Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 46.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/5369809-5935096-5938110--4805-5377070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
WM,' Intimi» - 855 - m » ip. exißirte, daß di« all« Demokratie noch nicht wieder die parlamentarisch« Irena betreten hatte, all Ihr Conrad bereit« die Schul« verlassen. Hätten Sie da« freilich Ihren Hörern erzählt. sie wären gelinde ernüchtert gewesen; sie hätten schwerlich »in tiefster Ergriffenheit" gelauscht, wie seit zwei Jahrzeh»tea, also noch zehn Jahre vor Falk, der sortschrittltch-jüdisch-atheistisch« Geist herrschte und Lourad ein Produkt dieser Pädagogik sei; e« hätte Ihnen einfach kein Mensch geglaubt, daß der liberal, Seist »solche Früchte zeitigt". Sehen Sie, Herr Hofprediger, al« der Minister Falk vor versammeltem Parlamente hören mußte, daß an dem verruchten Attentate auf da« geheiligte Hanpt eine« greisen Monarchen die Simultanschule schuld sei und di« Abschaffung der Regulative, da rief der Minister den PrLfidenten de« Stadtgericht« und de« neben ihm sihende» Geheimrath Schneider )K Zeugen an. daß Hödel in einem Institute erlogen war, wo di« Regulativ» auf da« Strengste befolgt wurden, und daß der Mörder über ein ganz ungewöhnliche» religiöse« Wißen verfügte, daß er an Liedern und Sprüchen von christlichem Eharatter weit mehr al» ein Durchschnitttmensch gelernt. Sie haben sich sehr darüber entrüstet, daß damal« eine erregte Stimmrief: »Der reine Mühler'sche Muftertnade!" Aber wenn e« ungerecht ist, Herrn v. Mühler und sein System für Hödel verantwortlich zu machen, ist e« dann erlaubt, die Tdot Conrad'« den Gegnern diese« Systeni« in Rechnung zu stellen? »Staudt Jemand", so fragen Sie, ehrwürdiger Herr, »daß Fortschritt und Judenthum au« dieser Eündfluth retten können?" Aber habe» denn Rückschritt und Christentdum jenmt« eine Ration vor Verbrechen und Verbrechern bewahrt? Haben Eie niemal« davon gehört, dag selbn Diener der Kirche zu Mördern wurden? Sind Ihnen die Namen Ravaillac und Clement unbekannt? Und stnd nicht Hödel und gerade Conrad Beweis genug, daß verworfene Subjekte immer auskommen können wie immer auch die Schute beschaffe» sein mag? Sie machen die Juden für den Morv verantwortlich; aber hat nicht da« Christenthum erst von den Juden die zehn Gebote übernommen, darinnen e« heißt: »Du sollst nicht tödten?" Tin Glück, daß Conrad so wenig wie Hödel oder Nobeling ein Jude war; hätte er zufällig diesem Stauden angehört, wa« hätten Eie dann erst für Reden gehalten! Rein, Herr Hosprediger, wenn e« Unrecht ist, die Mörder, welche ohne ihr Verdienst die Taufe empfangen, dem Chrisieuthum auszubürden, so ist e« auch unbillig, sie einer andere» Rcligioiisgemeinschast in die Schuhe ,ju schieben. Verbrecher gehören zu keiner Religion, zu keiner Partei, zu keiner Wissenschaft, und wenn Eie au«rufen: .»Gegen dergleichen Verbrechen muß sich Berlin wappuen, mit siärtiler Intoleranz!" so ist die Gegenfrage berechtigt: hat die Intoleranz davor geschützt, daß Proseffor Gregy erdroffelt und der Bischof von Frausladt ermordet wurde? Die Tragödie, deren trauriger Held Con.ad ist, sie ist so furchtbar, so erschüttenid. sie öffnet einen so schrecklichen Cinbllck ln den Abgrund einer beuialischen Natur, daß jede« gesitteten Manne» Haar sich sträubt, weß Glauben«, wetz Stande«, welcher Parleistellung er sei. Gegen den Verbrecher steht Alle« einmüthig zusammen, um da« Gesetz und daö Recht, die Menschlichkeit und die Sittlichkeit zu schützen. Ge gen den Au«wurs der Menschheit reichen sich alle Parteien, alle Bekenmniffe einträchtig die Bruderhand. Haben wir nicht Alle «inen Vater? Und habe» wir nicht Alle eine Ausgabe? Da» sind die Gefühle, welche sich angesichts de« grausigen Drama» eine« jeden empfindenden Menschen bemächtigen. Eie aber, Herr Hosprediger, haben ander« empfunden; Sie spielen de» Mörder gegen Ihre Gegner nur al« einen siegreichen Hauptlrumpf au«. Sie denken nur daran, wie die Unthat gegen den Liberalismus autzubeuten wäre. Sie erheben Ihr« Rechte und zeigen mit dem Finger: Seht da, da» hat die schlechte Pressgethan, »wenn auch nicht direkt angestistet"; seht da, da« ist da« Wort Dr. Strohmann'«! Hetttgt der Zweck denn selbst diese« Mittel? Und gilt denn nicht auch für Sie di« Mahnung: »Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet?" Seit Rain seinen Bruder Abel erschlug, ohne doch von fortschrittlich-jüdisch-atheistischem Geiste durchtränkt zu sein und ohne di« Simultanschule oder die freireligiös« Gemeind« besucht zu haben, von jener Zett bi« in Ewigkeit wird »um dem Verbrechen nicht ander« Abbruch zu thun vermögen al« durch die Verbreitung und Bethätigung der Menschenliebe und Gottesfurcht. Sie aber, Herr Hosprediger, stellen die Frag»: »Wa« lehrt un» der Prozeß Conrad?" »ad statt Ihren Hörern da» Herz zu ergreifen, ihnen zuzurufen, daß sie den Nächsten lieben, ihnen einzuschärken, daß Sturm erntet, wer Wind säet, bieten Sie sie auf zum Kamps und zur Intoleranz, Eie lenken di« Enlrüftuag von dem Mörder aus unbetheiligte Personen ab, welch« sein« Thal verabscheuen. Eie predigen den Unfrieden selbst au» dem traurigsten Anlaß. Ist da» edel, ist da« menschlich, ist da« christlich? Ist da« ein Gebot der Religion der Liebe? Nein, Herr Hosprediger, Ihre Kunst der Rede mag noch so bedeutend, Ihre Kühnheit der Sedankensprünge noch so genial sein — de« unbefangenen, wahrheitsliebenden Zuhörer wird der Prozeß Conrad niemal« lehren, daß der Liderali»- mu«, daß der Geist, der in den Berliner Wahlen zu« Ausdruck gekommen, daß Friedrich Schiller oder die Bildung Theil habe» an der Blutthat de« fünffachen Mörder», sondern daß e« oerthierte Subjekte giebl in allen Zonen und Religionen, in allen Ländern und allen Zeiten und — daß dem Antisemiti«mu« kein Mittel zu schlecht ist, e« gegen seine Gegner anzuwenden. Berichte und Correspondenzeu. De«tsck»la»d. Berlin. Line intellektuelle Urkundenfälschung von allgemeinem Interesse beschästigte gestern die 4. Strafkammer hiesigen Landgericht« l. Angettagl war der Handelsmann Isidor Rosenblatt, der sich gegen den Willen seine« Vaters von einem durchreisenden russischen Rabbiner hat trauen lassen. Die standesamtliche Eheschließung dagegen mußte Mangelder väterlichen Einwilligung unterbleiben. Am 24. Februar d. I. gebar chm seine somit nur religiös angetraut« Ehefrau einen Knaben, den er am 25. Februar auf dem 8. Standesamte vor dem Standesbeamten Herrn v. Keudel als ehelich geboren anmelden wollte. Der Beamte «mitte te aber d h einiges Nachfragen bald, daß der Ehe des Angeklagten die gesetzliche Sanktion fehlte. Er forderte daher denselben aus. sein unehelich gebornes Kind vorschriftsmäßig durch die Heve» amme anmelden zu lassen. Am Tage daraus erschien denn auch die letztere auf dem Standesamte zu einer Zeit, wo Herr v. Kendel persönlich nicht anwesend war und da der Vertreter desselben die Vorgeschichte nicht kannte, so ließ die Hebeamme der ihr gewordenen Weitung gemäß das Kind doch als ehelich eintragea. Der Angeklagte nimmt den guten Glauben daß er iichtig verheirathet sei, für sich in Anspruch Der Standesbeamte bestätigte auch, daß bei ihm allein n uu bi« zehn Fälle von unrichtigen Eintragungen vorgekommen sind, ln denen es sich um Trauungen durchreisender russischer Rabbiner handelte. Der Allgeklagte könne aber den guten Glauben nicht mehr für sich in Ansprilch nehmen, nachdem er von dem Beamten über den wahren Sachverhalt aufgeklärt worden war. Der Staatsanwalt beantragte ein« Woche G.'fängaiß, der Gerichtshof erkannte dagegen auf einen Monat Gefängniß, da dem Mißbrauch der standesamtlichen Register energisch entgegengetreten werden müsse.*) •) Die Fälle «sk Trauungen durch durchreisende polnische oder russische Jude» — die sich meist al« Rabbinen aurgeben — häufen sich Inder gerade bei oorkommenden gesetzlichen chhedindernisstu; die deihiirie Braut läßt sich leicht «orreden, daß eine solche Trauung rsv22 ober alle Schwierig'»!»«» hinweghilst und dem Ehe »und legali»