Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 40-41.
- Article
- Beilage zu Nᵒ 40-41.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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819 — »ende« Gewühl, der Pferd« Wiehern, der Trompete Schmet- Irr», die BaffntMvng, da« Commandowott' bildeten den ein» zigen Ausdruck, den di« Physiognomie der Stadt noch trng. In der Stille innerhalb der vier Pfähle gab e« wohl man» che« Schluchten, viel« feuchte Augen — die Gattin gab händeringend dem Salten, die Braut dem Bräutigam, di« Schwester dem Bruder, die Mutter dem Sohne den LbschiedSkuß — und innerhalb derselben vier Pfähle war «4 dem Gatten, de« Bräutigam, dem Bruder. dem Sohne wohl eben so traurig z» Mnihe al« der -atttn. der Braut, der Schwester, der Mutter, aber unter dem Waffenrocke schlägt da» Herz ander«, al« unter der Blonse oder dem HauSrvcke, die Trommel wirbelt die weichlichen Gefühle nieder, und in Reih und Glied gehört der Rann nicht mehr den Seinen. „Stillgestanden — richt Euch!* commandirte der Feldwebel der zwölften Compagnie, al« der Lieutenant v. Malberg herantrat. „Compagnie beim Melden*, rapportirte der Feldwebel dem Lieutenant. „Ich danke Ihnen, lassen Sie rühren.' .Rührt Such!' E« war da« aus dem Alarmplahe der Stadt, wo de« Morgen« kurz vor sieben Uhr die Corporalschatten von allen Richtungen her mit kriegsmäßigem Gepäck eintrafen, um zu Compagnim zusammen zu treten, zunächst unter den Lugen de« Feldwebel«, der zuerst die Meldungen der Corporalschast«- führer und Unteroffiziere in Empfang nahm. Der Lieutenant v. Malberg, eine noch sehr jugendliche Erscheinung, aber von ernstem und strengem Lu«sehrn, warf einen flüchtigen Blick ans seine Compagnie, die, auf Kriegsstärke gebracht, zur Hälfte neue Gesichter zeigte. Die Meldungen der Eorporale bei dem Feldwebel dauerten inzwischen sott. Jetzt trat ein Unteroffizier an denselben heran, der den Bestand seiner Sorporalschaft mit den Worten meldete: ein Hqrnist. zwei Trommelschläger, dreizehn Füsiliere, Füsilier Schulze rkvlerkrank. Wer von den neugierigen B«woh»ern der Stadt, welche diese Eompagnie wie di« anderen dicht umringten, bei jener Meldung, den wenige Schritte vom Feldwebel stehenden Lieutenant nur etwa« scharf beobachtete, dem konnte e« nicht entgehen, wie derselbe beim Lnblick de« meldenden Reserve-Unteroffizier« plötzlich ein Zucken im Gesicht verritth, wie wen« sein Lug« eine unerwünschte Gestalt gettoffen hätte. Da« war in der That der F^ll. Die Züge im Gesicht de« Lieutenant« verfinsterten sich sichtlich und zwischen den Zähnen murmelt« er, freilich für jeden Umstehenden unverstLndlich, die Motte: »Zum Teufel, wie kommt der Kerl in meine Compagnie?' Jetzt erschien «in zwriter junger Offizier, dann d.r Premier-Lieutenant, zuletzt der Haupl» mann. Der Premier-Lieutenant meldete: „Compagnie zur Stelle?' — „Guten Morgen, Füsiliere!' — „Gnien Morgen, Herr Hauptmann!' — „Da« erste Glied stehen bleiben — da« zweite und dritte Glied rückwärl« richt Euch — Marsch — Gewehr ab — die Gewehre zusammen.' Er folgte die Musterung de« Gepäck«, der Monturen, der Waffen. Dann „zum Kreise recht« und link« schwenkt — Marsch ' Die KriegSartikrl wurden von« Feldwebel verlesen- — Bataillon kehrt „Mitte stehen bleiben — Front!' Alle diese und andere Comando« erschollen auf dem Llarmplatz durcheinander. Dann trat eine Pause ein. Der Bataillonschef wurde erwattet. Die Offiziere der verschiedenen Compagnien begrüßten sich. Mehrere Reserve Offizieie. drn verschiedensten bürgerlichen Berufen aiig» hörig, fanden erst jetzt Zett, sich ihre,« Eameraden. den Militär« von Profession, vorzustellen. Keine Begegnung war wohl herzlicher, al« die zwischen dem Lieutenant ». Malberg und einem hoch aufgeschoffenen, einige «venige Jahre älteru, sehr beweglichen, den Zug zur Jovialität deutlich verrathenden Reserve-Lieutenant. Freilich der «rite Moment der Begegnung trug keinetweg« da» volle Gepräge der Herzlichkeit. Der Joviale zeigte sich sogar zuerst sehr kühl, ja befangen, verlegen, unsicher, dann auffallend steif und formell, indem er die rechte Hand an den Helm legte und di« Warte stutlerte: „Schumann, zur elfte« Sompagai« ringet»- gen.' Lieutenant v. Malberg, sonst zu nicht« weniger al« zur Cordtalität sich neigend, vielmehr eine echte rescrvitte Lttstokraten-Ratur und durch den eifrigen Offizier»di«nst für sein Liter ungemein früh abgekühlte Persönlichkeit, zeigte nicht« von steifer Etiquett«, al« er dem Camerad Schumann die Hände drückte. Im Geaentheil, er legte in seine Begrüßung ein« Wärme, di« sogar die Aufmerksamkeit der Umstehenden aus sich zog und die bald auch die Folge hatte, daß der so herzlich wtllkommnene Camerad sich ganz gab al« da», ma« er war, d. h. al« ein seelensguter, alle Formen hassender und leutseliger Mensch. „Schumann, Schumann,' ries Lieutenant v. Malberg ein Mal über da« andere au», „ist e« möglich, daß wir zusammen in den Krieg ziehen, in einem Bataillon? Wie kommen Sie denn hierher?' „Run, ich bin jetzt Lehrer am Gymnasium in Reustadt a. 0- und gehöre also al« Reserve-Offizier zu Ihnen.' „Ich dachte, lieber Schumann, Sie hätten schon eine Pfarre und die Quarre dazu. Sie sind doch Theologe?' „Run ja. da« bin ich halt, ich habe mich aber doch zur Philologie gewandt. Die Jungen sind mir lieber al» die Bauern. Hah, hah, hah!' ,E« muß wohl schon über ein Jahr her sein, Camerad, daß Sie nicht »ehr bei meinen Eltern sind. Wann gingen Sie von Canthin ab?' ,E« ist beinahe eia Jahr, ganz richtig Herr v. Malberg.' „Meine Eltern schrieben e» mir damal« sehr kurz; ich habe auch später nie recht erfahren, warum Sie eigentlich Canthin verließen und wo Sie später geblieben sind. Oh, wie werden sich meine Ettern freuen, wenn sie hören, daß ich so zu sagen al« Telemach mtt einem Mentor in den Krieg ziehe.' Bei diesen Worten de« Lieutenant» von Malberg, umwölkt« sich ein wenig da» Gesicht Schumann'«, doch blieb da« von dem Ersteren unbemerkt. In der Freude de« Wiedersehen« wurde der Lieutenant von Malberg auch gar nicht darüber stutzig, daß Camerad Schumann nach Klärchen und Willy, seinen ehemaligen Zöglingen, die er Jahre lang al» Hauslehrer in Canthin unr«reichtet hatte, sich so wenig erkundigte, al« nach deren Eltern Er fing aber selber davon an. „Lieder Schumann, haben Sie von meinen Eltern erfahren?' „Ich weiß Alle«, Herr Camerad, reden wir davon nicht.' „Und wissen Sie, Schumann, wa« ich heute schon habe erleben müssen. Der Teufel hat den jungen Saalfeld in meine Compagnie gesteckt. Ich habe die nicht-würdig-'Physiognomie sofort heraus erkannt. Der Kerl muß hier in der Umgegend irgendwo hausen, daß «r al« Reserve-Unteroffizier bei un« eingezogen ist. Heute Abend steht er nicht mehr in meiner Compagnie. Dafür bürge ich.' „Lieber v. Malberg, wa« kann der Sohn für den Vater?' „Der Sohn sür den Pater? E« ist dasselbe HalSebschneider-Gesicht.' „Camerad, Sie haben doch da« Gesicht nicht so abschreckend gefunden, al« der alle Saatfeld bei Ihrem Herr» Later mehrere Male in jedem Jahre zum Besuch« kam und den Isidor mitbrachte. Da haben Sie mit ihm so gern gespielt. getobt, gejagt und hätten ihn am liebsten bei sich behalten.' „Da war ich noch ein dummer Junge; da wußte ich noch nicht, wa« ein Wucherer und Gurgelabschneider ist. Ich soll diesen Isidor Saalseld in meinem Bataillon behalten? Wisse» Sie, Schumann, im ganzen Feldzüge würde er vor meinen Augen mit seinem Portefeuille von 25-Thalerscheinen renommiren, und ich. de» ich mich einschränken muß, lch, der ich ohne Mittel bin, weil sein Later den ineinigen au-geplündert hat, ich müßte mich vor dem reichen Juden verkriechen, al« Offizier am Rebeutische sitzen, während mein Unteroffizier an der Champagner-Tasel da» Geld meine« Later« verpraßt. Er soll sott vom Bataillon, wenigsten« herau« au« meiner Compagnie' „Ettll' standen — richt euch!' — So ging jetzt da» Commando von Compagnie zu Compagnie. Die Hauptleut« X raten an den BalalltonS-Lommaadeur heran und meldeten: