Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 39. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 39.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5369809-5935096-5938102--4746-5377018
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

303 — bU Juden nicht lebendig aus dem Land« heraus. (Stürmische Heiterkeit.) Daß die Repatriirung der Juden nach Egypten und Palästina die einzige bibelgemäße Lösung sei, weist Redner durch daS 2. Buch Moses Capitel 28 und JesaiaS, II. Ea, vitel nach.*) Egypten habe fünf Millionen Einwohner und könne acht Millionen ernähren; drei Millionen Juden könnten dort also wohnen. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Ja, wenn Sie Beifall klatschen, dann müssen Sie auch da» Reisegeld zahlen. (Große Heiterkeit. Ruse: Rothschild hat genug.) Redner ergeht sich nun unter stürmischer Heiterkeit d«S Publikum« in einer melancholischen Betrachtung, wie schwer eden Juden in Egypten fallen werde, wieder Ackerbau zu treiben und ob Tewsit Pascha auch genug human sein werde in der Behandlung der Juden. Redner hofft aber, daß England dafür Sorge tragen werde und fährt sodann fort: „Wir ivünschen, daß die Ueberschiffung nach Egypten mit aller Erleichterung von Statten gehe, daß die Juden sehen, wir wollten sie gerne behalten." (Stürmische Unterbrechung und Zwischenrufe: „Re, det nich.) — „Aber meine Herren, die Apostel waren auch Juden" (Ohoruse). — Ich bitte noch Eine«: „Wenn Sie den Juden jetzt begegnen, kommen Sie ihnen freundlich entgegen, d.nn ti warten auf die Juden in Egypten noch schwere Tage." (Allgemeine Heiterkeit). ES giebt, schließt Redner, Bierbank - Antisemiten, die immer nur etwa» Reue» wollen, und dann auch Sport-Antilemiten, die sich nur an den Juden reiben wollen Lesen Eie öfter» die Bibel, und es wird Ihnen Licht in dieFrage kommen, Ruhe wird in Ihre Gemüther einlehren. Hoffnung und Barmherzigkeit Ihr Herz erfüllen u. s. w. im MiffionSton in inlinituu,. Berichte und Corrrspondenzen. Deutschland. Berlin. Engen Richter äußerte sich in seiner große» Vrogrammred« vor seinen Berliner Wählern über die Judenfrage wie folgt: Die Judensragc muß ebenfalls (wie die Steuerprogramme) zum Wahlmanöver herhalten. Bor den Reichslagswadleu konnte die Hetze nicht weit genug gehen; man versprach sich davon konservative Wahlen. Echo» bei de» Stichwahlen aber verbreiteten die Konservative» Aeußerungen de» Fürsten Bismarck über die Jndensrage. welche sich kaum von denjenigen eine» Fortschritlsmanncs unterschuden. Warum find diese Aeußerungen nicht schon vor de» ersten Wahlen bekannt geworden Y! (Heiterkeit) Die Antisemiten aber fahren fort, den Dürften BiSuiarck als den kräftigsten Förderer ihrer Sache zu feiern. Jetzt, vor der Dreikiaffenwahl freilich möchte man diese Agitation wieder verhüllen. Man lucht sich von Henri« zu isoliren. Ich habe für denselben unmer ein« gewisse Schwäche, weil ich ihn für de» Aufrichtigsten unter der Gesellschaft halte. (Große Heiterkeit.). Gegenufer der Drriklaffenwahi hält man die antisemitische Vewee.ung nicht sür nützlich. Vielleicht denkt man auch, vaß Mancher der konservativ wählen möchte, doch davor zurückscheul, durch di« öffentliche Etiinmenabgab« gewissermaßen vor seinen Rachlmr zu Protokoll' zu erklären, daß er die antisemitische Bewegung billigt. Deshalb kam auch ven konservativen der Tre»- cener Antlsemitenkongreß sehr ungeiegen. Man har wenigsten» die Oeffentlichkeit seiner Verhandlungen ausgeschlossen und sogar den eigenen Parteigenossen al» Berichterstattern die Zensur auserlegl. Gleichwohl ist eine Aeußerung Stöcker'» bekannt geworden: wenn eine BoikSabstimmung erfolge, so ») Tiefe Lullen beweisen nicht«, — höchsten», »aß Heer de le »I!>e (tr : chi mfirtiti (m. (Red) würde die Mehrheit vielleicht eher geneigt sein, die Antisemiten al« die Semiten au» Deutschland herauSzutreiben. (Große Heiterkeit.) Ich will auch die Antisemiten in Deutschland lassen, und wäre es auch nur, damit Herr Stöcker fortfährt, die konservative Sache derart zu ruiniren, wie er e» thut. (Lebhafter Ueisall.) Stettin, 18. September. Die „N. Stett. Z." schreibt: „Die russisch-jüdischen Auswanderer, die in den Länder», denen sie sich zuwandten. vielfach sich in ihren Erwartungln getäuscht sahen, tuchen jetzt in großer Zahl ihre Heimath wiederzugewinne». Auch in unserer Stadt treffen jetzt von Zeit zu Zeit eine Anzahl solcher Auswanderer ein, die vom hiesigen Comitü größtenthcilS über Memel nach Rußland zurückgeschickt werden. Sowohl Amerika, wie England und Frankreich stellen hierzn ihre Eontingente." Bekanntlich war der Abgeordnete Ludwig Löwe von dem Berliner Eentralcomitö mit einer Mission nach Paris und London betraut, von der er jetzt nach Berlin zurückgekehrt ist. Wie wir erfahren, darf er sich des beste» Erfolges rühmen. Die Calamität, mit welcher das besonder» von Berlin au» eifrig betriebene Unterstützungswerk durch den Rücksiroin der russisch-jüdischen Flüchtlinge bedroht war, scheint abgewendet. Dank dem einmüthigen und opferfreudigen Eintreten deS Pariser und Londoner CeutralcomilöS, die mit den Berliner Delegirten Hand i» Hand gingen. Sehr wirksam unterstützt wurden Lowe's Schritte durch das gleichzeitige erneute Auflodern der antisemitischen Bewegung in Deutschland gelegentlich des Dresdener Eo»gresses und seines Nachspiels in Berlin. Dresden. Die von Herrn Hofprediger S t ö cke r auf dem sogen. Antisemitencongreß eingebrachte» Thesen lauten vollständig wie folgt: 1. Die gegenwärtige Stellung der Jude» ist sür sie selbst und alle Kulturvölker eine Gefahr, für manche Raiioi en jetzt der Grund materiellen und geistige» Verderbens. Eine Internationale Bereinigung zu deni Zweck, die Ueberinacht zu brechen, lü eine unabweirliche Kulturausgabe der christlichen Welt. Il Die Jndensrage, obivohl in der Verschiedenheit de» Stimme» und de» Glaubens begründet, ist doch in ihrer Erscheinung keine bloße Rassen- oder ReligionSsrage, sondern eine universelle Frage kultur-historischen, politische», wie sozial-politischen und sittlich religiösen Eharakrer». l l I. Der Einfluß der Juden, nicht im Verhältnis» zu ihrer Zahl und keineswegs durch höhere Begabung beivirkt, beruht auf der rücksichtslosen - Erwerbung und Verwendung der Geldmacht, ans der Feindschaft gegen daS christliche Staats- und GesellschastSlebe» und der dadurch bedingten Macht über die schwache» und schlechte» Elemente der Nationalitäten, endlich auf der Mangelhaftigkeit unserer gegen wärtlgen gesellschaftliche» und politischen Zustände. I V. Unter dem politischen Gesichtspunkte, eine Rationalität für sich und nach ihren Verheißungen bestimmt, eine Rationalität zu bleiben, durch Abstammung, Sprache und Kultur international verbunden. durch die Ehe untereinander, sowie durch Rei»l;u»gS- und Speisegesetze al» eine Kaste charakterisirt, sind die Juden als solche unsähig, organische Bestandtheile irgend eine» christlichen Volkes zu bilden. Die Reformiuscn. obwohl in Einzelheiten abweichend, bilden doch in ihrer allgemeinen Stellung keine AnSnahnie, sondern durch da» Bestreben, di« christliche Völkerwelt zu beherrschen und zu versetzen, eine um so größere Geiahr. V. Die Emanzipation der Juden, ,n dem Sinne nicht bloS gleicher Rechtsfähigkeit, sondern völliger staut»» bürgerlicher Gleichstellung aufgesaßt, ist ein Wiederspruch mit dem Wesen des Judenthums, wie mit dem Wesen der christlichen Staatsidee, ein prinzipieller, verhängnißooller Fehler. Obrigkeitliche Stellungen sind den Juden nicht einzuräumen, ebensowenig Lehrämter an christlichen Schulen. VI. Unter dem sozialen Gesichtspunkte, oft Vertreter der nackten Geldmacht und Ausbeuter fremden Fleißes, an der produktiven Arbeit und den damit verbundenen sozialen Verpflichtungen wenig betheiligl »st da» moderne Judenthum in einer Epoche, welch« den Streit zwischen Arbeit und Kapital bi» zuu> Hervortreten von Umsturzparteten herauSgeblldet hat, eine soziale

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.