Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 43.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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330 — tion rinri ungarischen Blattes in di« Zeitungen gelangt«) Einladung unterschrieben, sowie daß er mit ihnen »usammen Setagt hat, so übersieht man, bah er. ohne sich den schwersten ierdächtigungen der extremen Antisemiten auszusetzen, sich der Ausgabe schwerlich entziehen konnte, in Dresden die christliche und die gemäßigte Auffassung der Judenfrage an seinem Theiie zur Geltung zu bringen und sich mit den Geistern, dteerselbstgerusen. offen auseinanderzusi tzen. Am Vormittag des ersten Eongreßtages schien es, als würde da« nicht gelingen und die Borhersagung sich erfüllen, daß zwischen ihm und den radikalen Antisemiten keinerlei Gemeinschaft möglich sei. Seine Thesen, mit deren Vorlesung und Motivtrung der Eongreß begann, wurden zwar beifällig ausgenommen. aber die Reden Henrici'«. Förster'-, o. Liebermann'«, Pickenbach'S, weiche den reinen Rofienstandpunkt einnahmen und als letztes Ziel der antijüdischen Bewegung di« gesetzlich« Austreibung dir Juden hinstelltcn. g-fielen dem größten Theile der bunt zusammengewürfelten und ktine«weg» bloß au- Delegirten bestehende» Versammlung offenbar noch weit mehr. Di« Widerlegung Stöcker'-, welch« de» christlichen, humanen, politischen Gesichtspunkt betonte, fand nur getheilt« Zustimmung. Alnun gar Jftoczy's Manifest von der Position der Raffe au« daschwere Geschütz ungarischer Beschwerden gegen da- Judenthum auffuhr, schien für die gemäßigte Anschauung Stöcker'- die Sache beinahe verloren. Am Nachmittag wurden dann doch die Stöcker'schen Thesen, und zwar aus l)r. Henrici's Vorschlag en bloc angenommen, und so für die weitere Bewegung eine Grundlage gewonnen, von der selbst das .Schwarze Blatt" gestehen muß, daß es eine leidliche Frucht des Congrcsses sei und daß daS darin enthaltene Programm sich hören laffe. Da- Blatt fügt hinzu: „Bermuthlich wird dieser Congreß der letzte sein, sollte aber noch einer zu Stande kommen, dann tritt die S p a l t u n g der christlichen Antisemiten von den radikalen sicher ein; eS wäre besser, wenn sie jetzt schon ersolgt wäre." Dabei wird aber übersehen, daß der Dresdner Congreß ebenso eine Scheidung wie erne Einigung der antijüdischen Bewegung offenbart und constatirt hat. Al- Hofprechiger Stöcker am ersten Nachmittag des Congresieferne These» von Neuem vorlaS, sagte er in einer kurzen Einleitung, daß in den« engeren Comitä von den beiden Richtungen eine prinzipielle Differenz der Anschauungen über Ziel und Wege zugestanden «ei, welche eine gemeinsame Agitation und ein praktische- Zusammengehen außer an einzelnen Punkten unmöglich mache. Man habe beiderseits ausdrücklich gewünscht, daß dieausgesprochen und öffentlich bekannt werde. Aber man freue sich, daß eS bei diesem Stand« der Dinge doch gelungen sei, in den Thesen eine ge> wiffe gemeinschaftliche Bastder Beurtheilung zu finden. Ganz ebeirso hat sich Hosprediger Slöcker in Berlin ausgesprochen; auch die Radikalen haben den bestehenden Zwiespalt der Meinungen offen anerkannt. Die Thesen Stöcker s negieren nun den bloßen Raffenstandpunkt, betonen ausdrücklich, daß die Judenfrage, obwohl in der Verschiedenheit de- Stammes und des Glaubens begründet, doch in ihrer Erscheinung culturhistorischen. politischen ro t socialpolitischen und sittlichreligiösen Eharakters sei. Sie avoptire» zugleich den Standpunkt der christlichen StaatSidee und erklären, daß nur durch Hochhaltung der christlichen Weltanschauung und Pflege des christlichen Geistes die nationale Eigenthümiichkeit und Freiheit der vom Judenthum ergriffenen Völker wiedergewonnen oder verlheidigr werden könne. ES verdient Anerkennung, daß die Führer der radikalen Antisemitenbewegung diese Thesen einstimmig angenommen und auch nachträglich sich zu denselben bekannt haben; wobei ja freilich der Zukunft Vorbehalten bleiben muß, inwieweit sie ihre Agitation danach einrichten werden. Jedenfalls aber ist es angesichts dieser Thatsache nicht der Wahrheit entsprechend, sie ohne Weiteres als nichtchristliche oder gar als widerchristliche Menschen zu characlerisiren. Allerdings fehlt ihnen das Vcrständniß für den Zusammenhang de- Alten und Reuen Testaments, und insofern stehen sie außerhalb de« biblischen Bodens. Gleichwohl haben fl« in Dresden anerkannt, daß fl« das Reu« Testament in »oller Gültigkeit lassen, das historisch geworden« Christenthum als ihr Panter ansehen. Wenn ihnen dabei ein Ausdruck wie .arisches Ehristenthum" mit unterläuft, so ist da« in ihrem Sinne n cht als Bekämpkung de« .Ehristenthum« Christi" gemeint. Gewiß kann e» nun nicht scharf genug gerügt werden, «en r in öffentlicher Volksversammlung alttestamentlich« Persönlichketten in durchaus ungeziemender Weif« herang,zogen w«rd;n; Abraham. Joseph. Moses sind un« wie den Juden geheUtgre Namen. Dabei darf aber nicht verschwiegen «erden, »aß selbst Anhänger der radikalen Bewegung ein solches Vorgehen verwerfen, und daß zu erwarten steht, daß vergleiche.» Angriff« in Zukunft unterbleiben werden. Hof- Prediger Slöcker und diconservative Presse haben sie selbstverständlich öffentlich verurtheilt. — Bon den weiteren Verhandlungen d.s Lougreffe«, an denen übrigen« Stöcker nicht mehr theilnahm, ist außer den Anträge» der Herren von Fechenbach uno v. Thüngen. welch« ein« Grenzsperre gegen russische Juden, eine gesetzlich« Aushebung 1-er staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden und ihre Befreiung vom Militärdienste gegen Steuerzahlung verlangter"), besonders da« Jstoczy'sch« Manifest bemerken«- werth. Da «S für die deutschen Verhältnisse nicht paßte, wurde dcS völlig vom Rossenstrndp.mkt aus victirte Schriftstück auf Stöcker's Antrag von dem Comitü revidirt und soll nun an sie Regierungen und Völker gerichtet werden. Manchedarin ist für un« unverständlich. Die Klagen über Mangel m Freiheit in der Behandlung der Judenfrage sind nur in Oesterreich am Platze, nicht in Preußen, wo Dank der Regierung die freie DiScuffion nicht behindert ist. Uebrigen« Haien die Anhänger Stöcker's, als das Schriftstück in Dresden zur Abstimmung gebracht wurde, ihre Zustimmung nicht g> geben. — Noch ist von den practischen Maßregeln zu berichten, welche für di« weiteren Schritte getroffen sind. Ein ständige» Comitä oll der Alliance iSraelite eine thätige .Alliance antiiSraelile' rntgegenstellen. Eine Correfpondenz, aus der sich allmählic) eine internationale Reoue heranSzubilden hätte, soll die Bezi Hungen zwischen den einzelnen Zweigen der Bewegung ve Mitteln. Der Erfolg dieser Maßregeln muß abgewartet werden. Daß die Beschlüsse und Promemoria'S einer so bunt zusammengesetzten und im Grunde so unbedeutenden Bersam» lung, wie dieser Dresdner Antisemitencongreß war, die Beachtung der Regierungen und Parlamente finden werde», erwrrtendie ruhigerdenkenden Mitglieder des Congr-ssesicher selbst nicht." So bewährte sich auch hier dis Wort der Schrift:!?x uav '2. a:?’ 161 121 :121 nein: .1X7 M7 .Plant so viel Ihr wollt, c« wird doch zerstört; saßt Beschlüffi, stellt Thesen aus, sie halten doch nicht lange vor — denn mit uns ist Gott! Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Masdeburg. Außer Herrn Professor l)r Strack in Berlin, dessen ausführliches und gründliche» Gutachten über die Lüge der Blutichuldigung wir im Literalurblatt gebracht haben noch mehrere christliche Gelehrte, Th. R o e l d e ck e an, der Universitä jinjStraßburg. der talmuokundige Professor 0r. Franz Delitzsä. in Leipzig, Ur August Wünsche, de: Kenner de» Midrasch, und Professor 0r. C Siegfrie d in Jena (früher Gymnasiallehrer in Magdeburg), ebenfalls ein nicht nur in dem biblischen, sondern auch in brm hagadischen und ravbinischeu Schiistthum bewanderter Orientalist, ennergische Erklärungen dagegen erlassen. Letzterer schreibt: .Daß die Beschul- *) Dagegen soll erst ein nächster Congreß über den Antrag von Krieg (Mannbeim» beschließen, welcher di« Juden von allen Armier», von der vethellizung an der Presie und vom Landbesitz fernhalten will.