Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 10. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 10.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5369809-5935099-5938147--4987-5377248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 74 — trotz de» Geschimpfes und Gemauschel« von Cremer und Eonsorten nicht zum vollen ganzen Ausdruck zu bringen, ohne daß auch da« grschmäheteste, gehetztrste Stiefkind aller Zeiten — da« viel verfolgte Judenthum — mit einem ganz kleinen Pinselstrich dabei berücksichtigt und zur Darstellung gebracht wird, verkörpert in zweien seiner besten Söhne, in Mose« Mendelssohn und Eduard Lasker. Hieran wird auch der Brief unsere« Kanzler« an die vereinigten Staaten von Nordamerika nicht« ändern, mag man nun die so höfliche Form der „Norddeutschen Allgemeinen" oder den unhöflicheren Sinn der „Kölnischen Zeitung" dabei zu Grunde legen. Denn nicht da« Schwert allein, auch nicht in der mächtigsten Faust, bindet Völker und Stämme unlöslich aneinander, auch da« gleiche Recht mutz sie verbinden und diese« für Alldeutschland zu seinem Tbeile ehrlich und lauteren Herzen« milgeschaffen zu haben, bleibt Lasker'« unvergänglicher Ruhm. Daran läßt sich nicht deuteln, denn die Weltgeschichte ist das Weltgerichte. _ si« Mahltwort an die Großen in Israel!' I. „All' Mann auf Deck!" ruft der Steuermann in Noch und Gefahr. Gott sei Dank! so schlimm sieht e« noch nicht um un«. dab „die Wasser an da« Leben gingen", aber bei der gegenwärtigen Strömung kann dir Sturmsluth über Nacht die sorglosen Schläfer envecken. Seien wir vorsichtige Schiffer, die bei eingetretcnrr Windstille die entstandenen Schäden und Risse an Masten, Takelwerk und Steuerrad ausbessern, und geben wir unkeiner Sorglosigkeit hin. die für un« verhängnisvoll werden kann. Zu meiner groben Freude habe ich jüngst die günstigen Berichte über die ge. deihlichr Entwickelung de- Gemeindebunde» gelesen. „Alle Israeliten müssen für einander einstehen", ist da« Motto der israelitischen Allianz; wir schön, wie beherzigen»- wcrth! Ebenso erfreulich «st die Kunde, welche Ihre geschätzte „Wochenschrift" gebracht, datz einige angesehene Repräsentanten europäischer Ärovgemeindk» in Eoblenz zu einer Konferenz «usammengetretkli find, »in über die Mittel zur Abhilfe der Nothständr. unter welchen die gesammtr Judrnheit gegenwürtig leidet, zu beratlien. E« wu«dr da, wie e« Hecht, umrr Anderem hcrvorgehoben, daß in den letzten Jahrhunderte» vergessen worden sei, die ethische Fortentwicklung der Israeliten als Gesammtheit auch äußerlich. besonder« durch Schaffung eine« umfaffenden und erschöpfende» Werke« über die Sitten» lehre der Juden, zu bekunden. Diesem Mangel soll abgeholfen il-rrden. E« soll au« der Feder br'vähner Männer «ine Ethik de» Judenthum«. ein Grundbuch der jüdischen Morallrhre erscheinen, welche« mit der Klarheit de« Philo» foptsen die Wärme de« Propheten vereinigen soll. — Ein solche« Werk von einem Manne wie Lazarus al« .Hauptredakteur wird von allen treuen Glaubensgenossen, Rabbinen wie Laien, mit Freuden begrübt werden. — Doch ein Gedanke beunruhigt mich schon eine geraume Zeit, der nämlich, dab die Großen in J«rarl zu glauben scheinen. Bertheidigung«schriften, Werke der Barmherzigkeit bei Nothständcn u. dgl. reichten au«, um die kurturellc Hebung der Gesammtheit einerseits und die Wahrung de« Ansehen« derselben nach Auhen andrerseits zu bewirken. Da« genügt nicht. Die Zeit verlangt, datz unsere Führer nicht blo« hochbegabte Jude« von Geburt seien, nicht blo« „mit dem j Herzen", „mit dem Vermögen", sondern auch „mit der Seele" die Liebe zur Gesammtheit darthun. Eine Ethik de« Juden» rhum« ohne Religion, mit Jgnorirnng der Synagoge, welche doch überall noch den Mittelpunkt de« religiösen und sittlichen Leben« bildet, bleibt graue Theorie; de« sittlichen Lebengoldener Baum mub grünen und genießbare Früchte zeitigen. Unsere Koryphäen suchen höchst selten die Stätten auf, wo auf die Gesammtheit durch Beispiel und persönliche Anregung gewirkt werden kann, oie Shnagogen. E« mag sein, datz die religiösen Bedürfniffe vieler unserer Vorkämpfer in der Synagoge keine Befriedigung finden, aber ein Hauptgrundsatz unserer Ethik, jeder Ethik, ist dir Unterwerfung der eigenen Neigungen, der eigenen Ansichten, die Unterordnung der Person unter die Gesammtheit. — Ich wohne hier zufällig im aristokratischen Viertel und sehe Sonntag für Sonntag die hochgestelltesten Beamten, die Spitzen der Behörden mit ihren Frauen und Kindern in die Kirchen gehen. Ich wage nicht zu entscheide», wie oft e« au« purer Frömmigkeit und wir oft cs nur aus EorpSgeist. Anstand. Takt und Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den andächtigen Betern geschieht. Und bei un»? — Ich will wahrlich kein Wasser auf die Mühlen unserer Zeloten treiben; aber die schiefe Ebene, auf der die Religiosität eine« groben Theil« unserer Toaangcber. deren Kinder und Enkel schon da« Taufwaffcr für den socialen LebenSbalsam halten, sich bewegt, rüttelt und ernüchtert auch den denkenden Israeliten. Dieser bedauerliche Umstand kräftigt die Reiben der Zeloten am meisten. Spinoza hat eine tiefdurchdacht.' Ethik geschrieben, uud der Kundige weiß, dah die Hälfte derselben von jüdischem Geist durchweht ist. Was er da über Mitleid. Neid, Hochmulh, Seelenstälkr, Selbstbeherrschung, über die unendliche Liebe zu Gott, den Nutzen des gesellschaftliche» und einträchtigen Lebens sagt, kann jeder Jude getrost unterschreibe»; doch wer denkt an Spinoza, wenn von jüdischer Ethik die Rede ist, lebte er doch außerhalb der Synagoge, einsam auf steiler Höhe, von wo au« er nicht unmittelbar versittlichend aus seine Glaubensgenossen einwirkrn konnte. Ein selbstloser Charakter wie Lasker. der nicht de» Tagesgötzen. dem Mammon und dem eitle» Weltruhme huldigte, wäre, wenn er hie und da sich in der Synagoge gezeigt hätte, auch dort ein ansporncn» de« Musterbild gervesen, selbst wenn er nicht zu den andächtigen Betern, nur zu de» Brrather» und Stützen derselben gehört hätte. „Aus Bernunftgründtii den Menschen Hülse leisten, ist besser denn au« Mitleid," sagt Spinoza. Gehe» unsere deutschen Fürsten hierin nicht mit guten Beispielen voran? Besuchen auch sie nur einmal de« Jahre», wie dir Groben und Reichen in Israel, das Gotteshaus? Ihr Mächtigen und Einfltchreichr» dürfet den Mittelpunkt de« religiösen Leben«, die Synagoge, nicht melde»! Wir geben zu. daß viele Mibstände und Auswüchse i» Liturgie und Eulru« abschreckend auf Euch wirken, aber durch Euer Fortbleiben wuchern diese Schlingpflanze» nur »m so üppiger fort, die durch Eure Brthciligung, Euren Rath. Euer Beispiel leicht zu beseitigen »vären. Also, Ihr Groben in Israel, lieber de» Ewige» nicht nur mit „ganzem Herzen und ganzem Vermöge»". sondern auch mit „ganzer Seele, mit ganzem Ge mülhe"! „Geschrieben steht", sagt Faust, „im Anfang war da» Wort". „Hier stock° ich schon. Auf einmal seb' ich Rath und schreib' getrost: Im Anfang ivar die Thal", Meiningen. Landrabbiner Dr. Drssaurr. Aum Lchulchai,»Arnch»rhema. iForlsevung.») Wa» un« ferner bei jener Annahme unbeftirdigt lassen muß, ist. dab sie die Vorstellung erweckt, als ob wir Talmud und Schulchan - Aruch als gerccht'rrtigt betrachten wollte», wann nachgewicsen ist, seine zum Theil lieblosen Aeußerungen gegen OT'SS bezögen sich aus wirkliche Heiden. Gesetzt nT3X "iniO *13 betreffe den niedrigsten Fetischanbeter — können wir solche Verordnung mit unserer heurigen geläuterten Auffassung de« so unziveideutigen biblischen Gebote«: "TIM "jn1? romc und de« vielfach widerholten: N3."I NX OrOTBC in den entferntesten Einklang bringen? Rein! Wir können und dürfen e« nicht. Rur historisch erklären können wir allerdings solch« Verirrung, Die ungeheuer unmenschliche Behandlung, die der Jude von •) 8.v. u. ist da» .au» geschätzter Feder' zu streich«, und l>Z.l ». o. hinter.«»«sührungen" zu setzen. Z.8 v. ». ist „nur" st. „mir" zu lesen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.