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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 5. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 5.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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— »« — am Grab« auf dem Friedhof angelangt sein, al« das Ende de» Zuge« noch in der Oranienburgerstraße war. Der berliner Handwerkerverein begann denselben, eine Deputation ve« berliner Arbeiterverein» folgte, dann die Theilnehmer vom ersten und zweiten Wahlkreise und der Verein .Berliner Presse". Die Mitalieder de» letzteren gingen unmittelbar vor dem Sarge, welchen die Geistlichen, die Verwandten und nächsten Freunde geleiteten. Dann schritten in unabsehbarem Zuge die übrigen einzelnen Theilnehmer der verschiedenen Wahlkreise und eine Reihe von Vereinen mit Bonnern und Lorbeerkränzen daher. Am Friedhof theilte sich der Zug. Alle vor dem Sarge Gehenden nahmen die Richtung link« vom Portal. dieUebrigen, dir in demsguge h i n t er dem Sarge gegangen waren, nahmen den Weg recht» vom Portal an der Umfriedigung entlang. Am unteren Ende de« großen Mittelgange» trafen sich die beiden Züge, um alsdann vereint am Grade vorbei und wieder zum Portal hinauSzudefiliren, nachdem st, ihre Lorbeerkränze der Gruft übergeben hatten. Die Synagoge war von einer Trauerversammluna angefüllt. welche von der hohen Bedeutung de« Verblichenen Zeugniß gab. Daß unter den zahlreich erschienenen Mitgliedern der Volksvertretungen die Angehörigen der liberalen Parteien überwogen, ist natürlich, aber auch die übrigen Parteien waren in ihren angesehensten Mitgliedern vertreten. Der Präsident de« Reichstag» war zugegen und unter anderen konservativen bemerkten wir auch den Vicepräsident de« Reichstag», Herrn Ackermann. Vom Centrum sah man den Freiherrn von Heeremann. Biceprästdenten de« Abgeordnetenhaus««. und auch Herr Windthorst hatte nebst einigen anderen Parteigenosten da» jüdische GotteShau» betreten, um dem volitischen Gegner die letzte Ehre zu erweisen. Die obersten städtischen Behörden mit dem Oberbürgermeister und dem Stadtvcrordnetenvorsteher an der Spitze wohnteii der Trauerfeier bei. Bon den aktiven Ministern war kein er zugegen.*) von früherm Ministern waren die Herren Hobrecht, Bernuth. Camphausen und Delbrück anwesend. Bon anderen höheren Staatsbeamten nennen wir den Chef de« Reichseisenbahnamt» Hörte, den Präsidenten de« ReichS-Jnvalidenfond». Michaeli», die Geh. Ober-RegicrungSräthe Bonitz und Wehrenpfennig. Landgericht-Präsidenten Bardeleben. die griechischen und amerikanischen Gesandten, protestantische Geistliche u. A. Die Gelehrten- und Schriftstellerwelt war zahlreich vertMen. Chorgesang mit hebräischem Text tönte gedänpft au» der Tiefe der Apsis hervor und ergoß sich durch den weiten Raum, dann stieg der Rabbiner. Herr vr. Frankl, zum Predigerpult empor. »E» war eine schöne Predigt, die wir hörten, — so urtheilt der Berichterstatter der »Magd. Ztg" — gleich vollendet in ihm Nassisch abgerundeten Form, in der Klarheit und der edlen Gemessenheit de« Ausdrucks, wie großartig und ttcf in Austastung und Empfindung. Sie bewegte sich auf der vollen Höhe ihm bedeutenden Aufgabe und echob sich — gewiß eine gleich herzcrfreuende Thatsache im jüdischen Tempel wie im christlichen — weit über die Schranken confessionellcr Dogmatik zum reinen begnadigten Menschenthum und wir glauben nicht, daß keiner der zahlreichen Anwesenden christlicher Confession den heiligen Raum ander» verlassen hat, als mit dem inneren Anerkennt» iß, an der Stätte de« Frieden», Worte de« Frieden» und jener hohen geistiafteien, im Glauben an die ursprüngliche Güte der reinen Menschennatur wurzelnde Liede gehört zu haben, welche den wahren Kern auch de« Christen thum» auSmacht. Wir wissen nicht, ob un« allein unwillkürlich der Gedanke an die drei Ringe vor die Seele trat und die lieber« zeugung lebendig wurde, daß die Zeit nicht mehr fern sein mag, welche der Menschheit den echten, verlorenen, wiederbringt. Nur einmal berührte die Predigt ganz leicht und mit vornehmer Gemessenheit den Streit de» Tage», indem sie auf die etwa« einseitige jüdisch-dogmatische (?) Ausbildung, welche LaSker in *) Die »Ration alzcit." bemerkt «reffend hierzu: »An der WerihschiltznngLatkcr« durch da» de ui scheB »lk ivtrd da» nicht« andern". (Sied.) frühester Jugend genossen, und darauf hinwie«, daß ara hier der Keim gelegt wurde zu der lauteren Wahrheitsliebe zu dem Recht«stnn und zu der Humanität de» Verblichenen denn die sittlichen Antrieb« der ehrwürdigen Mutterrrligio, seien nicht geringer, al» die jeder andereu Religion. Wc wollte dem Prediger diese Worte eine« gerechten Stölzl verargen? Wir vermögen die geistvolle Rede nicht zu wieder holen und heben nur hervor, daß sie in LaSker'« Charaktrristi die Wahrhaftigkeit mit Reckt al« die in ihrem Kerne religiös Cardinaltugend in den Vordergrund stellte. Auch der Ge! schieden« irrte — er war ein Mensch —, aber: durch Wahr Hastigkeit zur Wahrheit! Da« war der Grundsatz der sei Handeln leitete — jene der Weg, diese da» Ziel. WaS ih antrieb. war die Liebe zum Vaterlande und zur Menschheit da» Streben nach den höchsten Idealen de» Menschenthum» und wa» seinen Muth und seine Thatkrast immer aufrecht erhielt, war da» Vertrauen in den Adel der Menschenseelc Jetzt labt sich sein unsterblicher Geist an der Quelle de Wahrheit, nach der er hier dürstete. Un» aber hinterließ r in der Gesammtheit seine» irdischen Leben» und Wirken sein Vcrmächtniß: .Schließt Euch Alle innig zusammen u Bielsinn und Freimuth und wirkt für da» Vaterland und die Menschheit. Arbeitet nicht um Lohne», nie um Danke» oder Ehren willen', sondern um Gotte» willen. Lastet den Muth nimmermehr sinken, sei die Zeit auch noch so ttostlo». Glaubet a» die Menschheit; zweifelt nie. Ter letzte Triumph gehört der Liebe, gehört dem Rechte." Der Predigt folgte der Chorgesang: .Herrliche« ist ihm gelungeu durch de» Geiste» Kraft und Glanz". Namen, der Freunde LaSker'» trat nunmehr Friedrich Kapp vv und sprach einige Worte freundschaftlichen Nachruf», ohnc den Prunk einer wohlgefeilten Rethorik, einfach und klar. Die Rede machte bi» zu einem gewissen Grade den Eindruä de» Jmprovisirten, hier und da vielleicht etwa» mehr, al» der Feierlichkeit der ganzen Handlung entsprechen mochte und ließ erkennen, daß Herr Kapp erst im letzten Augenblick für den v.Stauffenbach verhinderten eintrat; andererseits gewann sie damit an Ursprünglichkeit. Sie schilderte Eduard LaSker al» den Mann, der Alb^ durch sich selbst geworden, dem nicht» von außen durch die Natur, durch die Gunst Mächtiger entgegengebracht worden ist; sogar die Beredtsamkeit. durch welche er Alle» wirkte, hatte er sich mühsam erworben, und sie wandte sich mehr an die Intelligenz gebildeter Denker, al« an die elementaren Leidenschaften der Menge. Nicht» besaß er von einem eigentlichen Volk»manne. und doch hal er sich eine Stellung in der Gunst de» Volke» errungen durch die sieghafte Macht der Ideale, die ihn begeisterter Man nennt ihn geringschäßig einen Ideologen. So nannte auch Napoleon einst die Jünglinge, in denen sich der deutsch FrriheitSgedanke regte; er hat später erfahren müssen, das; diese Ideale niehr vermögen, al» die Brutalität der Kanonen In unserem Staate kennt man nur da» kriegerische Helden thum. aber e» gibt noch ein andere», größere«: die selbsttose Hingabe an da» Wohl der Menschheit. In den Schlachten de» Geiste» stand auch Eduard LaSker al» ein Held; er wird al» der tapfere Vorkämpfer für Volke» Recht und Frei heit für immer im Ruhmestempel de» Vaterlandes geehrt werden Nun schloß der Gesang die Feier: »Gruß und Dank dir müdem Streiter! — Hohe» Thun kann nie verwesen. Deine Kränze welken nicht." Der Sarg ward von der Bahre gehoben und hiuausgetragen, die Versammelten gaben ihm da» Geleit zur letzten Ruhestätte. Aus dem Friedhosc hatten sich, al» der Zug anlangte, Viele bersammelt, welckc der Feier in der Synagoge au« Mangel an Raum nichi hatten beiwohnen können. Der Sarg wurde in der mit Tanncnreisern stimmungsvoll geschmückten und von Kerzen erleuchteten Friedshofshalle auf den Katafalk gestellt unv Herr Rabbiner vr. May da um sprach die Grabrede, welchc die Frage nach der Bedeutung La»ker'» für da» Jude» chum aufwarf und sie dahin beantwortete, daß der Berewigtl von seinen Glaubensgenossen, wie wohl er selten für ihre

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