Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 27.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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B efecftnritf, 36. 3ml (Orgien.) fette* Sokk< abend, nach Beendigung de» Gottesdienste«, wurden durch unser* Herr* Rabbiner, vrann, zivei taubstumme Binder, eia -nab«, Nathan Skala «skp au» Gnesen, und ein Mädchen. Regin« Latz au» Posen, öffentlich t« Tempel eingesegaet. Beide Kinder sind Zöglinge der hiesigen Taubstummen-Anstalt. E» machte auf die ganz« Gemeind«, welch« der Einsegnung J beiwohnte, eine» ergreifenden Eindruck, dieien armen Kindern iüre Gebete herstammeln zu hören, der Knabe wurde vorher zur Thora gerufen und sprach die Segen»sprüche ziemlich deutlich. E« läßt sich ermeffen, welcher Mühe und Anstrengung e» bedarf, diesen taubstummen Kindern di« hebräisch« Sprache so geläufig zu machen, das, sie im Stande sind, alle Gebete! öffentlich, wenn auch oft etwa» unverständlich, vorzutragen. I Bei dieser Gelegenheit gestatten Sie einige Notizen über > die hiesige Taubstummen - AnstalL Dieselbe wurde im Jahre j 1873 von Posen nach hier verlrgt und werden seht sämmt- ' liefen taubstumme» Kinder» ffrael. Eonfeffton au» der Provinz i Posen hier untergebracht, r» sind augenblicklich noch I t Kinder, I >1 Knaben und 9 Mädchen, hier in der Anstalt, welch« sämmtj ltch in jüdische Pensionen gegeben wurden. Diese« bewirkte zur Zeit der Eröffnung der Anstalt unser Herr Rabbiner «rann und der damalige Gemeinde-Porste her' Herr l)r. Davlbsohn, welche auch dafür sorgten, daß den jüdischen Zöglingen Religion««Unterricht ertheilt wird, was. so lange die Kinder in Posen waren, nicht geschah. Kleidung»stücke erhalten di« Kinder ln der Anstalt frei geliefeit. Wir wolle» nur wünschen, daß überall für derartige unglückliche» Kinder in gleicher Weise wie hier gesorgt wird. (Großartige« leistet in dieser Beziehung di« vor einiger Zeit.von uns besuchte Taubstummenanstalt in Rottrroani, die unter der vortreffliche,« Leitung unsere« durch Anwendung seiner Methode berühmt gewordenen Glaubensgenossen l>r Hirsch steht; wir kommen auf dieselbe später zurück. Red ) Memel, 18. Juni. Sie wundern sich, bi« zu diesem Augenblicke »och keine Empsang«destätigung über die zu Gunsten der Brandoerunglückte» gesandte* 300 M. erhalten zu haben. Wie Ihnen wild e« Biele» ergehen; allein man wird un«, mir und meinem Eomits, auf» Wort glauben, dag weder Unachtsamkeit »och Rachläffigkrit zu dieser Berfäumniß Beranlaffung gegeben hat. Reben unserm Berus« ist e« die Angelegenheit der auswandernde» rufflschen Glaubensgenvffen, welche all« unsere Zeit und Ihätigkeit in Anspruch nimmt. Wir besördern wöchentlich über 80 Personen; diese unter der Maffe sich Herandrängenden au-zuwählrn und zu expedier», — wa» bisher meist per Schiff über Stettin, Königsberg oder Kiel, je 60 bi« 60 Personen ans einmal geschah — ist ivahrlich keine Kleinigkeit. Mitte April wurde die erste Expedition adgesertigt und seitdem habe» mir bi« heute in zehn verschiedenen Expeditionen, theiliveise auch per Bahn, 700—800 Menschen befördert. Jeden Nachmittag um 4 Uhr beginnt unsere regelmäßige Arbeit und schließt manchmal, besonder« an den Expebitionstagen, erst un« zehn, elf Uhr Abend«. Zuerst die Prüfung »er Personalien. Die Hauptfragen, deren Antworten in genauester Weise aus ihre Richtigkeit geprüft iverden müffen, sind etwa folgende: Woher kommst Du? Wohin gehst Du? Wa« verstehst Du? Bist Du ein redlicher, arbeisamer Manu? Wie viel Geld hast Du bei Dir? Und ist «» einzelner Mensch, so muß auf da» Eindringlichste untersucht werden, ob er auch nicht bö-willig Weib und Kind und die Heutigen verlaffen hat. Wer diese Frage nicht in vollkommen befriedigender Weise beantworte» kann, wird nicht befördert. Woher kommst Du? — Wir besördern nur Personen au» den Gouvernements Kowno und Kurland. Diejenige« Personen, welche einen andern Weg, etwa über Eydtkuhnrn, hätten nehmen müffen, befördern wir nicht. Einestheil» haben wir mit den last zwei Millionen Gla*ben»genoffen und den genannten beiden Provinzen, die ärmste in ganz Rußland, genug zu thun; anderntheil» wollen wir solch« nicht besördern, die von andern Eomitö'» vielleicht abgewiesen wurden; denn von der österreichischen Ärrnze schlagen sie sich ostmal» bi» nach «nserem Orte durch, um bei un» sich zur Auswanderung zu melden. Zur Ehre der Eomits» sei'» gesagt, daß die uuisten zur Beförderung vollkommen untauglufe Menschen sind. Wohin gehst Du? — Diese Frage ist für u«t» vielleicht di« wichtigste. Wir finden ain hiesigen Orte unsere Hauptaufgabe darin, zu v e r h ü t e n, daß nicht etwa Deutschland von diesen Auswanderern überschwemmt werbe, weil sie in den socialen Berhältniffen der deutschen Staaten meist nicht paffen und daselbst nur Berwirrung stiften und zu einer schweren Plage werden würden. Da« Reiseziel dieser Auswanderer ist vorzugsweise England und Amerika. Biele gehen auch nach Palästina, nach Frankreich, Dänemark, Schweden und nur äußerst wenige nach gewiffen Orten und in gewiffe Stellungen berufen, nach Deutschland. (Schluß folgt.) Luxemburg. Luxe»b»rg, 30. Juni (Or. -Sor.) Ein Schreiben de» Justizmintster» an den Rabbiner Herrn Ur. Blumenstein «rmächtigt da« Lonsistoriuin zur Boruahme einer Hauscollccte in den Hauptorte» de« Äroßherzogthum» ohne Unterschied der Lonfession zu Gunsten der »»glücklichen russ. Juden. E« wurde hieraus folgender Ausruf erlaffen: „Die entsetzlichen Borgänge im südlichen Rußland haben weithin Trauer, Schrecken und bülsreiche Theilnahiits hervorgeruse». In großen Städten wie in Kiew, Koivno und «alta, als aach in weiten Landstrichen wird dt« jüdische Beoölkerung in Pöbelausständen überfalle», ihre Wohnungen geplündert, ihre Gotteshäuser und Friedhöfe zerstört. Tausende von Menschenleben, darunter da«je»jg« vieler wehrloser Frauen und Kinder, sind bereit« den entfeffelte» Leidenschaften eine» mord- und raubgierigkn Pöbel« zu,n Opfer gefalle». Der Fleiß und die Arbeit vi.ler Generationen wird mit einein Schlage vernichtet. schuldlose, den Gesetzen ihre» Lande» treu ergebene Bürger werden ihre» Obdache« und ihrer Exrstenz beraubt. Unter solchen Uinsiänden zu Helsen, ist ein Werk der reinsten Humanität. In allen größer» Städten Frankreich-, England«, Holland-, Belgien» und Deutschland» habe» sich Coimtä» gebildet, un« durch Geldsaminlungen die Unglücklichen zu unterstützen »nd deren Auswanderung nach Amerika zu fördern. In gleichem Sinne ivenveu sich die Unterz.'lchneten ver» Irauungsvoll an ihre Mitbürger mit der ergebenen Bitte, durch Beiträge ihre Theilnahme an diesen beklagen-werthen Ereig» nisten beweisen zu wollen. Or. I Blum»nn«n>, l'out s (HoOd)au(. S. M. Lro». )s>v 't iHiiptr, Wopolt) Nah», *tpl)onf( iUerm«. Rutzlanv. Die bereit» telegraphisch signaltsirte Beifügung de« neuen Minister de« Innern, Grafen Tolstoi, über Borsichtsmaßregeln gegen Judenhetzen hat folgenden Wortlaut: .Die Allerhöchst am 3. Mai d. I. bestätigte Verordnung de« Minislercomitö« bestimmt: Allen bekannt zu mach», daß die Regierung beschloffen hat, jede an der Person und dem Eigenlhum von Juden verübte Gewaltthat unnachsichtig zu verfolgen, denn dieselben haben gleichen Anspruch auf de» Schutz der Gesetze, wie die übrigen Unterthanen Seiner Majestät de» Kaiser«; den betreffenden Gouoernementsregierung-n kund zu thun. daß sie dafür verantwortlich sind, daß Borsicht-maßregeUr zur Ber» Hütung von Beranlaffungen zu solchen Unruhen und zur Beseitigung der Unruhen gleich im Anfänge, wenn solche entstehen sollten, getroffen werden und daß für eine jede Nach» läffigkeit der administrativen und Polizeibehörden — wenn sie Gewaltthaten abwenden konnten, aber sich die Mühe dazu nicht gaben — die Schuldigen chrrr Stellen entsetzt werden. Die Beröffentlichung dieseallerhöchsten Willen» ist leider durch die in verschiedenen Gegenden Rußland« wiederholt vor» gekommenea Unruhen, welch« gegen Juden verübte Gewalt»