Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 4.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/5369809-5935099-5938140--4919-5377204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wie man sich in jüdischen «reisen mit Genugthuung und einem Anfluge von Schadenfreude erzählt, ist jüngst einer jüdischen jungen Dame, die zum Lhristenthume überaetreten. eine wohlverdiente, gar nicht zu mißdeutende Abfertigung zu Tlieil geworden. Um da« Odium ihrer semitischen Abstammung nod) radikaler, al» mit dem Tauswoffer, abzuwaschen, setzte jene überau» reiche Dame alle Hebel in Bnvegung, ihrem ominösen Familienname» gegen eine» von aris«vkratischer.vder doch wenigsten« von echt germanischer Färbung umzutauschen. Von maßgebender Stelle soll ihr der Bescheid gegeben worden kein: .Tragen Sir den Namen Ihre» trefflichen Vater» so in Ehren, wir er r« stet« mit rühmlicher Auszeichnung geihan". Der Vatcr dieser unjüdische» Tochter gehört feit Jahren schon zu den Tobten und hielt auch den Glaul>e» seiner Väter noch während seine» Viel*»« gebührend in Ehren. Die Gemeind« Gleiwitz verwaltet heute noch ein von ihm sunvirtk«. seine» Namen tragende» Legat, dessen Zinse» würdiaen, bedürstigten, jüdischen Studirendrn, welche au« Obrrschlrsicn stammen, zufalle». Da« die irtztgenannte Gemeinde jetzt daran geht, ihren schon seit längerer Zeit durch Kra»kl)eit dienstunfähigen gelehrten und ctiaractcrvollr» Rabbiner Dr. Hirschseld zu pensionirrn und da« nicht »nbedrutend« Rabbinat anderweitig zu besetzen, habe» Sie wohl t>rreit» erfahren. (2. Inserat). (Unliebsam verspätet.) Am 31. vorigen Monat» erlag seinen langen, schmerzreichr». mit großer Geduld ertragenen Leiden der Prediger unserer Gemeinde, Herr Dr. Iuliu« Heck scher im 60. Lrl>en»jah»e. 17 Jahre war er al« ReligionSlehrer und Prediger hier thätig. Durch seinen rbrenhaftrn Eharakter und seine herzgewinnende. u»geh uchrltr Bescheidenheit erwarb er sich die Achtung Aller, die ihn näher kannten. Ai» 3. Januar wurde er zur letzten Ruhe bestattet. Bor dem in der Shnagoge ausgrbahrte» Katafalk hielt Herr Rabbiner Dr. Rose ntHai au« Brnthen die Grabrede. Am Grabe selbst verrichtete Herr Grunwald. Prediger in Leobschütz, rin kurze« Gebet. An seinei» t^rabr' trauern sei» greiser Vater, in «openHagen wohnhaft, seine jugendliche, tief gelangte Gattin und ztdei früh venvaistr Kinder. Kch»«td«»-ßt, 12. Januar, E« ist immer ein rrl)cbende« Gefühl, wenn in Zeiten, wo Stürme von Außen am Judenthume rütteln uitb schütteln, da« lyemeindrlrben sich desto inniger gestaltet und die Gemeinde-Institutionen zum Segen Aller weiter gehegt und gepflegt tverdrn. So wirkt auch hier seit 30 Jahren der .israelitische Fraurnvrrci»- in aller Sttlle und hat in diesem langen Zeitraum unendlich viel Gute« geschafft. Am 29. v. M. beging nun dieser Verein sei» 30jährige« Stiftungsfest, zu welchem die Iheilnahme um so reger war, al« rS überhaupt da« grstr Mal war. daß ei» derailiger Tag gefriert wurde. An dem mit der Feier zusaminenl,äugenden Abendessen bethriligten sich von 92 Mitgliedern ca. 80, außerdem war da« Direktorium de« Verein«, weiche« au« dem Rabbiner, einem (Gemeinde-Vorsteher, einem Vorsteher der Eheivra und einem Gemeinde-Mitglied besteht, geladen und anwesend. Nach warmen Begrüßung«worten de« Herrn Rabbiner Braun, trug der Gemeinde-Vorsteher Ski.zze» au« dem 30jährigen Bestehen und Wirken de« Verein« vor. Wir entnehmen unter anderen daran«, daß dem Verein namhafte Legate und Geschenke zugewendrt, daß während der ganzen Thätigkrit de« Verein« ca. 16,000 Mark, durchschnittlich also jährlich 600 Mk. an Arme gespendet wurden und da« Vereins- Vermögen sich jetzt auf ca. 4,000 Mk. beläuft. Nachdem noch aller frommen Spender und Spniderinnrn. sowie derjenigen Versonrn, welche durch chr stete« Interesse und ihre Liebe zum Verein, denselben gefördert, in Ehren gedacht wurde, hielt Herr Prediger Brann, die mit vielen Beifall aurgcnommrne und jll Herzen sprechende Festrede, worauf nach allgemeinem Tischgebet dir Tafel aufgehoben wurde. Inzwischen hatten sich die Ehegatten der Verrin«-Tamen und die junge Welt eingesuude» und kam letztere durch den bi» zu den frühen Morgenslunden währende» Tanz und anderer Unterhaltungen auch zu chrrm Rechte. — Allen Theilnehmern wird da« Fest gewiß in schöner Erinneruna bleibe» n»d wollen wir nur wünsche», daß der Eifer, der sich hier stet« für wohlthätigr Ztveeke zeig« und jetzt auch eine Lotterie zum Besten der Armen gezeitigt, stet« sei"-' Frucht trage» und nie erkalten möge. ü. -lanptzet«, >3. Januar. Wurde» un« in der erste» Woche de« neue» Jahre» verschiedene Kunstgenüsse durch Th-atrr-Eoncerte re. geboten, so bekamen wir gestern Abend einen intcreffanten geschichtlichen Vortrag zu hören: .Die erste Begegnung zwischen Iudäa und Rom", den Rabbiner Dr. «ahn im Lesesaal der Eoncordia hielt. Der säst eine Stunde dauernde Vortrag seffrlte dir Zuhörer sowohl durch dir historische Darstellung, al« auch durch die poesiereuhe Sprache. Da« kriegemche und diplomatische Würfelspiel zwischen Arghptrn und Syrien, in deren Mitte Judäa eingekeilt, wo die Arena der Kämpfe war. Seleuetde» und Hasmvnäer in ihrem Ringen um die Heni'chaft ülvr Palästina ivaren anschaulich gezeichnet: bi» Rom, wie der Lüive in der Fat>el. kam und al» Retter Judäa verschlang. Der Herr Redner wußte durch Diltion und poetische» Schwung der grrvählten Sprache die Hörer zu fesseln und hohe« Jnlerrffe einzuflößen. Der Beifall, der ihm gezollt wurde, galt mit seinem verehrten Lehrer. Professor Dr. Grätz. zu dessen Füße» er al» vieljähriger Schiller im Seminar z» Breslau gesessen. Derartige Vorträge wirken ans dankende' Hörer »och tiefer ein, al» die Predigt von der Kanzel. Die »veiteren Vorträge iverden mehr die innere Entwikkrlung de« Judenthum», dir Entstehung der Shiiagogr. die Anfänge der rabbinischen Litteratur sich zu in Vorwürfe nehmen und von dem wissenschaftlichen Ernfte de« Redner« sieht zu hoffen, daß er ni gleicher Weise, »me in der Daniellung der politische» l^e- Ichichte, auch dir religiöse, littrrarische und Eultur-Grschichte zu behandeln versteht. Keiktzr»«» Am 10. Januar erlag nach kurzem Leiden der israelitische Letirer »nd Vorsänger Jakob Löwenftein im Alter von 06 Jahren einer kurzen aber tödtlichcn Krankheit. Der Selige ivar ein tüchtiger Enltusbeantter. Lehrer und Prediger und i»it sich auf dem Gebiete der jüdischen Zeit« schristen-Litteratur geachteten Namen envorbe». Ei» Bruder de» früh verstorbenen DamaSku «- Lvwenstei» in Franksurt. stand er diesem an wissenschaftlicher Begabung nicht nach. Bei der jüngsten Lehrerversamnilung wurde er ivirder, wie seit 25 Jahren ununtrrbroche», i» den geschäftsleitcndrn Ausschuß gnvählt. Frisch an Körper und Geist nahm er an den Verhandlungen Antheil »nd würzte dir Geselligkeit durch seine geistvollen Tischreden. Mitlrgründer de« israelitische» Lklirerunterslützungsverriu«. hat er denselben in den verschiedenen Genirinden seiner amtlichen Wirksamkeit gefördert und überl-aupt für m seine ganze «rast euigrsrtzt. Wir werden da« Andenken de« Seligen durch riucn Nekrolog i» diesen Blättern, denen er ja auch seine gewandte Feder gewidmet, aufrecht z» erhalten snchen. Oesterreiid Ungarn. HkeK, 18. Januar. Eine Deputation der orthodoxen. Juden rrichien heute beim Kultusminister Trefort und überreichte ihm eine Eingabe der autonom-orthodoxe» Judenschüft Ungarn« und Sirbenblirgen«. Die Petition richtete sich gegen die bekannte Repräsentation der durch die israrli-. tische Landeskanzlei vertretene» fortschrittlichen Kongreß- Gemeinden, in welcher beh> uptet wurde, daß die Führung der Matrikel bei den geregelten Gemeinden eine vollkommen ordnungsmäßige sei und Unregelmäßigkeiten nur bei den otthodoxcn Indengeuteinden Vorkommen. Die Eingabe der Orthodoxen kulminirt in dein Schlußsätze, daß die Orthodoxen eine gonz separate Glaubensgemeinschaft bilden, ivrlche von den FortschrittSjuden durch wesentliche Differenzen geschieden sei. Der Kultusminister nah», die Eingabe entgegen und sagte hiebei Folgende«: