Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 12.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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- »1 lich jener Berleihung an den Dichter ein Glückwunschschreiben, in dem er seiner Lermuthung Auldruck verlieh, Auerbach werde auch wirtlich den Adel in seinem Ramen führen. — Auerbach antwortet« ihm umgehend: „Ihre Lermuthung hat mich fast gekränkt. Ein Dichter sollt« nie den Adel anstreden und mit ihm prunken; sein Adel kann nur von Volke«, nie von eines Fürsten Gnaden sein. Und nun gedenke» Sie zudem meines Quellsprunges im Judenthum. Wir danken unfern Eintritt in die deutsche Gemeinschaft dem Bür» getthum und solle» darin verbleiben “ So schreibt er bei einer anderen Gelegenheit an Franzos: .Wir deutschen Schriftsteller jüdischen Glauben« sollten immer daran denken, wie ein Fluh entsteht. Unser Quellsprung ist im Jubenthum, darum ist es natürlich, daß wir mit jüdischen Stoffen beginnen; da« ist dos Erste, was wir zu geben haben. Aber da« Quellwaster allein kann nur einen kärglichen Bach speisen; wir müssen recht» und link» die Bäche ausnehmen au» dem deutschen Volksthum, unter dem, mtt dem wir leben, um zu Flüssen zu werden." Schließlich seien hier nur noch diejenigen Stellen au» der Abhandlung Franzos' hervorgehoben, welche speziell von der tiefen Erbitterung Auerbach'» über die Lntisemitenbewegung sprechen. .... .So geht'« mir nun auch mit dem Staatssozialismus BiSmarck's, den er unter der Etikette .Praktisches Christenthum" colportirt. Ich finde eine Lüge, oder doch eine werbende Concilianz darin, wenn Bismarck seinen Versuch zum Staatssozialismus so nennt." Ueber denselben Punkt schrieb der Dichter an Franzos: .Was sagen Sie zu der gestrigen wahrhaft. Auslastung Bismarck s?! Er spielt den Trumps „christlich" au» nur als Wahlmanöver; denn er weiß ja selber, daß sein Sozialismus nicht» m»t einer Religion zu thun hat! Wie weit ist'» mit dem Manne gekommen!" Ich komme nun zum Ende zu einem Punkte, der gewiß Jeden bei dem Studium von Auerbach'» Biographie mit dem tiefsten Schmerzt erfüllen wird: Berthold Auerbach starb al» Märtyrer seines Glaubens, wie Dr. Ludwig Stein in seiner trefflichen und empsehlen-werthen Schrift (.Berthold Auerbach und da» Judenthum") sagt. Auch Karl Emil Franzos bestätigt diese Behauptung. .Daß wir um Auerbach'» Autobiographie gekommen, sagt Franzos, liegt jedoch nicht bloS an seiner Hoffnung auf längere» Leben oder daran, .daß sich Vergangenes nicht mehr nachleben und zurechtrücken läßt", sondern auch an den groben seelischen Schmerzen, welche in de» letzten Jahren an chm nagten und seine äußere Freudigkeit, seine innere Schassen-lust trübten. Das größte Weh bereitete ihm sicherlich die antisemitische Bewegung." .Das bricht mir da» Herz", klagte Auerbach von Franzos, .ich, dem einst Jac. Grimm gesagt: .Ihre Schritten find so durch und durch deutsch, als ob sie direkt von Hermann dem Cherusker abstammten" — ich, der mein Leben lang für Deutschland gefühlt, gelitten und gestritten, soll nun plötzlich ein .Fremder" sein? Ader es geht mir ja nicht um mick allein, welches Ende soll diese grenzenlose Verrohung der Gemüther nehmen? Welche» Ende?" Im Frühjahr 1880 schrieb diesbezüglich Auerbach an Franz»«: .Mit dem Arbeiten geht'» schlecht, ich kann nicht, diese Judenhetze hat mich bis in» tiefste H rz getroffen. Und nicht nur die Feinde überraschen durch ihre Infamien, noch bitterer ist'», daß so wenig human gesinnte Chringeborene hervortreten, vielmehr u»S die Abwehr überlasten!" — Dann einige Monate später: .Haben Sie Stöcker'» Reden gelesen? In welchen Zeiten leben wir! Und da sollte der Einzelne »rohgemuth arbeiten, in solcher Eorruption de» großen Ganzen ein kle>ne» Gute zu schaffen trachten?! Vielleicht ist'» Pflicht, aber ich bin zu schwach, sie zu erfüllen. Und endlich, wa« ich durch diese Barbareien leide, sagt kein Wort. Da» war oer Sturz von meinem Jvealthurm, ich bin zerschmettert!" > Franzos schließt seinen herrlichen Epilog mit den Warten: .Run ist er von allem Weh erlöst, auch von diesem. Wir aber wollen jenes Worte« gedenken, mit dein er sein letztes Büchlein („Die Genest« de» Nathan") geschloffen: .Aus allen Erschütterungen de« Gemüthe», aus allen Versuchungen der Verzweiflung herau» ruft mit mir: Und doch wird der Geist der Humanität siegen . . .!" I. Singer. Berichte und Correspondenzeu. Deutschland. Berlin. 13. März Die Universität Gr eifswald hat den Profestor des deutschen Rechte«, Dr. Bel rend, zum Rektor gewählt. Herr Behrend ist Jude; die„lkreuz-Ztg " läßt sich hierüber folgende Korresp. .au» Vorpommern" schreiben. .Ganz in der Stille scheint sich ein für unsere Zustände nach mehreren Seiten hin bezeichnende» Ereigniß vollziehen zu sollen. 'Niemand macht Aussehen davon, die Einen au» Berechnung, die Anderen vielleicht, weil die Reinedur von oben al» selbstverständlich ansehen. Unsere gute, recht hübsch liberale Universität Greifswald hat sich kürzlich einen Rektor gewählt; sie hat ihn au» der juristischen Fakultät genommen, einen durchaus ehrenwerthen Herrn; nur schade: ec ist Jude. Die Universität Greifswald ist statutenmäßig evangelischen Charakter»; der Eid de» Rektor» ist ein christlicher. Aber da» ist noch nicht das Bezeichnendste. Die Wahl schwankte zwischen dem Prof» stör de» deutschen Recht« Dr. Beh.end und dem ja gewiß recht positiv christlich gerichteten Proststor Dr. Cremer. Eine geringe Majorität gab für elfteren den Ausschlag. Die Gegensätze sind also (!): Lieber ei» Jude, m» ein gläubiger Christ. Daß wir guten Pomwern dabei r>.hig bleiben, ist , bei unserem ruhigen Blute ja kein Wunder. Vielleicht wallt die» anderswo eher. — Reklame gegen Cremer hat die „Reu-. steltiner Ztg." vorher gemacht, indem sie ihn seinen Kollegen al» Antisemiten denunzirte, während diese recht gut wußten, wie er sich gerade unter den zahlreichen ihm willig folgenden Studenten in dieser Frage abwehrend verholten hat. Daß der Gegenkandidat ein Jude, hat die Zeitung ihren Lesern nicht mitgetheilt. Vielleicht wäre dann schon vorher eine Erregung entstanden, welche die Wahl fraglich grmacht. Ob jetzt die Bestätigung erfolgt?" Hierzu bemerkt da» „Berliner Tagebl.": Man ersucht au» dieser verschämten D.'nunziation, au» dieser diskreten Einladung zur Rlchtbestätigung de» neuen Rektor», daß die „Kreuzzeitung" selbst und ihr dunkler Gewährsmann gegen die P rson de» neugewählten Greisswalder UniversitätSrektors, gegen seine Würdigkeit für die ihm durch da» Vertrauen seiner Kollegen übertragene Ehrensl.'llung keine Silbe vorzubnngen weiß: .Er ist ein durchaus chcenwerlher Herr, nur schade, er ist Jude!" .... Breslau. In der „Breslauer Zeitung" lesen mir: Im hiesigen (antisemitische») „deutschen Refornrverein" geht man schon so iveit, den Juden auch die Zehn Gebote, die ihnen, wie alle Gläubigen sagen, Jehovah, wie weniger fromme Leute behaupten, Mose» gegeben, zu rau!>ei>. Auch Vieser Mose» wird den armen Juden noch ruinirt Im .deutschen Reformverein" erklärte neulich ein Vortragender Folgendes: .Als endlich Pharao, vom eigenen durch gewaltige Ereigniffe geängsteten Volke gedrängt, Israel entlasten und seinen Versuch, das auswandernde Volk mit HeereSmacht zurückzuholen, mit Verlust feine» Leben» und Heere» in den Fluthen de» Rothen Meere» hatte büßen müsten, führte Moses daS unter dem Eindrtlcke stehende Israel, baß der Allmächtige seine Sache geführt, an den Sinai, um ihm da» wunderbarste und großartigste Gesetz zu geben, welche» je ein Volk beseffen l,at, und zu besten Grundsätzen in vielen Stücken inan noch I>eute, nach 3000 Jahren, zurückkehren müsse wolle man die sonale Frage gründlich lösen. Wolle man annehmeu. daß der Jude Mose» der Erfinder diese« Geietze» gewesen, da» Relig on»- und Staat«-