Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 44.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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I» Verpflegung rnff. jüd. Flüchütug« Einladungen ergehen an die Mitglieder de« deutschen Eenttalcomltä'», de« Berliner Localcomitä'», au den Borstand de« verpfleguagscomitö'«, an die Damen und Herren, di« im Asyl thätig waren, an die Aerzte »nd Apotheker, die den Verein nach jeder Richtung -in nuterstiitzt hatte« und waren ISO Personen diesen Einladungen gefolgt. Der Raum, in welchem di«her di« Flüchtlinge gespeist wurden, war festlich dekorirt worden und in Mitten de« Saale« war eine Lasel gedeckt, an welcher die Knaben Platz genommen. In Abwesenheit de« Vorsitzenden Herrn Rabbiner vr. Hildesheimer hielt deffen Sohn, Herr vr. ph. H. Hilde-heiheimer, di« Festrede. Derselbe begrüßte zuvörderst die zahlreich Erschienenen, erinnerte, wie in ernster Stund« vor S Monaten sich die Herren de« verpflegnagicomitä'« zusammengefunden und betonte, daß diese Schlußfeier nicht der selbstsüchtigen Freud« darüber gelte, daß da« drückend« Joch opferreicher Müh« von den Schultern gewälzt, sondern daß e« vielmehr der Autbruck de« Wonnegefühl« über da« Anbrechen einer relativ besseren Zeit sür die russischen Juden sei. E« sei hier nur noch erwähnt, daß der Verein in der Zeit seine« Bestehen« über ISMO unglückliche ruff. Brüder und Schwestern in seinem Asyl beherberget, mit Speise, Trank »nd Kleidung bedacht hat. Dank sprach der Redner in erster Reih« den Frauen und Jungfrauen au«, die freudig gerade in de» Stunden sich in den Dienst der heiligen Sache gestellt. die sonst der Leitung de« heimischen Hauswesen« zu gehören pflegen und so gezeigt haben, daß in den Stunden der Gefahr dt« Pflichten gegen da» Allgemeine höher stehen, al» gegen die Familie. Ferner dankte der Redner dem Manne (Herrn Adolph Ehrlich), der in edler Selbstlosigkeit die Räume während der vielen Monate bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat, wodurch die Schäftung und Erhaltung de« Asyl« überhaupt möglich war, sodann den Aerzten, die sich edenfall« in den Dienst der heiligen Sache gestellt, den Behörden, die da« Unternehmen nach jeder Richtung unterstützt, und endlich der großen Zahl von Wohlthätern, welche durch Hergabe von victualien und Kleidungsstücke» da« Unternehmen wesentlich gefördert. Zum Schluß sprach der Redner den Herren vom Centralcomitä den Dank au» und betonte dabei, daß sich der Verpslegung«v«rein glücklich schätze» in dem Bewußtsein, nach besten Kräften die schwere Aufgabe, die sich da« Centralcomiiä gestellt, erleichiert, und die Knaben, welche mit Gotte« Hilfe zu einer befferen Zukunft derangebildet «erden, tu da» Asyl ausgenommen zu haben. — Allseittger Bei» fall lohnte dem Redner. Herr Justiz-Rath Makower, al« Vorsitzender de« .deutschen Central - ComUL« nahm hierauf da» Wort und sprach znvörderst im Stamea de« Central - Comitü« allen Damen und Herren, die sich der schwierigen Aufgabe im Asyl unterzogen i« recht herzlicher Weis« den Dank au«. Derselbe schilderte hierauf die ganz« Bewegung von Beginn an, wie die Kazappen wie ein« wild« Horde auf die Unglücklichen lo«gtgangen, kam dann aus die Tage von Brody zu sprechen, die er dort selbst erlebt. Mitten in der Schilderung sing der erfahrene Mann an zu weinen, und von Rührung überwältigt, sprach derselbe nach kurzer Pause Folgendes: Sie dürfen e« mir nicht Übel nehmen, wenn ich weine, wer aber da« Elend so gesehen wie ich, der kann nicht ander«. Der Redner erwähnte ferner, wie da« Centralcomitä beschlossen, 40 Knaben*) nach Berlin zu nehmen, di« er selbst dann au«gewählt und die er ans der langen Reise selbst begleitet. Al» ersten Lichtstrahl in der finstern Zeit bezeichnete der Redner den Empfang und die Aufnahme, die diese Knaben i» Asyl gefunden, wie sie sich in den 2'/, Monaten nach jede, Richtung hin vervollkomnlt haben. Rach den neuesten Meldungen seien noch ca. 480 Köpfe, vie in Brody bald ihre Erlösung erhoffen dürfen, und in Rewyork noch ca. 1200 •) M such u non o’ya-w (Red.) Köpfe, die noch nicht untergebracht, für di« aber auch gesorgt werde« wird. Sind auch ein Theil Flüchtling« au» dem freien Lande uach der Hetmath zurückgekehrt, so darf «an doch «tt der Emlgration zufrieden sein. Mit dem Wunsch«, daß Geschichteschreiber diese Juden» Verfolgung al« die letzte diese« Jahrhundert« be^ichnen könnten, schloß der verehrle Redner di« mit großem Beifall auf» genommene Red«. M« dritter Redner bestieg Herr Justizrath Lesse die Tribüne, um al» Borfitzender de« .Berliner Localcomitä'»* in warmen Worten Namen« de« Comits's Allen, di« an diesem Werk« der Humanität »nd Opferwilligkeit mstgearbeitet, den Dank auszusprechen. ' Der erste Theil der Feier war beendet, und man kann wohl behaupte«, daß jeder Einzelne, der derselben beigewohnt, ergriffen und sehr befriedigt war. Während die Knaben gespeist wurden, reichten die Ehrendamen den geladene» Gästen kleine Erfrischunge» und nach Beendigung de« Mahle« bestiegen di« SS Knaben die bereit stehenden Wagen, um nach ihrem neuen Heim überzusiedeln, mit dem Wunsche: .Gesegnet sei euer Au«gang und Gott geleite euch auf allen Wegen!* *) Mr erwähnen noch, daß vom Vorsitzenden de« Leipziger Comit6« Herrn Hermann Magnus, sowie vom Reich»tag«abgeordneten Herrn Ludwig Löwe Anerkennung«schreiben, sowie vom Rabbiner Herm B.. Hildesheimer während der Feier ein Glückwunsch-Telegramm einliesrn. Wir schließen mit dem Wunsche, daß der Allmächtige Zetten wie diejenige, die eine solch« Thätiqkeit nothwendig gemacht, von Israel immerdar fern halten möge. Berichte und Correspoadenzea. Deutschland. Magdedurg. Zu den Judenverfolgungen in Ungarn liefert der .Temp«* einen interessanten Kommentar. Diese« angesehene Blatt geht von dem richtigen Gedanken au«, daß» wenn der Jude im Osten Europa'« nicht so ist, wie nian ihn gern haben möchte, die« einfach daher komme, daß der Jude nicht behandelt wird, wie er al« Mensch zu behandeln ist. Zum Beleg hierfür beruft sich der .Temp»* auf England und Frankreich, wo di« J«raeliten schon längst alle bürgerlichen Rechte genießen, wo e« daher weder Klagen über di« Juden, noch antisemitische Hetzereien und v-rfolgungen giebt. Der Beleg läßt sich historisch erweitern, indem man auf Avignon verweist, wo die Juden, sonst überall verfolgt, unter den Päpsten ein ruhige« und Niemand anstößige« Leben führten. Au« den neuesten Forschungen Bardinet« führt nun der »Tempi* Folgende« an: Die Juden von Avignon trieben keinen Wucher, sie hielten nicht einmal Banken, die ganz in den Händen der Lombarden waren; sie lebten wie die anderen Einwohner, trieben ein Handwerk, hatten Läden oder sonst einen Handel und widmeten sich dem Ackerbau al« Ergenthü» mer, Pächter oder Arbeiter. ES wird nicht berichtet,^ daß sie sich große Reichthümer erwarb.'», icohl aber zeichneten sie sich au» al« Gelehrte. Juristen, Aerzte, Bibelexege^n und Dichter. Der .Tempi* schließt mit folgenden Sätzen: »Wir könnten diese Einzelnheiten vervielfältigen, doch möge man sie in Bardinet'« Buche selbst Nachlesen. Wir wollen heute nur folgenden Schluß daraus ziehen: lieberall. wo man d<e Juden nicht verfolgt hat. zeigen sie di« Vorzüge und di« Fehler, die allen Menschen gemeinsam sind; sie haben keine au-schließliche Raffe gebildet und sich nicht durch dir Laster bemerklich gemacht, die da« Bolttvorurthell auf sich wälzt. An dem Tage wo man im Osten anfängt, sie menschlich zu behandeln, wird der Ruf de» Haffe« gegen sie keinen Vorwand mehr haben.* •) Mögt sich an ihnen der s» recht hier passend« Psalmoert 110. » erMen, mögen diese 39 Csrnn^' f>"vs, «rhaNen und erzogen durch ni3U “Dy, durch Israel« freiwillige Süden. BHp mna >l» heiligen Schmucke der Religion, der Wissenschaft oder de« Handwerke« zu «eudeledendrm Thau siir die russ. Juder.heit werden.