Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 38.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Schulen nicht einnehmen dürfen. Di« siebente These ist politisch interessant, da sie sich in scharf« Opposition,ur neuesten .Prov.-Eorr/, also zur preußischen Regierung setzt St« fordert nämlich Einschränkung der Sapitalmacht durch di« Gesetzgebung. Endlich sollen nach der achten These die Regierungen und gesetzgebenden Körper durch Pflege christlichen Geiste« und BekLmpsung de« jüdischen in der Literatur im Staat«- und kommunalen Leben di« ihren Stationen nothwendtgen Sigenthümlichkeiten und Freiheiten verthetdigen. Man muß nur wissen, wa« Herr Stöcker unter »christlichem Geist" und unter .Freiheit" versteht, um auch diesen letzten Satz al« schale Phrase abzuw.-isen. Dresden. ll.Lep». (Antisemtten-Kongreß.) Die Zahl der Delegirten ist im Ganzen auf etwa 300 angewachsen, unter denen man den Hosprediger Stöcker, den Redakteur der .Kreupeitung", Vr. H>ffter, den MissionSpredtger de la R'i, den Major a. D. v. Bredaw, Liebermann von Sonnender,,, Nr. Bernhard Förster (Berlin) u. A. demerkte. Auch einige Delegtrt« au« Rußland sind «ingetroffen. Dagegen sind die, Miteinberufer de« Kongresse» Freiherr von Fechenbach und v. Thüngen-Roßbacb nicht anwesend. Der Verhandlung, welch« nicht polizeilich überwacht wurde, ging eine geheimgesührte Vorbesprechung von den Häuptern der Bewegung voran. Nachdem Major a. D. v. Bredow (Berlin) zum ersten, und Abg v Stmonyi (Budapest) zum zweiten Vorsitzenden gewählt worden war, wurde der Lntrag eingebracht: »die anwesenden Vertreter der Preffe auezuschließen". Stöcker meinte: Wenn die hier anwrsenden Berichterstatter, di« alle blo» für der Bewegung sreundltche Blätter schreiben, sich auf Ehrenwort verpflichten, ihre Berichte vor deren Absendung dem Borstand« zur Durchsicht vorzulegen, so stehe deren Zulassung nicht« im Wege. Die Berichterstatter erklärten diese Verpflichtung eingehen zu wollen; e« wurde in Folg« dessen ihre Zulassung beschlossen. (Da ich dem Kongreß persönlich nicht beiwohne, sondern Li« mir gewordenen Mittheilungen einem Delegirten verdanke, so bin ich selbstverständlich dieser Verpflichtung überhoben.) — Die eigentlichen Verhandlungen begannen, indem Hofprediger Stöcker eine Anzahl Thesen einbrachte, di« dahin gingen: .Die Juden bilden für alle christlichen Völker eine hohe Gefahr in politischer, wirlhschastlicher und sozialer Beziehung; et sei deshalb dringend geboten, Gesetze zu erlassen, wonach die Juden ihr Uebergewicht über die christlichen Völker unmöglich geniacht und sie in die gebührenden Schranken zurückgewiesen werden können. — Abg. Victor v. Jstoczi und Liebermann von Sonnenberg erklärten sich im Allgemeinen mit den Thesen einverstanden, da jedoch im Einzelnen so Manche« einzuwenden sei, so enipsehle e« sich, dieselben einer Kommission zu überweisen, jedoch vorher eine Di«kuffion zu eröffnen. Dieser Vorschlag wurde angenommen. E» nahm zunächst da« Wort Dr. Bernhard Förster (Berlin): Er sei mit den Stöcker'schrn Thesen im Großen und Ganzen einverstanden, allein e« sei auch nochwendig, sich über da» letzte Ziel der Antisemitcnbewegung klar zu sein. Die Juden können unter den arisch - christlichen Völkern nicht einmal geduldet, sondern höchsten« ignorirt werden. Sh« man in der Judenfrag« nicht mit radikalen Mitteln vorgehe, werde e« kein« Ruhe, höchsten» einmal einen Waffenstillstand geben. — 9. Liebermann (Berlin): Ich bin ebenfall« im Allgemeinen mit den Stöcker'schen Thesen einverstanden, ich halt« e« jedoch für nüthig, die Thesen nicht al« bloße Resolutionen aufzusaffen, die absolut keine» Werth haben, sondern dieselben den Regierungen und Parlamenten zuzustellen. Ich begrüße e« mit Freuden, daß die zwischen den verschiedenen antisemitischen Strömungen vorhandenen Differenzpunkte hier nicht zum Au»- druck kommen, Dr. Henrici (Berlin): Auch ich wünsch« sehnltchst die vorhandenen Differenzpunkte beigelegt, allein ich muß au«sxrechen, daß ich die Judenfrage nicht al« eine religiöse, sondern al» eine Rassenfrage aussaffe. Ich halte e« für unbedingt erforderlich, die Juden au« Deutschland heran«» zubringen. Eine andere Lösung giebt e» nicht. Alle noch so strengen Ausnahmegesetze gegen die Juden werden sich al» wirku ig«lo« erweisen, denn den Juden wird e« vermöge ihrer Schlauheit immer möglich sein, sich den Geldsack zu füllen und «in soziale« Uebergewicht unter den christtichen Völkern zu er angen. Ich will gerade nicht ein« gewaltsame Austreibung, aber auf gesetzlichem Ivege müssen wir und zwar so schnell al» möglich die Juden au« allen christlichen Staaten vertreiben. Wohin sich die Juden wenden, wa« sie nach geschehener Austreibung anfange» sollen, ist ihre Sache, Die« geht un» auch gar nicht« an, denn wir haben ja die Juden nicht zu un« gerufen. Sin andere« Mittel, s.ch von diesem Romadcnvolk dauernd zu befreien, giebt e« nicht. Ich beantrage zu beschließen: .Die Juvenfrage kann nur im ftaat«rechtlichen Sinne gelöst werden." — Hofprediger Stöcker: Der Kongreß ist berufen worden, um über prakt sche Fragen, nicht aber über ausführbare Theorien zu beratzen. Ich wünsche die Juornsrage vom humanen christltchen Standpunkt« au« gelöst und kann in den Ruf: .Juden rau«l" nicht mit einstimmen. Um etwa» effektiv Praktische» zu schaffen, empfiehlt sich di« Bildung ein,« antisemitischen Sent al-Komitü« und eine« eben solchen Ec.itral-Organ« S« ist e>forderlich, gegen die „Alliance i«ru<'lite univeraclle* eme eben solche Anti-Alliance zu bilden. Verfallen wir nicht in ten Fehler der Sozialdemokraten, die sich anstatt mit den Nächstliegenden, mit ihren letzten Zielen beschäftigten, e« könnte un« sonst ein ähnliche« Schicksal wie den Sozi üben,okraten begegnen. Der Standpunkt de« Herrn vr. Henrici ist ein gar zu ivealer(I). ich mücht« fast sagen rin phantastischer. (Beifall und Widerspruch.) E« gilt christlich« Geduld auch mit unseren Feinden zu üben und eine gemeinsame Bast» für die hier vertretenen beiden Strömungen zu finden. W,r dürfen auch nicht vergessen, daß die antisemitische Partei noch «ine schwache ist und wenn,« in Deutschland jetz. zur Volksabstimmung käme, ob oie Semiten oder di« Antisemiten au«gctrieben werden sollen, da»»«» würde die Abstimmung zwetfello» zu Gunsten der «rfteren auofaUe». (Zustimmung und Widerspruch.) Ich warn« Sie. Beschlüsse zu fasse» oder Forderungen zu stell,», die der christlichen Humanität widersprechen, ich will wen gsten» diesen Gedanken nicht mit auSdenfin Helsen. (Beifall und Widerspruch.) Im Ucbrigen vindizir» man mciner Meinung nach den Juden allzugroße Bedeutung und den chnstlichen Regierungen und Völkern allzugroße Schwäche, wenn mar der Meinung ist: wir tonnten da« Uebergewicht der Juten nicht ander» al» durch gänzliche Au«treidung brechen. (Allseifiger Beifall.) — v. Jstoczy (Budapest) oerla» hieraus ein sehr langathmige«, an alle christlichen Regierungen, Parlamente und Völker zu erlassende« Manifest, indem unter em; ehendtr Darlegung der Verhältnisse zum Kamps gegen di« Juden aufgesordert wird. Der Redner bemerkte: Ebenso wie zur Zeit di« christlichen Völker mit dr» Arabern. Türken und Persern verfahren seien, müsse auch jetzt in allen christlichen Stcaten mit den Juden verfahren werden. Eine Verständigur g oder gar Verschmelzung mst den Juden Hab« vollständig FioSco gemacht. — Judenmiffion«prediger de la R«i (Berlin«: Auch ich wünscht di« Juvenfrage vom christtichen Standpunkte gelöst, ich meine aber, Angesicht» der gegenwärtigen «Optischen Wirren empfiehlt e« sich, die Juden nach Egyptr r zu leiten, und wenn da« nicht möglich, die Judenemanzipation aus ein M nschenalter zurück wieder auszuheben. Um aber gerecht zu verfahren, mache ich den Vorschlag- Ehe (tauft gegen die Juden unternommen wird, dieselben auszusordern, zwölf ihrer beredtesten Männer in den Antisemitencor greß zu entsenden, die di« gegen sie erhobenen Vorwürfe enikrLften möge. (Stürmische Heiterkeit.) — Dr. Förster (Berlin): Er halte e« für da« Beste, wenn die Juden einen eigenen Staat gründeten. Im Uebrigen pflichtete der Redner de» Ausführungen Henrici'« bei. — In ähnlicher Weise Lu irrten sich noch Kaufmann P i ck e n d a ch und Schuhmachermeiiter Schröder (Berlin) und ein Herr v. BiSmarck, üd'r dessen Persönlichkett ich jedoch etwa» Weitere« nicht ersajren konnte.