Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 4.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 27 — scheint bei der in Münster stattgehabten Mrhandlung der jüdische Gutachter deu oben gekennzeichneten Standpunkt wirklich eingenommen zu haben. Nach den Berichten wenigsten», »velche mir zu Gesicht bekommen sind, hat Herr Seminar» lchrer Treu den Schwerpunkt seiner Ausgabe in dem Rach« tveise erblickt, daß der Lchulchan Aruch von den, Judeuthum »er Gegenwart nicht mehr al» mastgel>ende Autorität anerkannt iverde, und nach dem überaus unglücklich gewählte» Beispiel von der Sabbathlampe zu schließen, hat er diese Behauptung auch aus die rituelle» Vorschriften de» Schulchan Aruch ausgedehnt. Da st er sich dainit in eine ebenso uulstiltbarc wie gefährliche Position habe drängen lassen, brauche ich dem Kundigen wohl nicht »veiter nachzuweiseu. Ich mag und kann mich hier aus eine eingehende Kritik de» erlvähnten Gutachten» nicht eintassen. Da ich al>er au» de» mir zugängliche» Berichte» de» Eindruck gewonnen habe, dast jene lttcrht»>dlu»g einen andere» Ausgang genommen bobeii würde, ivenn von jüdischer Seite ei» auf tieferer Sachkenutnist lvruhende« Gutachten wäre abgegeben worden, so halt ich es. um ähnlichen Vorkommnisse vorzubeuge», für meine Pflicht, auf diese» von der jüdische» Presse bi»l»er nicht beleuchtete» Punkt »och mit einige» Worten einzugelien Mit ivelchein Reckst hat der Herr Ltaalsanwalt eine» jüdische» Elementarte h rer al» Sachverständige» zu einer Verlstindlung hinzugezogen. bei der es wesentlich darauf aukam. die aufgeworfenen Frage» vom Standpunkte der jüdische» Theologie und der jüdische» Wissenschaft au» zu beleuchten? Würde es irgend einer Behörde auch nur einsalle», über eine Frage aus dein Bereiche der christlichen Tlicologie einen christliche» Eleinentorlehrer al» kompetenten Sachverständigen anzuerkennen? Da» ist ein bezeichnender Vorgang, über den besonders d i e Herren Nachdenken mögen, ivelche au» Furcht vor hierarchischen «Äelüste» jeden lllersuch, den, Rabbiner dem Staat gegen tllx'r eine würdigere Stellung zu verschaffen, aus das Heftigste widerstreben. — Ferner möchte ich nur erlauben, a» den V vrstand d e r S h n a g v g e n g e m e > n d e zu Münster die Frage zu richte», ob es nicht, zumal! »ach den Vorgänge» in Neustettin, seine Pflicht getvesen ivüre, dafür Sorge zu tragen, dast bei dieser Verlxindlung tw» Unheil betvährter Männer angeruse» ivürde, die mit besserem Erfolge für die Ehre des Judeuthum« in die Schranken getreten wäre»? Die Shnagogeu-Gemeinden der Provinz I Westfalen hätten sich bei dieser Gelegenheit auch davon ' überzeugen können, dast eS denn doch kein so ganz normaler! Zustand sei, ivenn eine ganze Provinz nicht eine» einzige» theologisch gebildete» Mann auszuweisen habe. Und Herr! Seminarlehrer Treu? Wie l)at er es vor Gott und seinem! Wctuiffen verantworten können, sich i» einer für die Beurtheilung | de» ganzen Judenthums so bedeutsame» Angelegenheit einer Ausgabe zu unterziehen, der seine Kräfte offenbar nicht gewachsen »varen? Hätte er nicht lieber auf die Ehre, als fachmännischer Theologe aufzutrete», freiwillig verzichte» und dafür wirken sollen, dast eine so verantwortungSreiche Aufgabe geeigneteren Männern übertragen wurde. Es liegt mir sern, irgend Jemandem persönlich zu nahe treten zu wollen, aber e» flieht gewisse Zustände in unserer Mitte, dir nicht länger geduldet tverden dürfen, wenn nicht da» ganze Iudenthum darunter leiden soll. Hildesheim. De. G »ttma u ». Nachbemerkung der Redaetivn. Wir spreche» zunächst dem gesch. Eollegen unsere Freude und Anerkennung darüber au», dast er i» dieser Angelegenheit von so weittragender Bedeutung sich sreimüthia geäußert l>at, im Gegensatz zu so vielen Rabbinern, die sich gar nicht genug auSschiveigen könne». Die älteren Rabbiner — wer kann'» ihnen verargen — schweigen. weil der nach so vielen Seite» hi» zu führende Kamps frische Kräfte erfordert und die jüngeren Rabbiner, sie „reserviren" sich ihre Meinung, es fehlt ihnen meist der Muth, ihre Ueberzeuguug auszusprechen. Ob der dem Herrn Seminarlehrer Treu Im Obigen gemachte Borwurs I ganz berechtigt ist, ist nach dem, ivaS wir über seine AuS- I sage erfahren und nach dem hier folgenden Bericht der „Neuen I Evang. Kirchenzeitungdoch noch sehr fraglich. Letzteres Blatt! referirt über den „Judenspiegelprvcest" und schließt wie folgt: j „Da war eS nun interessant, daß der jüdische Seminarlehrer Treu behauptete, die Auslassungen de» Schnlck>in Aruch seien nicht als ReligivnSnormen zu betrachten, und I daß es nicht möglich sei, »ach denselben zu Handel». Hier» > durch aber (das bekannte er auch selbst), setzte er sich mit I allen orthodoxe» Juden im völligen Widerspruch. JnSj beioiiberc leugnete er. dast die Akuni, denen der Schulchan Aruch oft in lstiarsträubendster Weise begegnen heißt, Ehristen! seien, und behauptete, dast ctlidje Stelle» bei Justus Überbein! falsch übersetzt wären". Wir fragen, was hätte.Herr Lehrer Treu viel anders aussageu sollen? Wird, ivie die Dinge liegen, das Unheil über dieBerbiudlichkeit des Schulcha» Aruch nicht je »ach der religiösen Richtung des Urtl>eile»de» verschiede» aussalle»? Mögen doch die Lehrerkollegien der jüdisch-theologischen Facultäte» in Berlin. Breslau. Wie». Pest, Paris ei» klares Votum darüber abgelieu, dainit jeder Lehrer, jeder Vorstand einer Gemeinde sich daraus berusen kan». Es ist höchste Zeit, dast in dieser hochwichtigen Frage, die unsere sociale Existenz liedroht, „Stellung" genomme» werde, oder d ürfe» wir es schweigend hinuehine». dast ein bis in die höchsten Kreise hinauf gelesenes, in den Händen fast jedc'S christlichen «Geistliche» befindliches Blatt, die genannte „Evangelische Kirchenzeitung" ihr Schluß» urtlieil über den Münsterer Procest in folgende Worte zusammen fasst: „Der Procest hat das Gute gehabt, dast er es alle» Verschleieriingskünsten gegenül'er zu Tage gebracht har, von ivelchein Weift die religiöse Litteratnr und «Gesetzgebung der Judenschast in der »acl)ck>ristlic1ie» Zeit erfüllt, und dast nirgends weniger allgemeine Menschenliebe a ls hier zu finde» war".*» Witte offene klare Hrfauiitit><?rflärunß von Nabbtnrn beiiifllidi dr» <2d>uldutit Aruch ist von dringendster Nothwendigkeit «in der ffbte unserer Ateligion und Pitteratnr willen! .l-CT Ufr!"!-77 C=? '2T Kerichle ttttb Gorrelporrdenjen. Deutschland. Magdetnrg Wir habe» bereits bei einer früheren Gelegenlieit in einem befonbere» Leitartikel darauf hingewiesen, Ivie entgegen dem antisemitischen Treiben des protestantischen Hofprediger» Stöcker und seines Anhanges die ka t livlische Geistlichkeit dieser »»würdigen .Hetze entgegentreten, wie auch die Partei des Eentrums sich im Ganzen von diesem Treibe» ferngehalten. und haben dieses vor Allem dem lieilsainen Einfluß ihres hervorragendste»Parlamentariers Windhontzugeschrieben. Aus der de» Lesern d. Bl. aus den Tageszeitungen be. kannten Debatte über den Antrag Reichensberger (Wiederl-erstellung der 88 >5. 1(! und 18 der Verfassung, registriren wir mit besonderer Freude, dast auch der Abg. v. Schorlemer- A lst dieses venverfliche treibe unzweideutig verdammt. Und was den Worten diese« geivandten Redners um so größeren Werth flieht, ist. d.rst er diese schmachvolle Mißgeburt de» deutschen Parteigeistes überhaupt als dnrcl>aus u n k a t h o i i s ch », Wir geln» v>r desscre» Lrieniining liier auch noch Nw Äcsent lichsir an» dein tnniachikn dr» Herr» lir. (titer. Die »«t. U." fdjreibt: „Privaidoeeni Dr. stiter In «illuster Urwiee an» der »eueren ilidifche» vlneraliir, das, die «lnm sreltlch nicht, wie e« In,tu« „»tiesestens an. nehme, dlos ilhriste», dast sie «der allerdings auch Sstristen. Üdervanpi Nichtjuden seien, «tdenso machte er mit Recht geilend, dast die jüdischen «»esetzbücher den nnier den «ltzriste» ivostnende» Juden nicht so viele Vor schrisieu über ihr «ertsttUnist zu den «tum geden würden, wenn nicht die Voraussetzung bestände, dast die Juden es mit «tum ,|ii tbun stauen. Ober ivenn diese «besetze ketiie «tzeliuna metir staden, ivariin, ivürden Ne so oft und Immer von Neuem adgedrniki?"