Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 17.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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man hat schließlich dem» doch de« Dräng« dieser Press« und ihren Fordernngen nachgehen müssen und es hat Mittwoch, den 19. d. M., Abend» im Bürgersaale des Rathhanse« eine von eine« ComU6 bernsen« vertrauliche Lerfammlang in Angelegenheiten der Judenverfolgnng in Rußland stattgefnuden. Äs hatten sich etwa 500 Personen attet konseffionen aus den vornehmsten Ständen eingesunden. Mau demertte Oberbürgermeister Dr. v. Forckenbeck, die Etadträth« Triedel. Kunz, Romstädt und Magnu«, Stadtschul- ,alh Dr. Bertram, die Abgeordneten Dr v. Bunsen, Dr. Lasker und Ludwig L'we, serner Prediger Schmeidler, Schul« Vorsteher Dr. Bohm. Real- Schulvirector Professor Dr. Schwalb«, viele Stadtverordnete, Industrielle. — Juftizrath Lesse eröffnet« mit kurzen einleitenden Worten die Versammlung. — Hieraus wurde Oberbürgermeister Dr. o. Forckendeck zum Vorsitzenden unv die Abgg. Dr. o. Bunsen und Dr. «asker |U Schriftführern gewählt. Oberbürgermeister Dr. v. Forrkendeök bemerkte: Er übernehme um so lieber den Vorsitz, als ihm dadurch Gelegenheit geboten werde, sich diesem Werke wahrer Nächstenliebe und edler Humanität mit voller Straft zu widmen. (Bestall). — Sanitättrath Dr. 6. 91 «uman n machte alsdann eingehende Mutheilungen über den St,nd der ruffischen Judensragr, indem er bemerkte: Die Anregung zur Auswanderung sei von den ver olgten ruffischen Juden selbst und keineswegs von anderer Seite her erfolgt. Aller Orten seien bereit« l-bhaste Agitationen behufs Besärderung dieser Auswanderung in» Leben getreten, soinParis,London. Frankfurt a. M., Breslau rc, nur Berlin sei bi« jetzt unthätig geblieben, dafür sei allerdings den versolgten Juden m Rußland di« erste Hülse von Berlin au« geworden Hier habe man bis j.tzt von einer «eiteren Agitation zu Gunsten jenep Auswanderung Abstand genomu en. da die ungeheuren Schandthaten, wie sie in zwei Artikeln der »Time«" im Wo» nat Januar geschildert worden, in Berlin keinen Glauben fanden. Man konnte in Berlin nicht den Gedanken faffen, daß Menschen im Stande wären, so etwas zu >hun. Erst als die amtlichen Eonsularderichte, leider zur Schande der Menschheit, die volle Wahrheit dieser Gräuelscenen bestätigten, habe das Berliner Eoimtö, da« bereits seit Juni 1881 begehe, sich entschlossen, eine weitere Agitation ins Leben zu rufen, die sich jedoch lediglich auf die moralische und materielle Unterstützung der Auswanderung der Inden Rußland» beschränken solle. Anläßlich deffen sei die heutige Versammlung, zu der allerdings nur eine beschränkte Zahl von 'Personen geladen sei, berufen, und ferner fordere das Eomitö mittelst Eircular zu materieller Unternützung auf, indem <» gleichzeitig eine Broschüre versende, in der die verbürgten Vorgänge in Rußland in objectiver Weise geschildert werden. Es empfehle sich jedoch die>e Broschüre nicht jungen Mädchen in die Hände zu geben, denn man habe nicht umhin gekonnt, auch der an Mischen jungen Mädchen in Rußland zahlreich verübten grausame» Schändungen zu erwähnen. Das Eoimtä gebe gch der Hoffnung hin, daß die Einwohner Berlins, die ja nirgends zurückstanden. wo es gal«, Roth und Elend zu lindern, auch der beregten Angelegenheit ihre moralische und materielle Unterstützung nicht versagen werden (Bravo!) — Adg. Dr. v. Bunsen: Ich kann nicht umhin, dem Eomitä meinen Dank für seine beobachtete Mäßigung, die darin besteht, daß es sich nicht in Protest-Meeting« verliert, sondern lebi; lich seine Thätigkett auf die Unterstützung der Auswanderung der verfolgten ruffischen Juden beschränkt, auSzusprechen. Einmal haben wir Deutsche als Ration zu derartiger« Protest-Meetings kein Recht, denn noch ist die Schmach, die der deutichea Ration in den Jahren 1*80 und 1881 durch die Judenhetze in Deutschland angethan worden, in Aller lebhafter Erinnerung, und anderntheil» wollen wir e« uns nicht verhehlen, daß di« Proteste in London und Rew-Aork den Juden in Rußland nicht nur nicht« genützt, sondern im Gegenthtll in sehr hohem Maß« geschadet haben. (Rufe: Sehr wahr l Sehr richtig l) Di« Gräneiscrnen an den Osterfeiertagen 1882 waren «efentlich schtimmrr als Ostern 1881. Zu erwägen sind ferner die Vorkommnisse in Warschau am ersten Weihnachtsfei,-rtag«. Für nns Ehristeu ist es ganz besonders betrübend, daß gerad« die christlichen Feiertage, die wir seit so vielen Jahrhunderten mit den Juden gemeinschaftlich feiern, von Christen durch Blutvergießen us. w. in io himmelschreiender Weise entweiht werden. Allein mit Piotesten hiergegen ist nicht« gethan, denn wir sehen die Antwort aus di« Proteste in Bonbon und Rew-Vork war, daß die rnffischen Behörden den B rsolgungen nunmehr gewissermaßen gesetzlichen Vorschub leisten.^ Allein wenn wir in Nächstenliebe ,»samme»stehen und die aus ihrem Vaterlande vertriebenen Juden unterstützen, ihre Ausioand«. rung nach Amerika befördern, dann wirken wir auch moralisch milvernd auf sie Zustände in Rußland ein. Wir sind dazu um so mehr genüthigt, als die Judenverfolgung in Rußland zweifellos nur ein Anfang zur Deutschen-Verfolgung »mselbst ist. (Sehr richtig!» Ich bin deshalb überzeugt: ein Appell, in diesem Sinne, an die g> sammle deutsche Bevölkerung gerichtet, wird seine W rkung nicht verfehlen. (Beifall.) — «bg. Dr. Laster: Es haben im Lause der Zeiten viele Gräuelthaten stattgefunden, die die Geschichte nur mit Widerstreben verzeichnet, die Schandthaten in Rußland stehen jevoch einzig in der Weltgeschichte, denn sie sind nicht da« Resultat zufälliger Pöbel xeffe, sondern sie tragen geradezu einen vor langer Hand vorbereiteten officiüien Stempel an der Stirn. Glaubwürdigen R'chrichten zu'olge ist grade die Bevölkerung, von der die Judenverfolgung hauptsächlich auögeübt wirb, eine sehr gutinuihige, allein die Leute sind in dem Glauben: der Kaiser habe ihnen b-sohlen, dl« Juden lodlzuschlagen, ihr Eigenthum zu vernichten :c. Der in reichlichem Maße geuoffene Schnaps mache nun diese Leute zu wilden Thiere», die Schandthaten verüben, wie sie eben nur von wilden Bestien begangen werden können. Die russische Regierung kann die Officiösität dieser Schandthaten nicht von der Hand weisen, denn sie thut nichts, um der Bevölkerung klar zu mache», die ganze Judenverfolgung geschehe wider den Willen des Kaiser«. In einem Fälle machten ruffische Beamte einen derartigen B.-rsuch, es wurde ihnen jedoch geantwortet : wenn da» nicht der Wille de« Kaisers ist, warum erläßt dann der Kaiser kein diesbezügliche» M->nifest, au« dem wir seinen Wille» klar und deutlich ersehen? Ich bin auch der Meinung wie mein Freund Bunsen, daß «ine allgemein« materielle Unterstützung der Auswanderung der vrriolgten ruffischen Juden auch eine moralische Wirkung in Rußland nicht verfehlen wird- Und wenn man in fernen Zeiten der Schmach sich erinnern wird, die in einem völkeriechtlich zu den civilisirten Rationen Europa« gehörenden. Staate der Cullur angethan worden ist, dann wird es wohllhl.eno ins Gewicht fallen, daß die gelammte civilisirt« Menschheit für die Verfolgten nach besten Kräften eingetreten ist (.Lebhafter Beifall) Lasker schloß mit einem zündenden Rus an die Reichen. — Abg. Ludwig Löwe: Ich pflichte Herrn Dr. v. Bunsen vollständig bei. daß mir als deutsche Ration nicht berechtigt sind, gegen Intoleranz zu protestiren, denn verhehlen wir uns nicht: hätte man in Deutschland nicht die Bestie entseffelt, die Leute in Raßland würden zur Lerübun; solcher Gräuelscenen nicht den Muih beseffen haben. Di« Jndenhetze in Deutschland ist sicherlich in Rußland nicht ohne Wirkung geblieben. Daß hier iu> Lande der Hohenzollern, ii» dem Lande, wo stet« die Toleranz eine feste Stätte gehübt, das den Hugenotten, Zillerthalern rc. die gastlichste Ausnahme gewährt, gewiffermatzen der Zündstoff zu den ruffischen Gräueln von einigen Hetzern gelegt werdon konnte, ist aut's Tieistr zu beklagen. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß der hruttge Abend sich würdig den Meetings in London und Rew Kork onreihen wird. (Beifall.) — Einstimmig wurde hierauf Resolution acceptirt: „Die Versammlung spricht dem Eomitä für die Hülse, die es den flüchtigen ruffischen Juden hat angedeihen lassen, die wärmsten Sympathien aus, die Vrrsanun. lung richtet au das Eomitä bie Bitte, feine bisherige Tätigkeit, ganz besonder« zu Gunsten der Auswanderung o«r Inden aus Rußland, fortznsetzen und sich, so weit rrsorderli>h, durch