Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 1.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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8 — Zukunft hat, wichtig fein, der Lösung der orientalischen Frage aufmerksamen Auge» zu solgen. Wir werden srldsiredeub nicht direct ringreifrn können oder auch nur wollen, allein wir werden schon manche» vorberritrn können, wa» zu geeigneter Zeit für die Wiederrrwerdung (?) Palästina» von grober Wichtigkeit sein könnte. Man hat von jüdischer Seite wohl schon dir Frage aufgestellt, ob e« nicht zur Zeit, als die Jude» au» Spanien und Portugal vertrieben wurden, angezrigt gewesen iväre, den Strom der Auswanderer »ach Palästina zu wendr» und den Versuch zu machen, das jüdische Reich wieder herzuitellen. E» ist dir» eine müßige Betrachtung; die Gelegen l>eit ist damal» nicht benutzt worden und wahrscheinlich mit Recht, da da» türkische Reich aus der Höhe seiner Macht stand und schwerlich ein selbstständige» jüdische» Gemeinwesen oder auch nur eine starke Einwanderung in Palästina geduldet Sben würde. Auch waren die von kabbalistische» Andauungen beherrschten Jude» de» sechtzehnteit Jahrhundert« schwerlich dir für Begründung einer jüdischen Kolonie geeigneten Leute. In mancher Hinsicht liegen sicherlich die Berhält» issc für die Zeit de« bevorstehenden Verfall» der türkischen Macht viel günstiger. Die« mögen auch diejenigen Männer geglaubt haben wrlche die Verfolgungen, die gegen unsere Glaubrn«- Senossen in Rumänien und Südrubland auSgebrochen sind, ir eine passende und zutreffende Gelegenheit hielten, um mit dem alten Plane der Besiedelung Palästina» durch jüdische Kolonisten wieder in den Vordergrund zu treten. Der Gedanke wäre an sich vielleicht nicht verwerflich getvesrn. allein an die Ausführung Hütte man nur mit der größten Borsicht gehen müffen, und dadurch, daß die» nicht geschehen «st, sind schon jetzt die schwachen Versuche, welche gemacht worden sind, so gut wie gescheitert zu betrachten. lS<hlub folg«) Gerichte rr»d Gorrrsporrde«)err. De»ts«bla«d. Htertl«. (Or.-Tvr.) Wer gewiffenhaft den Pflichten eine« Berichterstatter« Nachkommen will, darf nicht allein die Begebenheiten de» Tage« au» anderen Zeitungen zusammenstellrn. oder nur hier und dort hinhorchen, er muß möglichst die den Leser interessirenden Vorkommnisse an der Quelle auffuchen und darf selbst Aerger und Verdruß nicht stheuen, wenn e« gllt durch die Macht der Presse einem Unfug steuern zu helft«. Eine angenehme Aufgabe war e» nicht, wegen eine» Referat» de» Tinget-Tangel-Theater von Omarg hier aufzusuchen um dort die .jüdisch-orientalische* Lwerettengesellschaft zu hören und mit dem Leiter sich wegen de» Chillol n**ohem ^rumzuzanku. Ich that diese» aber, nicht etwa um für diese» Blatt nur Recensivn zu schreiben, sondern um durch diese Besprechung die Letter der größeren jüdischen Gemeinden in der Provinz auf diese» Unternchmen aufmerksam zu machen, denn ich müßte mich schr täuschen, wenn diese Gesellschaft — auf ihrer Durchreise nach London — nicht auch viele andere Städte mit ihren Vorstellungen beglücken werden. Die jüdisch-orientalische Operettengrsellschaft giebt also hier Abend für Abend ein und dieselbe Vorstälung: .Sch ulami»*. Romantische Oper nach einer talmudischen Legende von Goldfaden. Der Handlung liegt die bekannte Erzählung au« dem Talmud (Trakt. Ttm«) zu Grund: »Ein Jüngling schwur einem Mädchen ewige Liebe, ein vorübergehende» Wiesel und einen Brunnen zum Zeugen für dir Wahrheit seiner Aussage nehmend. Bald vergaß der Treulose da» gegebene Versprechen und heirathrte ein andere» Mädchen; allein da» Strafgericht Gotte« verfolgte ihn auf «ine schreckliche Weis'. Da« eine au« dieser Ehe hervorgegangrne Kind wurde von einem Wiesel gebissen und starb »n Folge dessen, da» andere fiel in einen Brunnen und fand dann dm Tod. Jetzt erwachte da» Gewissen de« Meineidigen. Er ließ sich von seiner Frau scheidm und heirathrte da» verlassene Mädchen und suchte durch verdoppelte Liebe da» frühere Unrecht wieder gut zu machen*. Wa» hat der Dichter-Eomvonist (?) au» dieser schönm Erzählung, die die Heiligkeit de» Eide» bei de» Alten darstellen soll, gemacht! Ei» Ballhorn hätte nicht schliinmer den Text verhunze» können. Die Hauptpersonen sind: Mon oach, rin Bürger au« Bethlehem; Sch ulami», seine Tochter; Absalo», ihr.Geliebter; Abigail, seine erste Frau, und Nathan, der rothe Vrirstcr. Der erste Act erzählt un« das Zusammentreffen de« Absalon mir Schulamis, wo er ihr bei einer milden Katze und einem Brunnen Treue schwört. In» zweiten Act heirathet er die Abigail und im dritten Act heirathet er, ohne daß ein Motiv angegeben, dir Schulami», die inzwischen wahnsinnig?«worden. Im vierten Act wird die Trauung nach katho» ischrm Ritu» im Tempel zu Jerusalem, in Gegenwart sämmtlicher Priester, die Schosar blasend den Mivbeach um» tanzm. Die .Wochenschrift* eignet sich nicht zu einereingehenden Kritik diese» Machwerke». Wir wollen hier nicht einmal den schrecklichen Mauschcl-Jargon bemängeln, wollen die corrumpirtm hebräischen Ausdrücke, dir massenhaft verübt worden, hier nicht näher erwähnen, — obwohl der Refrain eine» Liede», da« die Töchter der Israeliten bei einem bekannten Freudenfeste singen: „Hin sotto, kirn scho, Booher meiner“ schon zu einem Gassenhauer geworden; — nur nebenbei wollen wir erwähnen, daß der Hohepriester bei der Trauung, wobei da» Brautpaar vor ihm kniet, net Gbbret nach der traditionellen Melodie de« WY3K *p*H singt. Von dem Text der ganzen Oper versteht man Gott sei Dank nur wenig Brocken. Wa« ist da» Alle» gegen die Person de» Priester«, der sich mit Patho« Rosson den Aharon Hakohen nennt. Wahrtich von der Bühne herab sollte man einen Juden zerren, der e» wagt, einen Priester im Ornat s o darzustellen und darau« eine der widerlichsten Carrikaturen macht, die jemals einem Publikum vorarführt wurden. Da» Aeußere diese« Priester« ist da» denkbar paflenste Modell zu einem Juda» Jscharioth. So denkt sich der Nichtjude den neutestamentlichen Berräther, eine lange Adlernase, orandrothe Haare und Bart. Wenn ftr im langen, weißen Talar und Kopfbund auf der Bühne erscheint, bücken sich die übrigen Darsteller und küssen den Boden, den er bettitt, er aber spielt den Bajazzo, macht die schrecklichsten Grimmaffen und tanzt und springt wie ein Jahrmarktbär. Der anwesend« Janhagel jauchzt und schreit Beifall, der ihm zu erneuten Körperverrenkungen anspornt, die im Publikum anwesenden Juden zittern vor Wuth und Scham, wenn sie die Person, die im Tempel den heiligen Dienst versieht, so herabwürdigen sehen. Wo würde sich ein Christ finden, der etwa einen Apostel auf der Bühne so karrikiren würde, wie dieser polnisch« Jude — der Biedermann heißt Rosenberg — den rothe» Priester. Da» zahlreich anwesende Sonntagspublikum hielt sich ziemlich taktvoll, e» schrie wohl vor Vergnügen, belästigte aber da» anwesende jüdische Publikum nicht weiter und erst al» der Schreiber diese» dem Leiter am Dirigentenpulte einige nicht angenehme Complimente machte, fingen viele Umstehende zu murren an, so daß er sich zurückziehen mußte. An der jüdisch-orientalischen Operetten-Gesellschaft liegt e» wahrlich nicht, wenn da» Rischnß nicht noch größer wird. Wir geben ihnr da» Zeugniß. daß sie e» an redlicher Mühe nicht fehlen läßt, jüdische Gebräuche und Sprache möglichst lächerlich »u machen. Die Vorstände und Rabbiner in der Provinz seien hiermit gewarnt; hier konnte ein Verbot nicht erwirkt werden, weil thatsächlich der Text dazu keine Veranlassung giebt; aber: .Wa« man nicht sagen kann, da» zeigt man durch Äeberden an*. (Wir erinnern un», daß vor einiger Zeit «ine Bestrafung wegcn Verspottung religiöser Einrichtung schon deshalb erfolgte, weil in der Carnrvalszeit ein christlicher Priester in einer Privatgesellschaft carrikirt wurde; eine Verspottung durch Gesten und Habitus ist oft viel schlimmer, al» die durch Worte; sollte sich kein StaatSantoalt finden, der, auf diesen Unfug aufmerksam gemacht, den Sttafantrag stellte? Red.)