Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 17.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/5369809-5935096-5938076--4551-5376845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
flinbtr au«gewiesen. Erst vor Kurzem hat sogar Chartsten vom Theater jüdisch«« Glauben« diese» Loo» ereilt. — Nu» So»»» wird mitgethellt, daß sämmtiiche a» der Warschauer Eisenbahn angestellte Beamten, die nicht russisch« Unterthaue« sind, «ntlasien werden sollen. Im Name« de« Ldristenthum» und der Eivilisatioa tagen die ruffischen Heersäulen vor Konstantinopel, um de, Türken zu demüthigen, um dm »unaussprechlichen Türken", wie Sladstone sagte, aus Europa auf ewig hinauSzujagen. Im Namen de» Ehristenthum» und der Eivilisatioa verfolgt heut daffelbe Rußland seine jüdischen Bewohner auf da» Schmählichste, und zwar nach den amtlichen Anordnungen de» Minister« de» Innern, Grafen Jgnatieff. Zu gleicher Zeit aber kommt un» au« Wien telegraphisch die Nachricht, daß der Sultan, der Beherrscher de» »unau-sprechlichen Türken", in den nächsten Tagen ein Jrade erlaffen wird, welche» Edward Eazelet» Programm, betreffend die Kolonisation Syrien» und M e f o p o t a m i e n » mtt au» Rußland au-wandernten Israeliten sanctioniren soll. Zur Lu»sührung de» Programm» sind bereit« 4 Millionen Mark beisammen. Ob in dem Jrade de« Herrscherder Ungläubigen auch etwa« von dem Beruf de» Ehristenthum» und der Civilisation zu lesen sein wird? Petersbvr», 2o April' In der »Mo«kowSki Wedomosti" nimmt sich jetzt sogar Katkow.der Juden an, er schreibt: »Der Regierung«anzeiger tröstete da« Publikum, er werde rechtzeitig und auesübrUch von allen Judenkravallen Mittheilung machen. Da glaubt man denn unwillkürlich, daß die» alltägliche natürliche Erscheinen seien, über die man > »r rechtzeitig zu berichten habe. Giebt e» den wirklich kein Mittel zur Beseitigung diese» himmelschreienden Skantal», welcher die Wirrnisse unserer gegenwärtigen Lage noch vermehrt und die Regierung kompromilttrt? Kann di« Letztere denn wirklich gegenüb«. den augenscheinlich böswilligen Aufreizungen j gleichgiltig bleiben? Hat sie dieselbe» wirklich nurzuregist« rirenk O, weg! Die Administration selbst scheint durch di« Bewegung fortgerisseu zu werden. Plötzlich, wie um dem Pöbel m,t »guter, Bespiel", voranzugrhen, tritt sie eifriger gegen die Juden aus, welche in verschiedene» Städten de» Reiche» ruhig auf Grund ihrer Gewerbescheine leben, und eine Menge armer F-"nil>en, die nicht« verbrochen haben, werde» urplötzlich ausgewiesen, säst im Lause von 24 Stunden! Leute, die nicht» Schlechte» gethan, zudem den Mstitärdienst abgeleistet und mit ihre,» Blute sich da» Recht erkauften. überall in ihrem weitem Baierlande zu leben, sie werden plötzlich dem harten Elend« au«g<setzt. So urplötzlich hat sich in diesem Falle unser ein Geist strengster GesetzeSformalität bemächtigt, und man verjagt den Juden von» Orte, «soselbst er längst gelebt, nicht etwa, well er schändlich oder verdächtig erscheint, sondern einfach, weil er keine Stiefel näht! Diese plötzlichen Ausweisungen sind durch nicht« motivirt. Mit den Nihilisten aber, ja da verfahren wir nicht so ohne Weiteres. Wir ruiniren die unglücklichen Inden durch unsere Haltung nicht minder al» die Exeffc eine» ausgeh-'tzten Pöbol«" So Katkow. Luch der »Goto»" spricht sich entschieden gegen die Juden-, sowie gegen die Deutschenhetze au«. Lu» Sitbrupaub gelangen aus privatem Weg« wahrhaft entsetzenerregende Nachrichten über die bie«jährige Osternjudeahetz« herüber. Man spricht von der Verwüstung mehrerer Flecken und Dörfer, in welchen Juden wohnen Da» zum Schutze der armen geplünderten und aus'» Lergste mißhandelten Juden herdeikommandirte Militär, zumeist Kosaken, kommt immer beinah« so, daß e» wie Absicht au»sseht, verspätet an. E« heißt nach einer Version, daß 8000, nach der zweiten, daß bereit» 17,000 jüdisch« Staatsbürger ohne tzeimath und Obdach seien. E« sollen diesmal die Mißhandlungen viel zahlreicher sein al« im vorigen Jahre. Die plündernve Rotte verlacht jev« Drohung gesetzlicher Ahndung. »Warum erläßt der Kaiser kein Mantsch, wenn er nicht will, daß wir di« Jude» Hanen «ad plündern sollen?" so rusen sie den sie ab- «ahnenden OrtSältestrn höhnisch zu. Diese müssen, selbst wen« st« mitunter hu» auer gesinnt find al» der Mob. mit verschränkten Arme» zusen», um nicht selbst mißhandelt zu werden. Die Jude« iwsintn Jgnatiew eiue egyptische Plag«, eine Strafe Gotte«, viele sagen da» Paßahsesi müsse nicht nach der Flucht au» jgypten, sonder» nach der Flucht au» Rußland gefeiert «er«». Die D«»p«ration ist allgemein. Au» Bult« (Po.oliea) erhielten wir «in hebr. Originalschreiben. da» die Jammerscrnen in herzzerreißenden Worten wie folgt schildert: »Vorgestern kam ich au» Balla, woselbst am 7. und 8. Tag« re« Peßachsefte« ein schreckliche« Jureagemetzel ftattsand. Mrd und Raub, Mißhandlung und Frauenschänvung. 20 unserer Glaubensgenossen liegen tovt, über 20 Frauen mußten die Schmach der Rothzucht über sich ergehen laffew Roch gellt mir in den Ohre» da» wimmernd« Geschrei der Mißhandelten, ncch sehe ich da» Blut der verwundete» und Geaiordeten aus den Straßen, obdachlo« und drodlo» liegen Tausend« »unter, schutzlos preisgegeben den rohesten HLnden, die allerhöchsten» mit einer kleinen Geld- oder wenigtägigen Gesängnißstr-if« davon kommen. De von Jgnatief besoldete Räuberbante, je 200 gräßlich« Rothhemden, haben hier im Sinne ihres Auftraggeber» schrecklich gewülbet. Bon »vannen soll hier Hül e kommen? Wer wird den große» Schaden ersetzen? Sendet Brsdl" Der unermüdliche Eollege l)r. Rülj schreibt un«: Ich kenn nicht mehr, ich bin erschöpft, krank an Leib und »Seist, i« ist zu viel! — Ein Eorreipondent der »Jüdischen Presse" schreibt unterm 12. April: »vorgestern begannen, aus Veranlassung der Polizeibehörde, de« Ldelöiirarschalle»,« de» Bürgermeister«. de« Lomn indeurS, die hiesigen Bmern im Verein mit den herbeigeeilt, n Einwohnern au» der Umgegend, sämmtlich« Läden und St» ler der Juden zu plündern. SV Stunden dauerte di« Plünd« ung Die Juden, die sich oertheidigten s und auch einmal di» Ü berhand hatten, wurden von der Polizei und 300 Soldaten >n die Flucht getrieben. Wir sind e» schon gewohnt, drß die Beamten, anstatt zu hel'en, di« Plünderer noch aneiserten, trc chem daß der Herrr Polizeidirector vor den Feiertagen von Lide» zu Laden ging und seinen Schutz versprach, wenn di Juden ihm 500 Rubel zahlen werde«. Die Summe wurdgesammelt und gezahlt, aber die Herren Beamten kennen du» Lügen au» dem ff. sie haben einen vortrefflicher Lehrmeister. Thalsache ist, daß mehrere Personen getödtet, 110 »erwui xt, Frauen und Mädchen geschändet wurden. Eine Frau und ei» Mädchen wurden in Gegenwart ihre« M inner und Later« auf da» schleußlichste gcinißdraucht; einige k.eine Kinder werden vermißt. 4000 Familien (18000 Personen) sind brutto» und ohne Obdach Der Schaden beträgt gering gerechiet 2 Millionen Radel." In Dndassar und Umgegend fanden ähnliche Hetzen statt. H-lla«». Amsterdam. iS. April. In unserer kleinen Republik mit einem Könige an der Spitz« gehen die Wogen der Sympathie s ü r oie verfolgten ruffischen Juden immer höher und die Agitation nimmt täglich gröi«« Dimensionen a». Der Ausruf der vier Utrecht« Professor», den Sie jüngst gebracht haben, findet ein Echo im ganzen Land«; jede politisch« und koufeffioaelle Richtung will zeigen, wie verhaßt ihr jeder religiös« Fauati»mu» ist, mag er von russischen Barbaren oder von deutschen Intelligenzen au»geh«n. Die Bürgermeister aller' größer» Städten, so z B. von Amsterdam, »Rotterdam, Haag, Utrecht habe» sich an die Spitze von Lomitül gestellt, die all» den angesehensten Einwohnern der Städte, meisten» Lhristen, freiwillig gebildet wurde». Diese Lomitö«, au» Gelehrte», Kausleuten, Richtern und Geistlichen bestehend, erlasse» Aufrufe zur Sammlung von ^Beiträge»; unter den Geistlichen sin» alle Richtungen vertrete», deren e» in unser« Lande gerade in den christlichen Bekenntnissen so viele giebt. Man will eben zeigen, daß Geistlich« 4 l» Stöcker in unserem Lande unmöglich find. Do» ganz« Auftret« de» mü seiner Gemahll» hier aKiimbe« König« gleicht ebenfalls einer Protest,rend« Demonstration -eg«