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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 6. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 6.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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— 45 — Rettete« und besprochene« Gerücht — wir hoffen, daß e« Rir rin Gerücht sei, — schreibt der Ehewra. dem Begräbniß- Rerein, die Absicht zu. Mitgliedern'der „Tolerantia" ein- Rctrnden Fall« die letzten rituellen Dienste, di« mmo, zu lersagen.*) Solche Aussicht wäre allerdings geeignet, ängstliche «emüther einzuschüchtern und manch einen wankend zu Riachen, um so mehr, als der Gemeindevorsteher, welchen I,an mündlich darüber interpellirtr, keine klare Antwort er- »eilt haben soll. Indessen haben wir die Ueberzeugung, daß »der stichhaltige Grund zur Beunruhigung ausgeschlossen ist. Wenn eine solche etwaige Vrrnachläfsigung gestorbener Ge- Ineindemitglieder. welche dem Borstand und Rabbinat mißliebig waren, wäre nicht blo« ein unerhörter Akt von Zelo- I,smu«, sondern auch eine schwere Verletzung der Gkmcinbf« »Ltarutrn und eine Erschütterung aller rechtliche» Verhältnisse Icr Gemeinde. Wo Pflichten sind, da sind auch Rechte! ksu welchem Zweck zahlen die Mitglieder der (Gemeinde ihre mohen EultuSftruern, dir gerade jetzt von neuem erhöht ßvorden sind'/ Doch jedenfalls nur. damit sie der Wvhlthaten «der Gemeinde-Institutionen und Kultuseinrichtungen theil- Ihaftig werde»! Run. zu diesen Institutionen und Einrichtungen, deren Erhaltung und Handhabung der Synagogen- Ärmeinde obliegt, gehört nach tz 1 des Statut» auch „die Beerdigung der Tobten nach den rituellen Gesehen und dem Herkommen, und zwar durch dir bestehende Beerdigungs- Gesellschaft". Zu diese» „rituellen Gesetzen" gehört unzweifelhaft auch die rituelle Leichemvaschiing so gut wie alles übrige, wa» für die Beerdigung jüdischer Tobten dorgeschrirben und l^rkömmlich ist. Auf diese rituelle Beengung hat au», nahmslo« jedes Mitglied, welches seine Abgaben entrichtet, für sich und seine Angehörigen Anspruch DaS kan» nicht vom Belieben der Ehewra-Leutc abhängen! Weder kann die Ehewra einen giltigrn Beschluß sassin, wonach eine Gruppe von Grmeindcmitgliedcr» von der .THE ausgeschlossen, gleichsam in eine An Ban» gethan würde, »och darf die Ehewra etwa, was auch grundlos befürchtet wird, „von Fall zu Fall" einzelne Mitglieder stillschweigend vernachlässigen. Die Ehewra ist vielmehr, auf Grund des Statuts verbunden und verpflichtet, bei jedem Gemeindemitgliede eintrNenden Fall» allen rituellen Vorschriften zu genügen, und der Gemeinde-Vorstand ist durch sein Amt verbunden und verpstichtn, dafür zu sorgen, daß dir Ehewra ihrer statutarischen Verpflichtung ohne Ausnahme Nachkomme. Andernfalls würde eine Beschwerde bei der staatlichen Aufsichtsbeliörde eine Remedur zur Folge haben. (Wir verweisen auf die, zu Recht bestehenden Bestimmungen de» Gesetze» „über die Verhältnisse der Juden" vom 23. Juli 1847, z. B. auf tztz 43, 49.) Wir sind aber der Uebcrzeugung. daß der Vorstand selber wissen wird, wie weit er gehen darf und waS seine Pflicht ihm vorschreibr. — Eine solche Beunruhigung der Gemüther ist nur dadurch möglich, daß hier da« BeerdigungSwescn einem Verein überlasten bleibt, dessen Mitglieder, als unabhängige Privatpersonen, vielleicht der Meinung sind, daß sie weder vom Vorstande noch kraft statutarischer Bestimmungen zu einer „Mizwah" gezwungen werden können. In Anbetracht besten dürfte eS sich sehr empfehlen, daß der Verein „Tolerantia" zu den übrigen, bereit« früher sormulirten, Punkten, aüch diese Frage des Begräbnißwcsen» auf die Tagesordnung setzte und die Forderung austtellte, daß Einrichtungen oder Verfügungm seiten» deS Gemeinde-Vorstandes getroffen werden, durch wrlche eine hinreichende Garantie für die gleichmäsfigr rituelle Beerdigung aller Gemeindrmitglieder ohne Ausnahme geschaffen wird. Diese Angelegenheit stt eine öffentliche Gemeindeangelegrnhrit und darf daher nicht fernerhin dem guten Willen, also der Willkür. einer Privatgesellschaft allein überlassen bleiben. Ja die Sache ist so wichtig, daß den Mitgliedern der „Tolerantia" nicht dringend genug gerochen werden kann, sich sofort mit *) Solche Intoleranz «Lre wahrlich der Nagel zum Sarge der Orthodoxie l Ist da» die „rituelle Moral" de» Sch.-A? (Red.) einer eingehend zu motivirenden Petition an die König! Regierung zu wende», damit da« Beerdigungswesen mit Rücksicht aus die statutarischen Rechte der Gemeindemitglieder wo möglich einer Neuregulirung unterzogen werde. Gestatten Sic mir, hochgeehrter Herr Redakteur, noch, einige allgemeinere Bemerkungen. — Wer das Gebühren unserer jüdischen Orthodoxen im gesegneten deutschen Vaterlande betrachtet, der muß gestehen, daß die Ultramontanen eS nicht ärger treiben können, selbst wo diese in ihrer höchsten Pfaffenblüthe stehen. LouiS Beuillo«, jener berühmte päpstliche Kammerbxrr und Redakteur deS „Univers", hat einmal die Taktik seiner eigenen Partei in sreimüthiger Weise bloSgelegt. „Wo ihr. so rief er den Liberalen zu. wo ihr in der Majorität seid, da fordern wir von euch Toleranz auf Grund eurer Prinzipieni und wo wir in der Majorität sind, da verweigeru wir auch Intoleranz auf Grund unserer Prinzipien"! So jener Römling. War die« schon dreist und keck, so war eS doch offen und ehrlich. Und unsere Orthodoxen'/ Wo sie i» verschwindender Minorität sind, wie in Berlin, da schreien sie über „Intoleranz der Majorität," lvril nicht alles lach ihrem Schulchan-Aruch geht: man lese nur die Hildesheimer'schc „Presse"; und wo sie in der Majorität sind, wo sie die Herrschgfl haben, in Ha l berstadt, da — klagen sie über — Intoleranz der Minorität! (So lautete ja der geistreiche Ausdruck eine» bekannten Herrn in einer gewissen Epistel: „Unduldsamkeit einer Minorität gegen Majorität", — das sei das Wesen der Bereinigung „Tolerantia".) Ist da» nicht die potenzierte Taktik der Ultramontanen'/! Und warum jener paradoxe Bonvurf'/ Weil eine Anzahl Gemeindemitglieder für ihr eigenes Geld sich einen eigenen Lehrer und Schächter hallen wollen. — Die arme verfolgte Halberstädter Majorität! Ein wahres Glück, daß sic den — Begräbnißvercin in Händen hat. — (Siehe auch „Aus Hessen" in dieser Rr.) Aerkin Am Abend deS 28. Januar fand im Saale der Singakademie noch eine politische Gcdächtnißfcier für LaSker statt. Ludwig Bambergers Rede war ein Meisterstück elegantester Rhetorik, eine Charakterschilderung von feinster und delikatester Pinselführung dieses geistvollste» unserer politische» Redner Sic übte auf die Zuhörer eine ganz außerordentliche Wirkung. Entzückte da» graciöse Gedankenspiel, in welchen, Bambcrger unübertrefflicher Meister ist, so überraschte die Bestimmtheit, mit welcher dabei wie unabsichtlich die wohlbekannten Züge de» Geschilderten deutlicher und immer deutlicher hcrvortraien; fühlte man sich im Innersten ergriffen durch die Töne warmer Empfindung, welche der Redner anschlug, so kam zur rechten Zeit der Humor und setzte rin helles Licht auf den dunklen Grund; bei all' dem sittlichen Ernst der Rede gewahrte man den leisen Zug feiner Ironie, welcher dem scharfen Beobachter bei Bambergcr niemals entgeht, und durch die Kühnheit und Sicherheit, mit welcher der Redner, die leichte, geschmeidige, aber haarscharfe Waffe seine« Wortes gelegentlich hierhin und dorthin, immer treffend, spielen ließ, wurde man hingerissen, und grade in solchen Momenten brach der Beifall der Versammlung am lautesten aus. — „Die Furcht vor dem Geist de« Liberalismus", die nach dem Worte Bambcrger'S die Vertreter und Anhänger der öffentlichen Macht abgrhalten hat, dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen, wird zwar von der „Norddeutschen" in Abrede gestellt; aber gerade ihr Artikel zeigt, daß der Pfeil Bamberger's getroffen hat. — Nach dem Programm deS Abends sollte nach Bcmberger Professor Häncl sprechen. Er erklärte sich al>er nach dieser Rede, die in so vollendeter Weise alles erschöpft habe, waS zu sagen gewesen, außer Stande noch da« Wort zu nehmen.*)! Bemerkenswert!) fft. daß selbst die „Post" das Fernbleiben jeglichen Vertreters der Regierung bei Laskers Begräbniß in ehrlichen und ernsten Worten tadelt. Das freikonsecvativc! Blatt schreibt: I •) Bnmbtrgcr'» Rede erschein, dieser Tage bei F. Brockhauq in Leipzig.

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