Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 3.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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— 20 — argen allerlei Bruchschaden. Stottern, Appetitlosigkeit, Nerven- Überreizung. Tobsucht. Wahnsinn und mehr dergleichen reale und imaginSre Leiden der Menschheit — Erfindungen. die von echt »germanisch-christlicher" Seite originiren; wenigsten« erscheinen die meisten Namen der Erfinder prononcirt „germanisch-christlich"; die meisten, doch nicht alle, zumal wenn man ihnen ein wenig aus den Grund sieht. So ist — horribile diotn — auch der Hannichtandereolder semitische Johanne« oder richtiger Jochanan. und selbst der urdeutsche Michel ist nicht« andere« al« der semitische Michael. Darum hatte ich jüngst ein hochgradige- Gaudium: ein blaublütiger und ein nichtblaublütiger Antisemit. Tröger dieser beiden Namen, wollten allen Ernstegeltend machen, Hanstamme auder Zeit der Minne und Michel vom griechischen Megalo«, d. i. der große, scilicet Arier; und al« sie durch einen christlich-germanischen Philologen, der sich noch ei» Stück deurscher Wahrheitsliebe bewahrt hat. eine« Besirrn belehrt wurden, declamirten sie wüthend: Schrecklich, schrecklich. Alle« verjüdet, selbst unsere Namen! Doch der Name thut nicht« zur Erfindung. 8aum cuique, und in Wahrung diese« meine« Grundsätze« will ich den Ruhm jener Jnventorcn bei Leibe nicht dadurch schmälern, daß ich ihre weltberühmten Persönlichkeiten in den Perdacht bringe, dem Judenrhum anzugehören, wenn ich diesen Verdacht auch nicht immer von ihren gleichfalls weltberühmten Namen fernzuhalten vermag; aber ebenso entschieden bestehe ich darauf, daß der Nuhm jüdischer Erfinder ihnen ganz und gar verbleibe. Der hiesigen Hyperorthodoxie verdankt da« sündige jüdische Spree-Babel eine Erfindung, die al« patentwürdig bezeichnet werden muß; wir meinen den Koscher-Butter- Stempel, der nrdi et orbi kündet: „Bislang hat die jüdische Welt eitel „treisene" Butter genossen, nun ist da« Zeitalter rigorosester ButtrrbereitungS-Aufsicht angebrochen. Welch' ein glücklicher Wendepunkt in der Geschichte de« Iudenthum«, ja der Menschheit! Allerdings hat da« ja auch seine bedenkliche Leite, ähnlich der weltbeivegendcn „Pansen- Frage", welche den Rlkhm der Frömmigkeit einer gewissen Gemeinde verewigt, aber Theorie und Praxi« eine« Rabbi mit der seine« wirklich gclctirt gewesenen Pater» i» Widerstreit gebracht hat. Doch im Grunde, wa» macht da«? Hat nicht auch ein Hosprcdiger in vielen Dingen die hervorragendsten Männer der Gegenwart und der Vergangenheit, denen er nicht dir Schuhricmen lösen kann. deSavouirt? Woher das vielbeschäftigte Haupt der Berliner Hypervrthodoxic nur die viele Zeit niunnt zur Ocnlarinspectivn der Buttcrbercitung und debei Hochzeiten zu benützenden Porzellan« und tausend anderer koschere» Sachen'? Ist er allenthalben gegenwärtig? Mitunter freilich ist diese Allgegenwart von schwachem Effect. So haben seine Heiligkeit schon vor einer Reihe von Jahren durch Placate in Buchhandlungen und andern Lokalitäten gleichfalls urbi et orbi gekündet, der „Tefillin- und Mususau«")chreibcr N. N. stehe uiiter Hochsriner unmittelbaren Inspektion und sei de- Vertrauen« aller Frommen würdig. AlSbald stclltc sich jedoch heraus, daß die „Tefillin und MesusauS" des unter unmittelbarer Aussicht stehenden N. N.. der weitab von Berlin wohnrc, poßul waren. Der Glaube an die Allgegcnwart Seiner Heiligkeit war hiernach allerdings stark erschüttert, aber nicht allzulange: den» die Dummen werden bekanntlich nicht alle, unter Jude», wie unler Christen, die Dummheit ist eben intrrconsessionell. — In mancher über fromme» jüdischen Seele mag wohl schon — und vielleicht nicht ganz vhne Grund — die Besorgnis; Platz gegriffen haben: wir. ivenn der betreffende christliche Butterhändler sich einen, dem epochemachenden gleichen Stempel anfertigen ließe? Alle« schon dagewesen. Doch der Glaube an die Allweisheit der orthodoxen allgegenwärtigen Berliner Vorsehung, die stet« zu den besten Zwecken die besten Mittel wählt, wird wohl allgemach auch diese Besorgniß schwinden machen. Viertln, 10. Januar. Gestern wurden, in der letzten hiesigen Wohnung LaSker'S seine hintcrlaffene Papiere, Manuskripte und Brief« im Beisein seine« General-Bevollmächtigten und der nächsten, hierorts wohnenden Anverwandten durchsucht und geordnet. Die Ausbeute ivar eine überraschend große. Biele ungedrucktk Manuskripte, zum Theil unvollendete, wurden vorgefunden und vorläufig versiegelt; die Anzahl der kleinen aphoristischen Bemerkungen, smvie der schriftlich nirdrrgeschriebenm Gedankensplitter ist eine derartige, daß nur jahrelange« Sichten eine» vollständigen systematischen Abschluß in da« chaotische Durcheinander wird bringen können. 'Der litterarische Nachtrag wird einen l>edrute»den Beitrag nicht nur zur Characterisirui g der Persönlichst» Ednard Lasker'«, sondern auch zur Klarlegung mancher dunkel gebliebenen Punftr in der parlamentarischen Geschichte Deutschland« liefern. Im Testament war eine Bemerkung enthalten, laut welcher die TestamentScxecutoren erst in einem RachtragS-Codikill ernannt werde» sollten. Dieses Codicill wurde auch heute vergeblich gesucht. Man nimmt an. daß sich diese« so hochwichtige Schriftstück noch in New-Aork in La«ker'o Papieren vorfinden würde. Aalleustedt «m Karz, 8. Januar. (Or.-Cor.) In Rr. 1 dieser Zeitung wird anläßlich eine« zu Colmar im Elsaß vorgekommcne» Falles die Frage erörtert, ob der Vorstand Jemandem da« Ausüben der Schechita verbiete» könne, und e« wird diese Frage mit Beziehung auf die deutsche Gewcrbefreiheit verneint. Hie» zu Ballenstedt ist vor etwa 2 Jahren ein ähnlicher Fall vorgekommcn. Der Rabbiner Dr. Auerbach zu Halbrrstadt hatte es für gut befunden, den hiesigen, seit 18 Jahren im Amte befindlichen, bewährten, frommen, geschickte» und mit Zeugnissen von jüd. Autoritären versehenen Grmcindeschochct plötzlich eine« schönen TageS zu „paffeln" und zu „affrrn" und wa» iveiß ich: genug die hiesigen „Frommen" (c« sind, genau gezählt, d rei, wovon einer mit A. verwandt ist!) ließen sofort und ohne Weitere» einen von A. autorisirtrn Schächter der Umgegend zum Schächte» wöchentlich »irlirmal« hicrherkonimen. Run steht aber der Halberstädtcr Rabbiner »i keinerlei amtlicher Beziehung zur hiesigen Genieinde, amtlich kenne» wir ihn gar nicht, e« war von der Gemeinde, resp. vom Vorstande keinerlei Aufforderung an >h» ergangen, sich über unsrrrn Beamten gutachtlich zu äußern; nichtsdestoweniger hatte er auf private« Ersuchen dreier Hyperorthodoxen, denen sich einige Mitglieder au» persönlichen Motiven anschlossr», sich gemüßigt gesunde», eine .off icielle" (so drückt sich sein in» dem Halberstädtcr Rabbinatssiegel versehene« Schreiben au«) UnfähigkeitSerklärung gegen diesen Beamte» einer fremde», außerhalb seine« Jurisdiclio»«bez>rke» liegenden Gemeinde zu schlcuder»: und seine hiesigen Anhänger hatten diesem unfehlbaren Halberstädter Kathedralausspruche sofott, wie i0lr sagten, praktische Folgegegebc». Der eine Vorsteher nun. rin alter Herr, fügte sich der Ordre. Der andere aber versuchte, dieser von außen kommenden Einmischung rutgcgcnzutreten und den Gemeindebcamten. dessen Einkünfte auf diese Weise geschmälert wurden, pflichtmäßig zu schützen. Er wendete sich an die Behörden, uin rin polizeiliche« Verbot gegen den „freindrn" Schächter zu envirken. Die Sache durchlief alle Instanzen. Der Vorsteher wurde abgewiesen, aber nicht mit Bezug auf die Gewerbefreilieit; denn diese stand im vorliegend.» Falle dem freiN'X'» Schachicr nicht zur Seite, da derselbe hierorts keine Gewerbesteuer zahlte und der protestierende Vorsteher sich gerade auf diesen Umstand berufen hatte. Vielmehr hob da« Herzoglich Anhaltische Staat«. Ministerium in seiner Entscheidung al« ausschlaggebenden Grund hervor, daß da« rituelle Schächten ein religiöser Art sei und Niemand in seiner Religion«- Übung behindert iverde» könne. Da« Schächten sei kein Gewerbe, für welches eilte Gewerbesteuer zu zahlen sei. — Ich habe angenommen, daß die Minheilung diese« Falle« für die Leser diese« Blatte« schon wegen der Anschauung unserer hiesigen Staatsbehörde vom rituellen Schächten von Jntereffe sein werde, übrigen« eine Anschauung, der wohl Jeder beipflichten wird. Nicht die Gewerbefreiheit kommt