Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 14-15. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 14-15.
Article
Beilage zu Nᵒ 14-15.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal additional
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-5935096-5938073-5938074--4534-5376830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 115 — au» zcchlreichen Gef«lge bemerk»« »an dm Vorstand unserer Gemeind», der Lhewra kadtscha nnd de« hies. Arbeiterverein« und viel« der hier eiugew« denen poluischeu und ruffischen Jude«, derm unermüdlicher vrschützer der Htogeschleden« gewesen. Der Grabhügel war buchstäblich mit Blumen bedeckt und besonder» bemerkbar waren zwei prachtvolle, kostbare Kränz«, mit denen der Arbeiterverein und die Ehewra tadischa ihrem Borstcher die letzte Ehr« erwiesen. Unvergeßlich wird da» Andenken de» Edlen in unserer Mitte verbleiben und obgleich er allein, ohne Gattin, seine irdisch« Laufbahn vollendet hat, werden di« Thränen der Armen, der Wittwen und Waisen, derm Helfer und Anwalt er war, «och lange um den Biedermann fließe». Ehre und Segen seinem Andenken! — Bermischte und neueste Nachrichten. Petersburg. Dienstag 88. März. Rach einer Meldung de» „St Petersburger Herold" au» Kiew ist daselbst verfügt worden, daß die jüdischen Einwohner ihre im Podol, dem Geschäft-bezirke belegenen Wohnsitze auszugeben und sich jenseit» de» Canal» in die Borstadt zurückzuziehen haben. Ferner dürien jüdische Dienstboten, wenn sie nicht berechtigt sind in Kiew zu wohnen, nicht länger bei ihrer Herschaft und in der Stadt bleiben. Die jüdische Bevölkerung muß sich verpflicht, u, ihre christlichen Dienstboten zu entlaffen. Ientsale». IS. März. (Or.-Corr) E» wird für Ihre theilnehmenden Leser gewiß von Juteresie sein, zu hören, daß Herrn Pine» und meine Bemühungen zu Gunsten der verlaffmen vier Waisenknaben (s. „J»r. Wochenschrift" Rr. 7) eineu bereitwilltgm Wiederholl in dem Herzen bewährter Palästinasreunde gesunden haben; durch die Fürsorge der Herrn Ed. Mende in Berlin, Baron Rothschild und S. Montag» in London und de» Herrn Alfred A. Marcu» in Boston ist die Zukunft der jungen Leute für'» Erste gesichert. Feuilleton. Testlli«. ton Dr. Ad. Ielttnek. Gibt e« eine Poesie der Tefillin k Gewiß, eine sehr tragisch« in der jüdischen Märtyrer-Sage. R. JSmael, zum Henkerlode durch blutige Römerhand verurtheilt, war von strahlender Schönheit. Kaum halte die röniische Kaiserstochter ihn erblickt, so regt« sich weibliche» Erdarmen in ihr und sie wollte den jüdischen Priester ob seiner Schönheit retten. Doch vergeben». Hart blieb dar Herz de« Kaisers wie da«Sch,oert de» Henker«. Da bat sie um die glänzend« Geftchtrhaut de» Märtyrer«, um sie al« Spiegel zu gebrauchm. Diese grausame Bitte ward ihr gewährt. Bei lebendigem Leib« zog man R. JSmael die Haut vom Antlitze, und al« man zu der Stelle gelangte, wo der Sitz der Tefillin beim Gebete ist, erhob der Märtyrer ein große» und bsttere« Wehgeschrei, daß Himmel und Erde darob erbebtm und der Thron der göttlichen Majestät zu zittern begann. Da fragte ihn Rom'» Kaiser, wacum er dmn bisher jede« Leid stcll ertrug und jetzt in ein so furchtbare» Geschrei ausbrach s R. Jsmael erwiederte: Weil die grausame Henker«hand die Stelle traf, wo früher der große Rame de» ewigm Gotte» in den Tefillin verhüllt war. Rom'» Henker- Hand uud der Rame meine» Gotte» voll Erbarmen und Liebe!! Di« Poesie der TeMa hat nicht immer einen tragischen, sondern auch eiuen gemüthlichen Eharakter Wa» einst in Rom die tag» ririlis oder jene» Kleid war, da« der-römisch« Jüugling al« Abzeichen, daß er da« männliche AUer erreicht Halle, antrglr, find ta-$»nri die Tefillin, und, um hier die poetisch« Seit« zu''finden, muß man ln «ine frühere abgeschlossene Gemeind« oder in die Judengaffe, wo da« jüdisch« Leben voll und kräftig rulsirte. sich versetzen. Wie pocbte da da» Herz de» jüdischen Knaben bet dem Gedanken, daß er durch die Tefillin in di« Reihe der pflichtbaren und selbständigen Israeliten eintrete! Wie oornchm mnd selbstbewußt sah er auf die elf» und zioölsjährigen Knaben herab, denen e« noch nicht vergönnt war, Hand und Haupt mit den sichtbaren Zeichen der Selbständigkeit, mit den Tefillin, zu schmücken! Wie leuchtete da da» Auge voll Freude, ivenn er de» Morgens den Tefillin-Beutel in der Hand durch die Gaffe in die Synagoge ging und dort den linken Arm entblößte, um ihn siebenfach zu umwinden! Bielen waren die Tefillin auch gleichsam rin Befähigung-zeugniß, eine talmudische Hochschule oder eine Jeschiba zu besuchen, um dort den Geist zu stählen und zu stärken, Bielen eine Mahnung, an einen Lebensberuf zu denken, der sie ernähren konnte. Aber auch den Beutel, in welchem die Tefillin ausbewahrt werden, »mgiebt ein poetischer Schimmer. Die gute Mutter oder die treu« Schwester beschäftigte sich lange vor dem Eintritt« des dreizehnten Geburtstage« de« zum Schmucke der Tefillin berechtigten Knaben pietätvoll mit dem Anfertigen diese» Beutels. Man dachte nach über den Stoff und über die Farbe für denselben und wie die adelige» Geschlechter, so hatten auch die jüdischen Familien ihre traditionellen Hau»- sarben, die sich durch die Bermitielung de» Tefillin-Beutel» vererbten. Rach getroffener Wahl de« Stoffe» und der Farbe wurde genäht und gestickt, um den jungen Eandidaten der Tefillin durch zierliche Stickereien zu erfreuen. J.'tzl ist nur zu oft der Stickrahmen in jüdischen Häusern mir Stickereien besetzt, welche für Weihnachten bestimmt sind, an denen die vornehmen jüdischen Familien antisemitisch gesi inc sind. In den Wiener vornehmen jüdisch-aristokratischen Kreisen hat sich bi» auf die neuere Z> it die Poesie der T sillin oder vielleicht richtiger de» Tcfillin-Beutel» erhalten und ich will nur ein einziges Factum in dieser Beziehung au jährlicher erzählen. E» war am Sabbath de» Thora-Abschnitte» Mikez im Jahre 1857, al» der gegenwärtige Ehef de» Wiener Rothschild'schen Hauke», Herr Baron Albert von Rothschild, Bar-Mizwa wurde. E» ging ein Flüstern durch den Tempel, denn die Familie Rothschild, der verewigte Baron Anselm al» Later, der ältere Sohn, Baron Rathaniel, und der freiher stich« Candidat der Tephilli» waren im Gotteshause erschiene» und die» beschäftigte Augen und Ohren der versammelten Gemeinde. Denn die Rothschild'« haben — nach dem Ausspruche eine» polnischen, hilfesuchenden Juden — mehr baare» Geld vorräthtg, al« Gott selbst. Der jüngste Sprößling re» Wiener Hause« wurde zur Thora gerufen und la» den berühmten Unheil»! pruch beweisen König» Salomo mir kräftiger Stimme und richtiger Betonung vor. Ich hielt damals gerade meine erste Rede über di« hebräische Sprache, und vielleicht ist e» mir d mal» gelungen, einen Funken von Liebe und Verehrung sü. die heilige Sprache Israel» in da» Herz de« Knabe» zu sinken, der auch al« reifer Mann und al« Ehef seine» Hause« ganz vortrefflich sein hebräisches testgebet, uch oder Machsor kennt und gebraucht, wenn der Schosar ertönt und der Lersöhnung«tag in Israel gefeiert wird, während viele Bar-M'.zwa (Kandidaten sehr häufig mit den hebräischen Benedictionen vor t>«r Thora von allem Hebräischen Abschied nehmen und e» vergeffen. Rach Beendigung de» Gottesdienste» waren der selige Mannheimer und ich zum Familienfeste in'» Palai» de» Baron Rothschild geladen. Dort, umgeben von vielen Kostbarkeiten, prangte auf einem Tisch« ein sehr schöner, reichgestickter Tefillin-Beutel, den un» Baron Anselm, der Later, zeigte, indem er sprach: „In unserer Familie werden die traditionellen Bräuche de» Judenlhum» mit Pietät erhalten: sind sie doch älter, al» die Ueberlieferungen der ältesten Aristokratien in Europa. — Diesem Grundsätze blieb er treu bi» zu seinem Tod« oder richtiger' »och über denselben hinan», indem er i» seine« Te« fiument» »nordnet«, daß sei« Söhne chn nach der schlichten nnd einfachen alte« jüdischen Sitte, »ha« Pomp unh ohne

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.