Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 3.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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tjirr in Fragt, fonbtm die Religionsfreiheit. Wrr für sich oder Andere schüchtrt, kann in Ausübung dirsrr religiösen Funktion von Niemandem behindert oder gar wegen derselben bestraft werden.*) Wa» übrigen» de» Ballenstedter Fall betrifft, so haben die Orthodoxen im Brrein mit sonstigen Gegner de» Manne» e» damal« richtig fertig geschafft, diesen schließlich vom Amte zu bringen; eine Majorität von einer Stimme gab in der Gemeindeversammlung den Ausschlag. — Der Halberslädter Rabbiner lstttte seine Unsähigkeitserklärung abgegeben aus Grund der Mitkhrilungen dritter Personen ohne mit dem Sch och et eine eigene Pr ü fun gange stell l zu haben. Der in seinrm Ehrgefühl tief verwundete und mit Kränkungen ül>rrhäufte Cultusbeamtr. dessen fortdauernde Befähigung ihm später von anderen Rabbinern auf Grund einer, mit ihm vorgrnommenen Prüfung amtlich bestätigt wurde, ist bald darauf gebrochenen Herzen» gestorben. Gr hatte au° dem Todtrnbelte noch ungeordnet, daß keiner der Orthodoxen sich mit seiner Leiche beschäftigen sollte. M»« 1. Januar. (Or.-Cor.) Gin Erlaß des preußischen Justizministers ermächtigt und beauftragt die Präsidenten der Obergerichte. Juristen, welche ihre Prüfung bestanden haben, aber noch ohne amtliche Stelle sind, vom Amte zurückzuwriscn, fall« sie nicht Geld genug vorzeigrn. um wenigstens fünf Jahre auch ohne Dienstrinkonimrn standesmäßig leben zu können, oder fall« sie dem Präsidenten sonstige Bedenkrn geben, sie für die juristische Beamten-Earriere geeignet erscheinen zu lassen. — Dieser Erlaß hat, abgesehen von der allgemeinen, noch rine besondere Bedeutung für die Juden. Zunächst entsteht die Frage, ob auch noch andere Minister in gleicher Weise Vorgehen und die Präsidenten der Schul- und Verwaltungsbehörden beauftragen könnten, diejenigen, welche au« irgend rvelchen Gründen, die nicht »amhaft gemacht zu iverden brauchen, für den öffentlichen Dienst unr geeignet zu sein scheinen, au» der Beamtencarriere zu entfernen. Also nachdem man Zeit, Geld und Kraft für b»« Studium geopfert hat. soll ein junger Mann, selbst nach bestandener Prüfung, i» solcher Weise au» seiner Earriere zurückgestoßen werden können, nun mit oder ohne Lust und Geschick einen anderen Lebensberuf zu suchen, selbst auf die Gefahr hin. keinen geeigneten zu finde»? Erinnert dies nicht an die frühere Zeit der EabinetS-Justiz der Ministcrial- Verfügungen? Drängt sich da nicht die Frage auf, ob dies de» Grundsätzen einer constitutioncllen Regierung und eines Rechtsstaats entspricht? Für Juden verbindet sich damit noch die Befürchtung, daß dadurch unsrre Feinde ein Mittel erhalten, auch ohne Abänderung der Verfassung. auch ohne ei» Lpecialgrsrtz Juden von der Beamtrn-Earricrr fern halten zu können. Wir sagen nicht, daß eine solche Absicht vorliege: aber könnte nicht befürcht« werden, daß irgend wer einmal eine solche Absicht hege, ohne daß sie benierkt würde? Wir wundern uns, daß der preußische Justizminister. der doch den Juden entstammt, nicht daran gedacht hat. daß rin solcher Erlaß auch einmal zu falschen Zwecken benutzt werden könnte. Angedeutct wurde diese Befürchtung schon im Landtage, daß der Erlaß auch einmal Beraniassung und Berechtigung gebe» könnte, cvnsrssionellk Unterschiede zu mache», nicht blos Juden sondern auch Ehristrn gegenüber. Wir Juden aber haben Grund, besonder« wachsam zu sein. R. E-k», 8. Januar. Der traurige Fall, daß ein dreiundsiebzigjähriger Greis ein volles Jahr unschuldig in Untersuchungshaft sich befand, wird hier in den weitesten Kreisen auf « Lebhafteste besprochen, und wohl nicht mit Unrecht verlangt die öffentliche Meinung eine Aufklärung von Seiten der Staatsanwaltschaft. Der von so hanem Schicksal Betroffnie ist der »m benachbarten Ehrenfrld *) Diese« Princip schein« gegenwSnig in Hviberstadt, wo seit Ansang diese« Jahre» der von der .lolerantia. angestellic, auch von einem orthodoxen Rabbiner geprüfte Schächter und Lehrer in Function getreten ist, den Orthodoxen ein Dorn im Auge zu sein. Man vergleiche auch dt» gorrrspondenz: «Au» Ungarn" in dieser Rümmer. «Red.) wohnende, durchaus unbescholtene Kaufmann Marcu» Lion, in deffen Garderobezimmer im vergangenen Jahr ein Brand slattfand. Lion drrlarirte bei der Versicherungsgesellschaft 91 Posten al» verloren, mit einem Gesammtvrtrage von 2368 Mark, während die Experten nur aus 664 Mark den Schaden abschätzten Lion kam nun in den Verdacht, „das Vermögen der Preußischen Feucr-Versichcrung-Gesellschaft durch Vorspiegelung falscher Thotsachen zu schädigen, den Versuch gemacht zu haben" und wegen diese» Verdachte» wurde Lio» verhaftet und ein volle« Jahr in Untersuchung! behalten. Bei der Verhandlung der Anklage vor der hiesigen Strafkammer ereignete sich der wohl beispiellose Fall, daß die | Vertheidigung auf die Vernehmung der Schntzzcugen verzichte. iveil burd) die von der Staatsanwaltschaft geladenen Belastungszeugen die Unschuld des Angeklagten schon zur Genüge bewiesen war. (!!) Den Gang der Voruntersuchnng kennen zu lnnen, dürfte wohl keine allzu geringe Forderung von Seiten der Bewohner unsere» „Rechtstaatcs" sein und, falls die hiesige Gerichtsbehörde sich nicht dazu anschickt, den F>ll öffentlich klar zu stellen, so wird die Mithülfe des Herrn Justizministers wohl eine unausbleibliche Folge sei». Jedenfalls wird, wenn die Sache nicht bis dahin genügend aufgeklärt sein sollte, bei de>i.nächstrn Kaminerverhandlungen der Fall Gegenstand einer Mtrrpellation sein. Keiktrou«, 3V. Dez. Der Württ BczirkSvcrein zur Unterstützung armer durchreisender I S r a e l i te n mit dem Vororte Heilbronn, welcher im Jahre 1876 durch die Initiative der Verwaltung des hiesige» OrtSarmenvereinS unter vielen Schwierigkeiten in's Leben gerufen wurde, schließt mit dem 1. Januar 1884 seine segensreiche Wirksamkeit, da in Folge Austritts von 16 Bcrbandsgemcindcn der weitere Ausschuß unterm 25. vor. MtS. die Auflösung de« Verbandes beschlossen hat. ES trat nun an den hiesigen Or t sarmenvercin. welcher als Glied des Verbandes immer noch fortbestand, die Aufgabe heran, die Unterstützung armer durchreisender Israeliten. wie es vom Jahre 1863—1876 der Fall war. wieder selbstständig in die Hand zu »chine». In der dicscrhalb vom Vorsitzenden de« BezirkSvereinS, Hr». Jakob R os en t h a l, auf den 26. dS. Abends in den „Württ. Hof" einberufenen und zahlreich besuchten Generalversammlung des hiesigen Lrtsarmenuntcrstüpungsvereins wurde nach Verlesung der RcchenschaftSlvrlchte des Bezirks- und Ortsvcreina, auf Antrag des Vorsitzenden unter Ausdruck des ticffte» Bedauerns über die Auflösung de» BrzirksvrrcinS beschlossen, daß der OrtSarmenverein vom 1. Jan. ab seine frühere selbstständige Thätigkcit ivirder aufnehmcn solle und daß hic Funktionäre mit Rücksicht aus den Zweck des Verein» und auf den Stand der «affe und der Ansprüche an dieselbe unentgeltlich ihres Amtes waiten sollen. Letzterem Beschluß wurde sofort dadurch Nachdruck verliehen, daß sich zwei Mitglieder bereit erklärte», je das Amt des Anweisenden und AuSzahlenden unrntgcltlich zu übernehmen, zwei weitere Herren gaben die Zusicherung, diese Funktionen über'S Jahr zu übrrnehinen. schallende Bravorufe der Persaniiiielten folgten diese» Erklärungen in dem Betvußlsei». daß die Funktionen des Vereins i» würdige und fachkundige Hände gelegt sind und daß : durch dieses aufopscrungsvolle Anerbieten den Armen erhebliche Summen zu Gute kommen. Durch Akklamation wurden den Funktionäre» zivci Beiräthe und ein Sekretär beigegebcn. Dem Herrn I. Rosenthal, der die Geschäfte de» Bczirkrverein» mährend dessen Bestehens leitete und der auch seit längeren Jahren in dein OrtSvcrein thätig war, wurde der tiefgefühlte Dank der ganzen Versammlung entgcgengcbrachl. während Herr W. M. Wolf, langjährigen Kassier und Ausschnßmitglled des Vereins, auf Grund mühevoller statistischer Ausstellungen Veranlassung gab, allen Denen, dir seit Bestehen de» Vereins in dessen Verwaltung thätig waren, ehrende Aw-rkcnnuna zu zollen. Nach Erledigung der Tagesordnung, deren Gegenstände alle mit Einstimmigkeit erledigt wurden, schlag der Vorsitzende die Versammlung mit dem Wunsche, daß es dem Verein gelingen möge, seinem Zivccke, Unterstützung der