Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 24.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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fisch«» Flüchtling« veranstalt, te Kletdersammluna hat, wie in de« gestrige« Tageblatt angezetgt ist, bedeutend«» Erfolg gehabt. Dt« «rste Sendung an da» Hamburger Unterstützung«- eomitö betrug «trra 1» Sentner Herr David Stuben« (Mitglied de« Hamburger Somit««) schreibt in einem Briese an H. Schifter: 2» befinden stch unter de» ruffischen Flüchtlingen, die oft 7—800 in einer Woche expedirt weiten müssen, |ua meist sehr Bedürftige, denen e« an Kleidung in jeder Weise fehlt, und ist un« Ihre Sendung sehr ju S:atten gekommen und wird »« Ihnen und Ihren gütigen Bibern »ur hohen Befriedigung gereichen, daß wir sehr viel Gute« damit thun könnten und manchen Halbnackten bekleiden." — Zu bedauern ist, daß die christlichen Mitbürger, trotzden» hervorragend« Männer ihre« Glauben« den, hiestgen Somit«! beigetreten find, nur geringe Tbetlnahm« an den entsetzliche» Gräueln in Ruh' land teigen, da« heißt, »ach den geringen Geldbeiträge» so zu schließen; welcher Schluß, den vorliegenden Berhäitnissen tmäß, bet welchen mehr die That al« da« Wort Hülfe ringt, berechtigt erscheint. —d— B«n». 6. Junt. Nicht seiner Bedeutung wegen, sondern um jüdische Wohlthäter zur Borsicht zu mahnen, sei »« ln diesen Blättern erwähnt, daß vor einigen Woche» der au« Rußland stammende Student Bernstein hier zum Christen« thume übergetreten ist. In Bre«lau haben vor Jahren arme Studenten da« zweifelhafte Verdienst sich erworben, dem nunmehr in'« Reich de« Heile» gelangten Bochur zu unterstützen und zu unterrichten. Hier hat er die Kühnheit gehabt, stch um rie Rabbinerstelle zu bewerbe», und wenig fehlte, daß ihm ei«e Probepredigt gestattet worden wäre. Nur Zweifel — und zwar, wie der Au«gang gezeigt hat, berechtigte Zweifel und Bedenken — haben die« verhindert. Da» hat den Bielunte«stützten mit Skrl vor dem Judenthume erfüllt. Denn nicht Uederzeugung — die« find fein« eigenen Wort« — hat ihn der neuen Religion zugesllhrt. Wir gratuliren dem Shristenthum zu dieser Eroberung, bedauern nur, daß die jüd. Wohlthätigkeit solange die Erhaltung diese» Täufling« hat besorgen müssen. Bleichrrode, I. Juni. Heute fand hier di« Feier statt, welche die jüdische Gemeinde zur Einweihung ihre« nach reichlichen Opfern, mühevoller Arbeit und beharrlichem Streben nun vollendeten neuen Tempel« beging. Der erste, mehr wehmüthige Theil der Feier, galt dem Lebewohl, welche« die Gemeinde in letzter, festlicher Versammlung ihrem durch ein Jahrhundert hindurch lieb und werth gewordenen, ab.r auch gealterten und zu eng gewordenen bisherigen BotieShause widmete. Herr Lehrer Frank sprach da» Abschiedsgebet in der alte:- Synagoge, au« welcher, die Gemeinde an »ziehe wie au« einem Vaterhaus« und doch auch wieder nicht so, denn der himmlische Vater ziehe mit seinen Kindern und heiße in dem neuen Tempel Jeden nnllkommen. der wahre Frömmigkeit, nicht Heuchelei und Schein, im Herzen trage. Nicht ohne Betrübniß erfolgt« dieser Wechsel. Mehr alü hundert Jahre sei e« her, al« eine edel denkende Christin diese« ehrwürdige Hau« der jüdischen Gemeinde zuin Geschenk« gemacht. Heute aber zeige» Mitlebend« sich noch so fern von solchem Geiste erhabener Duldsamkeit, daß sie e« über sich gewinnen, eine Nation, die nicht« verschuldet hat, und ihre Pflichten stet« mit Treue erfüllt, zu verfolgen bi« aus'« Blut. Hierauf sprach de: Rabbiner Herr Professor Heidenheim au« Sondershausen Worte de» Abschied« an jener Stätte, die ihm, einem Kinde der Gemeinde Bleichende, so theuer: wo er einst an der Seite seiner entschlafenen geliebten Eltern Gebete zum Herrn gesendet, wo die geisterivärmenden und herzbelebenden Worte verehrter Lehrer zuerst in ihm die Begeisterung für seinen helligen Beruf wach gerufen, und wo er seit vierzig Jahren gewöhnt gewesen, zu der Gemeinde von Bleicherode zu sprechen. Unterdeffen Halle sich vor dem Hause der F-estzug geordnet. Voran die Schülerinnen und Jungfrauen, dann da« Festcomitö mit den Ehrengästen, darunter die an dem Bau bethelligt gewesenen Meister. Hierauf folgte eine junge Dame, d.e auf seidenem. bekränztem Kiffen den Schlüffe! zur neuen Synagoge trug, sodann die Vorsteher und Repräsentanten der Gemeind», hinter denen di« Träger der kostbar verzierten Thorarollen, di« Cultutbeamten und unter blauem Baldachin di« fungtrenden Rabbiner etnherschritten; endlich schlrffen stch in langer Folge Mitglieder und Freund« der Gemeinde von hier und au« den Nachbarorten an. Im Ganzen mochten etwa 200 Personen an dem Zug« theilnehmen. Vor dem Ralhhaus« hatten da» Magistrat«kollegium und der Vorstand der Stadtverordneten am Fuß der Freitreppe Ausstellung genommen, von wo au» fie sich beim Paffiren de« Zuge« de» übrigen Ehrengäste» anschloffen. Der Herr Regierungspräsident, der Landrath der Kreise», sowie die evangelischen Geistlichen und Lehrer von Bleicherodr hatten di« Einladung, welche an sie zu der religiösen Frier ergangen, abgelehnt. Al« der Zug vor der '» fort« der neuen, in romanischem Styl erbauten Synagoge aiigelangt war, wurde der Schlüffe! unt einigen in gebunb, ner Rede gesprochenen 4Lorten Herr» Architekten Schorbach übergeben, der den schönen Bau nach den Plänen de« verstorbenen Baurath O p p l« r in Hannover au»geführt; dieser übergab ihn dem Vorsteher der Gemeinde, Herrn Schien,,ger, welcher nach einer herzlichen Ansprache a» die lltersammelten da« Thor de» neuen Tempel« öffnete. Der Nordhäuser Synagogenchor stiinmte da« »Hoch thut euch out |" de« 2». Psalm« a». Die Thorarolle» wurden nach feierlichem Unlzuge um da« Almenimor in die Bundetlade gelegt, Rabbiner Heivenheim zündete die ewige Lamp« unter beredtem Hinwei« aus die heilige Bedeutung diese« Eympol« an. Dl« Wcihepredigt hielt hnraus Herr Rabbiner i>r. Leimdörfer au« Nordhausc». Al« sein Thema bezeichnet« der Redner „bic Hochziele «ine« jüdischen Tempel» in unserer Zeit und erläuterte dieselben nach Jesaia« c. S6 v. 7. Danach seien jene Ziel« l) die Erhebung oder Seclenweide. 2) dt« Andacht oder HerzenSweihe, 3) die Milde oder Thatcnweche und «) die Humanität oder allgemeine Menschenweihe.*) Nach dieser, den Höhepunkt der Feier bildenden Rede und dem vom Chor gesungenen: »Prei« und Anbetung sei unserm Gott!" sprach Herr Rabbiner Heidenbeim da« Gebet für ven Kaiser, woraus mit eitlem Schlußpsalm der religiöse Theil der Feier beendet wurde. Am Abend fand im Rathskeller ein solenne«, von geist reichen Toasten gewürzte« Bankett statt. Ratib»r, 24. Mai. E,n Knabe, im Jahre 1868 von einem jüdischen Dienstmädchen außerehelich geboren, wurde einer katholischen Pflegerin übergeben mit der ausdrücklichen Bestlmmung feiten« der Mutter, daß der Knabe in der jüdischen Consesiion erzogen werden sollte Dem Kinde wurde auch nach jüdischen Ritus nach Vertaus der vorgeschriebenen Zeit der Name gegeben. Kaum zivci Jahre alt. erkrankt da« Ktnd lebensgefährlich. Wa« thut die Pflegerin? Besorgt darum, daß der Kleine de« Himmelreiche« verlustig gehen könnte, tauft sie ihn und giedt ihm den Namen Gustav. E« war aber ander« vom Schicksale beschlossen worden. Der Knabe stirbt nicht, sondern wird wieder gesund. Im siebenten Jahre wird derselbe von der Pflegerin der Schule übergeben, und zwar mit der ausdrücklichen Angabe, daß er israelilisch sei. Al« israelisch ist er auch, wie der .Oberschl. Anz." mitlheiit, in den General-Katalog der hiesigen Stadtschule >ingetragen worden. Bor wenigen Wochen stellt e« sich nun heraus, daß der Knabe nicht in der jüdischen, sondern in der evangelischen ReligionSlehre unterwiesen worden ist. Wie da» gekommen, läßt sich jetzt schwer eruiren. Nunmehr stellte die Mutter, welche vorgiebt, selbst katholisch werden zu wollen, um einen katholischen Mann zu heirathen, den Antrag, ihren Sohn dem katholischen Religion«unterrichte zu überweisen, vorher ist der Knabe auf Antrag der Mutter in da« Taufbuch der hiesigen katholischen Pfarrkirche al« „notbgetauft" eingetragen worden. •) Di» JUb* liegt jetzt gedruckt »or u»» ist al« eine gelungene oratorilchc Leistung ju beieichnen. (Red.)