auf, welche auf dem Gebiete de» Religionsunterrichte», fr Spitalsui'd Armenivesciis in'« Leben treten sollten. A> rine der Hauptaufgaben der Kuitusglnncliidc bezeichnete - die Unterstützung der wissenschaftlichc» und literarischen Wnl samkeit der Jude», was lebhaften Anklang fand. Dem Jahr« berichte entnehme» wir, daß ein besonderer Jugend-Gone« dienst eing.fuhrt wurde und daß das neue ungarische Tempo Gesangbuch iin Lause diese» Jahre« erscheinen dürfte. D Gemeindeschulc werde von 967 Zöglingen besucht. Bezügl» de» Religionsunterrichts wird eine radikale Rcorgaiiifalio angcstrebt werden. Mit Winterkleidern wurden 380 unk mittelte Schulkinder versehen. Ausstattuiigsbriträge wurde an vier Brautpaare & 200 fl., an 27 L 100fl., an 15 4 50fl zusammen also 4250 fl. verthcilt. Im Spital wurde 8038 Kranke ärztlicher Pflege theilhaftig. Im Knaben-Waise» Hause befinden sich 58 Zöglinge, im i«r. Taubstummen-Ins»» 60 Zöglinge, darunter fünf rümisch-kacholische. DaS Rabbim verhandelte 129 ScheidungSproceffe. 13 rituelle Ehescheidung^ und 5 Chaliza's. Auf die rasche und allen gesetzlichen Ai forderungen entsprechende Matrikelführung wurde große Soh fall venvendet. Lebend geboren wurden nach dem AuSweli diese« Amte« 1030 Knaben (881 legitime, 149 illegitime 1059 Mädchen (899 legitime, 160 illegitime), zusamm« 2089 Kinder. Gestorben sind 1381 Personen, und zwar 7S! männlichen und 588 weiblichen Geschlechtes. Trauunge waren zusammen 472. DaS Gesammt-Erforderniß ist >« 194,085 fl., die Bedeckung mit 188,045 fl. präliminirt. Dc Bericht wurde genehmigt und dann die Sitzung geschloffr» ") Braucht da« noch in einem Rcchttistaat besonder» eingesckio zu «verden? Der Herr Minister hält e« für nöthig, er muß also schliim Erfahrungen in dieser Beziehung gemocht haben; daß man die stiel»« Skandalmacher verurthrille, die großen aber lausen ließe, (med.)