Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 19.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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— 146 Ti« Petersburger Korresp. schreibt de» „Verl. Lgi>l.': Z» der jungst gebrachte» Mittheiluug über die Audienz de« Baron« Günzburg bei« Lzaren kan« ich folgend« Ergänzungen geben. Baron Günzburg erklärte dem angebllch entsetzten Ezareu, »kein Jude sei in Rußland mehr sicher; er erbäte für seine GlaubenSgenoffen und auch für sich selbst Schutz." Sobald tvraf Jgnatieff den Verlauf der Audienz erfuhr, erklärte er aufgebracht gegen Günzburg: »Seine Petitionen und Klagen beim Kaiser mären sehr überflüssig; die Regierung würde die Juden schon selbst schützen, auch ohne Ausforderunng." (Da» klingt gerade wie Hohn!) Günzburg entgegnet«: »Wenn mein Kaiser mir «ine Audienz bewilligt, habe ich nicht allein «in voller Recht, sondern auch die Pflicht, die volle Wahrheit zu sagen. WaS ich aber dem Kaiser gesagt, da» kann ich verbürgen und beweisen." — Da« Blatt Katkow«, die »MoSkowrki Wedemosti", fährt fort, rücksichtslos die gegen di« Juden verübten Gräuel und damit zugleich auch die falschen entstellten Regierung«berichte, wie sie Jgnatieff geübt, aufzudecken. Die JudenmaffacreS und Katkow dürften denn doch wohl schließlich dem Grasen Jgnatieff da» Portefeuille kosten. Lu» Warschau wird dem »Verl. Tagebl." geschrieben: Die Auswanderung der Juden von hier hat «nen erheblichen Umfang angenommen. Vorläufig indesien erstreckt sich dieselbe auf die gänzlich mittellosen Stände. Die meisten der Erstgenannten haben kaum genug baare Mittel, um bi» zur Grenze zu gelangen, obschon sie ihre geringen Habseligkeiten veräußerten, und doch ist da» Ziel der Auswanderung fast bei Allen Amerika. Die Hoffnung dieser Unglücklichen ist auf die Hils». Lomitä» gesetzt. Ein AuöwanderungSpaß kostet 25 Kopeken. Wer ihn erhalten hat. darf niemals nach Rußland zurückkehren. Diejenigen, welche nach Palästina auSwandern müßten, «arten auf die Entscheidung de« Sultan«. Doch haben sich vorbereitende Eomitü'S auch für die Förderung dieser Emiqration bereit« gebildet Proklamationen, welche zu einer allgemeinen Judenschlächteret in den ersten Tagen de« Mai aufforderten, verursachten begreiflicherweise «ine groß« Panik und beförderten den Au»wand«rung»trieb. Die Stimmung ist vüster, der Handel liegf darnieder, viele Läden sind geschloffen. Allgemein geht daS Gerücht, daß Arbeiterunruhen zu befürchten sino, weil vielfach Arbeitslosigkeit herrscht. Bekanntlich residirt in Wilua al» Generalgouverneur der schneidig« Graf Totleben, und hat derselbe der jüd. Bevölkerung daselbst die bestimmte Zuficherung gegeben, daß, so lange er in Wilna sein wird, kein« Tumulte gegen die Juden stattfinden werden. Da» hat sich auch bi» jetzt vollkommen bewahrheitet. Da» vaßt aber ganz und gar nicht dem Herrn Minister Grafen Jgnatieff. Der letztere veranlaßte deshalb beim KnegSminister, daß Graf Totleben in der Pfingstzeit die Festungen tnspizire. . . . Einflußreiche J«raeliten in Wilna erfahren davon, eilen i,um Generalgouverneur und flehen, daß er Wilna nicht verlaffe. Daraus erwiderte Gras Totleben: „Seid ruhig! ich werde mein versprechen halten. Auf keinen Fall bin ich gewillt, nach der Pfeife de» Grafen Jgnatieff zu tanzen..." Kiew. Die Austreibung der Juden au« Rußland nimmt ihren schändlichen Fongang. Eine Wolff'sche Devesche au« Kiew besagt, daß allein au« jener Stadt im Laufe der vergangenen Woche ISO» Familien ausgeiviesen wurden. Biele davon wandern »ach Amerika au«. Ferner berichtet der Petersburger „Regierungs-Anzeiger" von Juden-Krawallen in Gombine, Gouvernement Warschau, wo zwei Lüden und «ine Schänke, und in Jekaterino«law, wo drei Schänken und ein Laden zerstört wurden. Er haben Verhaftungen stattgefunden, in Gombine allein lv. — Wenn da« schon da« Amtsblatt de« Grafen Jgnatieff zugesteht, daua darf man wohl in den unparteiischen Berichten wieder recht Schlimme» befürchten. UebriaenS soll Minister Jgnatieff «ach wie vor daraus bestehen, daß die Juden in bestimmte Distrikt« zusammenaetrieben werden, außerhalb deren sie nicht leben dürfen, e« fei denn, fl« -«hörten zu den »Kaufleuten erster Gilde" oder zu den „Studtrten." SUMtit«. RtiMri. Di« Rot« Mit welcher die nordamerikanisch« Regierung ihre« Gesandten in Petersburg beauftragte, zu Gunsten der stark verfolgten Juden sich in» Mittel zu lege«, ist vom iö. April dattrt und hat. folgenden Wortlaut: „Da Raren- und GlaubenSvorurtheile heutigen Tage» den Aufforderungen der gemeinen Humanität gewichen find, so hörte da» amerikanische Volk mit großem Bedauern die Be» richte der Leiden der Juden Rußland». E« ist möglich, daß die Zeitungen und Privatberichte etwa» übertreiben, allein unbezweifelt steht fest, daß viele« geschah, wa» jeder humane und gerechte Mensck verurtheilen muß. Der Präsident weiß natürlich, daß die russisch« Regierung nicht moralisck für.Handlungen verantwortlich gemacht werden könnte, welch: sie für unrecht hält, welche zu verhindern jedoch machtlmist. Wenn die Sachlage derartig wäre, würde e« schlimmer al« nur nutzlos sein. Sie zu beauftragen. al« Vertreter der Vereinigten Staate« offiziell die Berurtheilung auszudrücken, welch« jene Behandlung der Juden in Amerika Hervorrust. Sollte jedoch die Haltung der russischen Regierung eine andere sein und sollte« Sie glauben, daß kräftigere Anstrengungen seiten« der ruffischen Regierung hätten ge nacht werden solle», um jene großen Gräuel zu verhindern, dann wollen Sie bei nächster paffender Gelegenheit mit -aller Höflichkeit erklären, daß da« Gefühl der Freundschaft Amerika« für Rußland di« amerikanisch« Regierung veranlaßt, die Hoffnung auSzudrücken, daß die ruffische Regierung Mittel finden werde, jene Befolgungen unglücklicher Mitmenschen zu verhindern. Diese Instruktion involvirt eine delikate Aufgabe und Sie erhalten für deren Ausführung weite Diskretion. Wie sehr auch die vereinigten Staate» di>« Benehmen fremder Regierungen gegen gewiffe Rationalitäten mißbilligen mögen, so halten sie e« doch nicht für ihre Ausgabe, beleidigend sich einzumischen. Sollten sie jedoch erfahren, daß Bürger der Bereinigten Staaten Opfer jener Verfolgungen sind, dann dürfen Sie zu deren Schube keine Bemühung verabsäumen, und wollen solche Fälle hierher berichten". Bi« jetzt scheint diese« ehrenvolle Auftreten der nordamerikanischen Union leider noch keine Nachahmung von irgend welcher europäischen Negierung gefunden zu haben. Berauschte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Auch hier ist die Bildung eine« au« den Spitzen der städtischen Behörden und der israel. Gemeinde bestehende« Provinzial - HilfScomitü für die ruff. Juden gelungen. (Vergl. den .Aufruf" auf der Jnferateu-Seite.) — — Ein Gleich» wird au« Posen gemeldet. In Hannover und Glogau finden auch Versammlungen zu diesem Zweck« statt. Berlin. Al« «in bezeichnende« Symptom der gegenwärtigen reaktionären «Strömung dürfte der Umstand anzusehen sein, daß in der UiterrichtSoerwaltung die Neigung vorhanden zu sein scheint, den Fröbel'schen Kindergärten, deren „Simultanität" bisher von keiner Seite angezweiselt worden ist. den konfeffionellen Ehara ter beizulegen. Wie da» »Berl.zTagdl." erfährt, hat sich vor tkurzem eine hiesige jüdisch« junge Dame, Fräulein P., mit «iiem Gesuche wegen Errichtung eine» Kindergarten« in unserm Siachbarorte Steglitz an die kompetente Behörde gewendet und daraus den Bescheid erhalten, e« könne ihr nur die Erlaubiüß zur Begründung eine« solchen Institut« für jüdische Kinder erthellt werde». Berlin. Bleichröder hat nun 20,000 Mark für die ruff. Juden gezeichnet. In Colmar (Elsaß) hat der Rabbiner, ebenso wie di« protestantische Geistlichkeit die Anfrage de« Bürgermeister«, ob di« Umwandlung der Simultanschulen in conseffionelle erwünscht sei. fich energisch dagegen ausgesprochen. Im Gemetnderath« ist da» Fortbestehen der Simultanschule mit 1 Stimm« Majorität beschlossen worden.