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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 7. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 7.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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64 Und wahrlich, hier an dem freien Bestimmungsrecht der Litern, wann ihre Kinder den Religionsunterricht besuchen sollen und wie sie ihn besuchen sollen, wann fie mit ihm zu beginnen und wann sie mit ihm aufzuhvren haben, hier stehen wir vor dem Urgnmd, von welchem die Misöre ihren AuSgavg genommen hat. an welchem der Religionsunterricht überall — nicht blo» in Ostpreußen — kränkelt, und diese» freie Bestimmungsrecht der Litern ist e» auch, da« uns die Vermahnung de« Provinzialschulkollegiüw« eingetragen hat. Zn der Zeit, wo der geistig entwickelte Schüler erst empfänglich wird für den hohen Werth unsere« Indenthum», wo an den ethischen und ideellen Gehalt desselben zu begreifen beginnt, wo er erst zu dem wahren verständniß der Religion gelangt, zu dieser Zeit verläßt er. und jedenfalls doch mit der Bewilligung b« Litern, den Religionsunterricht. Und auch während der Schüler den Religionsunterricht besucht. wird diesem von den Eltern desselben kaum die nüthige Würdigung und Ueberwachung zu Thcil, wenn er schließlich nicht gar als der Baiast betrachtet wird, mit dem man die Kinder am allerliedstri» verschont sehen möchte. L« passirte un» schon, daß ein Vater, der bei der Nichtversetzung seine» Sohne» im Gymnasium, sich mir gegenüber ganz trostlo» gebehrdcte, mir auf meine Klage, daß sein Sohn auch im Religionsunterricht sich nachlässig zeige, antworlete: „(ii wa». diese Total) wird er »och lernen". — An solchen Mißständen muß dann wohl der beste Wille und die grüßte Gewissenhaftigkeit de« Lehrer« scheitern. Der Religionsunterricht wird dann immer nur ein Scheindasein fristen, ohne frischpulsireude» Leben, ohne befruchtende Kraft, wird er. gleichsam den andern Unterricht-gegenstände» gegenüber degradirt, niemals in gleichem Maaßc auf dir Aufmerksamkeit und auf den Fleiß der Schüler zu rechnen haben. iSchluß so>«>.) Ku#l«a6. H. K. Marschau. (Or.-Lorr.) Nachdem in unserer Stadt bereit» vor zwei Jahren die Volkszählung stattgefunden hatte, wurde erst vor einigen Wochen da» statistische Material darüber seitens der Behörde veröfirntlicht. Danach stellt sich die Zahl der Bewohner unserer Stadt wie folgt heraus: Russen 15515, Polen 347.211, Deutsche 7,700. Jüdischer Nationalität (?) 10,031, anderer Nationalität 2,607. Nach dem Glaubensbekcnntniß ergab die Zähmung, abgesehen von den übrigen Lonfrssionrn: 127,917 Juden, von diesen zählen sich 2000 zur russischen, 10,031 zur jüdischen und 116,000 zur polnischen Rationalität. ES wäre jedoch rin Jrrthum zu glauben, daß diese 10,031 sich mit voller Absicht von der polnischen oder russischen Norionalität auSschließen und nur als Nationaljudrn gelten wolle». L» sind dir« vielmehr Leute au« den untersten Volksschichten, die den Unterschied zwischen nationeller und confessionrllrr Angehörigkeit kaum verstehen, und die Schuld lag mehr an den zur Zählung deleginen Herren, die sich nicht die Mühe gaben, diese Leute über da« verhälmiß aufzuklärrn. Hinsichtlich der AlterSverhältnisse ergab sich bei den Juden eine weit größer« Anzahl von Kindern und Greisen, als bei den anderen Confessionen. ES ist diese» weniger da» Resultat größerer Fruchtbarkeit, al» vielmehr das Ergebniß geringerer Sterblichkeit bei Greisen und Kindern in Folge einer mäßigen und vorsichtigen Lebensweise. Ein anderer wichtiger Punkt dieser statistischen Aufnahme ist da« BlldungSverhältniß. Dasielbe wird nur für die Gesammtbrvölkerung angegeben, und e» ist nicht schr erhebend. Unter den 387.000 Einwohnern sind nn Ganzen 189,200 Analphabeten, während die Zahl derer, die zu lesen und zu schreiben verstehen, sich auf 175,500 reduziert, d. h. also auf 43 Procent der Bevölkerung. Für die Juden insbesondere läßt sich daS vcrhältniß nur annähernd berechnen, und dasielbe stellt sich noch etwas ungünstiger heraus, etwa auf 40 Proceut ihrer Gesammtzahl. Selbstverständlich handelt e» sich hier um eine moderne Sprache, etwa die polnische oder russische, während der Kenntniß de« Hebräischen wr^h weit über 90 Procent von ihnen theilhaftig sind. ' Der Redakteur der hier erscheinenden Zeitschrift »Jzraelita welcher wir vorstehende Daten entlehn«,. flößt bei der Betrachtung diese» ungünstige» Bildung-Verhältnisse« der Jude» einen tiefen Seufzer au« und wiederholt den Klageruf de» Psalmistrn: .Ich erhebe meine Augen zum Himmel und frage: Woher wird mir Hilfe lverdrn?" . . . lSwlus, foigo Hier denkt mun daran, zu Ehren Sir M. Montestore« eine Lolonie in Palästina zu begründen, wie denn üverhaupt dir LolonisalionSlvstrrbungen wieder reger geworden sind. L» ist das kein Zeichen von Vertrauen in die erhoffte Besserung der russischen Zustände, lind doch hört man — Einige sagen, e» sei schon beschlossen, andere, e« werde binnen Kurzem werden — daß der Senat aus Petitionen von Gutsbesitzern hin. da« Ignatief'sche verbot für dir Juden, Grund und Boden zu kaufen und zu pachten, auf seine Giltigkeit hin prüfe und verwerfe, sowie daß er alle diese sogenannten provisorische» Verordnungen darauf hin einem Beschluß unterziehen wolle, ob sie noch ferner Giltigkeit behalten sollen. Auch da» Judenkvmitö hat ähnliche Petitionen erhalten und wird sich möglicherweise sofort mit ihnen befassen Da» Eomitö hüllt seine Thätigkeit übrigens in tiefe« ltzeheimniß. Der Staatsrechtslrhrer Prof. Martens soll jüngst Mitglied desselben geworden sein. In Mtttu» haben die Rabbinen eine Sabbathschule errichten lassen, i» welcher Geschäft»- und Handwerkslehrlin gc Hebräisch und Religion lerne». Wie sehr Lernen noch Noth thut, mögen folgende Pröbchen belegen. In Lodz ist der Rodziner Redde R. Gerschon Hersch nicht al« .Heiliger", sondern al» .Doctor"aufgrtrete». Er verschrieb lateinische Reeeplc und nahm Honorare, die den Kosten einer Badereise gleich waren, denn durch seine Behandlung werde ja eine lolche Reise überflüssig. 5000 Rubel hat der heilige Dr. «»geheimst. Woher hat er aber solch' Wiffen? Dir Gläubigen lasirn die Wahl zwischen Belehrung durch den Engel» Raphael und dem Ausfindcn de« .Buche« der Heilung", da« LhiSkia verborgen. Dir Ungläubige» behaupte», daß er an einem unsauberen Orte Bücher versteckt halte, aus ivelchen er. in der Zeit, wo e» .weder Tag »och Nacht sei", da» medizinische Wissen hole. Der Rabbiner von LiaSne (Bezirk Mohilew) hat ein Rundschreiben erlassen, in welchem angrordnrt wird: 1) die hinten aufgrschlitzten Rücke müsien, als viereckige, Zizzith haben. 2) Die Kinder dürfen keine fremde Sprache lernen und keine Romane lesen. 3) Die Frauen sollen da« Haupthaar abschneiden und die Arrmel lang bis zum Knöchel tragen. 4) Man soll sich vom Arzte nicht de» Pul« fühle» lasien! Furchtbare» Elend bewirken die Vertreibungen aus dr» Dörfern. I» SonowSk (Tschern igow), wo über 100 jüdische Familien wohnen, ist deshalb daS Gesuch abgesandt worden der Ort möchte zur Stadt erhoben werden. — In Kuban wird gegen die Juden jetzt geltend gemacht, daß nach einer Verordnung von 1848 in den Bezirken, wo die Sabotniki &Sabbath feiernden Ehristen) wohnen, die Juden kein nrecht haben. Der Gouverneur Fürst Dondukof Kosiakoff hat ihnen bi» Mai Ausstand gegeben. Amerika. Hlordamerit«. (Schluß.) Da» noch junge Rabbinerseminar in Eincinnati dessen erste fünf Zöglinge vor wenigen Monaten in praktische Amtstätigkeit traten, scheint mir berufen zu sein, neue Bahne« dem Gemrmdeleben zu erschließen. Beinahe alle hier amtirenden Rabbiner kamenin reifemManneSalter nachAMerrka. unkundig der Landessprache undLandeSfittrn. konnte ihrrWirksam lest nicht von durchschlagendem Erfolge sein, und die« um so weniger, al« es eben immer blo« die älteren Leute waren, die ihnen zur Seite standen, Männer, die noch von der alten Heimath Traditionen mitgebracht. Die Jugend, die hier heranwuchs, stand und steht noch jetzt ferne den speciell

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