Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 10.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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— 79 — I Vermischte tutb ne«efte Pachrichte«. -»«itz, 2. März. (Or.-Corr.) E« ist der dritte Att re Drama'», in dem wir »n» befinden. Zuerst fanden, hdcm am 18. Febr. 1881, an einem Freitage, die Synagoge Rrustrttin abgebrannt war. Erhebungen in Neustettin i, welche zu keinem Resultate führten. Zu zweit steht die kivürdige Verurtheilung von 5k ü s l i » vor un» und jetzt d wohl aller Wahrscheinlichkeit nach die Freisprechung Könitz erfolgen. Nicht nur aus dem Munde eine» rthcidiger». svndern anch von den Geschworenen haben selbst gehört, daß e» sich hier um ein zweites TiSzalar handle. Die Erregung unter den beiden in Betracht nnenden Parteien ist bereits jetzt eine hochgradige, nur C» die «Gegner ersichtlich nicht unter dem siegenden che». Eharattrristisch für ihren Ucbermuth ist indeß, daß Neustrttin der Zeuge Bessert bereits Brrloesurs verkauft, einen alten Juden mit dem Wanderftab in der Hand räscntiren und auf einem Täfelchen die Worte zeigen: emit bessere Dich!": innen sieht man durch eine Linse | ■ photographische Abbildung der Synagoge von Neu- | ti» und i n derselben dir mit dem Anzünden beschäftigten! Allerdings, wenn wir selbst im Gerichtssaalr das einende Auftreten der HauptbelastungSzcugrn. soweit sic bisvorgckommen, beobachtet haben, werden wir hierüber lt besonders verwundert sein Da ist namentlich der igc Pieper in aller Munde. Die Moral dieses Neuimcr Lehrers doenmentirtc sich am klarsten, als ihn der isident befragte, ob er jemals wegen eines Bergchen« im tr tiiien Brnvcis erhalten habe. Hierauf suchte sich der igc in einer Weise l>craiiszudrrhcn und opcrirte derartig der jusuitischen reservatio mentalis, daß ihn der isident vrnvarntc, sich nicht unglücklich zu machen. — ^eugc wurde ohnmächtig aus deni (Gerichtssaalr hinaus geführt. Mit diesem echt theatralischen Eoup schließt die isrnehmung des Hauptl>elastinigszciigeii am gestrigen Tage. — Im (Gegensätze zu den korrupten Subjekten, welche sich »ach Jahresfrist zur Zusammenholung von Anklagemomeiitkii veieiiügt hatten, machen die Angeklagten einen günstigen Eindruck. Dieselben stehen alle noch unter dem Druck der bekannten RcuslcNincr Verhältnisse, deren Spiegelbild die einzige dort erscheinende Zeitung, die berüchtigte „Norddeutsck)c Presse", ist — allein ihre Aussagen sind llar und bestimmt. Dir Geschworenen werden zu der llcberzcugung konimcn, vielleicht daß eine vorsätzliche Brandstiftung stattgesunden hat, sic sehen aber lvreits jetzt klar, vag die Hejdcmann's die Brandstifter nicht sind. Die Hauptenlwickliuig dcS Dramas wird mit den Enthüllungen des Kriminalkommissars Höst beginnen. Könitz» 4. März, 12 Uhr 3T> Win. Nachdem der Berttzeidiaer l)r. Srllo in deutiaer Sitzung mevrerr Au»sayen des Hnuplbelnstung»- zrugen Buchholz und dessen Frau dal ausdrüitlich pr?tok»Uiren lajien, beantragt dieser Vertdeibiger, den X riininalkommiffariu» (löst au» Berlin darüber zu vernehmen, das, diese Au»sagc», namenilich bezüglich der Zündschnur, unwahr seien. Xommissar Höft deponirl. er sei im Aufträge de» Minister« de» Innern und mit Zustimmung de« Justizininister» nach Neu kielt in entsandt und habe u. 21. auch den Buchholz vorladen lagen. Derselbe habe am 2t. Februar er. Mittag» erklärt, er wisie weiter nicht», «i» wa« er schon in 1tö»lin au«gesagl. Abend« gegen 8 Uhr sei Buchholz abermal« bei ihm erschienen und zwar taumelnd und total betrunken, habe ein Stück Zündschnur «da» zu den Akten eingerrichte) au« der Hosen lasche herau«geholl und dabei gerusrn: »Jetzt haben ivir'«, nun ist'« derau», damit haben die Juden dm Tempel angesteckt Ta« ist eine Zündschnur, die Hab« ich am Tage nach dem Brande gesunden, al» Benha Hilger nach einer Mark suchte. Jetzt sollen die Juden hängen. Meine Frau war auch dabei." Höst «einte: .Warum haben Sie denn da» nicht schon in tkö«Iin angezeiar?" Buchholz erwiderte: .Tie Juden lagen ja schon genug drin, die brauchten da« gar nicht mehr!" De« Weiteren sagte Buchholz: 7Jch habe die Zündschnur damal« in eine Ledenasche gesteckt und erst "n Sommer 1883 wieder gesunden und jetzt bringe ich sie her. Ich bade mit dem Schmid Winnegge versuche mit der Schnur angestrllt, r>n Stück abgeschnitter: und angezündet, da war Pulver drin. Höft lieh am selben Abend noch den Winnegge kommen, der aber so total betrunken war, daß eine Berhandluug nicht möglich war. Am nächsten Morgen kam Winnegge, abermai» ziemlich angetrunken, und bestäligie die Angaben de« Buchholz. Die Frau de« Letzteren, welche Herr Höst ohne Wisien de« Buchholz kommen lieh, gab zu Protokoll, das, sie dabei gewesen, al« da« Dienstmädchen Hilger ein Spind absuchte, aus welchem ihr Mann die Zündschnur gesunden habe. HS st deponirt serner noch, das, er, al» sich Buchholz bei einer der solgenden Vernehmungen über die Zeitversänmnis, beschwerte, bemerki habe, der Zeug« werde au« Slaaissond» dasür entschädigt werden. Buchholz erwiderte: »Nein, da» duldet Ehinke (sein Brodhcrr) nicht, der wird mich icho» schadlo« halten". Buchholz, dessen Frau und Winnegge bestreiten im Wesen! licht» sämmtlich« Depositionen Höst«. Buchholz will natürlich ganz nüchtern gewesen sein und ganz Andere» gesagt haben. Ueber da« an gebliche Aussinden der Zündschnur in Gegenwart de« Dienstmädchens Hilger enspinnt sich eine Szene zwischen der Hilger und Buchholz, der Letztere erhält da» Fragerecht an die Zeugin und beginnt nun mit grostem Ausivande von siltlichem Pathos: .Aber, Bertha, erinnere Dich doch, wie Tu da» Spind abräumlest und die Mark suchtest" u. s. w. In diesem Tone probin Buchholz eine Weile fort, bi» die Hilger ihrerseits da» Bon nimmt und ausrust: .Aber Buchholz, da» ist ja Alle» erlogen." Präsiden! izu den (tzeichworenenl: Sie sehen, meine Herren, hier steht wieder Aussage gegen Aussage, Eid gegen Eid! Wer Recht hat, muffen Sie entscheiden! (Zu den Zeugen.) Einer von Euch beiden ist meineidig. Bertha Hilger: Ich nicht! Buchholz: Ich anch nicht! Aonih, 4. März. In der NachmittagSsitzung wurde daS Zeugenverhor fortgesetzt. Einer der HaupbclastungSzcngcn. Schiihmachcr Graiser, hielt bei Beginn seiner Vernehmung einen Zettel in der Hand, auf welchem er eine Reihe Sätze nicdergcschricbcn hatte, die die Anfänge seiner Aussagen bilden sollten. Der Präsident ließ ihm den Zettel sofort abnchmcn. Deni Lehrer Pieper wurden mehrere Widersprüche seiner Aussagen mit denen anderer Zeugen nachacwicseii. Mehrere Stunden nahm die Bcrnchmung der früheren Schiilcr Piepers, meist noch unmündiger Knaben >>, Ansvruch, welche sich fast unausgesetzt in ihren Aussagen wicdrrsprcchcn. Die Verhandlung dauerte bis 0 Uhr Abends. 8p. Au» der ^Ißeinprovinz. Die Unterstützungskasse des israelitischen LehrervcrcinS für Westfalen und Rl>eitiprvvinz nniimt Dank seiner zahlreichen Freunde und Gönner einen immer größeren Aufschwung. So sind der Kasse nach dem Jahresbericht pro 188.') an größeren Beiträgen 1700 Mark zugrflossen. (1000 Mark Legate der scl. Ww. Vogel sang in Dortmund, r*00 Mark Geschenk des Herrn Daniel M. Ganz in Herford beim Tode seine» sei. Vaters, 100 Mark von dciitselbeu bei seiner Verlobung und ZOO Mark Geschenk der Synagogen-Gemein de Essen.) Die Gesammtkinnahme pro I88Z betrug 7050,38 Mark. Doch ist der Verein gcnöthigt geivescn, den UnterstützungSantheil für das Jahr 1884 auf 57 Mark (gegen 00 Mark des Vorjahres) zu ermäßigen, da dir Zahl der UnterstützungSbercchtigten um drei Familien gestiegen ist. Wir brauchen wohl kaum nochmals den Wunsch auszusprechen, daß unsere GlaiibenSgeiiossen, besonder» im Rheinland und Westfalen, der genannten Untcrstützttngskasse recht oft in opferwilliger Liebe gedenken mögen. Sohr"» H.S. Am 24. Februar feierte das Bernhard Loewc'jchc Ehepaar das Jubiläum seiner 50jährigen Ehe. Herr Rabbiner vr. Deutsch überreichte dem greisen und rüstigen Ehepaare ein Handschreiben au» dem Geh. Civilkabinet Sr. Majestät de» Kaisers sammt der Ehejubiläum»- Medaille und eine kalligraphisch-geschmackvoll ausgestattete Adrefie im Namen der Synagogen - Gemeinde. Auch die Vertreter der Stadt beglückwünschten das Jubelpaar, welches von Kindern und Kindeskindern, von Verwandten und Angehörigen der Bedeutung des Tages gemäß mit Kundgebungen der Freude überhäuft wurden. SPMj, 4. März. Rohling hat auf die Professur an der hiesigen deutschen Universität resignirt (!) und soll einen Ruf (?) an die Akademie zu Münster erhalten haben. In der Kosakenstadt Browary wurde den 2 jüdischen Weinhändlern verboten, die Schenke fortzuführen. Neu — da wird gewiß der Mäßigkeitsverein floriren! Nicht doch, an ihrer Stelle ist von der Gemeinde acht Russen gestattet worden, neue Schnapsbuden zu eröffnen.