Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 10.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 75 — brr Zrrstörung Jerusalem» an durch Babel bi» an dir Schwelle diese» Jahrhundert» von drn Bölkrrn erfuhr, drängte geradezu srinrn Geist immer tiefer in da» grwaltigr Mißverständniß, als ob dir politisch theokratische und geschichtlich bedeutsam providrntirllr Stellung, wrlchr drin biblischen Staate Alt- JSroel» grgrnübrr drm polytheistisch entsittlichten Heidenthum grbotrn ward — auch übrr jrnr Zeilgrenze hinaus eint fort* dauernde, allgrmrinr Geltung beanspruche. Dir» eine große Mißverständniß aber gebar eine Unzahl anderer; so wir, um bei drin obigen Beispiel zu bleiben, dir Erlaubniß. einen von einem Heiden verlorenen Gegenstand behalten zu dürfe:!, durch eine unverantwortliche Auslegung au» dem Berse: -pn* nTSK SsS hergeleite» wird: K ">C TITO in* "pixS o.i:1? nno Es mag d>ese Besiimmlinq wen immer im Auge gehabt hoben — in jedem Falle iitnfs sie als verwerflich und dem Geiste der Thora zuwider angesehen werde», welche bei ihrem klaren Gebote, da» Berlorene se l bst dem Fremde» wieder zu erstatten, unmöglich an eine solche Unterscheidung gedacht haben kann. Daß wir e» aber in der Hk» hier nur mit einer, durch furchtbare Erbitterung erzeugte», gewissen»aßen psychologisch erzwungene» Gegenwirkung zu thu» haben, deren Leidenschaft wuchs mit der wachsende» Unbill, die an dem Jude» ver* brochen ivard, aber eben so schnell der herrlichsten Duldung weichen konnte, je nachdem die verdunkelnde» Geivalten schwanden und die (Geister wieder jener ruhige» Denktt»ätigkeit, jener ungestörte», die Seele mit der höchsten Freude süllenden Sclbstförderung sich hingebe» durften, welche ein so günstiger Boden für die Blüthe» menschenlieltnder Regungen sind — hierfür liefern einen sprechenden Beweis einerseits jene herrlichen. einer glücklicheren Zeit a»gehörenden Bestimmungen, daß man heidnische Arme gleich jüdische» versorge, ihre Iklanke» besuche, ihre Leichen bestatte, ihnen die Grabrede halte, ihre Trauernde» tröste, ihre Nackte» bekleide, ja sogar ihre Dürftigen an de» vorschristsmasiig zurückgelassenen Theilen der Ernte gleich dem jüdischen Theil nehmen lasse, und andrerseits wieder jene 18 Verordnungen, welche die «luft zwischen Juden und Heiden so bedeutend erweiterte», aus jener, de» wildeste» Nacenl>aß erregenden Zeit des römische» Vertilgungskrieges.*) Und jene sonst zahlreich im Talmud und Schulchan- Aruch sich vorfindeude» edlen HumanitätSlehren, welche die Angreifer llümischer Weise unerwähnt lassen, was besagen sie Andere», als daß durch alles künstliche Dunkel doch das ursprüngliche reine Naturlicht der offenbarten GerechtigkeitS- und Liebeslehre sieghaft hindurch dränge und in de» glü'> licheren Momenten, da e» dem jüdische» Geiste vergönnt war. einmal eine» richtigen, ttüblosen Blick in seine Thora zu iversen, stet» eine bessere Einsicht die Erregung überivand, mit welcher früher erlittene Lchinach da» Auge uinschleierl hatte'? *> Baba Mamma 113 b tlhosch. Mischpai 206, 1. iistitn sprechenden Beleg für die im lexie aurgesprochene Al,sich!, das, die lalmudische Hüne gegen Heiden nur ei» Mifiverstiindnifi des einst ge dotenen Borgehe»» gegen die 7 ranaanitischen Böller war, finde ich in der angezogenen Liege B. Mamma 113, woselbst e« heifii: 2137 712 PAS wn 31 'om iicK i*3n3 ninia wt3k uck TpiK 1 iwk nnssn Ss nx nbrxi w nox kvw 132.1 oj'kü Jots xSi yT3 "Iidö onw jeis -fi jmj HT3X 737 131 xvn '1 'VX1N1N1V H3X 1'1'3 "110V 131 "|TIX. Es lebte also in den Möpsen die Ahnung von der Unver gleichbarteit de« Einst, wo e» einen politischen Krieg gegen die Be> wohner Palöstina» zu südren galt, und Jehl: sie wurde aber durch Erinnerung verdunkeil und ^erwachte nur, wo e« sich um den rohesten Eingriff in die Moral, wie 712 handelte. Dagegen glaubten sie, ohne Ltrupel über rTT3K N3M1 gegenüber einem 72 sich hinwegsehen zu können, ohne ju bedenken, dafi solche Unlerlaffung gieichsall«, wenn sie üderhanpi jemal» al« erlaub! galt, höchsten» jur Zeit der Krieg« sührung stalihasi war. (lator »rinn oiloot leg«». — C’eat l» Kuern! Sied.) **) €. Graeh, «esch. III, Note 26 und dessen jüngst erschienene treffliche Programmschrisi: .Die jüdischen Proselyten" L. 17. Stoch mehr! Jene beiden zeitlich und inhaltlich auseinander gehenden Strömungen, wie sie im Talmud in dieser ihrer natürlichen Geschiedenheit noch kenntlich sind, verlieren wohl im Schulchan-Aruch diese Deutlichkeit, denn hier erscheint Alles der Zeit und der Intention nach noch so sehr Heterogene principlo» in Eins verschmolzen, seines fließenden CharacterS entkleidet, zu einem Riesenkrystall gestaut. Dies beweist allerdings, daß man wissenschaftlich noch nicht zu jener scheidenden Klarheit gelangt war, welche besonders in ethischem Betracht nur da» bleibende Wahre au» dem Talmud für einen Codex verwerthet haben würde. Allein wenn man hinwiederum auf die erleuchteten ethischen Anschauungen der mittelalterlichen jüdische» Philosophen, Moralisten und Prediger achtet und wahrnimmt, wie sie allein die trefflichen Stellen aus Talmud und Midrasch zu ihren Ausführungen verwenden, kann man umhin, ein gesunde» sittliches Gefühl der jüdische» Volksseele zu erkennen und zu bewundern, welche» in seiner Weise an jener Scheidung festhielt und. unbeirrt von der unedlen Strömung, allein der edlen, als der allein jüdischen, sich hingab'? Der Autor jene» Aufsatzes in der evangel. Kirchenzeitnng.*) der die nacljexilische Liebeslehre das Judenlhnm meistert, möge doch einmal eine» Blick werfen, in jene herrlichen, von Zunz (Zur Geschichte und Likteratur, 3.130—157) angeführten Probe» jüdischer Ethiker aus der Mitte des ll. bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts (also dem dickste» Mittelalter), und angebe», wa» denn hier noch viel von jener wahren Liebe fehle, welche wir als die erhabenste Frucht vom Baume der Offenbarung erwarte», angeben, ob er nicht wenigstens denselben Ei»>"'»ck emvkangen. wie jener Professor, der. nachdem er diese Schriften kennen gelernt, )ich nicht entbrechen konnte auszurufen: .Kaum Hütte man in den damaligen Zeiten solche Sitlenlehren von Christen envarten sollen, als dieser Jude seinen Glaubensgenossen hier vorgeschriebe» und hinterlassen hat". **) Alle« wa» er in diesen Schriften vermissen dürste, wäre eine ausdrückliche und förmliche Annulirung aller ethisch unzukömmlichen Monumente im Talmud, als aus irrthümlicher Auffassung entsprungener Folgerungen — gut: trägt aber diese formelle Unterlassung der Sache etwas ab'? Nein! Den Schein nur mag sie erwecken, als ob das mittelalterliche Judenlhui» lieblos sei, während eS liebreich war. Ist die» aber nicht dem umgekehrte» Falle vorzuziehen, da man unendlich viel von religiöser Liebe sprach und da» Gegenklieil that, da man im Namen der Neligivn Barml-erzigkeit und Tai'stinu'h und Entsagung gepredigt und im Name» derselben Neligivn de» armen Juden während vieler Jahrhunderte drängte, plünderte, mordete'? (stortsetzmig folgt.» Berichte und Korrespondenten. Deutschland. Magdeburg. Der Beschluß der Vertretung der Israelischen NeligionSgemei »de zu Leipzig, der. wie wir in Nr. 8 kurz initgetheilt, im Gegensätze zu demjenigen der Berliner Gemeindevertretung die Beerdigung eines Richlinden auf jüdischem Friedhofe und zwar auf Grund rabbinischer Gutachten für zulässig hält, hat der .Jüdischen Presse" Veranlassung zu einer Philippika gegeben, die, wenn sie nicht ihrer ganzen Form nach den Stempel der Würdelosigkeit und Frivolität und dem Inhalte nach den der Verlvgmheit, Unwiffenschaftlichkeit und Inhumanität an der Stirn trüge, eine gründliche Entlarvung und Bloßstellung verdiente. Wir haben indeß gelegentlich der Behandlung diese» Gegenstandes in Berlin schon eingehend unser» Standpunkt, den Standpunkt de» im Geiste de» mosaisch > talmudischen JudenthumS sich entwickelnden Rabbi- •) Eitirt In Nummer 4, ®. 27 diese« BlaiieS. —> Punz, daselbst L. 123.