Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 47.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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vattven, Herr Stöcker, in seinen Gefianungsgeuoffe« nnter In» de« ans Eliaö Loh» sich'»och beschränken muh. H Vochner." Eknßsnrl (Or.-Lorr.) In unseren«, durch sein« zahlreichen Kalifabrtken so berühmt -morden«« Orte an der Grenzlinie,on Preußen und Lnbalt starb oor. Doch« di« Gattin «ine» unserer angesehensten und geachtetftrn Bürger, de« Stadtverordneten Hrn. Schachno«. Da hier nur wenige jüdische Familien «oh« nen. so hat Herr Tchachnow in seinem Haus« rin« Synagoge aus eigene Kosten hergerichtet, in der er selbst, — da kein Kultuödeamter da ist — die Hauptfunettonen an den Festtagen verrichttt. Lr sorgte, daß den Juden «ln besonderer jüv. Friedhof «tngeräumt wurde, zu dessen Ummauerung er »inen großen veitrag geleistet hat. Dt« verstorbene Gattin war ebenfalls ein« fromme Frau und in diesem Sinne sind auch ihre Kinder erzogen. Bei der Beerdigung folgten nicht nur Mitglieder de« Magistrat« und viele Stadtverordnete, sondern auch der humane Oderprediger W der dem Leichenzuge bi« zur sehr entfern:«» Ruhestätte, woselbst Herr Rabbiner l)r. Rahmer die trostreiche Grabrede hielt. Man war von allen Seiten bemüht, dem gebeugten Gatten, der wegen seiner Reellttät, Freigiebigkeit und seine« gottelfürchtigen Sinne« bet Juden und Lhrtsten in hoher Ächtung steht, die innigste Lheilnahme zu beweisen. Man konnte hier wieder sehen, daß, wo der J«ra«lit, treu seiner Religion, di« Pflichten ai« Mensch und Bürger getreulich erfüllt, ihm die Anerkennung aller seiner Mitbürger nicht fehlt, und da auch kein Raum für dl« gtftige.antis«. mittsch« Wucherpflanz« ist. (Traurig ist r«. — wie wir gesehen — mit dem Religionsunterricht in dieser jüd. Gemeind« ' bestellt; mögen die Mitglieder sich ermannen und den» Bori schlage de« Herrn Schachnow, der die Hälfte de« Gehalt« für einen Lehrer zahlen will, obgleich er keine schulpflichtigen Kin« j der mehr hat, -»stimmen und die ander« Hälfte de« Gehalt» aufbringen, damit die Jugend nicht religion«lo« aufwachse. Red.) Bl» Elsaß. (Or.-Lor.) Bon den jüdischen jungen Leuten, welch« in Mühlhausen a» einem Samstag unter der Anschuldigung verhaftet wurden, daß sie ftch der Militärpflicht zu entziehen gesucht haben, fitzt noch immer eine gewifie Anzahl in Haft, die meisten sind rndeß gegen Laution wieder auf freiem Fuße. Der Prozeß der den Betreffende» broorfteht, dürste ganz eigenthümliche Dinge an« Licht bringen, e« soll nämlich in einer großen Stadt Deutschland» (Ma»nz) ein« förmlich« Agentur bestanden haben, welche sich damit befaßte, den jungen Leuten gegen entsprechend« Geldentschädigung die nölhigen Papiere zu verschaffen, um sie vom Militärdienst zu befreien. In Folge diese« Borfalle» haben au» der Umgebung Mühlhausen« viele, sogar verheiratete junge Leute nächtlicher Weise ihre Heimath verlassen.*) — Auch die Schächtrrgeschichte taucht im Reichlland« wieder auf. In der am 28. Oktober in Z a b e r n kaltgefundenen Versammlung de« dortigen Thierschutzverein» wurde die Frage erörtert, ob nicht gegen da« «Schächten (diese grausauie Marter der Thiere!) vorgegangen werde» könne. Der Berein begründet seine Motive auf über diesen Punkt ihm vorliegende Broschüren, au« denen hervorgehen soll, daß da« Schächten in den religiösen Satzungen der Juden nicht geboten sei.! Einige Mitglieder behaupteten sogar, daß hervorragend« Rabbinen sich ebenfalls gegen da« Schächten ausgesprochen haben sollen. Soweit ging unsere« Wissen« kein Reformrabbiner, denn Herr Schreiber unsel. Andenken«, der jetzt in Amerika sein Unwesen treibt und in dortigen Blättern auf Deutschland schimpft, war und ist nicht als Rabbiner zu bettachten, ebenso wenig wie der Württemberger FixEtern. *) Die neuest« Nr. der „>rch. iSr." kommt auf unsere Ar.merk. in vor. Nr. zurück und m-int, da« diesen Milikürentziehungen im Elsaß nicht Feigheit und nicht Mangel an Pattioti-mus zu Grunde lieg«, sondern vielmehr die Lieb« zum früheren fianzössschrn Bater» land«; „der preußisch« Dienst Hab« für gebaren« Franzosen wenig Anziehungskraft." Wir wünschten, daß dieser Entschuldigungsgrund den jungen Leuten „als mildernder Umstand" anzerechn«t werde. (Red.) lv«Gerretch. Wir», li. November, der Gemeinderath der österreichischen Haupt- und Residenzstadt, trifft Vorbereitung»», de« 27. December al« den Tag zu feiern, an welche« vor sechshundert Jahre» Kaiser Rudoiph der Ahnherr der öfter» retchischen Dyimstie, sein« beiden Söhn« Albrecht und Rudolph mit Oes erreich, Steiermark und Kratn belehnt« und dadurch den Grund zu dem Kaiserthum Oesterreich legt«. Rach sechshundert Jahren wird also die Gestalt de« ersten deutschen Kaiser« au« dem Haus« HabSburg, von der Sage und der Dichtimg verheri.cht , au« der Katfergruft zu Speyer sich erheben, utd wir meine», daß speriell die jüdischen Staat». angehörtgen in Oesterretch-Ungern, die nicht mehr „Kammer» knechte" oder .Schutzjuden" find, sich veranlaßt fühlen dürsten, gar e-nste Betrachtungen bei Gelegenheit dieser SilOjährtgen Jubelfeier anzustellen. Im dreizehnten Jahrhunderte erhob sich zum ersten»«!« in Deutschland di« veschuloigung, daß di« Juden zur Feier de« Paffafest« Lhrtstenkinder tödten und deren Blut „zu rttuellellen Zwecken" — wie der Ausdruck im neunzehnten Jahrhundert lautet. — gebrauchen. Dieser wahnglaub« kostet viele» Juden da« Leben und verbreiiete sich wie eine ansteckende bü«artige Kran heit. In Ihrer Roth wandten sich die Juden an den im Exil,' zu Lyon lebenden Papst Jnnocenz IV. um Schutz gegen >ne Lügenhaft« und barbarische Anschuldigung, daß sie Menscheiivlut tränken und Menschenherzen äßen, unter deren Deckmanlel sie gemordet und geplündert würden. Papst Jnnocenz IV., aufgeklärten und humanen Geist-«, erließ am 5. Juli 1247 eine Bulle an die Erzbischöfe und Bischöfe Deutschland« zum Schutze der Juden, in welcher e« heißt: ,Da dt« göttliche Schrift unter anderen Befehlen de« Gesetze« sagt: „Tövte nicht", und den Juden besonder« »erbietet, am Osterfeste etwa« Gef orbene« zu berühren, so beschuldigt man sie fälschlich, daß sie an demselben Feste sich da« Her» eine« I getödteten Knal en gegenseitig mitlheiien, im Glauben, daß da« Gesetz ihnen dt> st« vorfchreibe, da die» offenbar ihrem Gesetz« zuwider ist; üb;l ist e«, daß man ihnen Die Leichrahme gestorbener Menschen, dje man irgendwo gefunden hat, ausbürdet. Und über solch, und viele andere Erfindungen gegen sie wü> thend, begeht inan gegen sie. ohne Anklage, ohne Geständniß, ohne übersiihrung. wider die ihnen vom päpstiicheü Stuhle verliehenen Privilegien» wider Gott und Gerechtigkeit, Raub aller ihrer Güt^, quäU sie mit Hunger, Gefängniß und so vielen Bedrängnissen und bedrückungen, indem man sie mit den v.rschiedenfien Strafen belegt und so uiclt von ihnen zum schniähiichftea Tode verdammt, daß die Juven unter der Herrschaft j ne Fürsten, Edlen nnd Mächtigen schlechter daran sind, al» ihre Bäter unter Pharao in Egypten gewesen find." Am 7. Juli1273 wurde diese Bulle von Pipst Gregor X. erneuert, um t><» Bersolgungen entgegen zu treten, denen die Juden in Deutschland unter der Biutoeschuidigung. in Wirklichkeit aber um sie auSzupiündern und ihre» Vermögen« zu beranken, au«g< setzt waren. Allein stä'cker al» die Macht der Papste sind die Habsucht, der Fanatismus und die Wildheit der Massen. Diese kamen nicht zu Ruhe, sondern fielen über die wehrlosen Juden h.r, nachdem sie ihnen todt« Kinder in'« Hau« geworfea hatten, um sie ie« Ehristenmorde« zur Zeit de» Passahfeste« beschuldigen zu können. Und zum drittenmal« erhob sich rin mächtiger Zeuge für die Unschuio der Juden in der Person Kaiser Ruv olp h '« I. Im Jahre 1275 bestätigte er diese von zwei Päpsten erlassene Urkunie von neuem und, mit dem großen Majestät»siegel versihen, befindet sich dieselbe heut« noch in dem Stadtarchiv zu Köln. Die Ueberschrist dieser erneuten Urkunde lautet: , Rudolphus Rex Rom. conürmaret sodane Freyheit, also Gregoriu« und Jnnocentiu« den Judeu gogeven Hand, und dat bat nynt waer an sy, bat ennige Kristen sagen, dat de Juden van eym« Hertz« eyn« boten Kyude« kooimen ceren up «ren paschen Dach."