Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 33.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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- '215 — werthe arme Opfer her Lust moslemltischer Scheik« und mamelukischer Häuptsiuge preisgegeben »« werde«. Berichte »ud Lorrespo«denze>. Deutschlawd. Berlin. Da« Central Eomitö zur Unterstützung der rususch-jüdischen Flüchtlinge hat in den umfangreichen Fabrik» und Spedition-räumen, aus Anerbieten de« Besitzer« de« Hause«, Mühlenstr. «ü eine Lagerstätte für obdachlosen Juden errichtt. Fahnen mit rituellen Abzeichen und Schilder mit hebräischer Inschrift sind an den Eingangsthüren angebracht, »ährend die Jnnenräume ununterbrochen von Be» iriebenen überfüllt sind. Biele von ihnen sind bereit» auf der Rückreise nach Rußland begriffen, nachdem sie von England und theilweise auch von Amerika mit enttäuschten Hoffnungen zurückgekommen waren. Durch die Wohlthätigkeit ihrer Glaubensgenossen und vieler anderer Bürger Berlin« ,st ihnen an der genannten Stätte solange ein Unterkommen gewährt, bi« die Angelegenheit ihrer Weiter- resp. Rückbeförderung geregelt ist. Berlin. Die hiesige ,Volt«zeit." dringt folgende sehr zeitgemäße geschichtliche Remini«zenz von vor 80 Jahren. E« war im Jahre 1803, al« der Judenschaft Berlin«, ivelche seit den Tagen Mose« Mendelssohn'« mehr und mehr angesangea hatte, da« Vorurtheil, welch « aus ihr lastete, zu widerlegen und ihren Bestrebungen Beachtung zu verschaffen, ein Furchtbarer Gegner erwuchs. In der Brust de« Justizkommiffar« Gratlenauer beim Kammergericht lebte schon lange ein heftiger Groll, der endlich in einer großen Thal zum Ausdruck gekommen war. Er hatte eine Schrift veröffentlicht, welche den Titel führte: „Wider die Juden, ein Wort der Warnung an unsere christlichen Mitbürger" und in der er, ausgerüstet mit den stärksten Waffen au« dem Arsenale der lüdischen Theologie und Geschichte, aus dem Kampsplatze erschien. Die Wirkung war die einer Bombe. Im christlichen Lager nicht minder al« im jüdischen gerieth Alle« in Aufruhr, Alle kauften die Broschüre, welche in wenige» Wochen viermal aufgelegt werden mußte. In den Gesellschaften war säst nur von dem Bersaffer die Rede, den man theil« vertheidigte, theil« hart angrifi, und der, wie wenn er Oel in« Feuer gießen wollte, hinterher noch eine zweite Schrift veröffentlichte, welche den Titel führte: „Erklärung an da« Publikum über meine Schrift wider die Juden." Dafür mußte er e« sich gefallen lagen, daß man Perse aus ihn machte und ihn in Karrikamren verspottete. Endlich schien es, al« wenn er sich au« dem Kampfe gegen die Männer, mit denen er sich bisher ausschließlich beschäftigt hatte, zurückziehen wollte. Dafür zog er gegen die Jüdinnen zu Felde. Und wa« hatte er Alle« gegen sie einzuwenden l Mann rühme wohl, meinte er, die Fortschritte, welche die jüdischen Frauen im gebildeten Berkehr gemacht hätten, aber man übersehe dabei, daß dieser Bildung der wahre Grund fehle, daß sie nur „appretirt" und darum al« Verbildung zu betrachten sei; »der höhere gesellschaftliche Takt" und »die harmonische Ausbildung", da« seien Güter, welche den Jüdinnen gänzlich fehlten und in deren Besitz zu gelangen ihnen auch niemal» gelingen werde. Darod allgemerne Entrüstung nicht nur unter den Betroffenen. Immer' schroffer traten sich die Parteien gegenüber. Schriften für und wider die Jude» erschienen, aber trotz, einer Gegenschrift de« Assessor« KoSmann schienen die Gratlenauerschen die Oberhand zu behalten. Die Patteien befehdeten sich durch Inserate in den Berliner Blättern, deren auffallend große Lettern selbst die Aufmerksamkeit de» König« erregten, und wenn da« Gespräch in den Gesellschaften sich vorübergehend einem andern Gegenstand zuwandte, so war nun der Besenbinder und Naturdichter tziller die Ursache, weicher däkaalS au« seiner tzeimalh Anhalt-Köthen nach Lenin kam, »m anch «in den Ufer» der Spree sein große« Talent »ad sein» Ungeheure' Belesenheit bewundern zu lasse«. ve stand die Sache, al« da« General-Direktorium, dem der Streit schon lange ein Lergerniß gewesen war, kurzen Prozeß ,» machen beschloß und den Etadtpräsidenten Eisenberg anmie«, den ferneren Druck von Schriften für und wider die Jude» |u verbieten. Damit wäre nun die Sache auf eine sehr einfache Weise au« der Wlt geschafft gewesen, wenn diese Verfügung nicht die besondere Unzufriedenheit Friedrich Wilhelm« Hl. erregt und e» seinem landeSväterlichen Herzen nicht :oehe gethan hätte, zu sehen, daß die Freiheit der Presse eine so schonungslose Mißhandlung erdulden mußte. Wa« nun folgte, ist gerade der iniereffanteste Theil in diese Episode der Stadtgeschichte Berlins. Der König erließ unter dem I. Oktober 1803 au» Potsdam eine KabinetSordre an da» General-Direktorium, worin er die ganze Schale seines fürstlichen Zorn« über die Behörde au-schüttete. Er habe, hieß e« in derselben, die Schriften für und wider die Juden nicht gelesen, könne daher auch nicht beurtheilen, inwieweit die Eensur bei Verstattung de« Drucke« gefehlt habe. Gesetzt aber, daß sie gefehlt habe, „so mußte man in der Rüge der begangenen Fehler dabei stehen bleiben, nicht aber soweit gehen, die Sache selbst, die an sich selbst gut sein kann, zu untersagen und da» Kind mit dem Bade au«zuwerfen". Die Schlußworte der KabinetSordre lauteten: „Seine königliche Majestät sehen die gänzliche Untersagung al» einen Eingriff in die gesetzliche Eensurfreiheit an, der außer dem allgemeinen Nachtheil, der immer der Unterdrücknng der Preßfreiheit aus dem Fuße folgt, in dem vorliegenden Fall noch den Schaven stiften könnte, daß wen» in de» Druckschri'ien gegen die Juven die Grenze der Humanität überschritten feut sollten, diesen unedlen Angriffen ein Gewicht beigelegt worden, dar sie sonst nicht erhallen haben würden. Allerhöchstoieselben können vaher diesen Schrstt in keiner Rücksicht billigen, befehlen vielmehr dem General-Direktorium, solchen zurückzunehmen und statt dessen aus die sorgfältige Beobachtung der Eensuroorschristen zur Verhütung alles Mißbrauch« der Preßfreiheit halten zu laffen, dieses auch zugleich öffentlich bekannt zn machen." Das geichah denn auch unverzüglich Für die Behörde mar die Erfahrung zwar bitter, aber es half nicht«. Von nun an konnte der Lärin also von Neuem loSgehen uno diejenigen, welche sich dazu angetrieben fühlten, dursten den iSraelseindlichen Empfindungen, welche in ihrem Herze» lebten, nach Gefallen Lust machen, denn Ser König hatte ja ausdrücklich gesagt, da« e» ihnen erlaubt sei. Aber die Art, wie dleS gesagt, hatte wenig Ermunterndes und, da man sich eher beschämt al« ermuthigt fühlte, so zögerte man, von der sreandlichen Einladung de« Monarchen Gebrauch zu machen. So kam e», daß im antisemitischen Lager die Trommel nicht wieder gerührt wurde und, da man aus gegnerischer Seite unter solchen Verhältnissen keinen Grund hatte, da» Wort zu ergreifen, so hekischte an der Stelle, wo man noch vor Kurzem laut und geräuschvoll kämpfte, eine sehr große Stille. Grattenauer, der Urheber de« ganzen Unwesen«, welcher vielleicht von ewlgenl Ruhme bei der Äiachwelt geträumt haben inochte, war bald vergessen. Dagegen sprach inan noch lange von der KabinetSordre de« gerechten König«, welcher e» so trefflich verstanden hatte, ihit und den Schwarm seiner Nacheiserer zur Ruhe zu bringen. Seityifl. Der Kalender „Deutscher Reichsbote" für 1883 fördert unter der Rubrik „Was der „Reichsbole" von den Weltbegebenheiteu zu erzählen hat", besser, wie er zu erzählen versteht, d. h. in der aiischeinend harmlosen und selbftverstäudlichen Weise über die russische Judenhetze «olgende Ansichten zu Tage: „Die Nihilisten haben sich in »er letzen Zeit ruhig verhalten. (Weiß der Kalenderschreiber da« so ganz genau?!!) Desto mehr haben die russischen Juden vm sich reden gemacht. (Wieder da« Kokettieren mit den russischen Rausdolden und Mordbrennern!) „Bon Kennern der dortige:, Verhältnisse wird versichert, daß in der unbeschränkten Wuchersucht de« russische«, Judenthum« die Uifadbe dieser Ausschreitungen zu suchen sei/ (Al« wenn wir die unbeschränkteste Wuchersucht der ljlope«