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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 27. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 27.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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- 808 — ob «r bi* Folgen der eigene« Schuld trägt oder nicht, ein« nach Kräfte« offen« Hand, aber dem »nerbetrne« Vermittler, der da» Mitleid durch die Anwahrheit »« errege» sucht und der da» «lmose» nicht erbittet, sonver» e» als «inen schuldigen Tribut fordert, weisen wir die Tiüre. Und da» von recht«wegrn." Gerade Herr Rülf, der s» oft in btc traurige Lage kommt, für unglückliche Juden bei aller Welt zu sammeln, hätte besser gethan, hier zu schweigen. <2» giebt vieles Wahre, wa» aber doch nicht gesagt zu «erden braucht. Eharletttnburg, 20. Juni. (Or.-Eorr) Da die hesige städtische Mittelschule in eine Realschule umgewandelt «crden soll, wurd« vor einiger Zeit ein Literat an dieselbe berufen, der in sämmtlichen Klaffen Rechnen und Raturwiffensch istea unterrichtet und der 2. Klaffe al« Ordinarius vorsteht. Derselbe, ei» Jude, erfreut sich allgemeiner Achtung, bet den hiesigen Antisemiten jedoch außerdem de» besonderen Haffe». Zu den Schülern der 2. Klaffe und zwar nicht zu den b>!gab> testen, gehört auch der Knabe «me» Hosbtldhauert v. Letzterer, der sein resp seiner Frau Geschäft in Berlin hat, wo er es nicht verschmäht, sich bei Juden um Arbeit, namentlich um Anfertigung von Grabsteinen, zu bewerbe», wandte sich in einem anonymen Schreiben an de« Magistrat, in welchem er dem erwähnten Lehrer die ärgsten Pflichtverletzungen nachsagt», besonder» aber bittere Klage führte, daß man cinftltchr Kinder von einem jüdischen Lehrer unterrichten lasse. Unser erleuchteter Magistrat schenkte diesem Pamphlet dt« ihm gebührend« Beachtung und wie» e» in den Papierkord. Kurz nachher wurde diese» Schriftstück in einem inzwischen «ingegangenen reactionären W'nkeiblatt« reproductrt, al» ein« von mehreren hiesigen Bürgern ausgegangen« Klage uni« da» ««dauern darüber ausgtsprochen, daß der Magistrat >>tesr» Beschwerden keine Folg« gegeben. Bon befreundeter Seit« wurde der betreffende Lehrcr aus dies« Publtcation aufmerksam gemacht, der sie seiner rorgesetzlen Behd.de mittheilt,. Ungesäumt ging von dieser der Strafantrag an die gehörige Stelle ab. Bei der jüngst stattgehabten Verhandlung, bet welcher der Redakteur Lohe den Bildhauer B. al» Lersaffer de» qu. Artikel» bezrtchnrte, machte Letzterer nicht einmal den Persuch, auch nur eine seiner verleumderischen Behauptungen zu dewe.sen. berief sich vielmehr aus den 8 ISS, ul« auf da» berechtigt« Interesse eine» ühristeu, sein Kind nicht von einem Juden unterrichten zu laffen. In dem Erkenntnisse, in welchem er und Lotze zu je 100 Mk, event. 10 Tage Gssängntß und in die Kosten verurtheilt wurde, ist au-vrücklich hervorgehoben, daß der angeführte Umstand kein berechtigte» Jutereffe sei. Bre«l»n, 22. Juni. lOr-Sorr.) (Die Antritttoistte de» Fürstbischof» Herzog beim Rabbiner Tittin.) Durch die Zeitungen grng die Drahtnachricht, daß der neue Fürstbischof von Breslau dem Landrabbiner der orthodoxen Gemeind«. Herr» Tiktin. einen Besuch abgestattet. E« ist natürlich, daß in verschiedenen Kreisen di« Rachricht Sensation erregen und vielfach auch beifällig ausgenommen werden wird al« ein Zeichen religiöser Toleranz und feiner Eourtoifie seiten« de« Herrn Fürstbischof». Freilich verlautet darüber nicht», ob mcht der Besuch von dem Landrabbine: provoc.rt und derselbe nicht schon früher in den Gemächern de» fürstbischt flichen Palaste» gesehen wurde.- Wir wollen aber einige Betrachtungen an diese L otterie de» Herrn Tiktm knüpfen, da dem Drahtbericht die >Semerkung deigesügt ist, Herr T. habe auch mit vem früheren Fürstbischof Ür. Förster in gesellschaftlichem Berkehr gefunden. Auffallen must e« zunächst, daß der Fürstbischof »irr dem Bertreter der orthodoxen Gemeind« einen Besuch absestattet und nicht auch zugleich dem eigentliche« Gemeinderrbdiner Herrn vr. Joül. Wer spricht in Bre»lau jahrau» jahrein zu der Judenschast? Wer vertritt ihre Interessen nach innen und rußen? wer begeistert die Jugend für den tiefen religiösen Inhalt de» Judenthum» auf der Kanzel und in der Schule? Wer erzwingt de« Judenthume Achtung selbst bei de» erbittertsten Fände»? Wer hat den Kampf gegen eine« Herrn ». Treitschte ausgenommen und mit wahrhaft schneidigen Waffen de» teutonischen Gegner mundtot gemacht? War e» Tiktin oder JoÄ? In bischöflichen Kreisen muß man von der Existenz eine« Dr. JoSl gewiß Kenntnis« haben, wenn man sich sogar eine« Tikttn erinnert. Da« Lokettiren mit de« fürftbischöstichen Palast« seiten» de« Herrn Tittin hat in Breslau schon längst Mißfallen erregt und in den denkenden jüdischen Kreisen sah man di« öfteren Besuche de« Herrn Lindrabdiner« beim Fürstbischof Förster, — wie Tittin zu sagen pflegte, »zu Förstern gehen." — nie gern. Gute« gönnt man un>! in jenen Kreisen doch nicht und wenn auch den Regeln de« Anstande« gemäß auf einen Besuch ei» Gegenbesuch gemacht wird, so trägt man nur dabei dem bon tun Rechnung. Gerade der Umstand, daß Jodl mit einem Besuch« nicht bedacht wurde, drängt uns dl« Per muthung ans, man iqnonre da« moder7ie Judenthum. Man erkennt den alten Rabbi im Kaftan und breite» Hut wohl al» Geistlichen an, will aber von dem, nach den Grundsätzen moderner Bildung und Forschung erzogenen jüo. Geistlichen nicht« wissen, denn da» ist gefährlich, da« beiveist, daß der Geist de« Judenthum« noch heute lebendig ist und frische Blüthen treibt, daß da» Judenthum nicht blo« in der Gosse, sondern auch in den höher« Schichten der menschlichen Gesellschaft seine Berechtigung ha». Ja. e« ist gut, daß dt, jüd Presse von dergleichen Gesinnung«äußerungen Akt nimmt und die Thassache eine« Besuche» eine« katholischen Kirchensürsten bei einem jüd- Geistlichen nicht stillschweigend vorüdergehen läßt. Gewiß trägt e» zur Erhaliung de« konfessionellen Frieden« bei, wenn die Geistlichen aller Konfessionen untereinander gesellschaftlich verkehren, aber dle Vertreter der alten Richtung solle» nicht al« die allein maßgebenden Geistlichen angesehen werden. Wir müssen heute mehr denn sonst aus der Hut sein und vor Allem Achtung vor den modernen Rabbinern verlange». Man soll an un« nicht blo« da« Alter ehren, sonder» den Geist, der im modernen Gewand« die alte jüdische Religion erhält und einer sicheren Zukunft entgegenführt. Au» Oberschlefie». (Or.Sorr) Der WeheundSchmerzensrus unserer unglücklichen Giauben»l>rüver und Glaubensschwestern, di« ruhelos zum Wanderstadr greisen, dringt in allen Tonarten de« Entsetzen« zu un«. Fort und fort gewahren wir ganz« Eisendahnzüge, die russische Flüchtlinge von Brody nach Hamburg behus« ihrer üverseetschen »»»Wanderung nach Amerika befördern. Daß auch hier dieser Klageruf nicht wirkungslos verhallt, dafür sorgen schon die abgehärmten Gestalten in allen Abstufungen de» Alter», jene unglücklichen Gestalten, deren Zügen der traurige Kanipf gegen menschliche Bestialität ausgeprägt ist. Wenn «in Lichtpunkt in diese« Schauergeniäld« fällt, so ist e« da« Bewußtsein 16 ^mr. Da» jüdisch« Herz hat bei allem Druck der Zeiten die mitleidige Regung und die jüdische Hand da« mild« und ausgiebige Spenden für edle Zwecke nicht verlernt. Gemeinden wie Gleiwitz, veuthen. Kattowiy, Gohrau, Rybnik. Pleß. LoSlau haben nach dem Berhä.tniß sehr reichlich gespendet. In Kattowitz hat sich ein HilfS-Eomitv constituirt, au» Herr«» und Damen bestehend, welche» die durchreisenden Flüchtlinge am Bahnhof« erwartet und. so lange der Zug anhält, nnt Fleisch. Wurst, Mllch, Kaffee» Thee und Semmeln je naL vedürfniß regalirt. Auch eia Verein zur Eolonisatio« Palästina'« hat sich daselbst gebildet. Ob er reuffitt, ist un» unbekannt; unmaßgeblich will e» un» aber scheinen, daß damit «in sehr gefährliche» Experiment versucht wird. Ein einzige» Jahr der Dürre und der Heuschreckenplage vermag den säuern Schweiß und die Erwartungen vieler Jahrr zu vernichten und den Panperismu» Palästina'» bi« in» Unerträglich« zu steigern.

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