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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 20. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 20.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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153 mißlich« Verhältnisse gcrathen, in Anbetracht d«r großen Brr« dienst», dir sich dasselbe um diesen Verein in früheren Jahren ermorden, eine Ehrengabe von 1000 st. — Hierauf wurde vom Sekretär L. Aeißmann der von ibm redigtrte Jahre«- bericht verlesen, dem wir die folgenden Daten entnehmen: Die Zahl der Rothleidenden und Unterstützungkbedürftige.i hat im adgelausrnen Jahre leider beträchtlich zugenommen und nur da» ungetheilt« Wohlwollen, sowie di« warme Theilnahme der Berein«mitglieder ermöglichte e« der Ehewra Krdischr, den Unglücklichen ausreichende Hilfe angedeihen zu lasten. Die Einnahmen betrugen 86,486 fl. 64 kr., die Au«gaben betrugen 83.748 st. 85 kr., demnach verblieb ein Ueberschuß von 3736 fl. 79 kr., welcher dem Bere>n«verinögen zufällt. Anßerdem gingen an Spenden für die Ehewra Kadischa und da« von ihr erhaltene SiechenhauS circa 7000 fl ein. Im Siechenhaus« wurden 27 Stistlinge verpflegt, und zwar l 5 Männer und 12 Frauen, deren Erhaltungskosten sich auf 8822 fl. 77 kr belaufe». Die Unterstützung der ambulanten Kranken, sowie der Beitrag zur Erhaltung deS JfraelitenspitalS erforderten 21,798 fl. 60 kr. An sonstige Nothleidende wurden 1320 fl. verabfolgt. — Die Ehewra Kadischa beerdigte im Vorjahre 1363 verstorbene, nämlich 634 Erwachsene und 729 Kinder. D »runter waren: 345 Männer, 28!» Frauen, 254 Knaben, 231 Mädchen von 1 Monat bis zu 14 Jahren und 244 Kind.r beiderlei Geschlechtes unter einem Monat alt. An L.erdigungskosten für 942 Leichen, welche gratis beerdigt wurde», zahlte die Ehewra Kadischa 9200 fl. (Anden diversen Spitälern ivurven 221 Leichen zur GratiSbeerdignng übernommen.) Schließlich ward da- Budget pro 1882 in der Höhe von circa 82.000 fl. angenommen. Rntlan». Petersburg viele Juden, welche ohne nachgesuchte formelle Erlaubniß Pete:-bürg bewohnen, haben neuerdings die polizeilich« Weisung erhalten, die Residenz zu verlosten. Um den mit der plötzlichen Ausweisung verbundenen Nachtheilen zu tutgehen, geriethen dieselben auf nachfolgendes cigrnrhümliche AuSkunst-mittel. Rach russischem Gesetz dürfen wechselrechtlich geklagte Schuldner die Stadt nicht verlaffen, bevor sie ihrrn Gläubigern gerecht geworden sind. Run stellen sich die Juden wechselseitig verfallene Wechsel au» und klagen dieselben ein, so daß die Polizei selbst die bereitau-gewiesenen Juden verhindern muß, abzureisen. In gut informirten Quellen erzählt man sich, in der Sitzung de« Minister Comitäam letzten Dirnstag seien mit 9 gegen 3 Stimmen die Anträge Jgnatiew'S, betreffend weitere Beschränkungen russischer Juden aus Basi» der Vorschläge der fälschlich objeciiv genannten Judenkommistion verworfen worbe". Jgnrticw hatte seine MotioirungSred« mit der Hindeutung auf eventuelle KabinetSfrage eingeleitet; nach erfolgter Ablehnung seiner Vorschläge vergaß er aber seine angedrohie Demission und negociirte jede» einzelnen Punkt. Die Eensur unterdrückt alle Artikel über die Judenfrage. Petersburg, 9. Mai. Eine Meldung de« „GoloS" au» Balta konnatirt, daß bei der dortigen Judenhetze zerstört wurden: 976 Häuser, 253 Buden und 34 Schanklolale. Der Verlust beträgt 1'/, Millionen Rubel Verwundet wurden 211 Personen, darunter 39 mit schweren Verlegungen. An ihren Wunden gestorben sind acht Personen. Einige Frauen find wahnsinnig geworden. Die Frau und di« Tochter de« Jtzka Palitsch, sowie die Tochter de» „verstorbenen" Varuch Schlichower wurden geschändet, welche Thatsache der Stadtarzt konstalitte. — (Wer hat noch die Stirn, zu behaupte«, daß die Juden« hetzten in Rußland eine Erfindung der liberalen Berliner Blätter find?) M»«k>». Zur Charakteristik der hiesigen JndenauStreibung wird folgender Fall erzählt: Eine jüdische Frau, die zur Entbindung ihrer Tochter nach Moskau gekommen war, sollte au« der Stadt gewiesen werden, al» dem Schwiegersohn der glücklich« Gedanke kommt, seine Schwiegermutter für seine Wirthschaftettn auszugeben. Die Polizei besteht jedoch darauf. daß die Frau die Stadt verlaffe, denn nach der Interpretation de« Gesetze« durch die heilige Hermandad haben Juden wohl da« Recht jüdische Bediente, nicht aber jüdische Mägde zu halten, weil da« Gesetz bloß von „Glaubensgenossen", nicht auch von „Glauben«genoffinn-n" spreche. Die Geschädigten strengten daraus eine Klage an, worin sie »achwiesen, daß im russischen Gesetz überhaupt alle Substantiv» und Adjectiva al« Marcu'ina gebraucht sind, es aber dennoch niemals einem Gericht in den Sinn gekommen sei, Frauen von jeder Perantwottlichkeit zu befreien, weil da« Gesetz blo« von „einem" Schuldigen spreche. Der Intervention des Generalgouvrrnenr« Fürsten Dolgoruki, der die schroffe Hiltung der von Petersburg au« iastruirten Polizeiorgane nach Möglichkeit zu mildern bemüht ist. gelang e«, der Jüdin de» verbleib in Moskau zu erwirke». Solcher Fälle »lögen hunderte vorgekonimen sein und alledas „zur Wiederherstellung de« verletzen Gesetze» und der erschütterten Ordnung", wie er im bekannten Circular dc» Grasen Jguatiew hieß. Warschau. 4. Mai. Bor einigen Tagen fand hier in der AuSmanderungSangelegenheit eine zahlreich besuchte Versammlung streng- oder altgläubiger Juden statt, der auch ni hrere hervorragend« Rabbiner dieser religiösen Richtung au» der Stadt und Umgegend beiwohnte». Die versammelten einigten sich dahin, daß die Auswanderung der Juden au« Rußland eine Nothweudigkeu und als Auswanderungsziel Palästina vorzuziehen sei. Auch wurde beschlossen, die Auswanderung aus allen Kräften zu fördern. — Es vergeht jetzt kein Tag. an welchem nicht 30 bis 40 Familien die Stabt verlassen. Während früher die Auswanderer nieist der ärmeren Klaffe angehörten, sind es jetzt gerade die besser situitten Stände, welche zum Wanderstabe greisen. Der größte Ihell derselben nimmt seinen Weg nach Nordamerika. Rach ungefährer Schätzung beläuft sich die Zahl der bis jetzt Ausgewanderten auf 2400. Odessa. Herr Levontin in Jaffa, der dort ein Coinits gebildet hot, welche» den nach Palästina AuSwandernden hülfreich zur Seite stehen soll, berechnet die Ansiedelung-kosten für eine Familie auf 3100 Frc». (2560 Mk.), (6'/, Defsiarm Land 400 FrcS., Haus und Stall 1000 Frc«., Haushalt de» ersten Jahre« 700 Frc«., da« Uebrige Aussaat und Inventar.) Dam kommt das Billel von Odessr nach Jaffa 57.50 FrcS — l)r. Schwabacher hat am Pessach zur Auswanderung nach Palästina aufgefordert. 200 begüterte Familien haben in Folge davon ca. 40,000 Rubel (80.000 Mk.) zusaminengeschoffen, um gemeinsam sich dort anzusiedRn. — Retter und die Anderen, welche abrathen, heißen jetzt „Mraglim" (Kundschafter.) — (Den Tod vor Augen, sieht da« Volk jetzt »irgend- Schlimme«. Ist da« Schlimmste doch besser, al« der gegenwärtige Zustand. Red.) vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. 12 Mai. Nachdem in England jene große Humanität» Bewegung zu Gunsten der russischen Juden ihren Anfang genommen, die in dem Mansionhouse-Meeting ihren Höhepunkt erreichte, schloß sich auch Rorv-Amerika diesem Protest der Bildung und Gesittung gegen die Barbarei an. In England waren r« die Spitzen der Gesellschaft, waren e» die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft, der Geistlichkeit und de« Adel«, welche ihren Abscheu gegen die Judenhetze in Rußland ausdrückten. In Nord-Amerika ergttff die Regierung feibst da« Wort, und e« ist bekannt, in welcher Form der schärfsten Mißbilligung der amerikanische Staatssekretär de« Aeußeren, Frelinghuysen, den nordamerikanischen Gesandten in Petersburg darüber unterrichtete, wie die Regierung der Union über die russischen Greuel denke. Dem englischen Volke und der nordamettkanischen Regierung hat sich nunmehr da« österreichisch« Parlament zugestellt in einer öffentlichen verur« theiluna und Brandmartung dieser schandbaren Vorgänge, loelch« in Rußland den Namen der Menschlichkeit bestecken.

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