Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 26.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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901 hier dabei attrapt«, alt st« geschrieben« Zettel assichtnrn. welch« ln obfcftMt West« dlm .Lag de« Gericht»" aas den 25. Juni verkünd'gten; die Barschen wurden verhaftet. Hall««». >»tterda». lS. Juni. (Or.-Lorr.) Sonntag, den 11. d. Mt»., batte hier die Generalversammlung der Niederiändischen Abtyeilung der Alliance J«raölit« Universelle stattgesanden, unter dem Präsidium de» Herrn A. Daniel» von Amsterdam. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit warmen Worten über da» Elend der Juden in Rußland, und gab eine Uebersicht über di« Thätigkett der Alliance im abgelaukeaea Jahr« zur Erreichung ihrer humanen Zweckt, zur Förderung der Emancipaiion und de» sittlichen Fortschritt« d.'r J»raeitlen. Dt» von der Alliance im Orient errichteten Schulen «erden von mehr a!» »000 Schülern besucht und erfordern sehr große Ausgaben. Sie hat eine Normalschul« in Part« zur Bildung von Lehrern und eine Ackerbauschule in Jaffa, welch« gute Resultate zu Tag« fördern. Herr I>r. A S. Frank, Rabbiner zu Eöln, Mitglied des Eentrai-Eomitä's der Alliance JSraülite, hielt hierauf einen vorzüglichen Vortrag über die russisch« Judensrage. Der Redner malt« mit lebendigen Farben den Zustand der russischen Bauern, wie sie durch die Leibeigenschaft lange Zeit gedrückt waren und mit einem Male zur Freiheit gelangt, nicht wußten, dieselbe zu ivürdigen. Der Trunksucht und verschweildung verfallen, ivurden sie, dabei de« Vieh« und der Ackerbaugeräthe bedürftig, I aus» neue abhängig von den Juden. Dt« russischen Bauern sind dumm, faul und abergläubisch, die Juden dagegen mäßig, fleißig und geistig mehr entwickelt. Dadurch entstand bei ihnen im Lause der Zeit Neid und Mißgunst gegen die Juden. Zieht man dabei die politischen Verhältnisse, da» Wühlen der schlechten Presse in Rußland in Betracht. so hat man den Grund gefunden für die ruff. Judenverfolgung, die grausamer und schmählicher sich gezeigt ha«, al» in früheren Jahrhunderten. Damal» war e« der Fana> ti»mu», letzt sind e» Trunkfuchr, thierisch« Ungebundenheit, Raub ui i Mordsucht. Wenn man diese Verfolgungen mit dem Janu«-Gesich»e der Geschichte bettachtet, so bemerkt man, da« die Bildung und Menschenwürdigung in unserer Zeit auf einer höheren stufe steht ai« im Allerthum. Wenn e» bei den Kreuzzügen >096 und 1147 nur einzelne Sterne ivare», die in der Finslerniß leuchteten, wie z. B. der Bischof von Eöln und Eleveland, so ist jetzt der Begriff von menschlicher Solidarität mehr durchgedrungen, so daß der Redner mit Recht mit Lessing behaupten konnte, daß man eher al« Jude oder Ührist Mensch sei. Die alle und di» neue Welt reiche einander die Hand, um den verfolgten Juden zur Hülfe zu kommen. Ehristen und Juden vereinigen sich, um aus de» Altar der Wohlthätigkeit ihre Opfer nieder zu legen. Diese» ist ein Trost für die Zukunst, daß die Menschheit in ihrer Gesammtheit zur Verwirklichung humaner Begriffe fortschreitet. Al« ErziehungSniittel für die Völker wie« Herr Dr. Frank auf Freiheit und Glaube hin, die al« Zwillinge vom Himmel auf die Erde herniedergrsandt sind, um die sittliche Verbesserung zu fördern. Der Mensch steht mit seiner Vernunft und Willensfreiheit höher al« da« Thier, wodurch er verpflichtet ist, zu unterscheiden zwischen dem Gute» und dem Bösen. Selbsterziehung und Selbstbeherrschung tragen dazu bei. Aber Zügellosigkeit und Ungebundenheit sind keine Freiheit. Die wahre Freiheit wird geschützt durch den Glauben, der den Menschen erhebt zur höheren Menschenwürde. Der Glaub« soll u« leiten nicht binden. Darum kein Glaube ohne Freiheit. Kein Glaube der in Widerspruch ist mit der Vernunft, ein solcher Glaube muß sterben, da er unfähig ist zu arbeiten an der Entwickelung der Menschheit. Da» Judenthum will Freiheit de« Denken», gebietet die freie Forschung und kennt keinen Unterschied zwischen Priester und Laien, verlangt, daß Alle Prophesein sollen. Daher gehört da« Judenthum nicht allein dtt Vergangenheit, sondern auch der Zukunft. In Rußland waren die Inden nt« frei, wie konnten sie Friiheit haben in einem Lande, wo kein« Denk- und Glauben«srethett ezistirt? ,«o von Freiheit dt« Red« ist, da muß man Huldigung darbrinaen den Niederlanden, dem klassischen Boden der Freiheit. Große» Rußland, wa» bist du Nein! Kleine Niederlande, wie seid ihr groß durch die Freiheit l Der Czar ist in seinem Reich zu beNagen, Oranien ist glücklich mit dem Niederländischen Volk!" — Vi»her hatte der Redner in der hier allen Gebildeten verständlichen deutschen Sprache gesprochen, zum Schluß trug er ein holländische« Gedicht der in diesem Jahr« leider zu früh verstorbenen Niederländ. jüd.Dichterin Estrlla tzeymann- -ertzveld „der Triumph der Bildung" vcr, und zttgt«, daß er seine Muttersprache nicht verlernt habe. Daß Herr Dr. Frank mit seinem Bortrag großen Beifall erntete — ist unnöthig zu sagen. Da« zahlreiche Auditortun!, au« Juden und Christen bestehend, applaudtrte wiederholt. Der Vorsitzende war der Dolmetscher der Gefühle der Versammlung, und dankte dein Redner für di« inhaltsvolle und formvollendete Red«, die zu Gunsten der russ. Juden in großer Auflage gedruckt und verbreitet werden solle. Durch Madame M. Haantj«« und Frl. S. Kempner wurde in der hierauf folgenden Pause für ein russische« Mädchen, da« von der Alliance in Amsterdam versorgt wird, collectirt. Die Sammlung hatte einen sehr günstigen Erfolg. Nachdem eine Resolution kür Herrn Pros. Dr. Harting für seine Wirksamkeit im Interesse der nothleidenden russ. Juden angenommen und von Herrn v. R a a l t e die Verdienste de« Herren A. I. P o l a k bervorgehoben worden, von dem die Initiative ausgegangen war zur Organisation de» Eoniitö» für die russ. Juden, durch welche« in den Niederlande» ca 90,000—100 000 Flor, zusammengebracht wurden, wurde die Versammlung, nachdem vorher noch Herr E. L. Jacobson, der würdige Präses der hiesigen Gemeinde, im Namen der Versammelten dem Vorsitzenden für seine vortreffliche Leitung in angemessener Weise Dank abgestaltet hatte, geschlossen. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. -Nachdem die österreichische Regierung auf da» Enlschiedendste gegen die antisemitischen Wühlereien eingeschrittrn ist. nachdem sogar der russisch« Mlntster de» Innern in eineni energischen Erlaß gegen die Hetzer Stellung genommen, hat jetzt auch der hiesige Staatsanwalt die Anklage gegen Herr» Nuppel auf Grund de« 8 l»» de« Strafgeseybuche», nämlich wegen öffentlicher Beschimpfung uner korporativen ReligionSgesellschaft, erhoben. Der Grund für die Anklage liegt in dem .Extrablatte der Osiendzeitung", in welchem das verschwinden des „Mädchens von TiSza-üszlar" zu hetzerischen Zwecke» auSgebeutet wurde. Berliu. An den Vorsteher der hiesigen Stadtverordneten- Versamnilung, .Herrn l)r. Srraßman», gelangten seit geraumer Zeit fortgesetzt Postkarten von beleidigendem und unfläthigem Inhalt ohne Namen«unterschrirten. Da diese Zuschriften darauf schließen ließen, daß der Schreiber den sog. gebildeten Stände» angehöre, so wurde nach dem Anonymus recherchirt. Derselbe wurde auch in der Person de« Magistratsbeamten L ermittelt, der vor Kurzen! wegen dienstlicher Ungehörigkeilen disziplinarisch bestrait worden war. Auf den von dem Magistrat gestellten Strafantrag hat, wie nur hören, die Staatsanwaltschaft gegen den L. die Untersuchung wegen öffentlicher Beleidigung de» Dr. Straßmann eingeleitet und mit Rücksicht aus die Schwere der Beleidigungen die sofortige Verhaftung de« L. beantragt, di« auch bewirk: wurde. L. läugnet und schiebt'» aus einen Andern. Hannover, 25. Juni. (Or-Corr.) 240 russische Flüchtlinge unsere« Glauben« paffirten Freitag vormittag auf ihrer Reise »ach Amsterdam den hiesigen StaatSbahnhof, Mitglieder des Eomitö«, Männer und Frauen hiesiger Gemeind«, waren aus dem Bahnhofe anwesend, die Auswanderer mit Erfrischungen erquickend.