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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 47. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 47.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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— 367 — »Ich weiß t» nicht, Selirhte. Ich «erd« bei« Vater bleiben, so lange ich es kann, nnd mich nnr entfernen, wenn ich darf »der muß. Gute Rächt, mein Rind!* Und einen Ruß auf ihre Stirn diückend, eilte der junge Mann di« Stiegen hinunter, rannte athemlo« über die dunkelnden Saffen, warf, »u Hause angekommen, den Hut in «inen Winkel und schlich leise und behutsam in da» Krankenzimmer seine» Pater». In einem Winkel der großen Stube lag der alte Maun geschloffenen Auge» auf dem Krankenlager. Der lange weiße Bart quoll über die Bettdecke, auf der auch di« bleichen Hände lagen; auf dem schneeigen Haupte saß ein schwarze« Sammetkäppchen, und die aus dem mit Flaschen »nd Gläser« bedeckten Tische, brennende Kerze beleuchtete ein blaffe», gutmüthige» und offene» Gesicht, auf welchem die Hand de» Tode« ruhte. An der Thürr der matt beleuchteten Stube saßen trüb und «ortlo» zwei Töchter de« alten Manne» und neben ihnen war der Krankenwärter in einem Stuhle eingenickt. Wie langsam und schwer schleichen die Stunden am Bette schwer kranker Peismlen! Man glaubt da da» Fallen der einzelnen Sandkörner au» der Urne der Zeit zu hören, wie man die einzelnen Schläge de» eigenen Herzen» in dieser bangen Stille hört; man lauscht aus jene Athemzüge, deren Aushören man besorgt und wird durch Befürchtungen geängstigt, die da« Herz zusammenschnüren. Der junge Mann näherte sich behutsam dem Lager de» Bater» «nd lehnte sich mit kummervoller Miene au da- Bett. Der alte Mann schlug di« Augen auf. .Joseph?" frug er. .Ich bin e«, Bater," versetzte der Sohn, sich über den Kranken beugend, während die beiden Töchter an da« Bett eilten. .Wie befindest Tu Dich jetzt? Schliefst Du?" .Rein, ich schlief nicht; ich schieß die Augen, um ungestört zu denken. Wenn man an der Schwelle de» Leben« angelangt ist, wendet man sich gerne i.och einmal um, bevor man sie überschreitet; ain Aulgange möchte man vor Thorschluß noch einen Blick auf den Weg hinter sich werfen, bevor wir hinabgestoßen werden in die duiu.e Tiefe. Ich habe «inen «eiten Weg ge,nacht — öffne da» Fenster, niein Kind, ich möchte frische Abrndlust alhine», da» wirb mich erquicken." Der Kranke richtete sich Haid aus. .Ich habe einen weilen Weg gemacht, subr er kort, al« die frischen Lustwellen über sein blaffe» Gesicht schlug,». »Di« Wege de« Menschen wenden sich so wunderbar durch Gestrüpp und Gestein, durch Dist-ln und Rosenhecken, durch bleichende Gebeine und blühend« Hoffnungen, höhenan und thalab, beschienen von der helleii Sonne, bald zerzaust vom Sturme — ein ewiger Kampf zwischen Siegen und Unterliegen, bi« die Kräsie schwinden, bi» die Sandkörner verronnen und da« morsche Hau«, i» welchem der emsig arbeitend« Geist und da» ruhrlo» hänrmernde Herz wohnen, in Trümmer fällt. .Pater, lieber Vater, schone Dich. Da» Sprechen wird Dich anstrcngen," flehte die jüngere Tochter, die Augen voll von Thränen und die Stimme halb erstickt." "Ged', mein Kind, auf dem Punkte, auf dem ich nun angelangt bin, hat man nicht« mehr zu besorgen," antwortete der Grei« mit mildem Lächeln in den verklärten Zügen. E« handelt sich um Minuten, um die man da» Leben kürzen oder fristen kann, zehn Schritte mehr oder weniger aus der Bahn, da« ist Alle». Joseph, mein Kind, lösch« da» Licht au», damit ich Mond und Sterne sehe, bevor sich meine Augen für immer schließe». Die», mllde keusch« Licht, da» au» unendlich entfernten Räumen zu uns in stillen Stunden, wo der Geist sich der Reflexion öffnet, niedersinkt, offenbart un» Gotte» große Werke, di« ewigen Gesetze der Wellanord» nung. Nicht ein Atom bewegt sich im Aether ohne Gesetz, de« nicht ein Leb« athmet, nicht eine Pflanze keimt, nicht «in Tropfen rinnt ohne jenen Willen, der Alle» schuf. Alle» lenkt und Alleerhält." Und nach einer Pause fuhr der Grei» fort: .Siebst Du, mein Jftnb, c» giebt Menschen, die den Schöpfer ou» der Schöpfung hinan»di»putiren, ohne zu bedenken, daß ihre eigenen simplen Häuser nicht ohne Baumeister entstehen konnten Der ewig ununterbrochene Wechsel von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, von Ebbe und Fluth, der Krei-lauf de» Leben» die» Alle» wäre so au» sich selbst geworden? Wenn ich all mein Leben lang gezwei» seit hätte, hätte, jetzt wo, der Geist sich lo-lößt von seinen irdischen Banden, fühle ich e», daß dort in seren, fernen Sphären die Heimath ist, in die er zurückkehrt, wie e» unser« am Sinai verkündete Ähre, unumstößlicher al» die Säulen der Welt, alle« Rationen zum Grundstein der Moral verkündet hat. Der alte Mann war erschöpft. .Höre auf, liebster Vater," unterbrach ihn Jose; h, seine Hände ergreifend, .Du zehrst Deine schwachen Kräfte auf." .Nicht eher, mein Kind," erwiderte der Sterbe ade, di« Hände seine» Sohne» fcsthaltend, „al» bi» Du mir hier in dieser meiner letzten Stund« gelobest, niemals der Religion Deiner Väter untreu zu werden, niemal» einen anderen Gott anzuerkennen, aldenjenigen, der sich un» an» Sinai offenbarte, daß nie Geld und Würdenliebr oder Bergung in den Schooß der christlichen Kirche Dich bringen, und daß Du, allen Verlockungen widerstehend, fest stehest zu Thora und Synagoge, wie ich festhalte zu dem Gotte meiner Väter, der meine Seele heimruft vom Erdenwallen." „Ich schwöre, Vater," ries Joseph nach einem kurzen heftigen Kampf, der einen Moment sein Herz zum Stillstand brachte, bleich wie der Tod, mit zuckenden Lippen. ,Lo segne Dich der Himmel, wie Dich Dein sterbender Vater segnet!" betete der Grei», seine Hand auf da» Haupt de» jungen Manne» legend. Da ruhte sie lange und seine Lippen bewegten sich leise, immer leiser, man hörte nur da» Ticken der Wanduhr, die ihm die letzten Minute» seine» Leben» zuzählte. Den Anwesenden wurde e» unheimlich. „E>n Licht!" ries Joseph, und al» da» Zimmer erhellt wurde, blickte man in ein friedlich heitere» (hesicht, deffen Züge sich zu steifen, in ein Auge, deffen Blick« sich zu verglasen begannen. Die Hand de« Tode« hatte die- Leben gepackt. Vom Lager eine» sterbenden Inden werden die nächsten Anverwandten entkernt, damit sich die scheidende Seele Angesicht» der Lieben nnd ihre» Schmerze« mcht noch schwerer audem Körper trenne. Zehn fremde Männer treten an» Bett, um ihre lauten Gebete dem auswärts steigenden Geiste nachzu» sende», seine Fenster, die Auge», zu schließen und da» ver» laste»« Hau», den tobten Leib, auf den kalten Estrich zu strecken. (Fortsetzung folgt.) Da« Robemberheft van „Auf der Löhe" enthält vor Allem zwei «»«gezeichnete Novelle«. Serar» Gteller, einer der besten niederländische-: Erzähler d«r Jetztzeit, ltesirt in feiner Geschichte .Hinter den GIa»lhüren", ein ineisterdaste« Lebenäbild ou« Holland, während Ludwig «öaughofer, der Versasser des prächtigen Botkistücke», „der Herrgoltaschnitzer von Oderammerg-'.u", ein« Erzählung au« dem dayertschen Hochland „die Loeleilhncreleut" bietet, in der nicht di« üblichen Salontiroler, sondrrn echte «Inder der Berge austreten und un» der Harzgenuh de« Nadelwald»« und der frische Athen, der Aipensonne zu umwehen scheint. A. Don Ceaareo Fernand» Otiro, «in spanischer Marineoffizier höheren Range«, der sich al« Gelehrter einen bedeutenden Ruf erworben hat, schildert an der Hand eigener archi» valischer Studien vier Zamoraner, die sich in der neuen Welt bedeutende Verdienste um di« Eroberung und Colonisation erworben haben. M. «rusch hat eine trefflich« Studie: „Der StaotSro nan oder der Socia»«mu« in« Gewände der Poesie", di« berühmt« italienische Reisende Dorla Serena eine allerliebste Schilderung, „eine Pariser Grisette in Persien" deigesteuert. Rabbiner Stet« führt die lustige Gestalt.Pfeifferl«, de« Possenmacher«" vor. 9t, Srmanb bietet eine reizend« Pariser Novelle, „Die Veilchen der Gräsi» Lo Eomlor", welch« von dem graziösen Talente de» Verfasser« vollglltige« Zeugnis, adlegt. Die Memoiren der Baronin Elise von Hohen hause« fesseln da« Lntrress« de« Leser« von Abschnitt zu Abschnitt in immer erhöhterem Mab«. Di« Revue de» geistige« Leben« und die «hrouik »er elegant»« Welt enthalten demerken«werthe Beiträge von 0. Zchcharta« iHirschderg (£41.), ih. Fiedler (St. Peter«burg), Dornbusch (Nürnberg), Lltvier *« Jali« (Pari«>.

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