Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 6. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 6.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/5369809-5935099-5938142--4934-5377217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 48 — au« geführt worden ist. Wenn dem Judcnthum auf Grund gewisser Autsprüch« de« Schulchan-Aruch der Borwurf der Jmmoralität gemacht wird, so muß ich e« für ebenso gefährlich wie innerlich unl>rrrchtigt erklären, sich diese« Borwurs» dadurch Ju erwehren, daß man dir Berbindlichkeit de- Schulchan« lruch einfach in Abrede stellt.*) Was wird durch diese Art der Bnthrjdigung erreicht? Im allergünstigsten Falle kann durch sie der verschwindend kleine BruchtheU der Judenhrit entlastet »verden, der sich nicht etwa nur von den vereinzelten Bestimmungen jene« Kodex, sondern von dem Schulchan-Aruch überhaupt theoretisch wie praktisch emanicipirt hat. Nicht einmal die äußerste Linke de» Reformjudenthum« — vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Berliner Reformgrmrinde — hat bisher den Schulchan-Aruch einfach über Bord geworfen. Auch der Rabbiner einer Reformgemeinde wird, insofern er rituelle Entscheidungen abzugeben hat, nicht umhin können, sich der Autorität de» Schulchan-Äruch mehr oder minder 8 unterwerfen. Wer daher für die ganze Judenheit da» ort nimmt, der hat nicht da« Recht, seine Berthe'digung auf die These zu gründen, daß der Schulchan-Aruch für un« keine Berbindlichkeit mehr besitze.**) Da« ist eine Unwahrheit***), und da bekanntlich Lügen kurze Beine haben, so könnte es einmal garsehr verhängnißvoll für uns werden, wenn die Herren Antisemiten un« beim Worte nähmen und uns für die bedenklichen Au«sprüche de» Schulchan-Aruch deshalb zur Berantwortung zöge», iveil wir un« desselben noch immer als eine« Ritualcodex bedienen. Und ist e« mit der Pietät gegen unsere geschichtliche Vergangenheit vereinbar, daß wir da« alte, dem Schulchan-Aruch treu ergebene Judenthum durch eine solche Art der Brrtheidigung an den Pranger stellen?^) Haben etwa die Juden der Borzeit. wenn sie auch theoretisch an der Autorität de« Schulchan-Aruch nicht zu rütteln wagten, sich in ihrer praktischen Lebensführung die sittlich bedenklichen Aussxrüchesff-) desselben zur Richtschnur genommen? — Ich wiederhole e« daher noch einmal: al« ein Kodex der Moral gilt der Schulchan-Aruch weder dem Judenthum der Gegenwart, noch hat er dem Jndenthum der Borzeit jemals als ei» solcher gegolten. In dieser Einschränkung können wir di». Autorität de« Schulchan-Aruch mit gutem Gewissen von un« weisen; und da« genügt vollkommen zur Abwehr der gegen da« Judenthum nach dieser Richtung erhobenen Anklagen;ftt) vor weitergehenden Behauptungen sollten jedoch selbst diejenigen sich hüten, die für ihre eigene Person auch in anderer Beziehung die Autorität des Schulchan-Aruch nicht anerkenne». Hildesheim. Dr. Guttmann. 3. So lange Sie, geehrter Herr Redakteur, da» Schweigen der gleichdenkenden Rabbiner in Angelegenheit der Berliner Friedhoffrage nicht al« feige possrvutio wontoli» bezeichnet hatten, habe auch ich geschwiegen. .Wozu, dachte ich. bedarf e« da der Meinung-äuherung auswärtiger Rabbiner, werden denn die Mitglieder de« Berliner Radbinat« nicht zur richtigen Zeit ihr gewichtige« Wort erhebe» und für die Ehre unsere« von innen und außen angrfeindeten Glauben» eintreten?* Aber für feig lasse ich mich nicht halten, ich bin auch nicht •> Rlcht de« Sch.-fl. überhaupt, sondern nur einzelner B« stlmmungen. (Red.) **) vezügllch fl tarn k. gewls, nichi, da» gesteht ja selbst die starrste Orthodoxie zu. «Liehe tveller unter Hamburg.) —•) Da» gerade «eaenihell hiervon sag» z. V. Herr Mabb. Dr. Rothschild (m vorstehenden Artikel. (Web.) t) Aber wir? Sollen wir lieber un» alle, soll da» grsammte Judenihum sich durch den Schulchan-Aruch an den Pranger stellen lass«,? (Red.) tt) »Sittlich bedenklich» AutfprUibt"? Sind erst diese im Sch. fl. zugestanden, dann lst'» hohe Zell, das, st» darau» kniserni .veroen. ,R.) Nf) Da» lst der unglücklichste flu«weg, der gesährlichste VermitielungS-Borschlag. der gemacht iverden kann. Ist ln einem Religion»- llodez da« Moralprinelp unhaltbar geworden, dann lst auch da» Ritul geseiUiche darin gerichtet. Wir wenigsten» vermögen keine reltgtö«-rtiuelle Handlung für verbindlich zu erachten, die nicht ein flu«flus> de« höchsten «oralprsnrip» ist. Eine forgsältig« Revision ist unumgänglich. «Red.) der Mann der bleiche,, Furcht, irgendwo .anzustvßen*. ES ist aber auch gar keine Hcldentha«, sich für eine Sache au«zu» eprechen, für die der klare und auch vcm blödesten Beistände siulruchtende Wortlaut de« Talniud'S und der Maimonide« spricht. Daß Rasch,« gegentheilige Auffassung nicht die richtige ist, beweist ja schon der Zusatz de« J'n, der aiso fühlte, daß man mit Raschi'S einseitiger Erklärung nicht über da« sonst gänzlich unverständliche ''NS 05 hinweg kommen kann. Wer logisch denkt, muß rinsehen, daß Rascyi hier im Geiste seiner Zeit, nicht aber dem einfache» unbestreitbaren Wortsiiine geinäß gedeutet hat. Mit orthodoxe» Querköpfen aber ist darüber rbensoivenia, als über die nvthwrndige Assistenz vo» Männer» beim Tauchbade einer Proselytin diSputiren. Darüber kein Wort mehr! Aber über em Andere«. Sic fordern zu einer offenen, klaren Gesammt« crklärun g von Rabbinen bezüglich de« Schulchan-Aruch auf? Sie. der Sie die Misörr de« deutsche» Rabbinerthum» doch am genaurslcn kennen? Ja, wenn es sich um koschere Ehocolade. um trefene Cichorie oder um Caffee Nllv 7NS handelte, da würden sie zusammentreten, um da« Judenthum zu retten, aber in Angelegenheit des klaren MenschenveiftandeS? da könnte man ja — .anftoßen"! ‘."6 mroS ns Es ist wahrlich Zeit, daß von berufener rabbinifcher Seite eine Resolution in Vieser wichtigen Frage gefaßt werde, sonst wird unsere lichtvolle Religion immer mehr und mehr aufhörcn .unsere Weisheit und unsere Einsicht zu sein in den Augen der Böller". Pilsen. Dr Jechcskel Caro. (<?ine svlcde Resolution kann aber — wir haben e« schon öfter angedeutet — nur in einer Rabbiner-Berfammlung oder Synode gefaßt werden, wenn fie wirksam sein soll. Ueber die Rothwendigkeit einer solchen, womöglich im Laufe diese« Sommer» noch f. K. w. zusammentretenden Versammlung werden wir in einem besonderen Artikel handeln. Redaction.) Erwiderungen auf Treitschke'S Schmähungen deö Patriarchen Abraham. I. Von christlicher Leite. Herr Prof. v. Treitfchke äußerte sich jüngst in seinem Collcg über.dir Geschichte der Reformationszeit etwa folgendermaßen, wie von eineiit Zuhörer mitgetheilt wird: ,E« ist eine der traurigsten Thatfachen im Leben Luther'« die Entscheidung, die er in «eiress der Bigamie Philipp'» von Hessen getroffen. Man kann sich diese Entscheidung nur erkläven, wenn man in Betracht zieht, dag die Frage der Monogamie der schwächste Punkt jener Zeit war. Damal» war die Wissenschast noch nicht frei geworden von der Theologie und man glaubte damal» noch, das, der alte Herr Zebaoth den Erzvätern gestaltet habe, mehrere Weibel zu haben. Und wenn wir z. v. den alten Abraham mit modernen Augen betrachten, so zeigt er sich un» al« der schmutzigste alle Jude, der >e gelebt hat. Wa« war da» sür eine Feigheit, das, er, al« er nach Eghpten zog. die Sarah seine Schwester nannte, nur um recht viel Besitz zu heiommen und, recht lange zu leben im Lande, da« der Herr sei» Gott ihm geben würde. Em Abraham kann un» Modernen mit seinen sexuellen Schmutzereien wahrlich nicht hoch stehen". ...... Wir müssen gestehen. — schreibt bierauf der christlichsociale .Reia-sbote" — wir find überrascht über diese «eußerungen au« dein Mund« eines Professor« der Geschichte. Denn ein solcher muß er doch «lsfcn. daß. wenn irgend etwa« auf die Berwirrunaen der Anschauungen über die Ehe zur Seit Luthers Einfluß hatte, c« vielmehr die humanistische »jssenschaft mit ihren, da» naturalistische Heidenthum vergvtternden, Anschauungen war. Damals war den Menschen da« Alte Testamciit noch viel u»bekan»ter. al« da« Neue Testament, und wenn z. B. der Magistrat von Nürnberg, nachdem die Pest die Stadt entvölkert hatte, die Polygamie gestattete, so haben ihn dabei sicherlich andere al« alttesta- | mentlische Anschauung«» geleitetet. Es ist so unhiswrisch wie j möglich, die Entwickelung unsere« christlichen Ehrbegriffe« der! von der Theologie einancipirten Wissenschaft zuzuschreiben; |

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.